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USA Unsichtbarer Freund

Seinen Aufstieg zum Wahl-Favoriten verdankt Präsident Clinton einem trickreichen Helfer, der im Hintergrund die Fäden zieht.
aus DER SPIEGEL 35/1996

Die Szene im Park des Weißen Hauses in Washington war besser noch als nur perfekt. Sie erklärte fast alles, was aus Bill Clinton, vor anderthalb Jahren noch ein schwer bedrängter Amtsinhaber, den beinahe unschlagbaren Präsidentschaftskandidaten für die Wahl im November gemacht hat.

Mit dem prächtigen Amtssitz im Hintergrund, umgeben von einer Schar strahlender Bürger, saß Clinton hinter einem Tisch, der für die Zeremonie in den Rosengarten getragen worden war. »Ein neuer Anfang« und »Hilfe zur Arbeit« stand in goldenen Lettern über dem Präsidentensiegel, das die Vorderseite des Tisches schmückte.

Strich für Strich, mit einer ganzen Batterie von Kugelschreibern, die anschließend als Trophäen an Bewunderer verschenkt wurden, unterzeichnete der Präsident vor klickenden und surrenden Kameras ein Gesetz, das ein Wahlversprechen von 1992 erfüllen soll: Es beendet »Wohlfahrt, wie wir sie kennen« - und zugleich sechs Jahrzehnte demokratischer Sozialpolitik.

Seine eigenen Parteiführer hatten gegen die Vorlage gestimmt, die mindestens eine Million Kinder zusätzlich in Armut stürzen könnte. Konsequent waren sie der Feierstunde ferngeblieben. Dafür sahen etliche Republikaner wohlwollend zu.

Die Botschaft an die Nation war klar: Abgehoben vom Parteiengezänk, ja selbst gegen die Interessen seiner liberalen Freunde sieht der Mann im Weißen Haus nur das Ziel, den Willen des Volkes zu erfüllen.

Der Regisseur solch werbewirksamer Shows, zu denen vorige Woche gleich viermal Presse und Publikum hinters Weiße Haus gebeten worden waren, bleibt immer unsichtbar. Aus seiner Suite im Jefferson Hotel an der 16. Straße, beinahe in Sichtweite des präsidialen Amtssitzes 1600 Pennsylvania Avenue, steuert ein alter Mitstreiter des früheren Gouverneurs von Arkansas die Feinheiten des Clinton-Wahlkampfes: Dick Morris, 48, Meinungsforscher aus New York, dem sogar Freunde nachsagen, daß er - ganz ohne ideologische Skrupel - alles mache, was Erfolg verspreche.

Gegen heftigen Widerstand liberaler Clinton-Berater hat Morris seinen Freund Bill politisch so weit nach rechts gedrängt, daß sich die oppositionellen Republikaner, voran ihr Kandidat Bob Dole, bereits über »Themen-Diebstahl« beschweren. Ob Kriminalitätsbekämpfung oder Sozialhilfe, Abbau des Haushaltsdefizits oder Krankenversicherung - wo immer Morris ein Thema fand, das Dole gegen seinen Mandanten hätte nutzen können, ließ er den Präsidenten Positionen beziehen, die sich kaum von republikanischen Grundsätzen unterschieden.

Der Erfolg war überwältigend. Clinton, der nach zwei Dienstjahren 1994 erleben mußte, wie die Republikaner zum erstenmal seit vier Jahrzehnten den Demokraten die Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses abnahmen, galt bereits als gescheiterter Präsident, dem - wie seinen demokratischen Vorgängern Lyndon B. Johnson und Jimmy Carter - nur eine Amtszeit beschieden sein würde.

Doch nun zieht er mit einem Vorsprung, der viele Republikaner schon zur Resignation trieb, in den Wahlkampf. Zwar konnten die Konservativen den 20-Punkte-Rückstand ihres Kandidaten durch ihre gekonnte Harmonie-Show in San Diego fast halbieren. Doch der Parteitag der Demokraten in Chicago verheißt Clinton diese Woche erneut frischen Aufschwung in der Wählergunst.

Es ist nicht das erstemal, daß sich Clintons politisches Schicksal unter dem Einfluß seines Weggefährten Morris plötzlich zum Besseren wendet. »Er war mein erster Klient, ich sein erster politischer Berater«, verriet Morris kürzlich in einem seiner ganz seltenen Interviews dem Magazin New York.

Der Polit-Junkie war erst 30, als er im Herbst 1977 zum eineinhalb Jahre älteren Clinton stieß. Nach dessen

Wahl zum Justizminister von Arkansas glaubte Morris aus Umfragen zu erkennen, daß sein neuer Freund auch als Gouverneur gute Chancen hätte. Clinton folgte dem Rat und wurde jüngster Regierungschef seines Heimatstaats. Danach jedoch brach er mit seinem Helfer - voll Idealismus und leicht angewidert von den Taschenspielertricks, mit denen sein Demoskop für ihn Stimmung gemacht hatte.

Zwei Jahre später holte Hillary Rodham Clinton Morris nach Little Rock zurück. Ihr Gouverneurs-Gatte war im Kampf um die Wiederwahl jedoch schon so sehr ins Hintertreffen geraten, daß auch der bewährte Helfer nichts mehr ausrichten konnte. Clinton verlor.

Der Rückschlag hinderte das Trio nicht daran, Clintons Wiederaufstieg sorgfältig zu planen. Morris kam auf die Idee, mit öffentlichen Entschuldigungen an das Wahlvolk den Clinton-Gegnern die wichtigste Waffe aus der Hand zu schlagen - die Kritik an den Pannen seiner ersten Amtszeit. Ein Morris-Wahlkampf voller persönlicher Diffamierungen des Gegners brachte den Ex-Gouverneur 1983 zurück ins Amt.

Die erfolgreiche Liaison wurde jetzt wiederbelebt, obwohl sich Morris in der Zwischenzeit zunehmend Republikaner als Klienten gesucht hatte. Seine ebenso einleuchtende wie prinzipienarme Begründung: »Die haben mehr Geld.«

Selbst Erzkonservative wie Uno-Feind Senator Jesse Helms oder Doles Nachfolger als Mehrheitsführer im Senat, Trent Lott, bedienten sich der Wahlkampfkünste des Seitenwechslers. Morris sparte nicht mit Kritik an seinem ehemaligen Arbeitgeber, dessen Schwächen er vor republikanischem Publikum anprangerte und dem er sogar prophezeite, er werde wegen der Immobilienaffäre »Whitewater« bald vor Gericht landen.

So sehr hatte sich Morris den Konservativen verschrieben, daß er 1992 selbst fand, er könne seinen Bill wohl nie wieder beraten. Um so erstaunter war die Mannschaft im Weißen Haus, als sie erfuhr, daß der Präsident sich Ende 1994 gleich nach der vernichtenden Niederlage der Demokraten bei den Kongreßwahlen »völlig deprimiert« (Morris) an seinen alten Helfer gewandt hatte. Vor allem Harold Ickes, stellvertretender Stabschef und Wahlkampfleiter, sah mit Morris Unheil heraufziehen.

Ickes gehört seit den sechziger Jahren zu den erbitterten New Yorker Feinden von Morris. Konflikte, ja lautstarke Rüpeleien schienen zunächst unvermeidlich. Ickes, im Wahlkampfteam formell Chef des Meinungsforschers, kanzelte den Clinton-Vertrauten sogar ab, weil der Getränke aus seiner Hotel-Minibar als Reisekosten abrechnen wollte.

Doch der jähzornige Wahlkampfleiter mußte einsehen, daß Clinton von seinem Nothelfer nicht lassen mochte. Nahezu täglich telefonieren sie nun miteinander - Ickes mit dem Auftrag, den Wahlkampf zu organisieren, Morris mit dem Job, die tägliche Botschaft des Präsidenten griffig zu formulieren.

Jeden Mittwochabend versammeln sich im Gelben Salon auf Clintons Privatetage im Weißen Haus zwei Dutzend der engsten Berater um den Präsidenten und lauschen Morris'' Bericht über Meinungsumfragen und Wahlkampfideen. Morris, sonst eher Einzelgänger, ist dabei kaum zu stoppen.

Der Wahlmanager, so berichtet ein Insider, der das Duo Bill und Dick gut kennt, sei eine unerschöpfliche Ideenquelle, Clinton aber habe die Gabe, »aus zehn Vorschlägen von Morris den einen herauszufinden, der wirklich gut ist«. So hat sich das Vertrauen des Präsidenten in den strategischen Weitblick seines Beraters bislang gelohnt.

Kaum wurden in der vergangenen Woche Zahlen über einen dramatischen Anstieg des Rauschgiftmißbrauchs unter Jugendlichen bekannt, setzte Morris eine präsidiale Attacke gegen das Rauchen durch: Clinton will Nikotin zur Droge erklären lassen. Daß der Kampf gegen die Zigarettenindustrie populär ist, hat der Meinungsforscher in Umfragen für eine Anwaltskanzlei herausgefunden, die führend an den Milliardenklagen gegen die Tabakkonzerne beteiligt ist.

Die unliebsame Diskussion über die negativen Folgen der Sozialgesetzgebung ging im neuen Wirbel völlig unter. Genau darauf hatte der Meinungsmachermeister auch gesetzt.

Rechtzeitig vor dem Parteitag erschien ein neues Buch von Bill Clinton. »Between Hope and History« hat der Autor, der im Städtchen Hope (Arkansas) geboren wurde und so gern als Bürgerpräsident in die Geschichte eingehen möchte, sein Werk genannt.

Das neue Wohlfahrtsgesetz kommt in der Beschreibung von Clintons politischer Vision allerdings gar nicht gut weg: Es enthalte »Teile, die einfach völlig falsch sind«, empört sich Clinton, als habe er mit allem nichts zu tun. »Wir müssen in den kommenden Jahren hart daran arbeiten, das wieder in Ordnung zu bringen.«

Die Botschaft an frustrierte Freunde von Bill: Wenn ihr ihn nur wiederwählt, wird er es schon richten. Wählt ihr ihn aber nicht, kommt alles noch schlimmer.

* Vergangenen Donnerstag im Garten des Weißen Hauses.

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