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»Unter einem Betonklotz«

Interview mit dem Mordverdächtigen Christer Pettersson
aus DER SPIEGEL 13/1998

SPIEGEL: Haben Sie Olof Palme erschossen?

Pettersson: Nein.

SPIEGEL: Es gibt aber neue Zeugen, die Sie am Tatort gesehen haben wollen.

Pettersson: Also, wenn man an Gott glaubt, dann gibt es drei, die die Wahrheit kennen: den Mörder, Gott und mich. Glaubt man nicht an Gott, dann gibt es wenigstens zwei: den Mörder und mich.

SPIEGEL: Und was wissen Sie?

Pettersson: Ich weiß, daß ich nicht der Mörder bin.

SPIEGEL: Kann es nicht sein, daß Sie die Tat verdrängt oder vergessen haben?

Pettersson: Oder sie sozusagen schlafwandlerisch begangen habe? Nein, ich bin wahrscheinlich derjenige in Nordeuropa, dessen Geisteszustand am häufigsten untersucht worden ist, ganze sechsmal, immer mit dem gleichen Ergebnis: Pettersson ist nicht geisteskrank. Über die vermeintlich neuen Zeugen kann ich halb ernsthaft, halb im Scherz nur sagen: Die müssen zwölf Jahre lang geschlafen haben.

SPIEGEL: Haben Sie irgend etwas getan, das den Zeugen Angst hätte einflößen können?

Pettersson: Nein, ich habe ja mit keinem von ihnen Umgang gehabt.

SPIEGEL: Ihr Freund Sigge Cedergren hat kurz vor seinem Tod der Polizei erzählt, er habe Ihnen eine Waffe ausgehändigt. Richtig?

Pettersson: Da habe ich die Waffe wohl am Mordabend runtergeschluckt. Oder vielleicht hat sie sich in Atome aufgelöst.

SPIEGEL: Dann hat Cedergren also auf dem Totenbett gelogen?

Pettersson: Er war krebskrank und bis unters Dach mit Morphium vollgestopft.

SPIEGEL: Das Oberlandesgericht hat Sie 1989 zwar freigesprochen, aber auch festgestellt, daß Sie kein zuverlässiges Alibi haben.

Pettersson: Ich hatte zwei Alibizeugen, aber die wurden damals abgesägt, der eine, weil er Trinker war.

SPIEGEL: Sie waren doch in der Mordnacht in der Nähe des Tatorts ...

Pettersson: ... das habe ich nie bestritten. Ja, ich war in Cedergrens Spielclub.

SPIEGEL: Sie sind 50mal vorbestraft, unter anderem wegen Totschlags und einer Reihe von anderen Gewaltverbrechen. Finden Sie nicht auch, daß Sie die Toleranz des schwedischen Staats ziemlich strapazieren?

Pettersson: Zum Teufel noch mal, nein. Wenn die mich in einem neuen Prozeß jetzt nageln, muß ich 25 Jahre absitzen und bin erst frei, wenn ich 75 bin. Nein, das ist zum Kotzen, das halte ich nicht aus, ich lebe wie unter einem Betonklotz (fängt an zu weinen).

SPIEGEL: Haben Sie eine Ahnung, wer Olof Palme umgebracht hat?

Pettersson: Wer hatte denn Anlaß, Palme zu hassen? Iran und Irak zum Beispiel. Oder alle jene, die das Geld lieben, die schwedische Rechte, da gab es doch genügend Palme-Hasser.

SPIEGEL: Und Sie haben Palme nicht gehaßt?

Pettersson: Ich habe Palme nur einmal persönlich erlebt, während meiner Wehrpflicht. Im Stadtpark von Skelleftea hielt er 1968 eine Rede, in der er gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei protestierte. Übrigens haben meine Eltern und ich immer sozialdemokratisch gewählt.

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