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STUDIO-NEUBAU Unter Naturschutz

aus DER SPIEGEL 44/1953

Zur Eröffnung des neuen 5-Millionen-Mark-Fernseh-Studios Lokstedt bemühte sich NWDR-Generaldirektor Dr. h. c. Adolf Grimme um 17 Uhr am Freitag vergangener Woche selbst vor die Fernsehkamera. In gewählten Sätzen zitierte der Kultusminister a. D. und »Bundes-Festredner« Goethe, Shakespeare, den britischen Autoren Bruce Marshall, ein plattdütsches Sprichwort und sprach, weit in die Zukunft greifend, von den großen Möglichkeiten des Fernsehens ("Wohnstatt der Menschenwürde").

Fernseh-Intendant Dr. Werner Pleister nahm vor der Kamera den Studio-Schlüssel aus den Händen des NWDR-Generals entgegen und beschwor ebenfalls den strapazierten Namen Goethes als des »Kronzeugen unserer Bemühungen«. Mühelos bewegte sich die Zeremonie auf den von Pleister geplanten technischen Höhepunkt zu, der dem Eröffnungsakt die fernseheigene Note gab:

Im Festsaal, dem Hauptstudio B, hatten die Techniker eine große Projektionsfläche angebracht. Während die Fernsehkameras durch alle Räume fuhren und ihre Bilder über die Projektionsfläche im Festsaal und über die Schirme der Heimempfänger flimmerten, erklärte Intendant Pleister als

eine Art Fernseh-Conférencier die neuen Baulichkeiten. Der Intendant hatte sich für diese Gelegenheit eigenes einen Anzug von genau der blauen Schattierung machen lassen, die auf dem Fernsehschirm so gut »kommt«.

Schon Wochen vor seiner Vollendung war das Lokstedter Studio mit schmückenden Attributen überhäuft worden ("Europas erster und modernster Fernsehbau«, »Hamburgs Fernsehstadt«, »ohne Vorbild in der Welt"). Allein deswegen war es besonders auffällig, als sich der technische Direktor des NWDR, Professor Werner Nestel, auf einer Pressekonferenz kurz vor der Schlüsselübergabe mit der offensichtlich bereits laut gewordenen Kritik am Studio auseinandersetzte.

Tatsächlich bleibt dem aufmerksamen Besucher des Lokstedter Studios, das vom Zentrum Hamburgs nur nach zeitraubender Straßenbahnfahrt und rund 1 Kilometer Fußmarsch zu erreichen ist (wobei man am besten dem gemeinsamen Wegweiser »Hagenbecks Tierpark / NWDR-Fernsehstudio« folgt), nichts von den Schattenseiten der Anlage verborgen. Was die Praktiker, die seit einigen Wochen mit den Unzulänglichkeiten des Studios ringen, zu drastischen Charakterisierungen veranlaßt, ist ein ganzes Bündel von Beanstandungen.

Sie beginnen mit der Lage. Wenn auch die Berichte, der NWDR habe das Gelände in Lokstedt vom Schwiegervater des Fernseh-Intendanten gekauft*), nur zum Teil zutreffen (Pleisters Schwiegervater war

*) Die Grundstückskosten der 29 000 qm werden vom NWDR mit 353 000 Mark angegeben. Geschäftsführer und Mitglied einer Erbengemeinschaft, die einen Teil des Grundstückes verkaufte), so ist doch die Lage des Lokstedter Studios einmalig: es liegt unmittelbar unter der Einflugschneise eines betriebsamen Flughafens (Hamburg-Fuhlsbüttel).

Mit Recht betonte daher Professor Nestel, daß die Schall-Isolation gegen Flugzeuge »sehr weit getrieben worden ist«. Ob sie ausreicht, wird sich jedoch erst in Zukunft herausstellen, wenn die Inbetriebnahme der gesamten Klima-Anlage (die erst teilweise fertiggestellt ist), zur Öffnung der Lüftungsklappen im Studio zwingt. In den Büroräumen werden die Gespräche beim niedrigen Anflug geräuschvoller Maschinen oft zwangsläufig unterbrochen.

Mit diesem Problem hatte sich schon vor Jahren die Hauszeitschrift des NWDR »Bei uns im Funk« befaßt. Sie notierte zur merkwürdigen Lage des Fernseh-Geländes, daß »bei bestimmter Windrichtung die zum Flughafen zielenden Flugzeuge in 80 bis 100 Meter Höhe über das Lokstedter Gelände« wegfliegen. »Zwei schwere Decken sind daher notwendig, von denen man sich einen Begriff machen kann, wenn man hört, daß sie zusammen pro Quadratmeter 400 kg wiegen müssen. Um die schwere Decke des Aufbaues abstützen zu können, werden an der Außenwand Betonstützen eingesetzt ...«

Insgesamt umfassen die vier Lokstedter Studios 927 qm, von denen das größte Studio, mit B bezeichnet, 443 qm aufweist. Im Bunker am Heiligengeistfeld standen dem Fernsehen bisher über 550 qm zur Verfügung, wobei allerdings das größte alte Studio mit 474 qm größer war als das neue große Studio B.

Der Gewinn der neuen Räume verringert sich, wenn man das nur für Ansagen und eine feste Kamera verwendbare Studio D mit 114 qm abzieht. Er verringert sich weiter, wenn man berücksichtigt, daß bei dem polizeilich vorgeschriebenen Abstand der Dekorationen von der Wand (1,50 Meter) die nutzbare Fläche der beiden Mittelstudios (je 185 qm) um ein reichliches Drittel vermindert wird und nur noch wenig über 100 qm beträgt. »Man stößt

dort mit den Ellbogen an die Wand«, mäkeln die Fernsehregisseure.

Das als internationale Norm übliche Höhenmaß eines Fernseh-Studios liegt (aus Gründen der Beleuchtung und des Tones) zwischen 8 und 12 Meter. Die Lokstedter Studios sind nur zwischen 4,50 und 7,10 Meter hoch - die Beleuchterbühnen der drei größeren Studios befinden sich in 4,60 Meter Höhe. Das gleichzeitig mit Lokstedt vollendete große Mailänder Fernseh-Studio umfaßt nicht nur rund 600 qm (über 150 qm mehr als Lokstedt), sondern ist auch zwischen 10,5 und 14 Meter hoch.

Als Professor Nestel erklärte, daß »Studio-Grundfläche und -Höhe bewußt in ihren Abmessungen beschränkt« worden seien, verließ er absichtlich die internationale Praxis. Darüber täuscht auch das von Nestel zitierte Bonmot nicht hinweg: Ein Fernseh-Studio sei dann gut, wenn »ein großer Elefant hineinspazieren kann«. Dieser Qualitätsnachweis betrifft nur Höhe und Breite der Türen. Ein Elefant hat im übrigen, wenn nur die Tür groß genug ist, in jedem mittleren Wohnzimmer Platz, ohne daß dieses damit ein ideales Fernseh-Studio wäre.

Die internationale Praxis wurde auch bei der Anordnung der Regieräume (mit Mischpulten für Bild und Ton) verlassen: in allen Fernsehländern liegen die Regieräume oberhalb der Studios, um dem Regisseur einen ungestörten Einblick von oben zu gestatten. Lokstedts ebenerdige Anordnung begründete Professor Nestel mit dem Hinweis: Hier habe der Regisseur die Möglichkeit, bequemer vom Regieraum ins Studio zu gehen. Für das größte Studio aber ist bisher überhaupt kein Regieraum vorgesehen worden - es wird zunächst von einem der beiden anderen Regieräume mitbetrieben, sofern diese nicht für »ihr« Studio gebraucht werden.

Ließen sich diese Mängel zur äußersten Not noch verschmerzen, so haben die vom Fernseh-Intendanten gebilligten Pläne völlig außer acht gelassen, daß zu jedem Fernseh-Studio nach einer erprobten Faustregel mindestens die doppelte Fläche Probenraum gehört. Im Studio selbst sollen

bestenfalls die letzten technischen Proben mit dem vollen Apparat, den Scheinwerfern, Kameras und Mikrophonen stattfinden. Die viel Zeit raubenden »Roh«-Proben würden das Studio nur überlasten. Aber in Lokstedt gibt es nicht einen einzigen Quadratmeter Probenraum.

Schon im Augenblick der Schlüsselübergabe war der neue Bau zu kein: Rund 50 Fernsehmänner (darunter die aktuelle Abteilung) mußten im Heiligengeistfeld-Bunker bleiben, weil für sie keine Räume zur Verfügung stehen. Außerdem fehlt der »Fernsehstadt« ein Raum für Dekorationen. Werden Dekorationen benötigt, müssen sie erst aus dem 15-Pkw-Minuten entfernten Bunker angefordert werden. Dekorationen für die beiden kleineren Studios können nur durch das in der Mitte gelegene große Studio hineintransportiert werden.

Ob solcher Mängel entsetzt, errichteten die Fernsehleute am Tage der Einweihung auf dem Gelände kurzerhand einen provisorischen Schuppen, um dem Verwaltungsrat auf provokatorische Art die Bewilligung einer zusätzlichen Summe für einen Dekorationsraum nahezulegen.

Die dem Laien kaum verständliche Fülle der Fehler dieses ersten, speziell für das Fernsehen gebauten deutschen Studios geht weniger auf die vom Filmarchitekten Haag entworfene Grundplanung zurück als auf die Ausarbeitung im einzelnen. Für die Detail-Planung waren zuständig: der inzwischen ausgeschiedene technische Leiter des Fernsehens, Dr. Schultz, und der zum 31. Dezember dieses Jahres gekündigte und nicht mehr aktiv im Fernsehen tätige Sendeleiter Walter Tjaden.

Bereits im Stadium der Planung gab es im NWDR heftige Debatten über die Zweckmäßigkeit des Baues, wobei einer der erfahrensten deutschen Fernseh-Techniker, Dr. Fritz Below, sich so über die Anlage empörte, daß er im Eifer der Diskussion unter den Tisch rutschte. Später legten maßgebende Fernseh-Experten des NWDR in Aktennotizen vorsorglich fest, daß sie für den Studiobau nicht verantwortlich seien.

Diese persönlichen Sicherheitsmaßnahmen ändern jedoch nichts daran, daß der vollendete Bau zu einer Art Prokrustesbett des deutschen Fernsehens zu werden droht. Das bisher erworbene Grundstück läßt für wesentliche Erweiterungen kaum Raum, da das restliche Gelände mit seinem alten Baumbestand unter Naturschutz steht. Weiterer Grunderwerb durch den NWDR, der zweifellos sofort spekulative Preistendenzen auslösen würde, müßte auf Kosten einer benachbarten Keksfabrik gehen. Sie versperrt auch den Weg zu einer Dirt-track-Bahn, wo das Fernsehen gegebenenfalls selbst Sportwettkämpfe veranstalten will, wenn es mit den deutschen Sportmanagern Ärger bekommen sollte.

Hatte Fernseh-Intendant Pleister bei der Eröffnung gesagt, »wir haben jetzt ein Haus, wie es anregender und besser für eine erfolgreiche Arbeit nicht gedacht werden kann«, so ist seine Freude an dem neuen Fernseh-Studio, wo er in dem »besonders ruhigen Intendantentrakt« (Architekt Langer) geschmackvoll ausgestattete Räume bezogen hat, schon getrübt: der Fernseh-Etat ist akut gefährdet. Die erwarteten Einnahmen aus Teilnehmergebühren und Werbefernsehen sind ausgeblieben, die Geldmittel des Programm-Etats werden voraussichtlich noch im Januar 1954 zur Neige gehen. Vom Verwaltungsrat sind Nachbewilligungen nicht zu erwarten. Das Geschäftsjahr endet jedoch erst am 31. März 1954. Dazwischen liegen zwei Monate, für deren Programm heute noch keine Deckung in Sicht ist.

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