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BOTSCHAFTER-RESIDENZ Unter Denkmalschutz

aus DER SPIEGEL 19/1965

Neun Volksvertreter zupften an zerschlissenen Sofas, beklopften morsche Wände und studierten großformatige Photos vergangener Pracht. Es waren Mitglieder des Bonner Haushaltsausschusses, die einen halben Tag lang durch das baufällige Palais Beauharnais in der Pariser Rue de Lille kletterten.

Frankreichs Staatspräsident de Gaulle hatte den Bau, die 1944 enteignete Residenz des deutschen Botschafters, in einer Geste der Freundschaft dem Bundespräsidenten Lübke zurückgegeben. Die Bonner hatten das vermeintlich hochherzige Geschenk freudig begrüßt.

Denn mit dem Empire-Palais an der Seine verbinden sich stolze Erinnerungen. Das Stadtpalais, 1713 errichtet und Anfang des 19. Jahrhunderts von Napoleons Stiefsohn Eugène de Beauharnais in reinem Empire ausgestattet, hatte Preußen-König Friedrich Wilhelm III. 1818 für 575 000 Franc aus seiner Privatschatulle erworben. Es wurde zum Sitz der preußischen Gesandtschaft bestimmt, in der 1862 auch Otto von Bismarck residierte.

Mit der Rückgabe machte de Gaulle den Deutschen ein Danaergeschenk. Die Franzosen hatten den Bau völlig verkommen lassen. Beamte des Bundesschatzministeriums stellten fest, daß

- sich das Palais nach Errichtung eines Neubaus in der Nachbarschaft um mehrere Zentimeter gesenkt hatte;

- in mehreren Räumen ein neuer Fußboden einfach über einen vermorschten alten gelegt worden war;

- die Tragfähigkeit der Decke zwischen erstem und zweitem Stock lebensgefährlich nachgelassen hatte;

- bei der Errichtung des Palais im Jahre, 1713 bereits Balken aus abgerissenen Häusern verwendet worden waren.

Regierungsbaudirektor Klaus Lange vom Schatzministerium wunderte sich: »Es ist unglaublich, daß bei früheren Veranstaltungen im Palais noch keine Decke eingestürzt ist.«

Neben dem katastrophalen Bauzustand machten die Bonner jedoch eine weitere schlimme Entdeckung: Erdgeschoß und erster Stock waren samt Innenausstattung 1951 unter Denkmalschutz gestellt worden, müssen also originalgetreu restauriert werden. Geschätzte Baukosten: 13,1 Millionen Mark.

Als die neun Mitglieder des Haushaltsausschusses an die Seine reisten, nahmen sie eine 29seitige Vorlage mit Kostenschätzungen für die Reparatur der Inneneinrichtung mit nach Paris. Das vom Auswärtigen Amt zusammengestellte Papier sieht Ausgaben in Höhe von 2,4 Millionen Mark vor, davon in den beiden Denkmal-Stockwerken

- 713 647 Mark für Möbel und Bezugsstoffe,

- 474 534 Mark für Dekorationen,

- 342 794 Mark für Teppiche,

- 259 300 Mark für Beleuchtungskörper

und

- 55 000 Mark für die künstlerische Gestaltung.

Als moderne Botschafterresidenz ist das Palais Beauharnais trotz aller Reparaturen nicht geeignet. Ein solches Gebäude müßte Platz für Empfänge von 2000 Personen bieten. In dem Empire-Bau an der-Rue de Lille können maximal 1000 Personen ihren Cocktail nehmen. Wenn das Wetter gut ist, können weitere 500 im Garten Platz finden.

Da ein Verkauf des Gebäudes aber eine Brüskierung des Spenders de Gaulle wäre, bewilligte der Haushaltsausschuß einstimmig 15,5 Millionen zur Instandsetzung des Palastes.

Teuerstes Einzelstück der Renovierung ist das unter Denkmalschutz stehende Bett der Beauharnais-Schwester Hortense, Gattin des Königs Louis Bonaparte von Holland. Die Instandsetzung der königlichen Liege kostet 75 000 Mark.

Palais Beauharnais in Paris

Das Geschenk des Generals ...

Beauharnais-Bett

... kostet Bonn 15 Millionen Mark

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