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CHILE Unter Freunden

Zehn Jahre lang isolierten die USA den Führer des ersten sozialistischen Staates in Lateinamerika von seinen Nachbarn. Jetzt fuhr Fidel Castro auf Staatsbesuch nach Chile.
aus DER SPIEGEL 47/1971

Er trage keine kugelsichere Weste, beschied der Staatsgast fragende Reporter. »Ich habe nicht einmal ein Unterhemd an.«

Fidel Castro trug, wie stets, seine schmucklose olivgrüne Uniform, als er am vergangenen Mittwoch auf dem Flughafen von Santiago de Chile aus dem weißen Iljuschin-62-Jet der sowjetischen Fluglinie Aeroflot kletterte und Präsident Salvador Allende -- im dunklen Anzug -- ihn in die Arme schloß.

Seite an Seite in einer offenen Limousine stehend, rollten die beiden Staatschefs vom Flughafen aus zwei Stunden lang durch die Arme-Leute-Gegenden und das Marktviertel der Stadt. Väter hoben dem Gast ihre Kinder entgegen, junge Männer reckten die Arme, um ihn mit den Fingerspitzen zu berühren. »Genosse Fidel«, verkündeten Flugblätter mit aufgedrucktem Castro-Profil, »hier bist du unter Freunden.«

Der Besuch bei den Freunden in Santiago bedeutet für den Máximo Lider aus Havana das Ende einer von den USA erzwungenen Verbannung. Seit Washington 1962 »den Ausschluß des sozialistischen Inselstaates aus der Organisation Amerikanischer Staaten durchsetzte, hatte Castro kein lateinamerikanisches Land mehr besucht, hatte Kuba nur noch mit Mexiko diplomatische Beziehungen unterhalten.

Als vor einem Jahr in Chile der Marxist Allende zum Präsidenten gewählt wurde, durchbrach er zwar die Quarantäne und setzte sofort einen Botschafter nach Havana in Marsch. Die spektakulärste Herausforderung Washingtons jedoch -- den Besuch Castros in Chile -- schoben die beiden sozialistischen Staatschefs bislang vor sich her.

Erst jetzt, so scheint es, halten sie Chiles Volksfront-Regierung für stark genug, die Visite des -- von der chilenischen Rechtspresse noch immer als »Schakal der Kariben« verteufelten -- Kuba-Premiers zu verkraften.

Tatsächlich gelang es Allende in dem einen Jahr seiner Amtszeit, seine Regierung mit einer »Mischung aus Kühnheit und Vorsicht« ("The New York Times") zu konsolidieren. So stimmten selbst innenpolitische Gegner zu, als er die Enteignung von drei US-Gesellschaften verfügte, die Chiles größte Kupferminen abbauten, und die Entschädigung gegen »überschüssige Gewinne« in der Vergangenheit aufrechnen ließ.

Als darauf der US-Außenminister William P. Rogers die völlige Einstellung jeglicher US-Entwicklungshilfe für Chile androhte, ergriff selbst der oberste Kirchenführer des Landes Partei für den Marxisten Allende: »Der Nationalisierungsprozeß«, erklärte Raul Kardinal Silva Henriquez, »ist verfassungsmäßig unanfechtbar.«

Freilich: Ausbleibende Kapitalinvestitionen aus dem Ausland, rapide gesunkene Kupferpreise auf dem Weltmarkt (etwa 49 US-Cent je Pound gegenüber rund 68 Cent im Vorjahr) und Produktionseinbußen in den größten Kupfergruben ließen die chilenischen Devisenvorräte um mehr als die Hälfte zusammenschmelzen.

Dennoch konnte die Regierung der Volksfront in der Wirtschaft wichtige Pluspunkte sammeln:

* Staatliche Preiskontrolle bei kräftigen Lohnerhöhungen senkten die Inflationsrate von 32,9 Prozent im Vorjahr. (Januar bis September) auf jetzt 13,9 Prozent;

* die Arbeitslosenquote im Gebiet von Santiago sank von acht auf unter fünf Prozent;

* die Industrieproduktion stieg seit 1970 um etwa zehn, die Agrar-Erzeugung um sechs Prozent.

Das außenpolitische Ansehen der Regierung Allende wuchs zudem durch taktisch kluge Staatsbesuche in mehreren lateinamerikanischen Nachbarländern, und auch der Literatur-Nobelpreis für den kommunistischen Dichter und Allende-Botschafter in Paris, Pablo Neruda« hob das Image.

Penibel geübte Verfassungstreue schließlich brachte dem sozialistischen Regierungsbündnis sogar Achtung bei bürgerlichen Gegnern im Lande ein.

Eben darin sehen junge Radikale eine gefährliche Schwäche der Allende-Regierung. Überzeugt, »daß die Revolution nur mit bewaffneter Gewalt nach Castro-Muster siegen könne, setzte sich die »Bewegung der revolutionären Linken« (Mir) an die Spitze landloser Mapuche-Indianer und enteignete Landbesitz auf eigene« Faust. Einer ihrer Anführer wurde Ende Oktober von Grundherren erschossen.

Auf einer Gedenkversammlung für den Toten wandte sich Mir-Chef Miguel Enriquez gegen das Festhalten der Regierung an den Spielregeln bürgerlicher Legalität. Allende konterte: Schon Lenin habe den Extremismus als »Kinderkrankheit des Kommunismus« verurteilt. Das Polit-Komitee der Volksfront warnte die linken Genossen: »Wenn die Mir ihren politischen Kurs nicht ändert, wird sie unausweichlich von der arbeitenden Klasse und vom Volk verstoßen werden.«

Castros Besuch könnte die Ungeduld auf der äußersten Linken vielleicht bremsen: Das kubanische Mir-Idol war früher fest überzeugt, ohne bewaffnete Gewalt seien die bestehenden Strukturen in Lateinamerika nicht zu ändern -- seit Allendes Wahlsieg scheint Castro seine Meinung modifiziert zu haben. Castros Kommen, so erklärte Allende, bedeute die Anerkennung der Tatsache, »daß dies eine revolutionäre Regierung ist und daß wir eine Revolution machen«.

Castros Kommen signalisiert zugleich aber ein schärferes Tempo in Chiles Revolution. Ende Oktober legte die Regierung dem Kongreß einen Gesetzentwurf zur Verstaatlichung von weiteren 150 Großunternehmen vor.

Einen Tag nach Castros Ankunft unterbreitete Allende dem Kongreß eine Vorlage zur Verfassungsreform: Das traditionelle Zweikammer-System des Parlaments soll durch eine souveräne Volksversammlung ersetzt werden.

Während die Mühlen der Legalität die Gesetze für die Revolution mahlen, gönnen sich die beiden Revolutionäre einen Ausflug in bürgerliche Beschaulichkeit: Vor seinem Rückflug nach Kuba will Castro mit seinem Gastgeber in Südchile Forellen fischen.

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