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Griechenland Unter Tränen

Der kranke Papandreou ist entmachtet. Doch seine Ehefrau Mimi will nicht kampflos abtreten.
aus DER SPIEGEL 4/1996

Einen »neuen Kurs und neue Perspektiven« verspricht der frischgekürte Ministerpräsident Kostas Simitis, 59, seinen Parteigenossen - eine Aussicht, die nicht alle in der Panhellenischen Sozialistischen Bewegung (Pasok) begeistert.

Nur knapp setzte sich der bisherige Industrieminister im Diadochenkampf um die Nachfolge des todkranken Partei-Patriarchen Andreas Papandreou durch: 86 der 167 Fraktionskollegen unterstützten Simitis, der sich während der vergangenen Jahre mit oft unverblümter Kritik am selbstherrlichen Führungsstil des Pasok-Chefs als innerparteilicher Oppositionsführer hervorgetan hatte. Sein Konkurrent, der Papandreou-treue Innenminister Akis Tsochatzopoulos, kam in der Stichwahl am vergangenen Donnerstag auf 75 Stimmen.

Der Neuerer will den Bruch mit der Papandreou-Ära, den Wandel von der Führer- zur Volkspartei. Aber wenn es Simitis nicht gelingt, seine Gegner ruhigzustellen, droht der Pasok die Spaltung.

Papandreou war in den 21 Jahren seit Gründung der Partei ihre Identifikationsfigur, ein strahlendes Zentralgestirn, um das sich alles drehte. Flügelkämpfe unterband er mit diktatorischer Strenge.

Über ein vergleichbares Charisma verfügt sein Nachfolger nicht. Den Vorwurf, er sei ein Zauderer, weist Simitis scherzend mit dem Hinweis zurück, schließlich habe er sich sogar schon als Bombenleger betätigt: Während der Obristendiktatur war er an einem - unblutigen - Sprengstoffanschlag auf ein Athener Theater beteiligt.

Mit falschem Paß floh Simitis vor den Militärs 1969 nach Deutschland. Neben seiner Tätigkeit als Juraprofessor an der Uni Gießen widmete er sich unermüdlich dem Widerstand gegen die Junta in seiner Heimat und wurde dafür von den Obristen ausgebürgert. 1974, nach dem Ende der Diktatur, gehörte er zu den Mitbegründern der Pasok, geriet aber immer wieder in Konflikt mit dem autoritären Papandreou. Widerspruch äußerte Simitis vor allem gegen die europafeindlichen Ausfälle des Pasok-Chefs, später beklagte er auch dessen Schuldenpolitik.

In griechischen Wirtschaftskreisen löste seine Wahl denn auch Erleichterung aus. Der neue Premier gilt als Verfechter eines harten Sparkurses. Auch in der Außenpolitik wird ihm mehr Berechenbarkeit zugetraut.

Simitis tritt die Nachfolge eines Politikers an, der wie kein anderer die Griechen faszinierte, aber auch spaltete. Papandreous Aufstieg zum Ministerpräsidenten im Herbst 1981 markierte für das Land den Beginn einer neuen Epoche. Bis dahin hatte die Rechte das politische und gesellschaftliche Leben beherrscht; Papandreou versprach seinen Landsleuten den »Großen Wandel« und »die wahre Demokratie«.

Ausgerechnet auf seinem Spezialgebiet versagte der Harvard-Ökonom: In acht Regierungsjahren stiegen die Staatsschulden um mehr als das Doppelte. Der ökonomische Verfall ging einher mit Vetternwirtschaft, Abhöraffären und Korruptionsskandalen. Die besiegelten schließlich die Wahlniederlage der Sozialisten 1989.

Zwar schaffte der von seinen Widersachern bereits abgeschriebene Papandreou vier Jahre darauf die Rückkehr an die Macht. Doch der einst energiegeladene Volkstribun war - nach dreifacher Bypass-Operation in London - nur noch ein Schatten seiner selbst.

Als Papandreou Ende November mit akuten Atembeschwerden in die Onassis-Herzklinik eingeliefert wurde, begann der letzte Akt einer griechischen Tragödie. Obwohl seine Agonie die Regierung lähmte, sträubte sich Papandreou gegen den überfälligen Rücktritt, bis die Parteigremien schließlich beschlossen, ihn notfalls auch gegen seinen Willen abzulösen. Mit der drohenden Absetzung konfrontiert, gab der störrische Alte schließlich nach.

»Unter Tränen«, so die Athener Oppositionszeitung Eleftheros Typos, unterzeichnete Papandreou am vergangenen Montag eine Erklärung, mit der er die Wahl eines Nachfolgers guthieß. Zeugen des »historischen Augenblicks« im Zimmer 614 des Onassis-Hospitals waren neben einigen Genossen auch Papandreous Söhne Jorgos und Nikos sowie seine Gattin Dimitra ("Mimi") Liani, 40.

Doch seine Günstlinge, die nun um Ämter und Einfluß bangen, wollen die Hoffnung auf eine Rückkehr ihres Förderers nicht aufgeben. Es handele sich nur um »eine Pause«, trösteten sich die am Krankenbett versammelten Getreuen. Mutlos fragte Papandreou, ob er nun auch den Vorsitz der Pasok aufgeben müsse. Die Genossen wehrten ab: Selbstverständlich bleibe er Parteichef.

Von einem »Rücktritt« ist in dem Schreiben an die Parteifreunde bezeichnenderweise nicht die Rede, lediglich davon, daß er wegen seiner angegriffenen Gesundheit »in der derzeitigen Phase« seinen Amtsgeschäften als Premier nicht nachkommen könne. Regierungssprecher Tilemachos Chytiris erklärte, eine Rückkehr Papandreous als Regierungschef sei »möglich«.

Auf eine politische Wiedergeburt des siechen Papandreou setzt vor allem die zunehmend exzentrische Mimi. Die ehemalige Olympic-Airways-Stewardeß, die das schwache Herz ihres Angebeteten 1986 auf einem Fernostflug erobert hatte, muß fürchten, daß sich nun ihre eigenen Hoffnungen auf ein Parlamentsmandat oder gar den Parteivorsitz zerschlagen. Auch die Debatte um die undurchsichtigen Finanzen des Ehepaars, das sich im Athener Nobelvorort Ekali eine luxuriöse Villa mit Krediten von Freunden und Ministern baute, könnte neu aufleben.

Das Boulevardblatt Avriani, das seit Monaten Nacktfotos von Mimi aus deren wilden Jugendjahren publiziert, forderte am Tag nach Papandreous Demission: »Jetzt schnell ins Gefängnis mit Mimi!« Verleger Jorgos Kouris hat beim Athener Amtsgericht sogar beantragt, den greisen Papandreou entmündigen zu lassen, »damit Mimi nicht nach seinem Erbe greift«.

Aber die Frau, die sich selbst die »Geistesverfassung eines Kamikaze« bescheinigt, schlägt zurück. In einem Interview verdächtigt sie den Pasok-Abgeordneten und Papandreou-Schwiegersohn Theodoros Katsanevas, der Presse die anrüchigen Fotos zugespielt zu haben. Von »Winzlingen und Speichelleckern« sieht sich die entthronte First Lady umgeben. »Erst haben sie mich hofiert, jetzt verwünschen sie mich.« Sie habe zwar »viel Geduld«, aber irgendwann komme »der Augenblick, wo ich auf alle spucke«.

Um ihre Zukunft solle man sich keine Sorgen machen, meint Mimi: »Notfalls kann ich auch Treppen putzen und am Strand schlafen, mit einem Stein als Kopfkissen.«

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