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Briefe

Unteilbare Hilfe
aus DER SPIEGEL 46/1980

Unteilbare Hilfe

(Nr. 42/1980, Prozesse)

Es gibt nicht den behinderten Menschen schlechthin, sondern sehr verschiedenartige Formen und Schweregrade von Behinderung.

Die im sogenannten Frankfurter Behindertenurteil angesprochenen behinderten Menschen aus Schweden grenzten sich selbst als Körperbehinderte betont von geistig Behinderten ab. Das kann man aus ihrer Situation heraus verstehen.

Erschreckend ist es jedoch, wenn auch Richter es sich mit diskriminierenden Unterscheidungen etwa zwischen Körperbehinderten und geistig Behinderten so leicht machen. Wo wurde erwiesen, daß die geschilderten Verhaltensweisen die besondere Eigenart geistigen Behindertseins darstellen? Jährlich wird zigtausendfach in der ganzen Welt bei gemeinsamen Reisen geistig behinderter Menschen mit Angehörigen oder mit anderen Mitmenschen in aller Öffentlichkeit das Gegenteil bewiesen]

Aber selbst bei auffälligem Verhalten gelegentlich: Wo ist der Unterschied zu dem sich im Hotel lautstark ärgernden, über dem »einem auf die Nerven gehenden« sogenannten normalen Gast, wo S.13 der Unterschied gegenüber der allzu laut feiernden Gruppe oder dem plötzlich vor aller Augen mit erschreckenden Symptonen Erkrankten?

Daß auch Integrationsbestrebung ihre Grenzen haben kann, sei unbestritten. Wird aber Eingliederung Behinderter nicht nach wie vor verstanden als ein um jeden Preis so »Normal-wie-ebenmöglich-Machen«, als Aufgabe zur Verschleierung der Behinderung zwecks konventionellen Angepaßtseins? Wenn es so ist, dann wird diese Gesellschaft auch immer wieder in den Konflikt derartiger Unterscheidungszwänge geraten.

Uneingeschränkt muß gelten, daß jede Hilfe wie Bemühung um die Integration behinderter Menschen unteilbar ist und eine unterschiedslose Aufgabe gegenüber allen Behinderten darstellt. Es darf niemals wieder Klassen von »besseren« oder »schlechteren«, von »noch« akzeptablen oder »nicht mehr« tragbaren, das heißt unwerten behinderten Menschen geben]

Ein öffentlich eindeutig klärendes Wort der leider so undifferenziert Argumentierenden steht nunmehr als unverzichtbar aus.

Düsseldorf PROF. DR. MED. HEINZ KREBS Kinder- und Jugendpsychiater Arzt für Neurologie und Psychiatrie

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