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SPIEGEL Essay Unter der Wolke hilflos

von Karl Otto Hondrich Der Autor, 48, ist Professor für Soziologie an der Universität Frankfurt. *
aus DER SPIEGEL 21/1986

Was tun gegen einen Feind, der nicht in Person, nicht mit Waffen, nicht einmal mit feindlicher Absicht naht, sondern als unsichtbar strahlende Wolke, als ein von Menschen ungewollt entfesseltes Heer von Mikroblitzen das die menschliche Unterscheidung von Freund und Feind nicht kennt?

Ob wir wütend werden oder gelassen bleiben, ob wir die Fenster schließen und die Kinder ins Haus sperren oder über solche uralten Symbolgesten des Sichschützen-Wollens den Kopf schütteln - das Grundgefühl in allen Reaktionen ist: Hilflosigkeit.

Hilflosigkeit ist das unmodernste aller Gefühle. Der Mensch heute duldet sie weder bei sich noch bei anderen, zumindest nicht lange. Er analysiert die Lage, schätzt seine Mittel ab, packt die Dinge an, schafft Abhilfe. Hilflosigkeit verwandelt sich in produktive Veränderung. So hätten wir's gern.

Vorzeigbare Veränderungen werden uns bald präsentiert werden: zusätzliche Meßstellen, bundeseinheitliche Grenzwerte, - ausgefeilte Einsatzpläne für den Notfall, vielleicht sogar eine internationale Vereinbarung zur gegenseitigen Information und die politische Entscheidung, »daß Kalkar nicht ans Netz geht«.

Im übrigen wird das neue Ereignis schnell von alten Interpretationsmustern und Gewohnheiten vereinnahmt werden. Aber in den Unterströmungen des sozialen Lebens wird sich etwas geändert haben.

Hier bildet sich, als Gegenwelt zu offiziellen Verlautbarungen, politischen Entscheidungen, verallgemeinerbaren Argumenten, eine zweite unterbödige Realität aus. In ihr dominieren Ängste. elementare Zu- und Abneigungen, Gespür für Macht- und Interessenänderungen, unausgesprochene Konflikte. Eine Unterwelt der Irrationalitäten also? Im Gegenteil. Hier wird einer Welt vordergründig geschliffener Rationalität die authentische Rationalität der eigenen Bedürfnisse entgegengestellt.

Was oben, offiziell, nicht zur Sprache kommen darf, zensiert und tabuisiert wird, kommt in der Unterwelt zu seinem Recht. Je mächtiger es wird, um so weniger kann es von der Oberwelt ignoriert werden. Aber es kann lange dauern, bis es dort als Korrektiv auftaucht.

Wie verändert die radioaktive Wolke aus der Sowjet-Union die Unterströmungen des Ost-West-Konflikts, des politischen Konflikts um die Kernkraft des Konflikts zwischen Regierenden und Regierten und schließlich soziale Spannungen in unserem Alltag?

In der Unterwelt des Ost-West-Konflikts halten sich zwei kollektive Ängste die Waage: die Angst vor einem feindseligen Gegner, die mit der atomaren Aufrüstung bekämpft wird; und die dadurch neugeschaffene Angst vor Atomwaffen, nicht nur der Gegen-, sondern auch der eigenen Seite. Sie ist im Grunde nicht mehr eine Angst vor Menschen, sondern eine gemeinsame Angst der Menschen im Westen und im Osten vor den von ihnen selbst entfachten und in Waffen gegossenen Naturkräften.

Durch die Katastrophe von Tschernobyl wird die Angst vorübergehend von Atomwaffen auf Atomwerke abgelenkt, insgesamt aber, als Atomangst, lädt sie sich auf. Wenn uns schon die Explosion eines winzigen, friedlich genutzten Reaktors in großen und anhaltenden Schrecken versetzt, wieviel mehr müssen wir dann einen atomaren Krieg fürchten! Das Mehr an Kriegsangst gegenüber der Feindesangst hat der Chance des Friedens, aus dem Untergrund der kollektiven Gefühle heraus, gedient.

Die »Differenz der Ängste« wird auch dadurch vergrößert, daß Feindesangst sich gegenseitig abbaut. Feindseligkeit beruht auf der Annahme gefährlicher, oft elementarer Interessengegensätze. Seit langem aber werden die Interessengegensätze zwischen West und Ost durch eine immer tiefer wurzelnde Gemeinsamkeit der Interessen an der Sicherung von Wohlstand und Fortschritt (unterschwellig besonders gegenüber den Habenichtsen der Dritten Welt) verödet.

Die radioaktive Wolke, die aus der Ukraine nach Westen zieht, beschleunigt und erweitert die Vergemeinschaftung der Interessen: Wir fürchten uns nicht mehr vor der Feindlichkeit der Russen, sondern vor ihrem Unglück, vor unseren eigenen Reaktorrisiken genauso wie vor ihren. Kaum etwas bringt Menschen im Innersten zwingender zusammen als das Gefühl, gemeinsam bedroht zu sein. Es begründet ein gemeinsames Interesse an Sicherheit, das wiederum nur gemeinsam, in gegenseitiger Verantwortlichkeit, verfolgt werden kann.

Auch wenn die Sowjets, hilflos und erschreckt, in das gewohnte Muster potemkinscher Vertuschung zurückfallend, das gemeinsame Interesse schlecht bedient haben, stellen sie es doch nicht in Frage. Um das optimistische Szenario vollständig zu machen: Je stärker das Gefühl für Interessenverflechtung und je schwächer damit die Feindesangst wird, um so mehr verliert die gemeinsame Angst vor atomaren Waffen, also die Abschreckung, ihren Sinn; die Chancen der Abrüstung steigen.

Dies ist nicht die ganze Realität (und deshalb keine Prognose). Es ist nur ein Ausschnitt aus einer Unterströmung. Andere Unterströmungen machen das Bild verwirrender und widersprüchlicher: der wahrscheinlich unterschwellige Zorn der Polen, Tschechen und Ungarn gegen die Russen, der die Bindungen innerhalb des Ostblocks strapaziert; die Auseinandersetzung zwischen Deutschen und Franzosen über das Atomwerk Cattenom... Der Ost-West-Konflikt wird modifiziert durch Konflikte zwischen sicherheitsbewußteren und bedenkenloseren Nationen. Die Karten werden neu gemischt.

Der Unterstrom ihrer Interessen, ihrer Vernunft und ihrer Ängste treibt die Bundesrepublik stärker nach Osten. Das Band zu den USA wird schwächer. Den draufgängerischen Amerikanern war unsere doppelte Angst vor Krieg und Atomwerken seit jeher fremd. Mit den osteuropäischen Ländern haben wir bislang zumindest die Kriegsangst geteilt. Jetzt, nachdem ihre optimistische Haltung zur friedlichen Nutzung von Kernenergie einen Schock bekommen hat, haben wir mit ihnen auch die Angst vor den Atommeilern gemein. Die Wolke aus Tschernobyl hat eine unsichtbare europäische Grenze besonders stark nachgezogen - hinter Saarbrücken.

Im Kreis der Atomnationen ist die Bundesrepublik aufgewertet worden, sowohl durch die vermutete Perfektion ihrer Atomwerke als auch durch die starke Opposition gegen dieselben Werke. Ein Musterländle für Anhänger und Widersacher von Kernkraft gleichermaßen! Nirgendwo hat ihr Widerstreit eine so eigenständige Konfliktkultur ausgeprägt wie in der Bundesrepublik.

Die im Lande selbst in die Defensive gedrängten Befürworter atomarer Energie können sich doch nach außen eines technologischen Sicherheitsvorsprungs rühmen. Untergründig wissen sie, daß sie diesen auch ihren relativ starken Gegnern und den Demonstranten vor ihren Fabrikzäunen zu verdanken haben. Der innergesellschaftliche Konflikt hat mitgeholfen bei der Produktion von Spitzentechnologie.

Grund zu verhohlener Genugtuung in der Regierung? Es sieht nicht so aus, als ob sie sich des Desasters in seiner ganzen Tragweite bewußt sei. Der radioaktive Regen hat die Kluft zwischen dem Volk und seiner politischen Klasse in der Bundesrepublik vertieft wie nie zuvor.

Zwar haben Glaubwürdigkeit und Integrität politischer Amtsträger schon

vorher gelitten, zuletzt in der Flick-Affäre. Zwar zeigt sich seit langem politische Inkompetenz vor dem Problem der Arbeitslosigkeit. Aber davon sind nur wenige betroffen, und kaum existentiell. Jetzt aber geht es um Bedrohungen für alle, auch diejenigen, die davon nichts wissen wollen. Das gibt der Hilflosigkeit der Regierenden, die jetzt zutage tritt, ein besonderes Gewicht.

Aber liegt die Verantwortung nicht bei den Russen? Die Unterwelt unserer Gefühle weiß es besser. Nicht umsonst klingen die Vorwürfe an die Adresse der Sowjets hohl und halbherzig. Es sind die Vorhaltungen eines Knaben, der mit Streichhölzern spielt, an einen andern, der nebenan genau dasselbe tut und dabei das Haus in Brand setzt. Es gibt zwischen den politischen Klassen in Ost und West, eine Komplizenschaft in der Konkurrenz. Das gegenseitige Sichbeweisen-Wollen von Systemvorzügen und Steigerungsmöglichkeiten begründet eine Gemeinsamkeit der Schuld. Ob es auch ein Bewußtsein gemeinsamer Schuld gibt?

Die sowjetischen Offiziellen haben bisher ebenso unverfroren und selbstbewußt die Sicherheit ihrer Atomanlagen behauptet wie die deutschen. Jetzt rieselt der sowjetische Glaubwürdigkeitsverlust genauso auf unsere Politiker nieder wie der radioaktive Staub aus der Ukraine auf unsere Wiesen. Der Typus des offiziellen Beschwichtigers, der dem Volk vormacht, alles berechnet und alles unter Kontrolle zu haben, ist dort wie hier der gleiche. Ja, es gibt sie: die Internationale der Unglaubwürdigkeit.

Und wie steht es mit der Verantwortung der Wissenschaftler? Sind sie es nicht, deren Risikoberechnungen die Politiker vertrauen können müssen? Erst nach und nach, durch den kritischen Diskurs innerhalb der Wissenschaft, erfahren wir, daß die offiziell genutzten Berechnungen entweder abwegig sind oder ein viel höheres Risiko ausweisen, als dem Laien ersichtlich wird. Für die Politik ist es bequem und fatal zugleich. sich auf »die Wissenschaft« als Beschaffer von Argumenten zu verlassen. Es führt zur falschen Begründung von politischen Entscheidungen.

Statt zu sagen: »Ich als Politiker bin bereit, das nicht genau abschätzbare Risiko für den Betrieb von Kernkraftwerken und seine vermutlichen Folgen zu verantworten, und bitte euch Wähler (auch dafür) um eure Stimme«, wird erklärt: »Wie die Wissenschaft berechnet hat, gibt es nur ein zu vernachlässigendes Restrisiko, also praktisch kein Risiko beim Bau von Atomwerken« Das heißt: Was es nicht gibt, braucht man auch nicht zu verantworten. Die Politik macht sich von Verantwortung frei und beruft sich auf die Wissenschaft.

Allenfalls ein kleiner Teil der wissenschaftlichen Produktion ist Wissen; der größere: neues Unwissen. Wenn Wissenschaftler heute, politischem Drängen folgend, Unbedenklichkeitswerte für radioaktive Belastung gleichsam offiziell konstatieren, ohne die darin enthaltene Unwissenheit, Unbestimmtheit und Interpretationsbreite anzugeben, verlassen sie den Bereich des wissenschaftlichen Argumentierens und werden selbst zu einem Politikum; hoch angesetzte Grenzwerte begünstigen die Atomlobby - und umgekehrt.

Tatsächlich kann nur die »Verwirrung« um Grenz- und Belastungswerte nicht deren verbindliche Festlegung dem Kenntnisstand der Wissenschaft gerecht werden. Die Wissenschaft muß sich zu ihrem Unwissen, zu ihrer legitimen Hilflosigkeit bekennen, will sie ihr Vertrauen zurückgewinnen.

Auch der Politik ist eine legitime Hilflosigkeit einzuräumen: wenn sie die Risiken ihrer Entscheidungen bedacht und offengelegt und die möglichen Vorsorgen für den Risikofall getroffen hat - und dann doch durch Unvorhersehbares überrascht wird. Die Hilflosigkeit, in der sich Politik heute und hier präsentiert, ist eine dreifach illegitime und skandalöse: Sie will ihre selbst eingegangenen Risiken nicht wahrhaben, versteckt sich dabei hinter einem unzulänglichen Expertenwissen und hat in kaum glaublicher Leichtfertigkeit den möglichen Risikofall außer acht gelassen. Sie hat das Land mit Atomwaffen und -meilern gespickt und weiß beim Auftauchen der ersten radioaktiven Wolke nicht, wohin mit verseuchtem Kopfsalat.

Und wohin mit dem Vertrauen, das dieser Politik und einer, ihr verschriebenen Wissenschaft auf breiter Front entgleitet? Zum Teil fließt es, über die Grünen, ins politische System zurück. Wer nach wie vor auf Atomenergie baut, muß sich - auch wenn ihm die Grünen ein Greuel sind - im Interesse eines funktionstüchtigen politischen Systems jetzt beglückwünschen, daß es die grüne Partei gibt: Was für eine Demokratie wäre das, in der die Bürger nur Parteien finden, die in einer von vielen als lebenswichtig empfundenen Streitsache nur die eine Seite vertreten?

Allerdings, der Verlust von Vertrauen in die Machbarkeit der Dinge macht auch den Grünen selbst zu schaffen: Wozu noch biologisch anbauen, Müll vermeiden, das Waldsterben bekämpfen? Die radioaktive Wolke zieht auch Fatalismus und Resignation. Verfall von Engagement, Abwendung von politischem Denken überhaupt nach sich. Die Chance für eine neue Religiosität? Heil oder wenigstens Trost in der Familie?

Indessen folgt das Unheil auch in die private Lebenssphäre, die wichtigste Schutzzone des modernen Menschen, nach. Zwar ist der Wunsch, Kinder zu haben, schon früher (auch im Gefolge wissenschaftlicher Errungenschaften) unter den Verantwortungsdruck bewußten Entscheidens geraten. Aber jetzt wird er mit neuen Ängsten belastet. Die Erwartung eines Kindes, früher »froh und glücklich« genannt, wird heute zusehends sorgenvoll. Die gesunden Nahrungsmittel von gestern sind heute die gefährlichen. Der Neid der Alten auf die Jugend verwandelt sich in Mitleid.

Wie muß man es nennen: Umwertung der Werte? Entwertung des Wertvollen? Ein plötzlicher Schub des Altwerdens, der einzelne ebenso erfaßt wie die ganze Zivilisation? Oder nur ein kleiner Schwächeanfall, ein Unfall eben, nicht mehr?

Erst in Zukunft werden wir ermessen können, wie tief und nachhaltig die Störung des Lebensgefühls ist, die die anmaßende Allianz von Wissenschaft und Politik über uns gebracht hat. Bis in die Familien hinein ziehen sich die zusätzlichen Konfliktlinien zwischen einer Rationalität der Sorglosigkeit und einer Rationalität der Vorsicht, zwischen Optimisten und Pessimisten.

Was die neuen Risiken, für die Tschernobyl steht, im sozialen Leben untergründig bewirken, wird sich auch an veränderten Geburtenraten ablesen lassen. Die offiziellen Gesundbeter für die Ungeborenen der Zukunft sind um ihre Aufgabe nicht zu beneiden.

Brauchen wir eine neue Moral? Fast ist man versucht zu sagen,' nein. Denn die Forderung, daß wir für vermutete Wohlstandsvorteile jetzt und heute nicht unabsehbare Risiken auf das Leben der folgenden Generationen eingehen dürfen, ist weder besonders neu noch besonders umstritten. Gefragt ist die alte Moral, die den Forderungen Einsichten und den Einsichten Taten folgen läßt.

Verunsicherung, Zweifel und Hilflosigkeit, die jetzt (erst jetzt) zu ihrem Recht kommen, entfalten ihre eigene produktive Kraft: nicht nur vorübergehend als Anstoß für Lernen und neue Entscheidungen; sondern auch, auf lange Sicht, in der Verwandlung sozialer Beziehungen. Dabei wird autoritäres Bestimmenwollen durch eine neue Mündigkeit des Zweifelns bedrängt. Es bleibt Hoffnung, daß wir den Gefahren des Fortschritts, deren Ahnung wir oft in die Unterströmungen des sozialen Lebens verbannen, auf diese Weise frühzeitig begegnen - nicht nur in der Unterwelt der Gefühle, sondern auch in der Oberwelt der politischen Entscheidungen.

Karl Otto Hondrich
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