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KRIMINALISTIK Unter die Haut

Der Tod Uwe Barschels vor Jahresfrist hatte Folgen: mehr Selbstmorde in der Badewanne. *
aus DER SPIEGEL 40/1988

Das Photo wurde von Zeitungen gedruckt und vom Fernsehen verbreitet. Allein der Abdruck im »Stern« und in der »Bild«-Zeitung, die Sendung in »Tagesschau« und »heute« erreichten ein Publikum von 40 Millionen Menschen. Danach brach in Gremien und Foren, in Familien und Freundeskreisen eine bis heute nicht beendete Debatte los, in der es um den Photographierten ging: den »Toten in der Wanne« ("Bild").

Fast ein Jahr nach Uwe Barschels Ende am 11. Oktober 1987 im Genfer Hotel »Beau-Rivage« hat jetzt der Hamburger Rechtsmediziner Kurt Trübner, 30, eine andere Folge der tödlichen Affäre beschrieben: In der jüngsten Ausgabe der Fachzeitschrift »Kriminalistik« bilanziert Autor Trübner »nach Barschels Selbstmord eine Häufung ähnlicher Fälle«.

»Die plakativen und detaillierten Berichte in den Medien über spektakuläre Todesfälle«, weiß der Arzt, »können einen bereits suizidgefährdeten Bevölkerungsanteil zum Freitod veranlassen.« Genau so sei es im Fall Barschel geschehen, bei dem »die Möglichkeit des Freitodes durch Ertrinken in Kombination mit Alkoholgenuß und Medikamenteneinnahme in vielen Presseorganen ausführlich dargestellt wurde«.

Noch dazu, so Trübner, habe die »Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben« geradezu »Patentansprüche« für diese Selbstmordtechnik angemeldet, die sie in einer Broschüre empfehle. Der »Einfluß der Massenmedien« habe erkennbar zu einer Welle von Selbsttötungen in der Badewanne geführt, erläutert der Mediziner: »Es gibt deutliche Hinweise dafür, daß der Freitod des Politikers nachgeahmt wurde.«

Schon die zeitliche Nähe zu Uwe Barschels Tod legt solche Schlußfolgerungen nahe. Drei Wannenselbstmorde wurden noch in derselben Woche beim Institut für Rechtsmedizin der Universität Hamburg registriert, für das Trübner tätig ist. Weitere Fälle gab es in schneller Folge. Auch Professor Volkmar Schneider, dem Direktor des Instituts für Rechtsmedizin in Berlin, fielen zwei Selbstmorde in der Badewanne auf, die sich kurz nach Barschels Tod auf ganz ähnliche Weise ereigneten.

Einige der Selbstmörder hatten sich laut Trübners »Kriminalistik«-Beitrag »eingehend mit dem viel beredeten Todesfall beschäftigt« oder sogar angekündigt, sich »wie der prominente Politiker« umzubringen - so etwa ein 77jähriger Mann, der sich für unheilbar krebskrank hielt.

Im ganzen Jahr 1986 waren an dem Hamburger Institut drei Leichen aus Badewannen obduziert worden, ebenso viele im Jahr zuvor. Von Mitte Oktober bis zum Jahresende 1987 waren dagegen 13 Todesfälle dieser Art zu untersuchen, von denen sich zehn als Selbstmorde erwiesen, davon acht höchstwahrscheinlich durch Ertrinken. Beispiele: *___Eine 86jährige Frau, die unter Depressionen litt, ____wünschte sich nach den Berichten über

Barschels Ende einen ebenso »leichten Tod«; sie lag zwei Tage später, mit Unterwäsche bekleidet, tot in der gefüllten Badewanne. *___Ein 22jähriger Medizinstudent sah, nach einem ____Zerwürfnis mit seiner Freundin, ein Fernsehinterview ____mit dem Leiter der Gesellschaft für Humanes Sterben ____über Wannenselbstmorde und starb am nächsten Tag in der ____gefüllten Badewanne, auf deren Rand eine Sektflasche ____mit Sektglas stand. Eine Sektion der Leiche lehnte der ____Vater des Toten ab, weil zur Klärung der Todesursache ____ein Blick in die Zeitung genüge. *___Eine 72jährige Frau, die den Verlust ihres Ehemanns zum ____Jahresbeginn nicht verwinden konnte, wurde im November ____1987 nach zwei vergeblichen früheren ____Selbstmordversuchen leblos in ihrer Wanne gefunden. Ihr ____Sohn hatte ihr zuvor eine Zeitschrift mit dem Titelbild ____des toten Uwe Barschel mitgebracht.

In den meisten Fällen hatten die Selbstmörder Schlafmittel eingenommen und sich in die Wanne gelegt, »um nach Eintritt der Bewußtlosigkeit mit dem Kopf unter das Wasser zu gleiten und zu ertrinken« (Trübner). In drei Fällen waren frühere Selbstmordversuche gescheitert, so daß nach Einschätzung des Arztes »der Einfluß der Medien« wohl »auslösend für die erfolgreiche Suche nach einer geeigneten Selbstmordmethode, jedoch keineswegs ursächlich gewesen« sei.

Neben »Bilanzsuiziden«, etwa nach Alterskrankheiten und Depressionen, habe es aber auch Kurzschlußreaktionen gegeben, etwa infolge beruflicher Probleme oder der Trennung vom Partner. Diese »auffällige Häufung von Suizidfällen« (Trübner) erinnert an andere Selbstmordwellen todessüchtiger Nachahmer.

So brachten sich in den fünfziger Jahren etliche Leute qualvoll mit dem Pflanzenschutzmittel E 605 um, nachdem in Reportagen über drei Morde in Worms von der angeblich schnellen Giftwirkung der Substanz berichtet worden war. Und nachdem sich Mitte der sechziger Jahre buddhistische Mönche in Südvietnam und später der Prager Student Jan Palach aus politischem Protest verbrannt hatten, wiederholte sich auch dieser Akt der Selbstvernichtung in immer neuen Wellen. Nach dem Flammentod des DDR-Pfarrers Oskar Brüsewitz im August 1976 etwa verfielen binnen zwanzig Monaten 24 weitere Deutsche auf diese grausige Todesart.

Anfang der achtziger Jahre führte die sechsteilige ZDF-Serie »Tod eines Schülers«, wie eine Studie des Mannheimer Zentralinstituts für Seelische Gesundheit ergab, »zu einem Anstieg der Selbstmordzahl, vorwiegend bei der modellnächsten Alters- und Geschlechtsgruppe, bei den männlichen Jugendlichen«. Die jungen Männer warfen sich wie der Titelheld der Serie vor einen fahrenden Zug. Die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« mahnte daraufhin die Verantwortung »der modernen Medien« an.

Doch Vorbilder für selbstmörderische Imitatoren sind altbekannt. Teens und Twens des ausgehenden 18. Jahrhunderts ließen sich von den »Leiden des jungen Werthers« stimulieren, »diese Welt zu verlassen« wie die bewunderte Romanfigur. Die Behörden stuften Goethes _(Mit Ehefrau Gerda in seiner Eckkneipe in ) _(Hannover. )

Werk als »hochgefährlich« ein, in Leipzig wurde der Verkauf verboten. Wissenschaftlich blieb bis heute umstritten, ob publizierte Modellhandlungen die Zahl der Selbstmorde vermehren oder manchen ohnehin beschlossenen Freitod nur beschleunigen.

Ungeklärt ist auch die Frage, warum Todesfälle in deutschen Badewannen seit einigen Jahren gehäuft vorkommen. Der Düsseldorfer Rechtsmediziner Wolfgang Bonte kam in einer mit zwei Kollegen verfaßten Studie zu dem Ergebnis, daß vor allem »Stromtodesfälle« in der Wanne, »früher eine ausgesprochene Rarität«, seit den siebziger Jahren stark zugenommen haben. Fielen zuvor Föne, Rasierapparate oder elektrische Bügeleisen nur selten mal ins Badewasser, so kommen Morde, Unfälle und Selbstmorde dieser Art heute gleich vielfach im Jahr vor.

Wie schwierig oft die Schuldfrage zu klären ist, zeigte sich bei der Auswertung von 48 Wannen-Stromtodesfällen an den rechtsmedizinischen Instituten Düsseldorf und Göttingen. Nur in 19 dieser Fälle gab es schlüssige Hinweise auf einen Selbstmord, in den übrigen 29 Fällen blieb vieles unklar, »und man entschloß sich, einen Unfall anzunehmen« (Bonte-Studie).

Bonte-Kollege Schneider in Berlin beobachtete eine Nachahmungswelle, den sogenannten Werther-Effekt, auch nach dem Sensationsprozeß gegen den früher in Berlin und Hannover tätigen Bundesligatrainer Helmut ("Fiffi") Kronsbein. Gegen die Anklage, den Tod seiner Ehefrau verschuldet zu haben, hatte sich Kronsbein 1984 erfolgreich mit der Aussage verteidigt, seine Frau habe mit einem Fön in der Badewanne Selbstmord verübt. Danach, sagt Schneider, sei es in Berlin zu einer Häufung von Todesfällen gekommen, die mit Haartrocknern in der Badewanne herbeigeführt wurden.

Einen ähnlich regionalen Effekt wie im Fall Kronsbein hat es offenbar auch nach Uwe Barschels Tod gegeben. Denn eine so auffällige Häufung nachgeahmter Selbstmorde wie im Hamburger Institutsbereich wurde weder im Süden noch im Westen der Republik beobachtet.

»Die Diskussion und die Berichterstattung über den im Norden viel bekannteren Politiker Barschel« seien eben »in Schleswig-Holstein und Hamburg viel intensiver« gewesen als anderswo, meint der Frankfurter Rechtsmediziner Hans-Friedrich Brettel. In Hessen etwa sei der Fall den Leuten sicher »nicht so unter die Haut gegangen«.

Der Hamburger Trübner hat Bedenken gegen eine suggestive Berichterstattung, in der dann auch noch »die Suizidmethoden geradezu ''angeboten'' wurden«. »Dieser Problematik«, meint der Arzt, müsse »man sich bei den Medien bewußt sein«.

Mit Ehefrau Gerda in seiner Eckkneipe in Hannover.

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