Zur Ausgabe
Artikel 53 / 95
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

US-GEFÄNGNISSE Unter den Teppich

Wurde George Jackson, die Symbolfigur des schwarzen Widerstands, wirklich auf der Flucht erschossen? Amerikas schwarze Rebellen glauben: Es war Mord.
aus DER SPIEGEL 36/1971

Wer mir jetzt noch etwas anhaben, meine vielen Barrikaden überwinden will, der muß mich mit einer Kugel erledigen«, schrieb der schwarze Revoluzzer George Jackson 1970 aus dem Zuchthaus an seine Rechtsanwältin.

Vorletzten Sonnabend wurde er erledigt -- mit Kugeln. Bei einem »Fluchtversuch« (so die Justizbehörden) aus dem berüchtigten kalifornischen Zuchthaus San Quentin kam Jackson, 29, ums Leben: drei weiße Wächter und zwei Häftlings-Hiwis wurden ermordet.

Das Blutbad kennzeichnet die wachsende Brutalisierung in Amerikas Strafanstalten, es dokumentiert Rassenhaß und Terror zumal in den kalifornischen Zuchthäusern.

Die rebellische schwarze Minderheit in den USA. aber auch linksradikale Weiße sehen in George Lester Jackson einen neuen Märtyrer. Denn Jackson, Autor einer berühmt gewordenen Sammlung von Gefängnisbriefen (SPIEGEL 30/1971), symbolisierte in ihren Augen den erbitterten Widerstand gegen ein unmenschliches Justiz-System

Sein Name ist verknüpft mit einer Kette tragischer Ereignisse. Aufgewachsen im schwarzen Slum von Chicago, geriet George Jackson schon als Kind in jene Welt des Halbverbrechens. die für farbige Amerikaner seiner Herkunft typisch geworden ist. Jackson später über Jackson: »Auch ich, als Sklave in die herrschende Gesellschaft hineingeboren und ohne reelle Zukunftschancen. litt von vornherein unter dem Trauma, das so viele Neger ins Gefängnis führt.«

Ins Gefängnis kam er erstmals mit 15, weil er auf einem gestohlenen Motorrad fuhr. 1960, nach einem Überfall auf eine Tankstelle (Beute: 70 Dollar), wurde er abermals erwischt. Strafe: »Ein Jahr bis lebenslänglich.

Mit derlei Gummi-Urteilen wird die tatsächliche Haftdauer dem Ermessen der Strafvollzugsbehörden überlassen. Selbstbewußte schwarze Rebellen wie Jackson sind auf diese Weise der Willkür ihrer -- meist weißen -- Bewacher ausgeliefert. Sie erhalten schlechte Betragensnoten und werden deshalb nicht begnadigt -- »eine absurde Justiz« (so die Zürcher »Weltwoche«.

Jackson, der Häftling Nr. A 63837, nutzte die Zeit hinter Gittern zum Studium: Er las rote Klassiker von Marx bis Mao. Durch Lektüre und durch die grausame Erfahrung einer Zuchthaus-Realität. die ihm das Spiegelbild der US-Gesellschaft zu sein schien, entwickelte er sich zum Revolutionär. Die Behörden glaubten sich berechtigt, ihn weiter hinter Gittern zu lassen.

Seit Ende 1969 -- Jackson saß damals im Kittchen Soledad (Einsamkeit) -- verschärfte sich der Rassenstreit in Kaliforniens Strafanstalten, häuften sich die Schikanen rassistischer weißer Wärter (Jackson: »bewaffnete Kretins") gegen schwarze Häftlinge.

Am 16. Januar 1970 töteten Soledad-Insassen, zur Vergeltung für einen dreifachen Häftlings-Mord, einen weißen Wärter. Drei Zuchthäusler, darunter Jackson, wurden des Mordes angeklagt -- fortan hießen sie »Soledad Brothers«.

Ihr Fall wurde zu einer Cause celèbre der schwarzen Opposition in den USA. Für die »Soledad Brothers« fochten die »Black Panthers« ebenso wie die Marcuse-Schülerin Angela Davis.

Die Kommunistin Davis nahm Verbindung auf zu Georges jüngerem Bruder Jonathan, genannt Jon. Doch das Engagement für George endete tödlich für Jon: Am 7. August 1970 drang der 16jährige bewaffnet in ein Gerichtsgebäude ein und nahm vier Geiseln mit. »Wir sind Revolutionäre«, rief er. »Laßt die Soledad-Brüder bis 12.30 Uhr frei!« Wenige Minuten später starben Jon. zwei seiner Komplicen und eine Geisel im Kugelhagel der Polizei.

Die Waffen, die Jon benützte, soll Angela Davis besorgt haben. Deshalb wird der Aktivistin im Afro-Look jetzt der Prozeß gemacht.

Um ihre Verteidigung vorzubereiten, durfte die Revolutionärin einige Male auch George Jackson besuchen. Er hatte ihr mehrfach aus San Quentin geschrieben. hatte seinen Haß auf das US-System artikuliert und bitter »herzliche Grüße aus Dachau« gesandt.

Daß er auch Fluchtpläne schmiedete, scheint erwiesen. Doch die Details seines »Ausbruchsversuches« vom 21. August sind bislang nicht geklärt. Die Version der Zuchthaus-Direktion: Im Besuchszimmer von San Quentin spielt Rechtsanwalt Stephen Bingham dem Häftling Jackson eine Pistole zu. die dieser in seiner Afro-Frisur versteckt. Mit der Pistole hält er die Wärter in Schach und läßt 25 Gefangene aus ihren Zellen. Als dennoch ein Aufseher Alarm schlägt, schneiden die Zuchthäusler mehreren Wärtern und Kalfaktoren mit Rasierklingen die Kehlen durch. Jackson selbst wird nahe der Zuchthausmauer von Wärtern erschossen

Mithäftlinge des Soledad-Bruders und Jacksons Mutter Georgia hingegen glauben zu wissen, wie es wirklich war: George Jackson sei in seiner Zelle ermordet und dann zur Vortäuschung eines Fluchtversuchs auf den Hof geworfen worden. Georgia Jackson: »Dies ist nicht der erste Schwarze, den sie umgebracht und unter den Teppich gekehrt haben.«

* Nach dem Massaker vom 21. August.

Zur Ausgabe
Artikel 53 / 95
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel