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JUSTIZ Unten klopft's

Ein Altkommunist, 1948 an der Saar wegen Mordes verurteilt und 24 Jahre in Haft, will in einem Wiederaufnahmeverfahren seine Unschuld beweisen.
aus DER SPIEGEL 48/1973

Am 20. April 1945, Hitlers letztem Geburtstag, fielen auf der Susannastraße in Bexbach/Saar zwei Pistolenschüsse. Polizeimeister Johann Kerner ging zu Boden.

Hilflos fuchtelte der Beamte, von einem 7,65-Projektil in der Nierengegend verletzt, mit der Taschenlampe umher, als ihn die zweite, tödliche Kugel am Hals traf. Kerner verblutete auf dem Trottoir.

Es war, so scheint es, ein politischer Mord, verübt in den Invasions-Wirren bei Kriegsende, als es im befreiten Saargebiet zwischen Nazis, Separatisten und Antifaschisten Rechnungen zu begleichen gab. Mancher wußte zuviel, Schiebung und Schwarzschlachtung waren im Schwange, Kollaborationen en vogue, und auch NSDAP-Mann Kerner hatte Feinde im Ort.

Der Gastwirt und Antifaschist Karl Klein, den die amerikanischen Besatzer zum neuen Bexbacher Bürgermeister ernannt hatten, erschien 20 Minuten nach den beiden Schüssen am Tatort. Er übernahm die Polizeigewalt, fragte die Polizistenfrau nach Verdächtigem aus und empfing anderentags den Hausmeister Edmund Neufang, der die ganze Nacht über nicht zu Hause gewesen war, zu einem Gespräch.

Drei Tage später geriet der Dorfbürgermeister, der auf dem Dach seiner Kneipe »Zum goldenen Stern« eine selbstgenähte Sowjetfahne aufgepflanzt hatte, selbst in Verdacht. Und damit lebt Karl Klein, einst an der Saar Duz- und Gesinnungsfreund des heutigen SED-Chefs Erich Honecker, seit 28 Jahren und sieben Monaten.

1948 wurde er im damals autonomen Saarland zum Tode verurteilt, weil er, so das Gericht, nach »allen Indizien« den tödlichen Halsschuß auf Kerner gefeuert habe. Klein freilich beteuerte: »Ich bin unschuldig.« 1949 wurde die Strafe in lebenslänglich Zuchthaus umgewandelt. Seitdem kämpft Klein um seine Rehabilitierung.

50 Wiederaufnahmeanträge, die er, unterstützt von 16 Rechtsanwälten, stellte, blieben ohne Erfolg. Erst als Klein 1969, in einer Mülltonne versteckt, die spektakuläre Flucht aus der Saarbrücker Strafanstalt Lerchesflur gelungen war, hatte das 51. Gesuch Erfolg: Klein, heute 72 und ein kranker Mann, ist seit 1971 frei.

Vom 3. Dezember an will er vor dem Landgericht in Saarbrücken seine Unschuld beweisen und scharfe Angriffe gegen die französische Sicherheitspolizei Sûreté, deutsche Polizei und Justiz erheben. Kleins Vorwurf: »28 Jahre lang haben sie die Wahrheit nicht wissen wollen.« Jetzt fordert er »zehn Millionen Mark Haftentschädigung« vom Staat, denn: »Warum soll ich mein halbes Leben so billig abgeben?«

Nicht nur Klein, auch Hausmeister Edmund Neufang, der Bergmann Josef Schiestel, der Kaufmann Adolf Brass und der Dolmetscher Alex Engel, alle aus Bexbach, waren damals in Verdacht geraten. Neufang gestand, den ersten -- nicht tödlichen -- Schuß gefeuert zu haben; er wurde 1949 zu 14 Jahren Zuchthaus wegen Mordversuchs verurteilt. Wer den zweiten Schuß abgab -- zumindest ob Klein es tat -, soll jetzt endgültig das Saarbrücker Schwurgericht klären.

Kleins Rechtsanwalt Karlernst Geier vertraut vor allem auf

* die jetzt eigens von einem Gutachter bestätigte Glaubwürdigkeit der zur Tatzeit 13jährigen Klein-Tochter Ruth, die ihrem Vater ein Alibi liefert, aber im ersten Prozeß nicht vernommen wurde, sowie

* die Widersprüche in den bisher protokollierten Aussagen Neufangs, der mal den einstigen kommunistischen Gesinnungsgenossen Klein, mal seinen Onkel Schiestel, mal sich selbst belastet hatte.

Neufang laut Blatt 126 R der Gerichtsakten: »Ich habe mehrmals geschossen.« Neufangs letzte Version in einem Telephongespräch mit Anwalt Geier: »Herr Klein hat mit der Sache nichts zu tun.« Neufang und Schiestel werden als Zeugen vernommen -- womöglich gefährlich für sie, denn der Mord ist noch nicht verjährt.

Klein behauptet seit 1945 stur und fest, zur Tatzeit -- gegen zehn Uhr am Abend -- in seiner Wohnung gewesen zu sein. Kurz nach zehn habe er sich von der 13jährigen Tochter eine Schüssel mit Wasser bringen lassen und sich die Füße gewaschen. Kurz vor halb elf sei Tochter Ruth, die inzwischen im zweiten Stock ins Bett gegangen war, auf der Treppe erschienen und habe »Papa, unten klopft's« gerufen.

»Ich ging barfuß von der Küche, die im ersten Stock über der Gaststätte lag, zu einem Fenster nach vorne«, berichtet Klein: »Unten standen drei Leute, zwei amerikanische Soldaten und ein Mann in Zivil.« Der Zivilist, es war der Dolmetscher Alex Engel, rief zum Fenster hinauf: »Herr Klein, soeben haben sie Herrn Kerner erschossen«

1949 urteilte das Gericht: »Daß Klein der zweite Täter gewesen ist, geht auch aus seinem höchst eigenartigen Verhalten nach der Tat hervor, da er erst nach mehr als zehnminütigem heftigstem Klopfen der amerikanischen Wache geöffnet hat.« Klein, so die Mutmaßung, habe »diese Zeit gebraucht, um sich angesichts der vorher geschehenen Tat zu beruhigen und sich von eventuellen Tatspuren zu säubern.«

Als gravierend erschien den Richtern, daß der Kommunist 1943 unter mysteriösen Umständen in Kiew gewesen und mit Schwarzschlachtung und Fragebogenfälschung in Verbindung gebracht worden war. Polizist Kerner, der von all dem gewußt habe, sei deshalb von Klein »zum Schweigen gebracht« worden.

Anwalt Geier will jetzt mit Indizien belegen, daß ein Bexbacher Schieberring Kerner getötet habe und daß der bei Franzosen, Separatisten und alten Nazis verhaßte Kommunist Klein politisch erledigt werden sollte, indem mau ihm die Tat in die Schuhe schob. Er behauptet, Klein belastende Aussagen seien unter Druck zustande gekommen; »Daß damals gefoltert worden ist«, so der Anwalt, »wissen wir aus allen möglichen Publikationen über die Tätigkeit der Sûreté.«

Kleins vor zwölf Jahren verstorbene Ehefrau hatte jedenfalls zunächst immer bestätigt, ihr Mann sei zur Tatzeit daheim gewesen. Bei einer Vernehmung durch die Sûreté unterschrieb sie eines Nachts indessen das Gegenteil -- ein Papier, das sie später des öfteren widerrief.

Verschwunden sind inzwischen Pistole und Projektile, verschwunden sind auch die Unterlagen eines Prozesses, den schon die amerikanischen Besatzer -- vor der Übergabe der Saar an Frankreich -- gegen die Beschuldigten von Bexbach geführt hatten. Neufang, so erinnert sich Klein, sei damals zu einem Jahr, Schiestel zu einem Monat Gefängnis verurteilt worden. Bei Klein, Engel und Brass erkannten die US-Militärrichter auf Freispruch.

1946, von den Amerikanern längst entlassen, feierte Karl Klein mit seinen KP-Genossen den 1. Mai. Unter den geheimen Observanten der Homburger Kundgebung machte er plötzlich zwei Sûreté-Beamte aus, deren Gesichter ihm vertraut waren.

Auch Klein war erkannt worden: In der gleichen Nacht noch wurde er von der Sûreté aus dem Bett geholt und nach Zweibrücken, später nach Germersheim und Rastatt geschafft. Am 1. August 1947 übergaben die Franzosen ihn der deutschen Justiz im Saargebiet. Ein Untersuchungsrichter im badischen Rastatt sprach beim Abschied: »Wenn Sie jetzt nach Saarbrücken kommen. sehe ich schwarz.«

In Saarbrücken wurde Karl Klein dann auch verurteilt. 1957 kehrte er, zusammen mit allen anderen Saarländern, heim ins Reich, und seitdem sann er auf Flucht aus dem Gefängnis.

»Einmal hatte ich eine Metallsäge«, erzählte Klein, »aber ich bin verraten worden.« Als Küchenarbeiter baute er sich 1969 schließlich aus einem Ölfaß einen »Container«. Mit Brot und Küchenabfällen auf dem Kopf und in der Hocke im Faß ließ er sich am 30. Januar unbemerkt aus der Anstalt bringen -- von einem ahnungslosen Landwirt, der jeden Tag Futter für die Schweine holte.

Als die Nachricht vom Ausbruch anderntags in der Zeitung stand, erreichte Kleins Anwalt in München ein Telephonanruf aus der DDR. Jederzeit und an jeder gewünschten Stelle, so gab eine Ost-Berliner Dienststelle diskret zu verstehen. könne Honeckers Duz-Freund über die Grenze kommen.

Karl Klein aber wollte kein Happy-End dieser Art. Er stellte sich freiwillig und ließ sich per Schub zurück in den Knast bringen, bis die Wiederaufnahme seines Falles durchgesetzt war und er entlassen wurde. Jetzt will er »Frieden schließen« -- und sein Recht: »Da sind Dinge passiert, die hat's noch nicht gegeben.«

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