Zur Ausgabe
Artikel 60 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

BÖRSE / AKTIENKURSE Unter Dampf

aus DER SPIEGEL 22/1968

An deutschen Börsen stiegen die Aktien in den letzten 16 Monaten um rund 50 Prozent. Dennoch verkünden professionelle Kurspropheten: »Der große Börsenaufschwung ist noch nicht vorüber« ("Frankfurter Börsenbriefe"),

Im Januar 1967 hatte mit Westdeutschlands Konjunktur auch die Börse ihre Talsohle erreicht. Die Statistik meldete nur Jammerzahlen: 621 156 Arbeitslose (Januar 1966: 268 848), Produktionsindex 106,4 (Januar 1966: 113,2), Auftragsindex der gesamten Industrie 227 (Januar 1966: 245).

Obgleich von Bonns Schatzminister ausdauernd gestützt, rutschte selbst der Kurs der Volksaktie Veba vom Ausgabepreis 210 auf 165 ab. Generaldirektor Heinz Peter Kemper bemühte sich in der verzweifelten Kurs-Lage um Vertrauen. Kleinmütigen Aktionären verriet er auf der Hauptversammlung: »Ich habe gerade Veba-Aktien für meine Enkel gekauft.«

Der Großvater hatte recht getan: Bundeswirtschaftsminister Schillers Investitionshaushalt für die Wirtschaft von 2,5 Milliarden Mark und steuerliche Investitionsanreize für die Unternehmer setzten die Börse wieder unter Dampf.

Ein Jahr nach dem Kurstief war Kempers Veba-Papier auf den doppelten Wert

hinaufgeschnellt. Auch die meisten anderen Kurse machten den Zug nach oben mit. So verbuchte VW am Jahresende einen Zuwachs von 62 Prozent, Siemens von 60 Prozent und Hoesch von 79 Prozent.

Günstige Nachrichten aus der Wirtschaft fachten in den ersten Monaten dieses Jahres die Hausse weiter an: Von Januar bis April 1968 ging die Zahl der Arbeitslosen um 341 766 auf 330 851 zurück, der Produktionsindex der Industrie stieg im März auf 125, und von der Hannover-Messe meldeten Westdeutschlands Eisen- und Stahlbosse das beste Geschäft seit Jahren.

Dennoch kam Unruhe an den Börsenschaltern auf. Besorgte Aktionäre hielten es nach dem stürmischen Kursaufschwung für geraten, sich mit Gewinn von ihren Papieren zu trennen. Fachleute jedoch raten abzuwarten. Herbert Henzel, Börsenvorstand der Dresdner Bank: »Ich glaube, daß in der Börse noch einige Musik drin ist. Auf eine sorgfältige Auswahl der Aktien sollte man aber gesteigerten Wert legen.«

Westdeutschlands Börsen-Informationsblätter nehmen ihren Kunden die Qual der Wahl ab. So kalkuliert das Düsseldorfer Zirkular »Die Actien-Börse": Papiere des Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerks (RWE) werden in den nächsten Monaten um 60 Punkte auf 530 hochklettern; bei VW und AEG sind Kursverbesserungen bis auf 600 zu erwarten.

Noch kühner prophezeien die »Frankfurter Börsenbriefe«. Nach ihrer Schätzung werden Daimler-Aktien (letzter Kurs: 873) in absehbarer Zeit die »Traummarke« von 1000 Punkten erreichen. VW, so verheißen die Frankfurter, »kosten im Frühjahr 1969 mindestens 650«.

Auch die Düsseldorfer Trinkaus-Bank setzte VW an die Spitze aller Kurs-Renner. In einem Rechenwerk zum hausinternen Gebrauch peilte der Analysten-Stab der größten deutschen Privatbank die Chancen der nächsten zwölf Monate. VW, so lautete hier das Ergebnis, erreichen im Mai 1969 Kurse von 700 bis 750. Einzige Bedingung: »Das neue Wolfsburger Modell muß ankommen.«

Hohe Gewinne sagen Trinkaus-Spezialisten auch für andere Aktien voraus. Sie erwarten Kurssteigerungen bei > Farbenfabriken Bayer AG von 212

bis auf 280;

* Farbwerke Hoechst AG von 274 bis auf 360;

* Badische Anilin- & Soda-Fabrik AG von 257 bis auf 340;

* Vereinigte Elektrizitäts- und Bergwerks-Aktiengesellschaft (Veba) von 325 bis auf 400;

* Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft AEG-Telefunken von 534 bis auf 700;

* Karstadt AG von 770 bis auf 900; > Varta AG von 665 bis auf 900.

Die Weissagungen gründen sich inzwischen nicht mehr nur auf die verbesserte Konjunktur; die Börse honoriert jetzt zunehmend die speziellen Chancen:

Bei Daimler-Benz die in den ersten vier Monaten dieses Jahres um 80 Prozent gestiegenen Aufträge; bei Siemens große Erfolge im Computer-Bau, die dem Konzern bis 1972 zu IBM-Format verhelfen könnten; bei VW eine Gewinn-Eskalation um 35 Prozent; bei den Chemie-Giganten die verstärkte Forschung und Expansion, die sicheren Ertrag versprechen.

Auch Deutschlands Investment-Gesellschaften haben die gewinnträchtigen Industriewerte im Visier. Sie sitzen auf vollen Kassen und müssen kaufen: Allein von Januar bis April dieses Jahres flossen ihnen 357 Millionen Mark aus dem Verkauf neuer Zertifikate zu. Ihr Fondsvermögen stieg während der vergangenen zwölf Monate um 58 Prozent auf fünf Milliarden Mark.

Rückschläge auf Zeit, wie vergangene Woche nach dem Regierungs-Debakel in Baden-Württemberg und schlechten Nachrichten aus Paris, werden von den Kurs-Buchhaltern indes für unausbleiblich gehalten. Um das Risiko möglichst zu verteilen, empfiehlt die Trinkaus-Bank den Kunden, ihr Geld bis zur Hälfte in ausländischen Aktien anzulegen.

Trinkaus-Bankier Dr. Bernhard Müller: »Auch in Tokio und New York ist gutes Geld an Aktien zu verdienen.«

Zur Ausgabe
Artikel 60 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.