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BAYERN Unter Freunden

Edmund Stoiber nahm seine Fehler nicht wahr und auch nicht, wie seine Macht verfiel, darum muss er gehen. Die Chronologie dieses erzwungenen Rücktritts erzählt vom Täuschen und Heucheln - und der Machtkampf zwischen Erwin Huber und Horst Seehofer führt in die Abgründe der CSU.
aus DER SPIEGEL 4/2007

Edmund Stoiber kam als Politiker ohne Zukunft nach Wildbad Kreuth, aber er kam, wie er immer gekommen war in all den Jahren. »Sagt's mal«, schimpfte er, da die Reporter ihm den Weg versperrten. »Sie werden doch keinen Wegzoll verlangen«, scherzte er. Und lächelnd, als gäbe es etwas zu lächeln, den Blick in den Bayernhimmel geschraubt, als wäre für Stoiber noch immer dort droben das Limit, so schritt er voran, es war am vergangenen Dienstagvormittag.

Früher hatte ihm diese Pose etwas Visionäres verliehen, seht her, ein Bayer, ein Kerl, der weiter schaut als andere. Diesmal sah die Kopfhaltung nur noch nach einem steifen Nacken aus. Verbissen. Stolz.

Halsstarrig?

Stoiber wollte nicht aufgeben, nicht in Kreuth und nicht so früh, nicht schon mit 65 Jahren, was er, im eigenen Fall, natürlich für jung hält. So schritt er dann die Auffahrt zum Tagungszentrum der Hanns-Seidel-Stiftung hoch wie ein Wanderer, frohgemut im Frühtau zu Berge. Er kam ja nicht, um zu gehen, aus dem Amt des Ministerpräsidenten so wenig wie aus dem Amt des CSU-Parteichefs. Er wollte der Partei seinen Willen aufzwingen, wie immer in all den Jahren. Und bleiben.

Stoiber irrte, denn mit dieser seiner Ankunft begannen die 48 Stunden von Kreuth, München und Berlin. 48 Stunden waren das, wie sie so oder ähnlich selten vorgekommen sind in der deutschen Politik. Nur 48 Stunden: Sie mündeten im

Ende einer Karriere, mit dem Finale eines demütigenden Absturzes.

Es war fünf Minuten nach 14 Uhr am Donnerstag, als Edmund Stoiber durch eine Seitentür in den Pressesaal im ersten Stock der Münchner Staatskanzlei trat, im nachtblauen Anzug. Seine Pressesprecher folgten mit finsteren Mienen; nur 15 Minuten zuvor hatten sie jene Journalisten, die vor der CSU-Zentrale in der Nymphenburger Straße auf die Landrätin Gabriele Pauli warteten, von dieser Pressekonferenz unterrichtet. Die meisten kamen zu spät, Live-Bilder gab es nicht, es wirkte wie die kleine Rache des großen Stoiber, ein Signal wie ein Schrei: Die Kontrolle habt nicht ihr, die Macht hier bin immer noch ich! Für ein paar Sekunden noch.

Dann trat Stoiber ans Mikrofon, gekrümmt, ein bisschen verhuscht, ein Blatt Papier hatte er in der Hand, und ohne Gruß begann er seine Erklärung zu verlesen. Darin war von seinen Zielen die Rede, Bayern als erfolgreichstes Land zu erhalten und die CSU als erfolgreichste Partei. Mit fester Stimme, ohne diese ständigen Ähs und ohne Haspler, verkündete Stoiber, er werde nicht mehr als Ministerpräsident Bayerns kandidieren und am 30. September dieses Jahres zurücktreten; er werde auch nicht mehr zur Wahl des Parteivorsitzenden auf dem Parteitag im Herbst antreten. »Zum richtigen Zeitpunkt für Bayern und die CSU zu handeln«, das sei immer sein Ziel gewesen, sagte Stoiber, 110 Sekunden dauerte seine Rede. Fragen waren nicht gestattet, vielen Dank, meine Damen und Herren, Stoiber lächelte und sah für Sekunden gelassen aus wie lange nicht, dann trat er ab, nach links, und stolperte über einen Stuhl.

»Oh, ist das ein Attentat?«, rief er und tapste aus dem Raum, und das Publikum ereilte doch wieder dieses Gefühl, das vor zehn, fünf oder drei Jahren kein Mensch mit Edmund Stoiber verbunden hätte - und das sich seit Monaten einstellt, wenn man diesen Mann gegen den Verlust seiner Wichtigkeit kämpfen sieht.

Mitleid.

Mitleid mit einem alten Mann. Mit einem, der seit Jahren schon halbherzig ist, wenn er entschlossen sein müsste, und entschlossen sein will, wenn das albern wirkt; Mitleid mit einem dieser Politiker, die nichts zu haben scheinen als ihre Rolle, die keiner mehr anrufen wird, wenn das Amt nicht mehr ihres ist. Mitleid mit einem, der nicht zugreifen konnte, als er Bundespräsident oder EU-Kommissionspräsident oder Bundesminister hätte werden können, der aber auch nicht gönnen konnte, als andere Kanzler oder Kanzlerin wurden. Und der nicht loslassen konnte, als es Zeit war zu gehen.

Dies alles war es ja, was die Stimmung gegen Stoiber gedreht hatte: seine Gehässigkeiten gegen Angela Merkel; und die Schaffung des Superministeriums in Berlin, weil einer wie Stoiber nur Superminister werden konnte und dann lieber, leider doch nicht wollte; diese ganze Gespreiztheit des Mächtigen, von dem selbst seine Vertrauten sagen, dass er schon lange nichts mehr gestalten mochte. Stoibers Ziel war am Ende nur noch dieses: größer zu sein als Strauß.

Im September 2003 hatte Stoiber die Landtagswahl in Bayern mit 60,7 Prozent gewonnen. Er wusste jetzt, er würde länger Ministerpräsident sein als Franz Josef Strauß. »Das ist ein Ereignis, das über die nächsten Tage und Wochen weit hinausreicht«, sagte er. Stoiber war davon überzeugt, dass er Deutschland retten müsse, weil es sonst keiner konnte.

Nachdem er einmal als Kanzlerkandidat gescheitert war, glaubte er ernsthaft, er würde ein zweites Mal nominiert werden. Weil er der Beste war; was er besser als andere beurteilen konnte; weil er ja eben der Beste war. Warum sollte die Union Angela Merkel nominieren, wenn sie Edmund Stoiber haben konnte?

Seine Politik nahm besessene Züge an. Was immer er in Bayern machte, es musste Vorbild sein für das ganze Land. Dass sie in Berlin und dem Rest des Landes über seinen Eifer und auch über seine Versprecher lächelten, das sagte ihm niemand.

Seiner CSU wurde Stoiber zunehmend fremd. Sie respektierten ihn noch, weil er ihnen allen die Macht gesichert hatte, aber sie verstanden ihn immer weniger. Auf Sitzungen der Landtagsfraktion dozierte er über die Globalisierung, die Kreisverbände unterrichtete er über die Lage im Irak.

Liebe? Verehrung? Längst nicht mehr.

Im November 2005 zerstörte Stoiber das Bild, das er von sich geschaffen hatte, die Flucht aus Berlin ließ auch seine treuen Anhänger in der CSU erkennen, dass der Staatsmann Stoiber ein Zauderer war. Stoiber hätte ehrliche Berater gebraucht, aber die gab es nicht mehr; oder Freunde, aber die waren im Laufe der Wahlschlachten abhandengekommen. Im kleinen Kreis versicherte Stoiber, niemand müsse sich wegen Merkel Sorgen ums Land machen; er werde sich persönlich darum kümmern, dass die Kanzlerin keine Fehler mache.

Die, die er sehen konnte, nickten.

Stoiber ist, wie Kohl war oder Biedenkopf: Sie alle behaupteten, dass es ohne sie in der Politik nicht gehe, damit sie nicht zugeben mussten, dass sie ohne die Politik nicht wollen. Oder können. Kann Stoiber im Supermarkt einkaufen, ohne Leibwächter, Dienstwagen, Aktenträger? Kann er seinen Rasen mähen? Ein Buch lesen? Rentner sein?

Edmund Stoiber kaschierte sein Streben weniger als andere Politiker, er konnte es nicht kaschieren. Darum war er angreifbar geworden und so verletzlich. Darum war jede Kränkung so verdammt sichtbar.

Dieser schockierend haltlose Sturz hat kaum etwas mit Affären und schon gar nichts mit Bayerns Bilanzen zu tun, aber eine Menge mit Stimmungen, mit Überdruss vor allem. Eine Welle der Wut war in der Partei entstanden, dann bei den Wählern und schließlich in der Landtagsfraktion angekommen, und vielleicht hätte Stoiber ihr entkommen oder zumindest noch eine Weile standhalten können.

Er hätte nur keine Fehler machen dürfen. Nicht in diesen fatalen 48 Stunden.

Außen gelber Putz, grüne Fensterläden, drinnen Geweihe von Zwanzigendern und ein Bild von FJS: Das Tagungszentrum der Seidel-Stiftung hat den Charme eines Kolpinghauses. Nicht mal Fernseher gibt es in den 103 Einzel- und 17 Doppelzimmern.

Wenn etwas zum Inbegriff für die CSU geworden ist, für den Dauererfolg, an dem sie sich labt, für die Verlogenheit, mit der sie lebt, dann ist es der Name Kreuth. Kreuth steht für ein Bayern, wie Gott es erschaffen und die CSU vollendet hat.

Es ist Dienstag, nach Stoibers Ankunft tritt Fraktionschef Joachim Herrmann vor die Presse. Viele erwarteten, dass Stoiber »zum richtigen Zeitpunkt den Weg für eine Erneuerung frei macht«, sagt Herrmann, steif und gerade steht er da. Herrmann redet, als wäre die Machtfrage schon entschieden. Ist sie's? Als Generalsekretär Markus Söder seinem Chef berichtet, was Herrmann draußen gesagt hat, winkt Stoiber ab. Gerede, wie immer. Er will kämpfen.

Zehn Stunden lang diskutieren sie im Festsaal, Stoiber redet als Erster, liest vom Blatt ab, eine halbe Stunde lang; für seine Verhältnisse ist das atemlos, er beglückt seine Anhänger sonst über Stunden.

Er redet über sich. Er habe Fehler gemacht, sagt er. Er hätte früher mit der Landrätin Gabriele Pauli sprechen müssen. Aber er sei auch schlecht beraten worden, von allen, sogar der Kanzlerin. Er macht klar, dass die Partei nur von einem aus der Stoiber-Krise geführt werden kann: Stoiber.

Er sagt es ihnen ganz direkt: »Wenn ihr mich mürbe machen wollt, habt ihr euch getäuscht.« Stoiber redet jetzt vom Gewicht, das die CSU in Berlin hat. Die Abgeordneten wissen, wie das gemeint ist. Stoiber hat ja am Wochenende in vielen, vielen Telefonaten klargemacht, was er von seinen potentiellen Nachfolgern hält. Innenminister Günther Beckstein? Zu alt, nach einem Hörsturz nicht mehr belastbar. Wirtschaftsminister Erwin Huber? Kann den Laden nicht zusammenhalten. Herrmann? Wer?

Mehr als 60 Abgeordnete melden sich zu Wort. Alle loben seine Verdienste, wer kritisiert, kritisiert vorsichtig: »In meinem Wahlkreis gibt es erhebliche Unruhe«, mit solchen Sätzchen zupfen sie am Thron Stoibers. Nur jüngere Abgeordnete sagen es geradeheraus: »Es geht nicht mehr mit dir!« Doch Stoiber versteht sie nicht, und das sei nur logisch: »Das muss reifen nach so einem Arbeitsleben«, sagt ein Gefährte.

Auf fifty-fifty schätzen Teilnehmer den Anteil der Pro- und Contra-Wortmeldungen. Beide Seiten kleiden ihre Sorgen in wattige Worte; dann aber ergreift der frühere Justizminister Alfred Sauter das Wort. Er ist einst von Stoiber gefeuert worden, als der einen Sündenbock brauchte, »Freund« nannte Stoiber den Alfred früher. Lange her.

Und nun sagt Sauter: »Ich habe dir vor einem Jahr gesagt, du musst den Hof bestellen. Du hast nichts gemacht.« Stoiber sei ein Großer, jetzt müsse er Größe zeigen. Zuletzt wurde Sauter zum Aussätzigen, sobald Stoiber guckte; heute applaudieren die anderen lange.

Ausgerechnet Günther Beckstein redet dann wieder von der Loyalität zum Parteivorsitzenden. Stoiber sei der Grund für den Erfolg der CSU. Es klingt, als stütze er Stoiber. Nach fünfeinhalb Stunden gibt es Abendessen - Semmelknödel, Krautsalat, geräucherte Forellenfilets. Danach versucht sich Herrmann als Krisenmanager. Er hat eine Erklärung tippen lassen, er projiziert sie an die Wand: »Wir stehen zu Edmund Stoiber und der von ihm verantworteten,

überaus erfolgreichen und zukunftsweisenden Politik.« Dieser Satz soll Stoiber helfen, den letzten Schritt zu tun, und wie der aussehen soll, folgt: »Die Frage der Spitzenkandidatur zur Landtagswahl 2008 ist offen. Hierüber entscheidet der neu zu wählende CSU-Parteitag«; Stoiber werde die Parteitagsentscheidung »rechtzeitig vorbereiten«.

Beifall. Nicken. Ist das der Weg, den sie alle gesucht haben?

Herrmann liest diese Sätze dann auf der Pressekonferenz in einem eiskalten Raum im Souterrain vor, es ist ein Uhr morgens. »Es war für den Ministerpräsidenten wichtig, verschiedene Meinungen kennenzulernen und aufzunehmen«, sagt er. Aber das Komplizierte in der Politik ist stets die Deutung des Gesagten.

Stoiber glaubt, dass er Zeit gewonnen hat, aus seiner Sicht ist alles offen, aus seiner Sicht war das ein guter Tag. Er tritt eine halbe Stunde nach Herrmann vor die Presse. »Ich freue mich über die absolute Rückendeckung für meine Politik«, sagt er, »Sie wissen, dass ich gern wieder antreten würde. Ich muss es aber nicht.«

Nein, er hat nicht den Kopf verloren, noch nicht, und seine Gegner hatten noch Hemmungen an diesem Dienstag; dieser Tag war der Tag des seltsamen Versuchs, eine Revolution zu machen, bei der der Monarch mit der Sänfte aus dem Palast getragen wird. Bis vier Uhr morgens trinken und reden sie noch in Kreuth, das gab es lange nicht; die Abgeordneten Barbara Stamm und Alfred Sauter raten Stoiber zum »sauberen Rückzug«. Doch wenn es nach diesen ersten 24 Stunden Erkenntnisse für seine Gegner gibt, dann die, dass es in Wochen des Zerfalls mit höflichem Heucheln nicht getan ist.

Der frühere Parteichef Theo Waigel spricht von der größten Krise seit 1948. Es sind dies die Stunden, in denen aus einem Führungskampf ein Führungskrieg werden könnte, und dafür ist keine deutsche Partei so gerüstet wie die CSU, durch Übung ebenso wie dank ihres Personals.

Horst Seehofer, Kandidat für den Parteivorsitz und punktgenau zum Kreuther Showdown mit einer schwangeren Geliebten ins Licht gezerrt, erfährt gerade, was Büchsenspanner alles können. Dass auch andere ihre Berliner Affärchen haben, wissen alle im Parteivorstand; Seehofer muss nicht das letzte Opfer sein in dieser Union der Christsozialen, die ihre Sachfragen ganz gern mit allen Mitteln klärt.

Zur CSU gehört eben beides: die Moral im Theoretischen und das Derbe im Leben. 1986 verblich der Bürgermeister von Kreuth, CSU, in einem Münchner Bordell; das war ein Schicksalsschlag und Privatsache, aber nirgendwo sonst in der deutschen Parteienlandschaft verlangen Politiker von ihren Bürgern und den lieben Parteifreunden so ehern Sitte, Tugend, Anstand - und halten sich selbst so wenig daran.

Schon Franz Josef Strauß kamen im New Yorker Central Park Geldbörse und Führerschein abhanden. Ein gelber Wagen habe vor ihm angehalten, als er nachts gegen halb drei einen Spaziergang gemacht habe; eine »Negerin« habe ihn angesprochen, sagte er, und eine andere Dame habe sodann, »schnell wie eine Wildkatze«, in seine Hosentasche gegriffen.

Später ging dem obersten Bayern ein Auto verloren, als er in München - bei einer Freundin?, Bekannten?, Vertrauten? - zu Gast war. Oben politisierten sie wahrscheinlich gerade, unten wurde abgeschleppt.

Und als Edmund Stoiber und Theo Waigel um die Nachfolge Max Streibls rangen, trat Stoiber gleichsam notorisch mit Frau und Kindern auf und machte deutlich, dass er, leider, leider und anders als der Konkurrent ja nun keine Probleme bei der Erfüllung des bayerischen Leitbilds von Ehe und Familie habe - und Stoibers Männer riefen die Redaktionen an und nährten die so bekannten wie falschen Gerüchte von unehelichen Kindern des Gegners.

Seinen »Freund« kann Stoiber wohl auch Theo Waigel nicht mehr nennen.

Denn was privat bleibt und was nicht, ist in Bayern immer eine Frage der Macht, der Sachzwänge, also Politik. Der vorletzte Fall dieses bayerischen Spielchens, das man »Suchen, Finden & Vernichten« nennen könnte, wird hinter dem Schnüffeltelefonat von Stoiber-Intimus Michael Höhenberger vermutet, der sich nach Trink- und sonstigen Problemen der Fürther Landrätin Pauli erkundigt hatte. Der Chef, Stoiber, will von nichts gewusst haben. Vor der Fraktionsklausur wurde dann allerdings ein Stoiber-Kritiker, der Abgeordnete Hermann Imhof, deutlich: Stoiber sei umgeben von »Einflüsterern und Beratern, die im Ergebnis Schaden herbeiführen«; es gebe da ein »System Staatskanzlei«.

Der Anschlag der Heckenschützen auf Horst Seehofer ist selbst für CSU-Maßstäbe scharf. Dass ein Bundesminister, offiziell besonders glücklich verheiratet seit 25 Jahren, nun als Ehebrecher mit schwangerer Freundin am Pranger steht, ist für alle ein Desaster: natürlich für Seehofer, der erst einmal schockgefroren ist, aber auch für Stoiber und die anderen, denen man die Intrige zutraut, also für wen nicht?

Wie man's auch sehen will, wer auch immer nun verkommen und böse und damit gerade geeignet oder vollkommen ungeeignet für höhere Weihen ist: Aufgabe der Volks- und Staatspartei CSU ist es, gewählt zu werden, mindestens mit absoluter Mehrheit. Würde heute gewählt, hätte die CSU diese verloren. Das ist, was alle in der CSU verstehen. Wichtiger als Moral sind die Zahlen. Da wird es ernst, da verrutscht etwas.

Es dämmert der Mittwoch von Kreuth. Zwei silberne BMW stoppen auf der Auffahrt

zum Tagungszentrum. Fünf Leibwächter springen heraus, dann steigt Edmund Stoiber aus dem Auto. Drinnen warten sie seit über einer Stunde auf ihn; Stoiber wollte um 11.00 Uhr wieder zu den Abgeordneten stoßen, jetzt ist es 12.20 Uhr. Stoiber hat keine Eile.

Es gibt an diesem Morgen zwei Interpretationen des gestrigen Abends. Die eine lautet, man müsse Stoiber Zeit geben, die Ereignisse der Nacht »emotional zu verarbeiten«, Beckstein und Herrmann argumentieren so. Andere setzen ernsthaft auf den Volksentscheid, den die SPD androht. Der werde die Angst vor einer Niederlage erhöhen. Und mit der Angst den Druck. Und mit dem Druck das Tempo.

Dass Herrmanns Erklärung ihm vor allem den ehrenvollen Rückzug ermöglichen soll, erkennt Stoiber allerdings nicht. »Das stimmt sicher nicht. Lesen Sie doch, was drinsteht«, sagt er. Und vielleicht ist ja dies das wesentliche Problem der CSU in diesen Wochen: Kommunikation. Wer sagt was zu wem, und wer meint in Wahrheit was? Und vor allem: Wie reden in dieser Partei eigentlich Männer mit Frauen? Und was hören die alten Männer, wenn jüngere Frauen ihnen etwas zu sagen wagen?

Gabriele Pauli, Landrätin in Fürth, wurde gerade deshalb zu Stoibers schärfster Kritikerin, weil alle anderen und vor allem die Männer zwar vertraulich ganz gern flüsterten, es gehe auf keinen Fall weiter mit Stoiber, aber öffentlich das Loblied auf den großen Vorsitzenden sangen. Die Pauli war anders. Sie sagte, dass das mit den Bespitzelungen nicht in Ordnung gewesen sei. Sie sagte, dass Stoibers Verzicht auf Berliner Ämter seine Glaubwürdigkeit zerstört habe. Sie sagte, dass er ein guter Ministerpräsident gewesen sei, aber nun sei die Zeit gekommen für den nächsten.

Er fand sie lästig, wollte sie fortscheuchen, wegfuchteln wollte er sie. Sie hätte nicht gefährlich werden müssen, sie sagte nichts anderes als: Der Ball ist rund. Wahrheiten eben, ohne doppelten Boden. Natürlich hatte sie etwas zu verlieren, welche alleinerziehende Mutter hat

das nicht?, aber sie hat Mut und keine Angst.

Es muss erniedrigend sein für ihn, Mann der Macht, dass ausgerechnet so eine einen wie ihn abserviert: Edmund Stoiber, seit 25 Jahren in der Staatsregierung, Ministerpräsident seit 1993, verliert gegen Gabriele Pauli, Ehrensenatorin der Karnevalsgesellschaft Blau-Rot Unterasbach.

Dies ist die eine Seite der Gabriele Pauli: die einer umtriebigen Lokalfürstin, die sich für nichts zu schade ist. »Seit einigen Wochen bin ich auch Ehrenmitglied des Kaninchenzüchtervereins«, sagte Pauli an einem dieser Tage, ohne Ironie, sie ist schlau genug, den Landkreis nicht zu vergessen. Die andere Seite der Gabriele Pauli, das ist die der angriffslustigen Landespolitikerin. »Ich gehe davon aus, dass nichts im näheren Umfeld des Ministerpräsidenten unternommen wird, ohne dass er es weiß«, sagte sie, »unabhängig davon hat er die politische Verantwortung.«

Drei Telefone lagen auf ihrem Tisch, Kamerateams warteten vor der Tür. Machte ihr der ganze Trubel eigentlich Spaß? »Wenn ich ehrlich bin: ja«, sagte sie, legte eine Kunstpause ein und schob hinterher: »Aber ich mache es nicht deswegen.«

Gabriele Pauli scheint zu meinen, was sie sagt, und zu tun, was sie meint, aber sie ist auch PR-Profi in eigener Sache. Ihre Pressemitteilungen korrigiert sie selbst, und dass sie angegriffen wird im Politik-Patriarchat, ist ihr nicht neu. Vor zehn Jahren schon schrieb der Juso-Kreisvorsitzende: »Sie muss weg. Denn ein geiler Arsch ist noch lange kein Garant für gute Politik.« Sie zeigte den Verfasser an. Heute lacht sie über den Vorfall, ach damals, das habe sie ganz vergessen.

Pauli, die über die Öffentlichkeitsarbeit der CSU promovierte, brachte 1991 ihre vierjährige Tochter zum Parteitag mit. »Haben Sie denn niemanden für Ihr Kind?«, fragten die Parteifreunde.

»Freundin« hat Stoiber Frauen wie Pauli noch nie genannt.

Und was für ein Fehler das war, die Frau nicht mal anzuhören, was für eine Arroganz. Stoiber galt als schlau, als sensibel, als geschickt - bis Gabriele Pauli kam. Von da an war er einer dieser alten Herren, die nicht merken, dass Menschen auch ganz anders miteinander reden können als mit Phrasen und Eigenlob.

Und dass zu den Menschen ganz schön viele zählen. Sogar Frauen.

Und trotzdem, es ist nun Mittwochnachmittag, und das Stoiber-Lager glaubt noch immer, alles im Griff zu haben. Amtschef Martin Neumeyer, Stoibers engster Vertrauter, steuert die Ereignisse aus München. Seine Analyse ist klar: Der Putsch ist abgewendet, die Aufrührer mussten sich Stoiber beugen. Der Ministerpräsident soll die Zeit bis zum Parteitag nutzen, um die Basis wieder für sich zu gewinnen.

Es kommt dann etwas anders.

Es gibt Gerüchte, die besagen, dass schon am Wochenende des 13. und 14. Januar die Gespräche über die neue Doppelspitze zwischen Landtagspräsident Alois Glück, Beckstein und Huber begonnen haben. Die drei wollten die Klausur von Kreuth vorbereiten, und an jenem Wochenende sprachen angeblich Beckstein und Huber viel miteinander und kamen zu dem Schluss: Es könnte gehen, wenn wir das machen. Huber dementiert das. Beckstein auch. Er habe gar nicht mit Huber geredet, sagt Beckstein, und mit Alois Glück über andere Fragen: »Noch am Dienstag von Kreuth war das Ministerpräsidentenamt für mich nicht das geringste Thema.« Falls es da aber doch etwas gab am Wochenende vor Kreuth, dann war es noch kein Plan, dann war es die Keimzelle eines Plans.

Es ist nun später Nachmittag geworden in Kreuth, es kommt die Stunde der Einzelgespräche. Stoiber spricht mit Huber und mit Beckstein. Der hatte gerade dafür geworben, den Parteitag nicht erst im September abzuhalten, wie Stoiber das will, sondern schon im Juni. Stoiber fühlt sich trotzdem sicher, er fragt Beckstein, wie der die Situation sehe.

Beckstein: »Wenn du beim Parteitag antrittst, dann wirst du eine Mehrheit kriegen, weil die Leute nur die Wahl haben zwischen Stoiber und dem Chaos in der Partei. Keiner wird gegen dich antreten, und du kriegst die Mehrheit. Das können 65 Prozent, das können 80 Prozent sein, das werden aber keine 90 Prozent. Wenn du das willst, dann ist das ein riskanter Weg, aber ich bin bereit, ihn mitzugehen.«

Stoiber: »Na ja, eine Möglichkeit ist, dass ich's mach, die andere, dass es ein anderer macht, aber wenn es ein anderer macht, gibt es ja doch nur wieder Streit. Dann bist wieder du gegen Erwin Huber und Erwin Huber gegen dich.«

Beckstein: »Muss ja nicht sein.«

Stoiber: »Dann red halt mit ihm.«

Am Mittwochnachmittag trifft sich Beckstein nun wirklich mit Huber, in einem Nebenraum des Sitzungssaals. Eher zufällig, man begegnet sich halt. Das Gespräch dauert nur wenige Minuten, und beide stellen fest, dass sie sich einigen könnten, die Macht verteilen, ohne Streit.

Beckstein und Huber schleifen unter vier Augen ihren Plan zurecht und reden erstmals über Details der künftigen Rollenverteilung. Sie sprechen mit Vertrauten, die Idee landet in der »Abendzeitung«, und Huber, am Abend zu Gast beim Neujahrsempfang des Bayerischen Einzelhandels in München, muss dort eine SMS lesen: »stimmt es, dass ihr euch geeinigt habt?« Der Schrecken ist groß bei den Verschworenen, denn wenn jetzt Stoiber stur bleibt, wird die Schlacht ihrer Könige die Partei zerreißen. Darum informiert Beckstein Fraktionschef Herrmann, und dann kommt der schwierigste Moment. Der Anruf bei Stoiber. Beckstein sagt es so: »Edmund, wir beide würden das machen, aber die Initiative liegt bei dir.«

Stoiber reagiert nicht, schafft keine Klarheit, er sagt wenig. Die Agenturmeldungen

erreichen Kreuth, die CSU-Spitze beschließt, erst einmal zu dementieren. »Das ist ein solcher Unsinn, eine Selbstbeschädigung ohnegleichen«, sagt Glück. Herrmann liest, beschwörend, noch einmal seine niedliche Erklärung vor. Nur Beckstein sagt, dass Spekulationen »selten völlig aus der Luft gegriffen sind«.

Geplant war, dass Stoiber selbst die Nachfolgeregelung verkünden sollte. Es war ein Putsch, klar, aber es sollte nicht auch noch so aussehen. Als Stoiber am Donnerstagvormittag mit Vorstandskollegen telefoniert, ist von einem Rücktritt noch immer nicht die Rede.

Der Einzige, der sich innerhalb der Parteispitze wehrt, ist Peter Ramsauer. Huber hat sich zwar in Berlin die Absolution für den Königsmord geholt, und da Seehofer wegen der Enthüllungen auszufallen scheint, bleibt dem Landesgruppenchef Ramsauer keine andere Wahl, als dem Vorschlag aus München offiziell zuzustimmen. Aber eingeschnappt ist er doch: Ramsauer saß in Kreuth mit Landtagsabgeordneten zusammen, als ein paar Zimmer weiter die Nachfolgefrage geklärt wurde. Die Entscheidung haben sie ihm dann mitgeteilt - sehr großzügig.

Doch was soll Ramsauer machen, sein Seehofer ist außer Gefecht. Vorerst oder auf Dauer? Keiner weiß, was noch kommt.

Das Gerücht, Seehofer habe in Berlin eine Geliebte, ist nicht neu. Es gehörte seit langem zu den Tuschelthemen, wenn sich auf Empfängen und Polit-Partys die Biergläser leeren und die Krawattenknoten lockern. Wer wie Seehofer in der sogenannten Abgeordneten-Schlange wohnt, dem Apartmenthaus an der Spree, kann keine Geheimnisse haben, da ist es wie in der Jugendherberge. Die Besuche der zierlichen und brünetten Dame aus dem Umfeld von CDU-Kollege Laurenz Meyer wurden schon lange fürsorglich überwacht, solche Geschichten werden ja gern erzählt und selten geschrieben.

Politisch wurden private Abgründe bislang nur selten

in Deutschland: Als Ronald Schill den Hamburger Bürgermeister Ole von Beust outete, ging es um eines der letzten Tabus: Schwule in der Politik und dann auch noch in der Union. Längst dürfen Kanzler dreimal geschieden sein und Abgeordnete die Ehe brechen, und wie lange her ist 1965: Da empfing Hamburgs Bürgermeister Paul Nevermann die Queen, und da seine Frau ihn nicht begleiten wollte wegen seiner außerehelichen Betätigungen, musste Nevermann zurücktreten.

Es hätten wenige in Berlin gedacht, dass ein Fall wie jener des Horst Seehofer heute noch zur Geschichte werden würde; und diese Geschichte war in der Redaktion der »Bild«-Zeitung ja auch seit Monaten schon bekannt. Aber dann, Anfang vorvergangener Woche, machte das Gerücht auf der Klausurtagung der CSU-Landesgruppe die Runde, natürlich in Wildbad Kreuth. Und garniert war das Gerücht mit dem übergeordneten Gerücht, dass das eigentliche Gerücht von der Staatskanzlei gestreut werde, um Seehofer als Parteichef unmöglich zu machen.

Christsoziale unter sich eben. Eine Partei in Klausur zum Wohle des Volkes.

Mehrere Journalisten fragten bei Seehofers Pressesprecherin nach, die verweigerte jeden Kommentar, und noch immer brachte niemand die Geschichte. Bis »Bild« kam. Am vergangenen Montag meldete das Blatt, Parteifreunde Seehofers streuten Vermutungen, Freund Horst habe eine Affäre in Berlin, am Dienstag folgte die Gewissheit: »Minister Seehofer: Baby mit heimlicher Geliebten«.

Diese Schlagzeilen sorgten dafür, dass in der CSU endgültig jeder jedem alles zutraute. Der Chef der CSU-Landtagsfraktion, Joachim Herrmann, ließ von seinen Leuten bei Journalisten nachfragen, ob der Verdacht wirklich aus der Staatskanzlei gestreut werde. Diese wiederum dementierte einen Bericht des Bayerischen Rundfunks, wonach genau dies zutreffend sei, und ließ sich von der Chefredaktion der »Bild«-Zeitung schriftlich freisprechen.

Die CSU ist wohl die letzte Partei, in der Sex und gescheiterte Ehen noch politische Karrieren beenden können, denn in keiner anderen werden die Ehefrauen so sehr in Szene gesetzt. Stoiber zeigte immer gern seine Karin, auch die Töchter, auch die Enkel, und Seehofer lud Reporter ins Ferienhaus im Altmühltal ("meine Oase") und diktierte: »Hier entspanne ich im Kreis meiner Lieben vom Politikalltag, hier tanke ich Kraft für die nächsten Regierungsjahre.«

So lassen Politiker das Private politisch werden, ohne Not. Natürlich rechtfertigt Selbstinszenierung nicht das Einreißen aller Barrieren, aber sie macht angreifbar. Souverän sind letztlich nur jene, die entschieden haben, einen Teil ihres Lebens zu schützen. Und sich daran halten.

Und dies ist nun der Moment, da sich Wirklichkeit und Schauspiel in der Herberge von Kreuth voneinander trennen. Stoiber wiederholt, was er am Tag vorher dem erweiterten Vorstand gesagt hat: Er will einen vorgezogenen Parteitag im September, er wolle, aber er müsse dort nicht antreten. Beckstein sagt: »Ich stehe für Intrigen nicht zur Verfügung.«

So weit die Show.

Aber nichts bleibt geheim in Kreuth, und jeder Satz kann immer auch ganz anders ausgelegt werden. Unter den Landtagsabgeordneten machte sofort die Nachricht von der Entscheidung die Runde. »Die Stimmung war auf einmal völlig gelöst«, sagt einer, »die ganze Anspannung war auf einen Schlag weg.«

Am Donnerstagmorgen, um halb elf, steht dann plötzlich

Günther Beckstein auf dem Flur in Kreuth. Der Neue? Dass Beckstein irgendwann Ministerpräsident wird, ist sicher, es gibt keinen Rivalen. Und nun ist er einfach da, ohne Ankündigung, die Kameraleute, die mit nichts gerechnet haben, kriegen einen Schreck, stürzen heran, gehetzte Tontechniker hinterher. Es ist einer dieser unprätentiösen Auftritte, die für Beckstein typisch sind. Der Mann aus der Nürnberger Trabantenstadt Langwasser mag die Öffentlichkeit, aber die Inszenierung mag er nicht.

Er trägt schon wieder einen dieser dunklen, nicht besonders gut sitzenden Anzüge, die er sich im Dutzend im Fabrikverkauf besorgt. Auch seine Antwort auf all die Spekulationen, wer wann was wird, ist nur bedingt sendefähig: »Wenn das Wörtchen ,wenn' nicht wär, wär mein Vater Millionär.«

Beckstein weiß, dass er als heimlicher Ministerpräsident von Bayern spricht, aber er weiß noch immer nicht, wie lange Stoiber durchhalten wird. Beckstein sagt nicht viel, er bleibt auf der Hut; sein Image als grundehrliche Haut würde darunter leiden, wenn ausgerechnet er, zusammen mit Erwin Huber, künftig als Königsmörder gelten könnte, zumindest als einer von denen, die Edmund Stoiber an den Rand der Klippe geschoben haben.

In Wahrheit entscheidet Beckstein erst an diesem Tag, dass seine Loyalität nicht mehr Stoiber gilt, sondern der Partei - und ihm selbst, Günther Beckstein.

Es gehört nicht viel Phantasie zur Vermutung von Parteifreunden, dass der Bruch mit den Ereignissen von 2005 zu tun hat. Beckstein wollte Stoiber in Bayern beerben oder Bundesinnenminister werden und wurde beides nicht, weil Stoiber zauderte und schließlich blieb, was er war.

Wie auch Beckstein, der sich immerhin bis 2005 als Stoibers Freund fühlte.

Inzwischen aber ist Beckstein 63, wenn es jetzt nicht klappt, klappt es nie mehr. Die für einen Putsch nötige Schärfe hatte Beckstein immer schon; er steht für die harte Kante des Rechtsstaats, er geht, so weit er kann, dabei ist er nicht skrupellos, im Gegenteil: Beckstein hat ständig Skrupel, auch jetzt, allerdings hat er sich Strategien angewöhnt, seine Skrupel wegzuargumentieren.

Im Fall Stoiber ist das gar nicht so schwierig: »Es gibt keinen Putsch«, sagt Beckstein jetzt - und niemand muss ein schlechtes Gewissen haben.

Es ist 13.15 Uhr am Donnerstag, als Stoiber zum Telefon greift. Er ruft Beckstein, Huber und Herrmann an, ganz knapp nur, Edmund Stoiber hat keine Freunde mehr in der Politik. Er teilt den Herren mit, er werde seine Ämter zur Verfügung stellen.

Sein Büro verschickt per Fax eine Einladung zur Pressekonferenz, 14 Uhr, Staatskanzlei, Raum S 103.

Die 48 Stunden der bajuwarischen Revolution waren vorbei, die CSU war gehäutet. Sie ist schließlich die Partei des großartigsten Landes der Erde: des Landes der zwei Elite-Universitäten, der Zugspitze, dieses Landes des FC Bayern und der 7,5 Millionen Katholiken und der 6,8 Prozent Arbeitslosigkeit. So wollte sich die Partei auch endlich wieder fühlen.

Fünf Stunden erst waren seit der Rücktrittserklärung vergangen, und jeder hätte es verstanden, wenn Edmund Stoiber den CSU-Neujahrsempfang in Bamberg abgesagt hätte. Jeder außer Edmund Stoiber.

Also kam er, und statt sich gehenzulassen, beschloss er, Gesicht zu zeigen - als wäre nichts geschehen. Bayerischer Defiliermarsch, Händeschütteln, freudig überrascht wirken, wenn das Volk klatscht, zum abertausendsten Mal. Nebeneinander gingen Karin und Edmund durchs Blitzlichtfeuer der Fotografen, die in der Aula der Bamberger Universität den Verlierer des Tages leiden sehen wollten.

Er kämpfte, obwohl es vorbei war, pflichtbewusst, fleißig, wie immer.

Edmund Stoiber sprach über das Wachstum des bayerischen Bruttoinlandsprodukts und die segensreiche Wirkung der Nanotechnologie und der Mechatronik für den heimischen Wirtschaftsstandort. »Ich kenne Deutschland gut«, sagte er an einer Stelle, »nur nicht Berlin«, flüsterte ein Zuhörer in der vierten Reihe. Eine Stunde dauerte die Rede in Bamberg, 88 Sekunden Applaus erntete er dafür von gut 400 Zuhörern. Nicht aus Rührung, denn Stoiber berührt nicht, aber sicherlich aus Respekt.

Dass das mit dem Rücktritt eine »souveräne Entscheidung« gewesen sei, wie er behauptete, musste man nicht glauben, doch das war der Basis egal. Die durfte, die wollte dankbar sein. Stoiber will nie wieder für irgendein Amt kandidieren, er hat Beckstein seine Unterstützung versprochen, am Freitagnachmittag in der Staatskanzlei.

Da erklärte ihm Stoiber, dass er Beckstein als Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten vorschlagen werde, ohne Bitterkeit; warm und ein bisschen sentimental soll das Gespräch gewesen sein. Stoiber versprach, dass er sich nicht in die Entscheidungen des Nachfolgers einmischen und bei seinen eigenen Anhängern werben werde mit dem Satz: »Wer Stoiber-Fan ist, wählt Beckstein.« Stoiber hat begriffen, dass er es hinter sich hat.

Horst Seehofer glaubte Ende der Woche, dass er trotz all der Schlagzeilen noch

CSU-Chef werden kann. Für den Kern des Problems hielten andere in der Partei ohnehin weniger eine mögliche Affäre, auch kein Baby, sondern vor allem die Frage, ob da einer jahrelang ein Doppelleben geführt habe. Der Kern also: »Glauben die Wähler ihm noch?«

Erwin Huber dürfte die größeren Chancen haben. Seehofer ist in der Landtagsfraktion unbeliebt, weil er sich gern auf Kosten der Bayern profiliert. Und weil sich Huber mit dem einstigen Rivalen Beckstein untergehakt hat, sei »die Fraktion wie befreit«, sagt ein Bezirksvorsitzender.

Jedoch: Horst Seehofer fühlt sich übergangen. Keiner hat mit ihm geredet, er hat das Gefühl, man habe ihn übertölpelt wie einen Provinzpolitiker. Das nagt.

»So geht's nicht«, zürnte Seehofer beim Bier mit Freunden. Vor allem auf Beckstein ist er sauer, weil der ihm Anfang vergangener Woche noch seine Solidarität zugesagt und ihm versichert hatte, die Schlagzeilen über sein Privatleben hätten in der CSU-Landtagsfraktion »null Komma null« Einfluss auf die Entscheidung über den Parteivorsitz. Zwei Tage später stand für Beckstein fest, dass Seehofer unmöglich Parteichef werden kann.

Seehofer weiß, dass er seinen Anspruch auf den Parteivorsitz nur gegen die CSU-Führung durchsetzen kann. Nur mit einer Kampfkandidatur beim Parteitag. Er ist beliebt, beim Volk, aber nicht im Vorstand. Das hat mit der Verachtung zu tun, mit der er im kleinen Kreise über Kollegen spricht. Nicht nur Stoiber hat sich für Beckstein/Huber entschieden, auch Ramsauer und Merkel wünschen nicht, dass Seehofer mehr Macht erhält. Die Gremien sollen ihn zur Strecke bringen, so denken Seehofers Freunde.

Seehofer hat sich vorgenommen, durch Bierzelte zu tingeln und Kreisparteitage abzuklappern, er hat schon die Termine in seinem Kalender markiert.

Rivale Huber aber scheint enteilt. Erwin Huber hat sich aus ganz kleinen Verhältnissen nach oben gearbeitet. Der Sohn einer Landarbeiterin wuchs ohne Vater auf einem Einödhof in der Nähe Dingolfings auf, das Abitur holte er auf dem Abendgymnasium nach. Huber wurde von Franz Josef Strauß gefördert, der ihn zum Generalsekretär berief. Stoiber übertrug ihm die Leitung der Staatskanzlei, machte ihn dann zum Finanzminister und holte ihn wieder in die Staatskanzlei zurück. Seit 2005 ist er Wirtschaftsminister.

Huber ist ein Kämpfertyp, dessen zünftige Art seine Sachkenntnis überdeckt, und überzeugter Wirtschaftsliberaler. Den Sozialpopulismus seines Konkurrenten Seehofer lehnt er ab. Er kann, wenn es der CSU nutzt, mit der Schwesterpartei streiten, und weiß auch, wann es Zeit ist, die Konfrontation abzubrechen.

Viele in der Partei freuten sich Ende der Woche auf Veränderungen. Früher, unter Stoiber, hätten sie bei Kabinettssitzungen nicht mal Zeit zum Essen gehabt, sagten sie; es gab Mineralwasser, Kaffee und Tee beim großen Disziplinator. War der mal weg, sorgte Beckstein für Weißwürste mit Bier oder Ente mit Rotwein, und zu Ergebnissen kam es doch.

Es war kurz nach 17 Uhr am Donnerstagnachmittag, in München herrschte Ausnahmezustand, die Züge standen, die Menschen retteten sich vor dem Orkan. Gabriele Pauli betrat den Löwenbräukeller am Stiglmaier Platz. Die Gaststuben waren verraucht, eine Handvoll Männer redete sich über weiß-blauen Tischdecken die Köpfe heiß über den Rücktritt des Ministerpräsidenten: »Wenn oana weg muaß, dann muaß a geh, so is!«

Gabriele Pauli passte hier nicht her mit ihrem feinen schwarzen Hosenanzug und dem Seidenschal, sie lächelte unsicher, dann nahm sie Platz in einer dunklen Nische, vor sich Mikrofone und zu ihren Füßen Dutzende Fotografen, hinter sich Heugabel und Dreschflegel.

Die Landrätin triumphierte nicht, aber sie freute sich. Pauli hielt einen straffen Vortrag über ihr Treffen mit Stoiber, an diesem Nachmittag hatte es das endlich gegeben, zu spät für Stoiber. Pauli stockte nicht, sie erzählte einfach: dass sie eineinhalb Stunden lang mit Stoiber zusammengesessen habe, dass ihr Verhältnis jetzt bereinigt sei. Sie deutete an, dass sie sich so einiges vorstellen kann für ihre Zukunft.

Und, ach ja: Rein menschlich habe es in der Christlich-Sozialen Union niemals Verstimmungen gegeben, sagte Pauli.

KLAUS BRINKBÄUMER, JÜRGEN DAHLKAMP,

RALF NEUKIRCH, CONNY NEUMANN, RENÉ PFISTER, MARKUS VERBEET

Stoibers weiß-blaue Karriere ...

1974 Mit 33 Jahren wird Stoiber erstmals in den Bayerischen Landtag gewählt.

1978 Franz Josef Strauß, CSU-Vorsitzender, wird Ministerpräsident von Bayern und Stoiber als CSU-Generalsekretär seine rechte Hand.

1980 Strauß tritt als Kanzlerkandidat der Unionsparteien bei der Bundestagswahl an. Stoiber rückt ins Rampenlicht.

1982 Stoiber übernimmt die Leitung der Bayerischen Staatskanzlei.

1988 Nach dem plötzlichen Tod von Franz Josef Strauß wird Stoiber Innenminister unter Max Streibl und wird in der CSU hinter Theo Waigel »Ersatzmann Nummer eins«.

1993 Stoiber setzt sich gegen Waigel durch und wird neuer Ministerpräsident von Bayern.

1999 Stoiber übernimmt den Parteivorsitz.

1980: Strauß und Stoiber auf dem CSU-Parteitag 1993: Vereidigung als Ministerpräsident

... und seine verpassten Chancen

2002 Stoiber tritt als Kanzlerkandidat der CDU/CSU in der Bundestagswahl gegen Gerhard Schröder an. Am Wahlabend fühlt er sich bereits als Sieger, verliert dann aber knapp.

2004 Parteifreunde drängen Stoiber, das ihm von Staatspräsident Jacques Chirac und Kanzler Gerhard Schröder angebotene Amt des EU-Kommissionspräsidenten anzunehmen. Er lehnt ab.

2005 Stoiber soll und will als Superminister nach Berlin. Zur allgemeinen Überraschung bleibt er schließlich doch in München.

2002: Mit Ehefrau Karin bei der Bundestagswahl 2007: Nach der Bekanntgabe seines Rücktritts

* Mit Elizabeth II. am 28. Mai 1965 in Hamburg.

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