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AFRIKA / BÜROKRATIE Unter der Erde

aus DER SPIEGEL 13/1966

Im winzigen Besucherzimmer des Polizeihauptquartiers von Akkra dösen zwei Dutzend Schwarze vor sich hin. Seit Stunden warten sie auf einen »Passierschein« zum kurzfristigen Verlassen der Hauptstadt Ghanas.

Dreimal schon hat sie die mißmutig über den Flur schlurfende Empfangspolizistin vertröstet:. »Ihre Ausweise kommen gleich.« Nach einer weiteren Stunde erklärt sie: »Heute wird es nichts mehr. Kommen Sie morgen um acht Uhr wieder.«

Auch am nächsten Tag warten die meisten vergebens. In Ghana regiert seit gut drei Wochen die Armee. Der Instanzenweg ist lang, das Ausfertigen eines Papiers in DIN A 4-Format dauert Tage.

Aber nicht nur in Ghana muß Geduld üben, wer den Umgang mit Behörden sucht.

In Lagos (Nigeria) warten einheimische Kaufleute wochenlang auf die Erteilung einer Einfuhrlizenz.

Und am Flughafen von Léopoldville (Kongo) quälen Zöllner, Paßkontrolleure, Gesundheitsoffiziere und Bankbeamte den Fluggast mit einem Berg von Formularen, die selbst deutsche Finanzämter nicht komplizierter ersinnen können.

Auch in Nigeria und am Kongo regiert die Armee. Wo immer sie in Afrika die Macht an sich gerissen hat, ist die ohnehin schon schwerfällige Bürokratie noch asthmatischer geworden.

In Akkra und Lagos, in Léopoldville und Bangui (Zentralafrikanische Republik) wurden Anträge und Eingaben früher von einem Dutzend Beamter bearbeitet. Heute müssen sie auch noch den Militärs zur Entscheidung vorgelegt werden.

Denn die schwarzen Bürokraten, die schon unter den gestürzten Politikern an ihren Schreibtischen saßen, drücken sich mehr denn je vor jeder Entscheidung. Selbst das Wundermittel beim Umgang mit afrikanischen Beamten-eine diskret überreichte Banknote - versagt, seit die Militärs der Korruption den Kampf angesagt haben.

Die Offiziere wiederum, die den Beamten die Entscheidungen abnehmen sollen, sind mit den Geheimnissen der Zivil-Verwaltung nicht vertraut. Auf langen Sitzungen palavern sie sich an ihre Entscheidungen heran.

So kommt es, daß die Ghanaerin Adwoa Akyeama die Reise-Erlaubnis zur Beisetzung Ihres Bruders erst erhält, wenn dessen Leichnam schon unter der Erde liegt.

So kommt es, daß Informationsministerium, Außenministerium und Militärverwaltung in Akkra unabhängig voneinander mehr als zwei Dutzend in- und ausländische Zeitungs-, Rundfunk- und Fernsehreporter zum selben Zeitpunkt zu einem Exklusiv-Interview mit Ghana-General Ankrah bestellen, ohne sich aufeinander abzustimmen - was allerdings nicht tragisch ist: Zur angesetzten Stunde redet Ankrah ohnehin auf einer Sitzung des Nationalen Befreiungsrates.

Die Militär-Neger, die sich mit Waffengewalt an die Spitze ihrer Staaten setzten, wollten unter anderem den Sumpf der Verwaltung trockenlegen. Sie haben inzwischen erkannt, wie hoffnungslos ihr Vorhaben war. General Joseph-Désiré Mobutu, selbsternannter Präsident des einst belgischen Kongo, zum SPIEGEL: »Unsere Verwaltung ist völlig unzureichend. Es gibt zu viele Funktionäre, die nicht imstande sind, in eigener Verantwortung zu arbeiten.«

Mobutu selbst ist hinreichend damit beschäftigt, immer neue Vorschriften zu erlassen und sie wenige Tage später zu revidieren - weil die Verwaltung seine Anordnungen nicht bewältigen kann. So befahl er, die Mieten im ganzen Land drastisch zu senken. Da dann aber alle Eigentümer die Mieter hinausgeworfen hätten, mußte der Ukas widerrufen werden.

Vor denselben Schwierigkeiten stehen die Militärjunta in Nigeria und der Nationale Befreiungsrat in Ghana. In Akkra arbeiteten beispielsweise noch vierzehn Tage nach dem Militärputsch des Obersten Kotoka ein halbes Dutzend Architekten und Innendekorateure am Entwurf eines Mausoleums für den - inzwischen gestürzten - Erlöser Kwame Nkrumah: Die Behörden hatten sich nicht einigen können, wer den Befehl zur Einstellung der Arbeiten geben sollte.

Demonstranten in Ghana*: Ein Mausoleum für den gestürzten Erlöser

* Anti-Nkrumah-Umzug in der ghanaischen Hauptstadt Akkra.

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