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JUDEN Unsittlich und anmaßend

Die Jüdische Gemeinde in West-Berlin fürchtet Konkurrenz aus den eigenen Reihen. *
aus DER SPIEGEL 20/1988

Vier mal zwei Meter mißt der Granitsockel, der rötlich schimmernde Aufbau ragt siebenarmig. Die Passanten vor Siegmunds Hof 11 im Bezirk Tiergarten, direkt an der Spree, beachten das Mahnmal kaum.

Es soll an die Opfer einer jüdischen Gemeinde erinnern, die in Berlin früher großes Ansehen genoß. Inschrift: _____« 1939 wurden alle Gemeindeeinrichtungen von den Nazis » _____« zerschlagen Mitglieder Lehrer und Schüler wurden » _____« entrechtet und gequält Viele verschleppt und umgebracht » _____« Das Andenken der Gerechten sei gesegnet »

Die Glaubensgemeinschaft der »Israelitischen Synagogen-Gemeinde« ("Adass Jisroel") ist im üblichen Nachkriegsgedenken vergessen und übergangen worden. Dabei war sie dereinst so groß wie manche Kreisstadt, hatte ihre eigene Geschichte und Kultur. Rund 30 000 von gut 170 000 Juden in Berlin bekannten sich zu Adass Jisroel, ungefähr fünfmal so viele, wie zur Zeit im westlichen Teil der Stadt leben.

Die strenggläubige, aber aufgeklärt-liberale Gemeinde unterhielt jüdische Schulen und ein Rabbiner-Seminar, Kranken- und Altenheim, Spital und Badeanstalt. Sie sorgte für Läden mit koscheren Nahrungsmitteln, und sie besaß Grundstücke, Synagogen sowie einen Friedhof.

Das Berliner Denkmal für die Adassianer, die von den Nazis in Auschwitz und Sachsenhausen, in Buchenwald oder Ravensbrück vernichtet wurden, mußten Verwandte und Überlebende selber setzen. Mehr noch: Bis heute bitten Anhänger der Synagogen-Gemeinde um öffentliche Anerkennung und staatliche Unterstützung - weitgehend vergeblich. Denn die wieder etablierte »Jüdische Gemeinde zu Berlin«, die einen Alleinvertretungsanspruch für alle Berliner Juden erhebt, fürchtet Konkurrenz.

»Ich bin nicht bereit«, sagt der Vorsitzende Heinz Galinksi, 75, seit kurzem auch Sprecher des Zentralrats der Juden in Deutschland, »die Einheit der Gemeinde aufs Spiel zu setzen.« An dieses Votum glaubt sich der Berliner Senat gebunden. »Die staatliche Seite«, meint Kultursenator Volker Hassemer (CDU), habe die »Haltung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin ... zu respektieren«, die stets für »jede Ausprägung jüdischen Glaubens« unter ihren Mitgliedern eingetreten sei.

Galinskis Stellungnahme sei, so kritisieren Anhänger von Adass Jisroel, »eine historisch, moralisch und auch juristisch unhaltbare Position«. Er wähne sich »ohne jegliche Legitimation, aus eigener Machtherrlichkeit und mit fremder Duldung als selbsternannter Nachlaßverwalter allen jüdischen Lebens« in Berlin, schrieb der Politik-, Geschichts- und habilitierte Wirtschaftswissenschaftler Mario Offenberg an Senator Hassemer. Der Wortführer bei Adass Jisroel bezeichnet Galinskis Stellungnahme als »unsittlich«, »anmaßend« und »schlichtweg falsch«.

Zwar bestehe ihre »Gemeinde« zur Zeit »faktisch« nicht in Berlin, argumentieren die Adassianer, wohl aber eine kleine »Gemeinschaft«. Die ist voriges Jahr auch ins Vereinsregister eingetragen worden. Denn die Adassianer - rund 500 Familien sind weltweit übriggeblieben - wollen sich durch »internationalen Zusammenschluß« verflechten. Der Verein sieht sich dem »Ziel verpflichtet«, auch »die Wiederherstellung der Handlungsfähigkeit« von Adass Jisroel in Berlin »herbeizuführen und zu sichern«.

Das hat den Senator Hassemer in eine mißliche Lage gebracht. Als Adass Jisroel um staatliche Hilfe eingekommen _(Mit Helfer bei Restaurierungsarbeiten ) _(auf dem Friedhof Adass Jisroel. )

war, hatte er sogleich »Irritationen« bei der Jüdischen Gemeinde vorausgesehen und vorsorglich zu einer Dreierrunde eingeladen. Galinski aber lehnte es ab, sich mit Offenberg an einen Tisch zu setzen.

Vermittler Hassemer saß zwischen den Stühlen. Die »Förderung einer jüdischen Gruppe«, hat er nun erkannt, bedeute in Berlin automatisch die »Verletzung einer anderen jüdischen Gruppe«. Verlegen schrieb der Senator an Offenberg: »Sie wissen, daß ich eine andere Haltung zu Ihren Vorstellungen einnehmen würde, wenn Sie sie im Einvernehmen mit der Jüdischen Gemeinde zu Berlin vortragen könnten.«

Eine solche Einschränkung erscheint mittlerweile selbst der DDR-Führung überholt. Im Osten der Stadt war nach 1945 der Friedhof von Adass Jisroel im Bezirk Weißensee offiziell der Verwaltung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin in der DDR unterstellt worden. Die aber hatte ihn Mitte der siebziger Jahre einfach verriegelt.

Die Ruhestätte verkam. Dosen und Flaschen lagen herum, Grabsteine wurden umgeworfen und zerstört, Marmorsäulen gestohlen, sogar Gräber geöffnet. 1984 verkaufte die Jüdische Gemeinde zu Berlin (Ost) gar ein Teilstück der geheiligten Erde an den Staat als Bauland.

Offenberg wandte sich deshalb unmittelbar an den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker und den Staatssekretär für Kirchenfragen in der DDR, Klaus Gysi. Honecker machte den Handel rückgängig, seit Sommer 1986 ist der Friedhof wieder geöffnet. Studenten kümmern sich um die Pflege; die sei, so Gysi, eine »Verpflichtung« der DDR.

Entsprechendes Bewußtsein ließe sich auch im Berliner Westen für alle Juden in Politik umsetzen. Denn die Rechtslage ist anders, als Galinskis Hinweis auf das »Prinzip der Einheitsgemeinde« glauben macht.

Adass Jisroel wurde 1869 gegründet und 1885 per königlicher Order als zweite selbständige jüdische Gemeinde in Berlin zugelassen. Erst die Nazis, Jude gleich Jude, löschten die Gemeinde auch juristisch aus. Unter dem 18. Dezember 1939 ordnete »Der Chef der Sicherheitspolizei und des SD« ihre »Eingliederung« in die »Reichsvereinigung der Juden in Deutschland« an.

Diese Zwangsmaßnahme ist heute null und nichtig; Adass Jisroel besteht, rechtlich gesehen, in Berlin genauso fort wie die heute wieder funktionsfähigen Gemeinden in Washington, London, Jerusalem und Tel Aviv.

Dies scheint die Jüdische Gemeinde zu Berlin weit mehr zu beunruhigen als Reminiszenzen an den traditionellen Streit mit Adass Jisroel, wieweit Juden an die reine Lehre gebunden seien. Galinskis Einwand jedenfalls, die Jüdische Gemeinde könne sich »den Luxus einer Zersplitterung nicht leisten«, mag in den Jahren des Neuanfangs berechtigt gewesen sein; 43 Jahre nach Kriegsende jedoch erscheint er anachronistisch. Denn eine zweite jüdische Gemeinde würde Rang und Stand des Judentums im heutigen Berlin eher stärken als schmälern.

Bei dem Streit könnte es um Handfesteres gehen, falls öffentlich bestätigt würde, daß Adass Jisroel rechtlich nicht untergegangen ist. Galinski merkt vieldeutig an: »Es kann ja wohl nicht der persönliche Ehrgeiz allein sein, der da befriedigt wird.«

Unumwunden fragt dagegen Offenberg, Geschäftsführer der als Verein eingetragenen »Gesellschaft zur Förderung« seiner Gemeinde: »Mit welchem Mandat eigentlich hat die Jüdische Gemeinde nach 1945 Rückerstattung unseres verlorenen Vermögens verlangt?« Daß die Jüdische Gemeinde damals wohl als »Treuhänderin« gehandelt habe, gesteht Offenberg zwar zu. »Doch warum«, möchte er nun wissen, »hat uns dann später niemand jemals das Ergebnis mitgeteilt, obwohl Überlebende zu finden gewesen wären?«

Dennoch versichert Offenberg, dessen Urgroßvater Abraham einst Adass Jisroel mitbegründet hat: »Wir haben keine wirtschaftlichen Interessen.« Sollte die Gemeinde jedoch eines Tages ihr Recht wirklich ausschöpfen, ginge es trotzdem auch um Geld.

Wenn Adass Jisroel als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt wäre, hätte die Glaubensgemeinschaft ein Privileg, das bisher nur Galinskis Jüdischer Gemeinde zusteht: Sie dürfte von Juden Kirchensteuer erheben.

Mit Helfer bei Restaurierungsarbeiten auf dem Friedhof AdassJisroel.

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