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WEHRMACHT-REQUISITION Unter Freunden

aus DER SPIEGEL 39/1964

Franz-Josef Strauß hatte dem Bundesfinanzminister Rolf Dahlgrün wichtigen Besuch aus Paris avisiert: Ein Herr fordere im Auftrag einer französischen Industriefirma von der Bundesrepublik Deutschland rund drei Millionen Mark.

Die Zukunft der deutsch-französischen Beziehungen lag Strauß so sehr am Herzen, daß er Dahlgrün bat, die Summe auszuzahlen, unabhängig davon, ob die Forderung nachweislich zu Recht oder zu Unrecht geltend gemacht werde. Denn, so meinte Strauß, der Unterhändler könne eines Tages Ministerpräsident, vielleicht sogar Staatspräsident der Fünften Republik werden.

Auch Ludwig Erhard und Konrad Adenauer hatten dem Finanzminister zu verstehen gegeben, er möge die Wünsche des französischen Gastes zumindest wohlwollend prüfen.

So trefflich eingeführt, rückte Antoine Pinay, ehemals Ministerpräsident der Vierten Republik, im Monat Mai mit dem Pariser Anwalt Jean Violet im Bundesfinanzministerium an.

Die beiden präsentierten Dahlgrün ein Dokument aus den Tagen der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Eine Firma »Sociéte des Métaux Spéciaux« stellte darauf Metallieferungen im Werte von etwa drei Millionen Mark an die deutschen Besatzer in Rechnung. Das Papier trug Aktenzeichen und Siegel einer deutschen Dienststelle. Ein Hauptmann der Wehrmacht hatte es mit seiner Unterschrift beglaubigt.

Der Bundesfinanzminister versprach, den Fall rasch bearbeiten zu lassen.

Dahlgrüns Wiedergutmachungsexperte Ministerialdirektor Féaux de la Croix nahm sich des Schriftstücks an und erinnerte sich bald eines delikaten Umstands: Sachverhalt und Summe der Lieferanten-Rechnung deckten sich genau mit dem Inhalt eines Requisitionsscheines, den die Franzosen schon vor Jahren der Bundesregierung zwecks Schadenersatzes vorgelegt hatten.

Bonn hatte die französischen Ansprüche damals mit der Begründung zurückgewiesen, nach den deutschen Zahlungen gemäß dem Londoner Schuldenabkommen von 1953 brauche die Bundesrepublik alte Requisitionsscheine nicht individuell einzulösen. Was mithin vor Zeiten als Schadenersatzforderung abgelehnt worden war, sollte nun offenbar - so folgerten Dahlgrüns Wiedergutmacher - am Bonner Lieferanten-Eingang direkt nachträglich kassiert werden.

Die befremdliche Übereinstimmung der neuen Forderung mit dem alten Requisitionsschein veranlaßte die Beamten, den Rat bundesdeutscher Kriminaltechniker einzuholen. Und deren Arbeit führte zu verblüffenden Resultaten:

- Die Hauptmanns-Signatur unter der Millionen-Rechnung ist gefälscht,

- das deutsche Aktenzeichen frei erfunden,

- das Dienstsiegel der Wehrmacht -Einheit eine Pauskopie und

- die Papiersorte der angeblich aus dem Jahre 1943 stammenden Rechnung wird in Frankreich erst seit 1953 hergestellt.

Wer freilich das Falsifikat in den deutsch-französischen Freundschaftskanal geschmuggelt hat, vermochte auch der zuständige Finanzminister trotz heftiger Anstrengungen bislang nicht zu klären.

Dahlgrün-Mitarbeiter erinnern sich lediglich an eine Bemerkung ihres Chefs: »Sicher weiß Pinay nichts davon.«

Rechnungs-Überbringer Pinay

Prüfer de la Croix

Die Signatur war falsch

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