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FERNSEHEN / WAHL-HOCHRECHNUNG Unsinn raus

aus DER SPIEGEL 41/1969

Computer, so hatte der Elektronik-Konzern IBM in einem Pressekommuniqué verkündet, würden »bei der Bundestagswahl 1969 das Wahlrennen machen«. Dank elektronischer Datenverarbeitungsanlagen werde diesmal »die Wahlnacht noch kürzer«.

Sie wurde länger -- und gewiß kurzweiliger, als die Hochrechnungsexperten erwartet hatten: dank einer Mißweisung der elektronischen Kompaßnadel, die in der Wahlnacht Bonns Parteispitzen und die Kommentatoren der TV-Anstalten mehrere Stunden lang auf eine falsche Fährte führte.

Früher und genauer als je zuvor hatten die konkurrierenden Computer-Teams von ARD und ZDF den Parteien und Fernsehzuschauern den Ausgang der Wahl vorhersagen wollen.

Schon »gegen 18.45 Uhr«, so hatte Politologie-Professor Rudolf Wildenmann prophezeit, der für das ZDF den Wahl-Computer in der Düsseldorfer IBM-Zentrale zapfte, werde es eine erste Hochrechnung geben. Und Klaus Liepelt, Chef des Bad Godesberger Instituts für angewandte Sozialwissenschaften (Infas), den die ARD engagiert hatte, rechnete schon für die Hochrechnung zwischen 19.00 und 20.00 Uhr »mit einem Fehlerspielraum von weniger als einem Prozent«.

»Unsere Hochrechnung für 19.30 Uhr, spätestens die von 20.00 Uhr«, so hatte sich denn auch ARD-Kommentator Rudolf Rohlinger vorher gebrüstet, werde für die Politiker »Anlaß für Triumph oder Gram, Dank an die Wähler oder Suche nach eigenen Fehlern sein«.

Die Suche nach Fehlern freilich blieb am Ende den Hochrechnungsexperten beider TV-Anstalten übrig.

* Bei der ARD wichen die ersten Hochrechnungsergebnisse für die CDU um 1,5 Prozent (Computer-Vorhersage: 47,6 Prozent, tatsächliches Ergebnis: 46,1 Prozent) und bei der SPD um 1,6 Prozent (Computer-Vorhersage: 41,1 Prozent, Endresultat: 42,7 Prozent) von der Wahrheit ab.

* Das ZDF deutete zwar schon vor 20.00 Uhr die Möglichkeit einer SPD/FDP-Koalition an für den Fall, daß die NPD nicht in den Bundestag käme; doch ähnlich wie bei der ARD war auch bei der ZDF-Hochrechnung mehrere Stunden lang die CDU/CSU »überrepräsentiert«, die SPD »unterrepräsentiert« -- mit einem vermuteten Stimmenabstand zwischen CDU/ CSU und SPD von sechs Prozent (in Wahrheit waren es nur 3,4 Prozent).

Bis in den späten Abend hinein signalisierte dementsprechend auch die fälschlich hochgerechnete Sitzverteilung ein vermeintliches Patt in Bonn. Der Godesberger Infas-Computer räumte erstmals um 22.00 Uhr der SPD und FDP einen leichten Vorsprung von vier Sitzen ein (22.34 Uhr: sechs Sitze, 23.12 Uhr: acht Sitze). Kurz vor Mitternacht sagten erstmals ARD und ZDF dieselbe -- wenn auch noch immer nicht korrekte -- Mandatsverteilung voraus: 243 für die CDU/CSU, 224 für die SPD, 29 für die FDP (endgültiges Ergebnis: 242/224/30).

Daß diesmal Fehlerabweichungen von bis zu 1,6 Prozent das Bild anfänglich verfälschten (ZDF-Wildenmann spricht freilich nachträglich nur noch von einer »mittleren quadratischen Fehlerabweichung« von 0,9 Prozent), ist zumindest den Godesberger Computer-Fachleuten selber nicht geheuer. Bei den sechs Landtagswahlen in den Jahren 1967 und 1968 hatte schon bei den Hochrechnungen um 19.00 Uhr die Abweichung vom tatsächlichen Wahlergebnis nurmehr durchschnittlich 0,4 Prozent betragen.

Die Politologen halten ihre Methode. von einigen hundert ausgewählten Stimmbezirken, die sich zum Wahlverhalten der Gesamtwählerschaft in Beziehung setzen lassen, auf das zu erwartende Endergebnis hochzurechnen, nach wie vor für unanfechtbar. Fehler, wie sie bei der Wahl 69 auftraten, seien unvermeidlich.

ZDF-Professor Wildenmann betont daher, er habe in der Wahlnacht mehrmals darauf hingewiesen ("Ich habe ja das Problembewußtsein"), daß über die endgültige Sitzverteilung noch bis zum späten Abend nichts Verläßliches ausgesagt werden könne.

Gleichwohl fahndeten die Experten nachträglich nach möglichen Fehlerquellen. Ein besonders gefürchtetes Mißgeschick, soviel wurde noch in der Wahlnacht klar, war dem Bad Godesberger Computer gegen 19.00 Uhr widerfahren. Das Wahlergebnis aus einem Saarland-Dorf mit hohem CDU-Anteil war versehentlich als Resultat eines (SPD-starken) Stimmbezirks aus Mülheim an der Ruhr dem Rechner eingefüttert worden.

Die Programmierer sprechen in solchen Fällen vom sogenannten Gigo-Effekt (englisch: garbage in garbage out, deutsch: Unsinn rein Unsinn raus). Der Mülheim-Gigo verfälschte in den ersten Stunden der Wahlnacht das Godesberger Hochrechnungsergebnis um 0,5 Prozent zugunsten der CDU.

Darüber hinaus spielen die Politologen freilich schon mit einigen Hypothesen, die das partielle Fehlverhalten der Computer in der Wahlnacht erklären könnten:

* Die Wahlentscheidung der Briefwähler in den als »Sample« ausgewählten Stimmbezirken entzieht sich dem Zugriff der Computer, meint Professor Wildenmann.

* Das Splitting -- die bei dieser Wahl offenbar stärkere Neigung der Wähler, Erst- und Zweitstimme an verschiedene Parteien zu geben könnte sich auf die Hochrechnung ungünstig ausgewirkt haben, meint Infas-Politologe Liepelt, überdies

* habe das offenbar veränderte Wahlverhalten in den Dienstleistungszentren nicht genau genug prognostiziert werden können.

Demgegenüber beharren die Statistiker auf der Ansicht, die prozentuale Mißweisung sei ein Spiel des Zufalls gewesen. Abweichungen innerhalb einer Toleranz von 0,9 Prozent nach oben oder unten müßten bei jeder Bundestagswahl in Kauf genommen werden; daß sich diesmal darüber hinaus (auch abgesehen von dem Mülheim-Irrtum) noch Abweichungen von 0,2 Prozent ergeben hätten, sei bedauerlich, komme aber, so Infas-Statistiker Dr. Peter Hoschka, nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung nur einmal in 25 Bundestagswahlen vor.

Doch das Statistiker-Roulette spielte noch übler: Daß die gleiche Zufallsabweichung in derselben Wahlnacht auch noch den Computern des konkurrierenden Fernsehprogramms passiert sei, damit müsse man, so erläutert Hoschka, nur einmal in 625 Bundestagwahlen rechnen -- durchschnittlich also erst wieder in 2500 Jahren.

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