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UNTERNEHMEN ARMBRUST

aus DER SPIEGEL 44/1965

Von der Piste des Militärflugplatzes Winfarthing-Fersfield in der englischen Grafschaft Norfolk hebt ein viermotoriger Bomber der amerikanischen Marine ab. Es ist der 12. August 1944, 17.52 Uhr. Die Maschine vom Typ »Liberator« startet zu einem der ungewöhnlichsten Bomberunternehmen der Kriegsgeschichte.

Ungewöhnlich wie der Auftrag sind Ausrüstung und Besatzung der Maschine.

Statt der höchstmöglichen Bombenlast im Gewicht von 4000 Kilogramm schleppt der »Liberator« 380 Kisten Sprengstoff der Marken Torpex und Trotyl mit einem Gesamtgewicht von mehr als 10.000 Kilogramm.

Anstelle einer zehn- bis zwölfköpfigen Besatzung sitzen lediglich zwei Leutnants im Cockpit:

Pilot Joseph P. Kennedy, 29, der ältere Bruder des späteren Präsidenten der Vereinigten Staaten, und Co-Pilot Wilford J. Willy, 35, haben sich freiwillig zu einem abenteuerlichen Einsatz gemeldet. Ihr Ziel sind die Abschußbasen deutscher Fernwaffen, die seit einigen Wochen auf London feuern.

Alliierte Bombergeschwader haben die Stellungen der »Vergeltungswaffen« angegriffen - unter großen Verlusten, mit geringem Erfolg. Rund 450 Flugzeuge und 2900 Mann gingen verloren; doch die Deutschen feuern weiterhin auf die britische Hauptstadt und bedrohen die Nachschubhäfen der Invasion.

Die Amerikaner entwerfen das Projekt »Amboß": Freiwillige sollen schwere Bomber, vollgestopft mit Sprengstoff, starten und auf Kurs bringen - dann sollen sie sich auf ihrem Schleudersitz aus der Kanzel katapultieren, und mitfliegende Funkleitmaschinen würden die nunmehr unbemannten Bomber mit ihrer zerstörerischen Last ins Ziel lenken.

So braust, hoch über den Feldern von Norfolk, am späten Nachmittag des 12. August 1944 eine absonderliche kleine Armada.

Dem sprengstoffgeladenen Bomber mit der Kennummer 32271 folgen zwei Funkleitmaschinen vom Typ »Ventura«, als Bildaufklärer eine »Mosquito« sowie eine B-17 und eine Rotte Jäger.

Der Plan ist klar und mehrmals durchgespielt: Noch bevor die Armada Dover erreicht, sollen Kennedy und Willy über der Grafschaft Kent ihre Höllenmaschine verlassen - den Rest des Auftrages erfüllen die »Venturas«.

Um 18.20 Uhr kommt der Kontrollpunkt Beccles in Sicht. Im gleichen Augenblick fliegt Kennedys »Liberator« in grellen Blitzen auseinander - zwei Explosionen im Abstand von einer Sekunde zerreißen ihn in winzige Stücke.

Die Ursache dieses Zwischenfalls wird nie geklärt. Sabotage? Unglücklicher Zufall? Menschliches oder technisches Versagen?

Die U.S. Navy steht vor einem Rätsel. Und Joseph Kennedy und Wilford Willy rücken in die Reihen der nahezu dreitausend alliierten Flieger, die im Kampf gegen Hitlers geheime V-Waffen ihr Leben geopfert haben. Dieser Kampf hat ein Jahr zuvor begonnen:

Am 18. August 1943 ruft Churchills Schwiegersohn Duncan Sandys - der einige Monate vorher mit der Untersuchung der Gerüchte über deutsche Geheimwaffen beauftragt worden ist - den britischen Premier an. Er teilt Ihm mit:

»Unternehmen ,Hydra' war ein Erfolg!«

Während Sandys mit seinem Schwiegervater telephoniert, bietet ein Ort fast tausend Kilometer entfernt ein Bild der Verwüstung: Peenemünde, das Zentrum der deutschen Fernwaffen-Entwicklung - für das Hitler seit 1939 fast eine halbe Milliarde ausgegeben hat -, steht in Flammen; 735 Ingenieure, Techniker, Wissenschaftler und Zwangsarbeiter liegen tot oder sterbend in den brennenden Trümmern.

Ein phantastisch anmutendes militärisches Wagnis der Alliierten ist gelungen: Nahezu sechshundert Maschinen des Britischen Bomberkommandos haben in geringer Höhe, und bei vollem Mondlicht einen kühnen Angriff auf ein fernes Ziel geflogen. Dreihundert britische Flieger kehren von diesem Einsatz nicht zurück. Doch die gesamte Peenemünder Forschung muß nun aufgeteilt und verlagert werden. Hitler muß seinen Angriff auf London verschieben.

Der »Führer« hat geplant, die britische Hauptstadt täglich mit achthundert Flugbomben »V 1« und mit einhundert Raketen »V 2« einzudecken. Jede Rakete soll eine »'Nutzlast« von einer Tonne befördern, und jede Flugbombe soll eine »Nutzlast« von der gleichen vernichtenden Wirkung haben wie die »Wohnblockknacker«, die die britische Luftwaffe jede Nacht über Berlin abwirft.

Hitler hat versprochen: »Die V-Waffen-Angriffe werden auf die alliierte Invasion in Frankreich abgestimmt!« Hätte Eisenhowers Invasion auch nur für einen Augenblick ihren Brückenkopf verloren -der Verlauf des Krieges hätte sich tatsächlich gegen den Westen wenden können.

Doch die erste V-Waffe, die Flugbombe »Fi 103«, wird erst sieben Tage nach Beginn der Invasion eingesetzt.

In den folgenden vierzehn Tagen und Nächten starten etwa 2000 dieser todbringenden Roboter gegen die britische Hauptstadt. Täglich werden in London 20 000 Häuser beschädigt oder zerstört, Menschen werden getötet - und ein Sechstel der für den Krieg entscheidend wichtigen Produktionskapazität der Hauptstadt fällt aus.

Nacht für Nacht hören Millionen Menschen das Dröhnen der Motoren, wenn die Geschosse über den Kanal nach England fliegen; und Nacht für Nacht halten Millionen Menschen in der Flugschneise der V-Waffe den Atem an, wenn plötzlich ein Flugbombenmotor nach dem anderen aussetzt - denn einer kurzen Stille folgt ein ohrenbetäubendes Krachen, sobald die Sprengladung in einem Haus, auf einer Brücke oder in einer Straße explodiert.

Diese fliegende Bombe ist nur die erste von Hitlers Geheimwaffen; es gibt noch andere, und die Alliierten wissen das. Die Frage ist: Wann werden sie kommen?

General Eisenhower sagt später: »Wenn es den Deutschen gelungen wäre, diese neuen Waffen sechs Monate früher zu vollenden und einzusetzen, wäre die Invasion auf dem europäischen Kontinent überaus schwierig und vielleicht unmöglich geworden.

Im Frühjahr 1939 war den Engländern plötzlich eingefallen, daß sie nichts über etwaige neue deutsche Waffen wußten. Der Generalstab der britischen Luftwaffe richtete in seiner Abwehrabteilung eine naturwissenschaftliche und technische Unterabteilung ein, und Anfang September 1939 wurde der Physiker Dr. R. V. Jones aus den Laboratorien der Universität Oxford zum Chef dieser wissenschaftlichen Abwehr im britischen Luftfahrtministerium ernannt. Noch im selben Monat konnte Jones seine ersten Untersuchungen anstellen:

Adolf Hitler hatte am 19. September 1939 in Danzig von einer angeblich neuen deutschen Waffe getönt, »mit der wir nicht angegriffen werden können«.

Jones prüfte alle Agentenberichte über Geheimwaffen, die dem Geheimen Nachrichtendienst seit 1934 zugegangen waren, und berichtete am 11. November 1939:

»Eine Anzahl von Waffen wird (in den Berichten) mehrmals erwähnt, und einige müssen ernsthaft in Betracht gezogen werden. Dazu gehören: bakterielle Kriegführung; neue Kampfstoffe; Flammenwerfer; Gleitbomben, Lufttorpedos und unbemannte Flugzeuge; weittragende Geschütze und Raketen; neue Torpedos, Minen und Unterseeboote; Todesstrahlen, Strahlen, die Motoren ausschalten; magnetische Minen.«

Nur ein einziger Agentenbericht - ein »Gerüchte-Bericht« vom 17. Oktober 1939 - hatte auf eine Raketenentwicklung in Deutschland hingewiesen. Und diese Rakete war von all den angeblich neuen Waffen als einzige bereits vorhanden:

Seit drei Jahren arbeitete das deutsche Heer in Peenemünde, am Nordzipfel der Ostsee-Insel Usedom, unter größter Geheimhaltung an der Entwicklung der Rakete »Aggregat 4«, die später als »V 2« bekannt werden sollte.

Kaum hatte Jones seinen Bericht abgeliefert, als auch schon der erste Hinweis darauf eintraf, daß sich in Peenemünde tatsächlich eine Einrichtung für Geheimwaffen befand:

Am 4. November 1939 ging über den britischen Marineattaché in Oslo ein anonymer Bericht ein, der eine Menge bemerkenswerter Informationen über eine große Versuchsanstalt an der Ostsee enthielt. Der britische Nachrichtendienst war nicht in der Lage, den technischen Wert dieser Auskünfte abzuschätzen, und die Untersuchungen gingen nahezu drei Jahre lang nicht voran.

Am 20. November 1942 warnte Dr. Jones: »Es besteht äußerste Gefahr, daß etwas Entscheidendes versäumt wird. Im Hinblick auf Hitlers jüngste Äußerung, daß das deutsche Erfindergenie nicht müßig gewesen sei und neue Angriffswaffen gegen England entwickelt habe, können wir es uns nicht leisten, in unserer Wachsamkeit nachzulassen, wie wir es zwangsläufig getan haben. Wenn wir nicht irgendwelche Unterstützung erhalten, können wir die Verantwortung für Überraschungen, die der Feind uns wahrscheinlich plötzlich bereiten wird, nicht mehr übernehmen ...«

Eine Bildaufklärung von Peenemünde wurde erst Anfang 1943 befohlen: sechs Jahre nachdem die Deutschen dort - auf Vorschlag von Wernher von Braun - ihre Laboratorien und Prüfstände aufgebaut hatten.

Ein kostspieliges Bauprogramm hatte das Gelände Peenemünde in die fortschrittlichste Versuchsstation der Welt verwandelt. Im Herzen der Kiefernwälder waren große Flächen freigeschlagen, Versuchsfelder angelegt, Laboratorien und Werkstätten errichtet worden. Auf Befehl des Heeresoberbefehlshabers von Brauchitsch war mit dem Bau eines Versuchsserienwerks begonnen worden, in dem Verfahren zur Massenfertigung der »A 4«-Rakete entwickelt und erprobt werden sollten.

Das deutsche Heer baute in Peenemünde ein eigenes Kraftwerk, eine Fabrik zur Herstellung von flüssigem Sauerstoff und zahlreiche andere Betriebe, um die Geheimhaltung zu erhöhen.

Deutsche Militärs beobachteten besorgt das Ansteigen der Kosten und zweifelten im Hinblick auf die vermutete kurze Dauer des Krieges insgeheim daran, daß Deutschland überhaupt noch dazu kommen würde, Nutzen aus Peenemünde zu ziehen.

Am 23. November 1939 brachte Hitler das Projekt tatsächlich fast zum Erliegen; er halbierte die Stahlzuteilung, denn sein Sieg in Polen hatte ihn zu der Zuversicht verleitet, er werde in diesem Krieg ohnehin keine Raketen mehr brauchen.

Erst im November 1940, als die »Schlacht über England« fehlgeschlagen war, erinnerte Hitler sich wieder des »A 4«-Projektes. Und Anfang 1941 bekam die Raketen-Entwicklung die höchste Einstufung: »SS« (Sonderstufe).

Auf Strategen, die mit den Leistungen bemannter Bomber vertraut waren, wirkte die »A 4«-Rakete mit ihrem kostspieligen Triebwerk, den unorthodoxen Treibstoffen und einer Geschoßspitze von nur 1000 Kilogramm unerheblich und militärisch widersinnig. Doch die Tatsache, daß die Entwicklung vom Heer im allgemeinen und von einem Artillerieoffizier (Walter Dornberger) im besonderen geleitet wurde, erklärt, warum das Projekt trotz starker Widerstände immer wieder angekurbelt wurde:

Einem Artilleristen mußte das »A 4« als Höhepunkt der Waffentechnik erscheinen - denn wie winzig waren im Vergleich zu diesem Geschoß die im Jahre 1918 nach Paris geschossenen Granaten!

So ging die Arbeit in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde unter dem klaren Himmel des Ostsee-Frühlings 1942 flott voran. In den letzten Apriltagen wurde das »A 4« auf den Prüfstand gebracht und montiert - alles funktionierte ausgezeichnet. Am 14. Mai wurde der erste Brennversuch unternommen - er verlief fast fehlerfrei.

Am nächsten Morgen, als die Rakete noch immer schimmernd aus dem Mittelpunkt des elliptischen Prüfstandes ragte, brummte ein einsames Aufklärungsflugzeug der britischen Luftwaffe über den Himmel; sein Film zeichnete das friedliche Bild der Peenemünder Landspitze und »die schweren Bauarbeiten dort unten« auf.

Die Briten argwöhnten noch immer nichts ...

Am 3. Oktober 1942 hob sich ein Versuchsmuster - das vierte des »A 4«

- vom Abschußtisch und raste brüllend

190 Kilometer weit an der deutschen Ostseeküste entlang.

Die Rakete hatte einwandfrei funktioniert; zahlreiche Kameras hatten ihren Aufstieg gefilmt. Spätere Historiker werden es vielleicht bedeutsam finden, daß ein Peenemünder Mechaniker auf das Heck dieses ersten erfolgreichen »A 4« eine junge Dame gemalt hatte, die auf dem Mond ritt.

Und Dr. Wernher von Braun bemerkte: Der einzige Fehler dabei sei gewesen, daß die Rakete »auf dem falschen Planeten gelandet« sei ...

Die Intensität, mit der das OKW das Raketenprogramm förderte, wurde von der Erprobungsstelle der Luftwaffe in Peenemünde-West mit erheblicher Beunruhigung beobachtet. Die Luftwaffen-Ingenieure hatten gesehen und gehört, wie die »A 4«-Raketen von dem Prüfstand südlich des Flugplatzes brüllend in den Himmel stiegen. Der Flammenausstoß war tatsächlich auf Hunderte von Kilometern Im Umkreis zu sehen.

»Die deutsche Luftwaffe hatte Sorge«, so bemerkte Rüstungsminister Speer bei einer Vernehmung nach dem Kriege, »daß das Heer allein nach London hinüberkame; sie sagte häufig: 'Das Heer fängt an zu fliegen.'«

Die Luftwaffe war also von Wernher von Brauns Erfolgen wenig begeistert und förderte ihr eigenes Fernbeschußprogramm mit doppeltem Eifer. Sie setzte ihre Hoffnung auf ein kleines, wenig kostspieliges, unbemanntes Flugzeug - etwa in der Größe eines kleinen Jägers -, das eine Sprengladung von einer Tonne über eine Entfernung von 250 Kilometern befördern sollte.

An der Entwicklung dieser »fliegenden Bombe« arbeiteten die Kasseler Flugzeugfabrik von Gerhard Fieseler und die Firma Argus. Ihre Direktoren konnten den Generalfeldmarschall Milch dazu überreden, der Produktion dieses Geräts innerhalb der Flugzeugindustrie hohen Vorrang zu geben.

Heiligabend 1942 wurde die erste Flugbombe mit einem Katapult gestartet. Sie legte den vorgesehenen Kurs ohne Mängel zurück. Die Nachricht von diesem Erfolg verbreitete sich rasch innerhalb der Luftwaffe.

Anfang Januar 1943 besuchte Walther von Axthelm, General der Flakartillerie, Peenemünde und erlebte den Start einer »geflügelten Bombe«. Dem Chef des Generalstabs der Luftwaffe, Generaloberst Jeschonnek, berichtete er, daß dies die einfachste Methode sei, Ziele in Entfernungen bis zu 360 Kilometer ohne Einsatz von Menschen anzugreifen. Mit Milch erörterte er die Einsatzmöglichkeit der Waffe gegen England.

Milch war besessen von dem Wunsch, gegen England zurückzuschlagen. Auf einer Konferenz am 9. März 1943 erklärte er: »Es handelt sich nicht um Punktziele, sondern um reine Terrorangriffe und weiter gar nichts! Sie sehen, was die Leute mit ihren Terrorangriffen erreichen, auch wenn sie nicht zielen.«

Seine Formel war einfach: »Wir müssen England angreifen, damit uns England hier nicht kaputtschlägt. Legen Sie von den Engländern ein paar Millionen um! Wenn das ginge, würden sie auf Ihre Angriffe auf Deutschland sehr schnell verzichten.«

Am Morgen des 27. April fand dann die erste ausführliche Besprechung über Erprobung und Einsatzplanung der »Fi 103« im Reichsluftfahrtministerium statt.

General von Axthelm hatte den ersten Regimentskommandeur für die Flugbomben-Truppen bereits ausgewählt: Oberst Max Wachtel, einen energischen und vitalen Offizier, der sich durch sein heftiges Wesen viele Feinde gemacht hatte.

Und Generalfeldmarschall Milch drängte: »Jeder Tag, den wir verlieren, ist eine untragbare Belastung der gesamten Kriegführung ... Wir haben uns vorgenommen: Weihnachten als Geschenkgabe - 'Hermann seinem lieben Churchill'. Wenn wir es ein paar Tage früher kriegen, ist es eine Mordssache. Wir müssen alles tun, um es zu schaffen.«

Bevor die Besprechung beendet wurde, kam Major Stahms - Kommandant von Peenemünde-West, dem Versuchsplatz der Luftwaffe - auf die Probleme der Geheimhaltung zu sprechen: »Wir haben (in Peenemünde) etwas über dreitausend ausländische Arbeiter aus aller Herren Ländern eingestellt. Wir können auf sie nicht verzichten, weil sonst der ganze Laden stehenbleibt. Ich wette, daß uns sämtliche Ausländer weggenommen werden und - uns ein KZ-Lager zugewiesen wird. Die KZ-Lager haben eine Stärke von dreitausend Mann. Da ist uns dann die große Schwierigkeit mit der Wachstellung abgenommen, weil genügend SS-Leute dabei sind.«

Milch war einverstanden: »Entwerfen Sie mir einen Brief an Himmler.« Er versprach, diese Regelung zu befürworten.

Bald wurde ein KZ-Lager zur Verfügung gestellt.

Am 24. Februar setzte der Peenemünder Arbeitsausschuß ein Programm für die Serienherstellung der »A 4«-Rakete in Umlauf. Doch Anfang März wurden die ehrgeizigen Pläne von düsteren-Nachrichten aus dem Führerhauptquartier zerschlagen: Speer kehrte von einem Besuch bei Hitler nach Berlin zurück und berichtete Oberst Dornberger erregt, Hitler habe geträumt, kein Aggregat 4 werde England jemals erreichen, und deshalb befohlen, die gesamte Konstruktion und Erprobung einzustellen.

Dornberger klagte, daß er jetzt nicht nur gegen mangelnde Voraussicht der maßgebenden Stellen zu kämpfen, sondern es nun auch noch mit »den Träumen unseres obersten Kriegsherrn« zu tun habe.

Zu diesem Zeitpunkt besuchte der AEG -Direktor Professor Petersen Peenemünde; am 25. März berichtete er bei Minister Speer voller Begeisterung. Mit Petersens Bericht und dem Plan eines gewaltigen Raketenabschußbunkers bewaffnet, gelang es Speer, Hitlers Pessimismus zu zerstreuen. Der »Führer« wurde ja immer optimistisch, sobald irgendein toller, großartiger Plan zur Sprache kam. Und wenn es dabei um Hunderttausende von Tonnen Stahlbeton ging, geriet er geradezu in Ekstase.

Am Abend des 29. März suchte Albert Speer den »Führer« auf dem Obersalzberg auf, um ihm die von der Organisation Todt gezeichneten Pläne für den riesigen Abschußbunker vorzulegen; unter dem Decknamen »Kraftwerk Nord-West« sollte er in Nordfrankreich gebaut werden.

Hitler genehmigte die Pläne, gab jedoch Anweisung, daß der geplante Abschußbunker, falls sich der Raketenplan als undurchführbar erweisen sollte, als Unterkunft für wichtige militärische Einheiten an der Westfront benutzbar gemacht werden könne.

Nach eingehenden Erkundungen wurde eine Stellung im Bois d'Eperlecques, anderthalb Kilometer westlich von Watten, gewählt. Die Organisation Todt versprach, Material und Arbeitskräfte bereitzustellen - keine Kleinigkeit, da das Bauvorhaben 120 000 Kubikmeter Beton verbrauchen sollte, was etwa dem Zweijahresverbrauch einer Stadt wie Köln entspricht.

Wie hätte Adolf Hitler aber auch ein derart gigantisches Projekt ablehnen können? Das war schließlich eine Sache, in der sich alles zu verkörpern schien, wonach er immer gestrebt hatte: Hier bekam er die Möglichkeit, England zu bombardieren, ohne deutsche Flugzeugbesatzungen zu gefährden!

Die Arbeit an dem Bunker sollte unverzüglich beginnen.

Die ersten Schritte zur Durchführung der Serienfertigungspläne des »A 4« wurden bei einer Besprechung des Arbeitsausschusses »Elektrische Geräte« am 24. März 1943 -in Berlin unternommen. Bei dieser Gelegenheit wurden auch vorbeugende Schutzmaßnahmen gegen Fliegerschäden erörtert, denn das »A 4«-Programm befand sich mittlerweile in einem besonders verletzlichen Stadium: In Peenemünde wurden fast wöchentlich Raketen abgeschossen, und es war nahezu unvermeidlich, daß die Alliierten Einzelheiten über diese neue Bedrohung erfuhren; ein Luftangriff auf die Heeresanstalt Peenemünde oder auf eine der Zulieferfirmen war also durchaus möglich.

In der Berliner Besprechung wurde deshalb beschlossen: »Alle Stellen werden aufgefordert, sofort dafür zu sorgen - soweit

noch nicht geschehen -, daß die Bauunterlagen, Spezialwerkzeuge usw. entweder besonders sichergestellt werden oder in einem zweiten Satz an anderer Stelle vorhanden sind ...«

Fünf Monate sollten noch vergehen, ehe die britische Luftwaffe ihren ersten Angriff auf Peenemünde fliegen konnte; bis zu dieser Zeit hatten die vernünftigen

Vorbeugungsmaßnahmen der Deutschen die Erfolgsaussichten des Angriffs in hohem Maße verkleinert.

Um die Jahreswende 1942/43 häuften sich in London die Agentenberichte über eine deutsche Raketen-Entwicklung. Einige der wichtigsten Informationen lieferte ein offensichtlich zuverlässiger dänischer Chemiker.

Dieser Mann hatte in einem Berliner Weinlokal eine unvorsichtige Unterhaltung mitangehört, derzufolge zwischen dem 30. November und dem 2. Dezember 1942 auf einem Gelände bei Swinemünde Versuche mit einer »großen Rakete« angestellt worden waren.

Der Bericht eines anderen Agenten lokalisierte das Versuchsgelände noch genauer: Peenemünde.

Freilich sahen sich die britischen Abwehrstellen noch immer vor der Frage, wie ernst sie diese Meldungen nehmen durften. Schließlich konnten die Abwehroffiziere nicht jeder Meldung über Geheimwaffen nachgehen; doch die Häufigkeit, mit der immer wieder auf »deutsche Raketen« hingewiesen wurde, gab ihnen zu denken.

Am 9. Februar 1943 erging an den Leiter der Abteilung Heeresbildauswertung bei der Zentralauswertungseinheit

der Luftwaffe in Medmenham, Major Norman Falcon, die Bitte:

»Kürzlich sind Hinweise darauf gegeben worden, daß die Deutschen vielleicht irgendeine Form von weittragenden Werfern entwickeln, die in der Lage sind, von der französischen Küste bis England zu feuern. Der Werfer könnte einem Stück Eisenbahngleis ähneln. Wir wären deshalb dankbar, wenn Sie sorgfältig auf alle verdächtigen Montagen von Schienen oder Gerüsten achten wollten.«

Für den Historiker, der alle Fakten übersieht, ist es leicht, nur jene Agentenberichte zu beachten, die sich in der Rückschau als zutreffend erwiesen haben. Doch für Abwehrstellen ist das Problem ungleich komplizierter. Sie tappen im dunkeln, arbeiten unter Zeitdruck und müssen echte Informationen von Falschmeldungen der feindlichen Abwehr unterscheiden.

Noch im März 1943 argwöhnten Skeptiker in London, die Deutschen könnten alliierten Agenten absichtlich Informationen über Raketen zugespielt haben, um in England eine Panik hervorzurufen. Doch dann lieferte die britische Kriegsgefangenen-Vernehmungseinheit einen Bericht, der diese Möglichkeit endlich auszuschließen schien:

Zwei hohe Offiziere des deutschen Heeres waren auf einen der ältesten Abwehrtricks hereingefallen. Die Generale Crüwell und Ritter von Thoma beide in Nordafrika gefangengenommen - wurden am 22. März 1943 zusammengeführt und in einem Raum, der mit empfindlichen Mikrophonen ausgestattet war, allein gelassen. Im Verlauf ihrer Unterhaltung äußerte von Thoma sein Erstaunen darüber, daß London noch immer nicht durch deutschen Raketenbeschuß - in Trümmern liege.

Das Gesprächsprotokoll wurde unverzüglich der Abwehreinheit der Luftwaffe zugeschickt. Es hatte eine heilsame Wirkung: Nunmehr schien es den Abwehrleuten vernünftig, anzunehmen, daß die Deutschen tatsächlich eine Fernrakete entwickelten.

Jetzt schaltete sich auch das Heeresministerium ein. Generalleutnant A. E. Nye, stellvertretender Chef des Empire-Generalstabs, genehmigte am 11. April 1943 den Umlauf eines Aufsatzes über die »Entwicklung weittragender Raketen in Deutschland«. Die Denkschrift stellte sämtliche Abwehrberichte zusammen, die seit Dezember 1942 in London eingegangen waren.

Die Schrift hatte allerdings einen Nachteil: Leider begnügte sich das Heeresministerium nicht damit, die-Berichte weiterzugeben, wie sie waren; es versuchte auch, sich ein Bild von der deutschen Rakete und dem Abschußverfahren zu machen - ein Bemühen, das sich später als überaus unglücklich erweisen sollte.

Andererseits zerbrachen sich die Verfasser des Berichts aber nicht den Kopf über das mögliche Antriebsmittel, das Reichweite und Nutzlast der Rakete bestimmen mußte. Britische Raketen hatten bislang ausschließlich festen Treibstoff; so schien man einfach davon auszugehen, daß auch die Deutschen diesen Standard-Stoff - Cordit - verwendeten ...

Am 15. April 1943 schrieb General Ismay, Stabschef in Churchills Verteidigungsministerium, an Premierminister Winston Churchill: »Die Stabschefs sind der Ansicht, daß Sie von Berichten über deutsche Versuche mit Fernraketen in Kenntnis gesetzt werden sollten. Der Umstand, daß seit Ende 1942 fünf Berichte eingegangen sind, weist darauf hin, daß es sich um eine Tatsache handelt, selbst wenn Einzelheiten ungenau sind ...«

Die Stabschefs schlugen dem Premierminister vor, Duncan Sandys mit der Untersuchung zu beauftragen. Churchill nahm den Vorschlag noch am gleichen Tage an.

Duncan Sandys war zu jener Zeit 35 Jahre alt. Er hatte bei der Flak gedient und ein Versuchsraketenregiment kommandiert. Durch einen schweren Autounfall wurde sein aktiver Militärdienst beendet. Das Land sollte den Nutzen davon haben.

Der Parlamentarier - der beim Wahlkampf seine künftige Ehefrau, Churchills Tochter Diana, kennengelernt hatte - wurde parlamentarischer Sekretär im Versorgungsministerium und war somit verantwortlich für die gesamte Waffenforschung, -entwicklung und -produktion. In dieser Eigenschaft stand die Mehrheit der britischen Wissenschaftler zu seiner Verfügung. Er schien also für seinen neuen Job -bestens geeignet: Er hatte militärische Erfahrung und Zugang zu einer unvergleichlichen Gruppe wissenschaftlicher Berater.

Selten aber hat die Bevorzugung eines Ministerialbeamten zu mehr Groll und Bitterkeit geführt. Ein Minister war besonders bestürzt über Sandys' Ernennung: Lord Cherwell, der frühere Professor Lindemann, jetzt Generalzahlmeister des Schatzamtes. Lord Cherwell fühlte sich als graue Eminenz der Regierung. Er war persönlicher wissenschaftlicher Berater des Premierministers und legte großen Wert auf seine Freundschaft mit Churchill. Seine Reaktion auf Sandys' Ernennung war geradezu feminin: Lord Cherwell wurde eifersüchtig. Sein Verhältnis zu Sandys war von unversöhnlicher Antipathie geprägt.

Dieses Gefühl wurde so stark, daß der Lord davon in seinen Entschlüssen beeinflußt wurde; er ließ sich dazu hinreißen, eine falsche und unwissenschaftliche Stellung zu verteidigen, die er selbst Immer mehr als unhaltbar erkennen mußte;

Duncan Sandys ahnte nichts von dem Groll. Er sah nur seine Aufgabe: Agentenberichte zu prüfen und dem Premierminister zu berichten. Sein Wahlspruch lautete: »Experts should be on tap, not on top« (englisches Wortspiel: Experten sollten angezapft werden können, aber nicht an der Spitze stehen). Im wesentlichen verfügte er über drei Informationsquellen:

- Vernehmung von Kriegsgefangenen;

- Auswertung von Luftbildern;

- Prüfung alliierter Agentenberichte.

Alle drei waren aber der bewußten Verfälschung durch den Feind ausgesetzt, so daß Sandys noch eine andere Methode verfolgen mußte: die Auswertung von Nachrichten zweiter Ordnung. Bei dieser Methode sucht man nicht nach bestimmten Einzelheiten, sondern nach Symptomen und Auswirkungen, die sich weniger leicht fälschen lassen.

Am 19. April 1943 erhielt die Zentralauswertungseinheit in Medmenham vom Luftfahrtministerium ihre ersten Anweisungen, die Gefahr deutscher Geheimwaffen mit Hilfe der Luftaufklärung zu untersuchen. Mit der Suche wurde Oberstleutnant H. H. Thomas beauftragt.

In seinen Anweisungen hatte das Luftfahrtministerium drei Möglichkeiten für das Auftauchen der feindlichen Geheimwaffe angedeutet:

- Weittragendes Geschütz;

- Raketen-Flugzeug;

- Rakete - möglicherweise aus einem

Rohr, möglicherweise aus einem Bergwerk gestartet.

Mit höchstem Vorrang sollten alle Photos, die seit dem 1. Januar 1943 über Nordfrankreich innerhalb einer Entfernung von 200 Kilometern von London aufgenommen worden waren, genau' untersucht werden. Weitere Aufklärungsflüge sollten mögliche Lücken unverzüglich schließen.

Als Sandys seine ersten Überlegungen anstellte, versetzte er sich in die Lage der Deutschen: Wo könnte eine deutsche Raketenversuchsanstalt liegen? Er folgerte: An der Küste; nicht in der Nähe dichtbewohnter Gebiete; an einem entlegenen Ort; außerhalb der Reichweite alliierter Seestreitkräfte. .

Somit kam nur die Ostsee in Frage. Sandys forderte Medmenham auf, alle bereits vorhandenen Photos von Peenemünde genau auf ungewöhnliche Strukturen zu untersuchen.

Medmenham zog die Industrieauswerter unter Hauptmann E. J. A. Kenny und die Heeresauswerter zur Suche heran. Noch ahnte niemand, welch entscheidenden Beitrag die britischen Bildaufklärer bei der Untersuchung der deutschen Geheimwaffen leisten sollten.

Am 20. April 1943 wurde Sandys von Churchill offiziell beauftragt, die Beweise für eine deutsche Fernraketenentwicklung zu prüfen. Bereits am nächsten Tag begann der eifersüchtige Lord Cherwell mit sein Opposition.

Cherwell ließ sich von Dr. A.D. Crow - der in seiner Eigenschaft als Leiter der Projektilentwicklung- im Versorgungsministerium die gesamte britische Raketenforschung beaufsichtigte - dessen Theorie von einer deutschen Zehn-Tonnen-Fernrakete erläutern.

Crow stützte seine Theorie von der Zehn-Tonnen-Rakete auf die Annahme, daß die Rakete wie ein übergroßer Feuerwerkskörper konstruiert sei: In einer massiven Stahlhülse von sechs Tonnen Gewicht würden vier Tonnen eines langsam brennenden Antriebsmittels wie Cordit enthalten sein.

Diese Vorstellung schien Cherwell phantastisch und unrealistisch; er wollte nicht glauben, daß ein solches Gerät mit einiger Genauigkeit über weite Strekken zu schießen sei. Er hielt das Ganze für unverantwortliche Spekulationen schlecht unterrichteter Abwehrstellen und sah es als seine Pflicht an, diese Seifenblase zum Platzen zu bringen. So schrieb er am 22. April an Churchill: »Obwohl die Möglichkeit nicht von vornherein ausgeschlossen werden kann, habe ich den Eindruck, daß die technischen Schwierigkeiten außerordentlich

groß sind, und es würde mich ziemlich überraschen, wenn die Deutschen sie überwunden haben sollten ... Nach ausführlich dargelegten Einwänden fuhr er fort:

»Die Rakete würde mit verhältnismäßig geringer Geschwindigkeit auftauchen, so daß die Zielgenauigkeit ganz erheblich vom Wind beeinträchtigt würde ...«

Tatsächlich hatte Lord Cherwell damit die Wurzel des Problems getroffen, das von Braun anfangs schwer zu schaffen gemacht hatte: Wie steuert man den Flug der Rakete bei der sehr geringen Anfangsgeschwindigkeit gleich nach dem Abheben? Von Braun hatte dieses Problem schließlich mit Graphitrudern im Raketenstrahl gelöst. Doch davon wußte Lord Cherwell nichts.

Sein Einwand wurde als begründet anerkannt, und die Wissenschaftler mußten sich mit der einzigen ihnen bekannten Methode, diese Schwierigkeit zu überwinden, beschäftigen - nämlich: daß die Rakete mit Hilfe eines riesigen »Werfers« oder übergroßen Mörsers gestartet wurde.

Diese Theorie erschwerte die Aufklärung bis zum Juli 1944.

Zwei Tage nachdem Cherwell seinen Brief an Churchill geschickt hatte, am Ostersonntag 1943, begingen die Industrieauswerter in Medmenham ihren ersten bedeutsamen Fehler:

Einige Experten ließen sich von Hauptmann Kenny ins Riesenhafte vergrößerte Aufklärer-Photos von Peenemünde vorführen. Auf ihnen waren am äußersten Nordende des Peenemünder Hakens Landgewinnungsarbeiten zu erkennen - unter anderem ein etwas rätselhaftes Objekt. Die Auswerter identifizierten es als eine »Pumpmaschine, die den Schlamm aus dem Meer befördert«.

Doch diese »Pumpmaschine« war eine erste Versuchsschleuder für deutsche Flugbomben.

Im Frühjahr 1943 schienen die britischen Vernehmungsoffiziere einen großen Fang gemacht zu haben: Herbert C., 32 Jahre alt, Panzerfachmann und bis November 1942 Kriegsverwaltungsrat in Rommels Afrikakorps. Er war in Nordafrika in Gefangenschaft geraten, erwies sich als ungewöhnlich gesprächig und zeigte sich zur Mitarbeit bereit.

Herbert C. verwandelte sich in »Mr. Peter Herbert« und avancierte zum technischen Berater der Abteilung für Kampfwagen im Versorgungsministerium.

Freilich schätzte er seine neugewonnene Freiheit und das Recht, als »Zuverlässiger« mit der- U-Bahn zwischen seiner Vorstadt-Wohnung und dem Büro in der Londoner City hin- und herfahren zu dürfen, so hoch ein, daß er, nachdem er all seine Kenntnisse preisgegeben hatte, Zuflucht zur Phantasie nahm. Mr. Herbert entpuppte sich somit als überaus vielseitig beschlagen:

Nachdem er über Panzerkonstruktionen nichts mehr auszusagen hatte, ließ er beiläufig einfließen, er sei eine Zeitlang an der Erforschung von Problemen für die deutsche Marine beteiligt gewesen - und wurde prompt den Vernehmungsoffizieren der Marineabwehr überstellt.

Als sein »Gedächtnis« auch auf diesem Gebiet erschöpft schien, deutete er nebenher gute Kenntnisse in der Entwicklung deutscher Raketentriebwerke an - und wurde der Vernehmungseinheit des Luftfahrtministeriums überstellt. Das geschah ausgerechnet zu einer Zeit, da sich die Raketen-Hysterie im Kabinett ihrem Höhepunkt näherte.

Als die Protokolle von den Vernehmungen des Deutschen weitergegeben wurden, waren sie nicht mehr, wie üblich, »Geheim«, sondern »Strengstens geheim«.

Mr. Herbert erwähnte »Raketen von ungeheuren Ausmaßen«. Er nannte ein »Gewicht von hundert Tonnen« und »dreifache Schallgeschwindigkeit«. Die Raketen könnten »aus leichten Rohren oder über schwere Gleisrampen gestartet« werden.

Die Vernehmungsoffiziere schienen beeindruckt. Man darf nicht vergessen, daß 'Mr. Herberts Angaben über deutsche Panzerkonstruktionen inzwischen voll bestätigt worden waren. Auch war den Engländern mit dem Deutschen ein pawlowsches Experiment gelungen: Sie ließen eine Abhandlung über höhere Mathematik bei ihm liegen; als sie ihn später beobachteten, las er das Werk beglückt - wie einen Abenteuerroman.

Jeder, der diesen zum Engländer gewordenen, hochaufgeschossenen Deutschen mit dem jungenhaften Gesicht und dem ganz und gar nicht dazu passenden Kneifer auf der Nase kennenlernte, erlag dem Zauber seines Charmes.

Später sollten die Vernehmungsoffiziere das Vertrauen, das sie in den phantasievollen Deutschen gesetzt hatten bedauern.

Am 29. April verbreitete die Zentralauswertungseinheit Medmenham den ersten Bildaufklärerbericht über Peenemünde. Er stützte sich auf die letzten vier Aufklärungsflüge. Darin waren fünf der Gebäudegruppen und Anlagen auf dem Peenemünder Haken beschrieben, nicht jedoch der Flugplatz, auf dem - den Briten unbekannt - Entwicklung und Erprobung von Flugbomben stattfanden.

Und wieder war Kennys Industrieabteilung, die bereits die Schleuder der Flugbombe als »Schlammpumpe« identifiziert hatte, zu Fehlschlüssen gelangt:

Zwei hohe Fabrikgebäude bezeichnete sie als »möglicherweise Nitrierhäuser« tatsächlich stellten sie aber das Versuchsserienwerk für Fertigung und Montage der »A 4«-Raketen dar.

Als Kennys Gruppe ihre Aufmerksamkeit auf das Kraftwerk richtete, wurde sie abermals vom Pech verfolgt: »Das Kraftwerk weist zur Zeit der Luftaufnahme keinerlei Zeichen einer Tätigkeit auf, abgesehen von den Brennstoffvorräten auf dem Kohlenhof. Nicht einer der sechs Schornsteine auf dem Kesselhaus raucht.«

Tatsächlich arbeiteten die Generatoren aber auf Hochtouren; die Deutschen hatten allerdings elektrostatische Staub- und Rauchfänger in die Schornsteine eingebaut, um den Rauchausstoß auf ein Minimum zu reduzieren.

Der folgenschwerste Irrtum unterlief der Kenny-Gruppe jedoch, als sie ein Objekt lediglich als »ein großes Gebäude von 65 mal 45 m« abtat. Denn dieses Gebäude war die empfindlichste Anlage im-ganzen Peenemünder Gebiet - sie stellte flüssigen Sauerstoff her.

Hätte Duncan Sandys zu dieser Zeit gewußt, daß die Peenemünder Anstalt mit einer sehr großen Anlage zur Herstellung von flüssigem Sauerstoff ausgerüstet war, hätte er nicht übersehen können, daß dies wahrscheinlich ein wesentlicher Bestandteil des Raketentreibstoffs war.

Doch die Bildauswerter in Medmenham waren angewiesen worden, sorgfältig nach Beweisen für die Herstellung von Raketen mit konventionellem Brennstoffantrieb, möglicherweise Cordit, zu suchen - und so fanden sie diese Beweise:

»Der allgemeine Eindruck der Fabrik. die auf einer Lichtung im Wald liegt, deutet darauf hin, daß sie zur Herstellung von Explosivstoffen benutzt werden könnte.«

Auf die geheimnisvolle elliptische Erdanlage mit Gruppen hoher Gebäude Laufkränen, Gruben, Kleinstbunkern und unerklärlichen Fetzen weißen Dampfes konzentrierten die Kenny -Leute ihre größte Aufmerksamkeit. Hier übertrafen sie sich selbst an Genauigkeit. Keiner von ihnen wagte eine offizielle Vermutung über den Zweck dieser großzügig angelegten Erdanlage, doch jeder war wohl davon überzeugt, daß dies der Startplatz der Rakete sein müsse:

»Man sieht eine große Wolke von weißern Rauch oder Dampf ... Auf

Photo 5010 erkennt man ein etwa siebeneinhalb Meter langes Objekt... Als Photo 5011 vier Sekunden später aufgenommen wurde, war dieses Objekt verschwunden ...«

Die Berichte der Heeresanstalt Peenemünde geben einen Hinweis darauf, was geschah, als diese Photos aufgenommen wurden:

Am 22. April, dem Tag dieses Aufklärungsfluges, stand das einundzwanzigste Fertigungsmuster der Rakete »A 4« auf Prüfstand VII, der elliptischen Erdanlage. Kennys »Wolke« war die Kondenswolke, als flüssiger Sauerstoff in die Tanks der Rakete gepumpt wurde.

Um 15.25 Uhr, kurz nachdem die Aufklärer-Mosquito über Peenemünde hinweggeflogen war, hatte von Braun mit dem Countdown für den Abschuß begonnen, der einer der erfolgreichsten aller frühen Peenemünder Raketenstarts werden sollte: Das »A 4« flog 260 Kilometer weit die Ostsee-Schußbahn entlang.

Mittlerweile legte Sandys letzte Hand an seinen ersten Bericht über die Beweise für die Raketenentwicklung. Am 17. Mai 1943 wurde er dem Kabinett zugestellt. Er begann:

»Anscheinend machen die Deutschen seit einiger Zeit Versuche mit einer schweren Rakete, die fähig ist, ein Gebiet aus sehr weiter Entfernung zu bombardieren ...« Sandys mutmaßte, London sei das wahrscheinlichste Ziel. Und er schloß: »Die Versuchseinrichtungen und Fabriken in Deutschland und im deutschbesetzten Gebiet sowie alle verdächtigen Arbeitsvorhaben im Küstengebiet von Nordfrankreich sollten Bombenangriffen ausgesetzt werden. Eine vorläufige Liste vorgeschlagener Ziele wird dem Luftwaffenstab zugesandt.«

Die Empfehlung, Peenemünde zu bombardieren, wurde nicht einfach befolgt:

Das Ministerium für Wirtschaftskriegsführung erklärte, daß ein solcher, Angriff - »besonders, wenn er in einer Art und Weise durchgeführt wird, die darauf berechnet ist, ein Maximum an Personalverlusten hervorzurufen« - die Produktion nur dann verzögern werde, wenn die Entwicklung der Rakete noch nicht abgeschlossen sei.

Andererseits würde ein solcher Angriff den Feind auch warnen und könnte dadurch »die Beschaffung weiterer Nachrichten verhängnisvoll behindern«.

Anfang Mai 1943 konnte Oberst Walter Dornberger den Reichsbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz, Gauleiter Fritz Sauckel, zu einem Besuch in Peenemünde bewegen. Sauckel kam am 13. und blieb bis zum 14. Mai.

Am ersten Besuchstag wurde eine Rundfahrt durch die Werksanlagen der Heeresanstalt unternommen. Das atemraubende Schauspiel dieser ungeheuren, geheimen Anstalt, von der selbst führende Nationalsozialisten nur verschwommene Vorstellungen hatten, der erregende Film vom Start eines »A 4« mit dem Schlußwort »Wir haben es doch geschafft!« und das ohrenbetäubende Brüllen der Raketenantriebe auf den Prüfständen - wer wäre dem Bann dieses Zaubers nicht erlegen?

Am zweiten Besuchstag wurde ein »A 4« gestartet. Das Wetter war ausgezeichnet. Der Peenemünder Hafen briet in einer Hitzewelle, und der Himmel war zu weniger als einem Zehntel von einer niedrigen dünnen Wolke bedeckt.

Das Aggregat 4 funktionierte gut. Das Projektil erreichte eine Gipfelhöhe von 85 Kilometern und schlug schließlich fünfeinviertel Minuten nach dem Abheben in einer Entfernung von 250 Kilometern ein ...

Sauckel war zufrieden und beeindruckt.

Nach Sauckel besuchte ein steter Strom von Nazi-Würdenträgern die Heeresversuchsanstalt Peenemünde.

Am 26. Mai kamen Speer und Großadmiral Dönitz, in ihrer Begleitung Generaloberst Fromm, Generalfeldmarschall Milch und Karl-Otto Saur, der Leiter von Speers Technischem Amt.

Bei wolkigem Wetter wurden für die Herren zwei »A 4«-Raketen gestartet. Die erste schlug in einer Entfernung von 265 Kilometern ein - nur fünf Kilometer vom vorgesehenen Ziel entfernt. Die zweite explodierte kurz nach dem Start vor den Augen all der nationalsozialistischen Führer. Doch der Erfolg der ersten war so glänzend, daß die Naziführer den Mißerfolg der zweiten gern übersahen.

Der erfolgreiche Start des ersten »A 4« erfolgte zum günstigsten Zeitpunkt: Denn die Abschüsse dieses Tages waren verlangt worden, weil ein für allemal über das Schicksal der beiden Geheimwaffen »A 4« und »Fi 103« entschieden werden sollte.

So gab sich auch die deutsche Luftwaffe allergrößte Mühe. Sie katapultierte am gleichen Tag zwei Flugbomben - doch die Dinger explodierten alsbald nach dem Start.

Dennoch wurde abends der Beschluß gefaßt, daß beide Waffen nebeneinander weiterentwickelt werden sollten - als Beförderungsmittel, die Sprengstoff ohne Einsatz von Flugzeugbesatzungen über weite Entfernungen tragen konnten.

Drei Tage nach dem Vergleichsschießen in Peenemünde hielt Albert Speer vor einer wildbegeisterten Menge im Ruhrgebiet eine Ansprache, bei der er zum erstenmal öffentlich andeutete, was das britische Volk erwarte: »Die deutschen Mühlen scheinen manchmal langsam zu mahlen - aber sie mahlen dafür trefflich fein ...«

Die Berliner Zeitungen widmeten dieser Rede dicke Schlagzeilen. So tönte der »Völkische Beobachter« am 30. Mai 1943. »Wenn die Stunde der Abrechnung kommt, wird ihnen alles heimgezahlt werden!«

Und am 5. Juni, auf einer Kundgebung im Berliner Sportpalast, prophezeite Goebbels unter starkem Beifall: »Eines Tages kommt die Stunde der Vergeltung!«

Drei Wochen später, am 28. Juni 1943, kam der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, nach Peenemünde.

Am nächsten Morgen, um 9.15 Uhr, wurde bei völlig bedecktem Himmel das 38. Versuchsmuster des »A 4« gezündet. Die Rakete hob sich glatt vom Tisch und stieg etwa zehn Meter.

Dann sah Generalmajor Walter Dornberger zu seinem Entsetzen, daß sich der bunt gestrichene Körper zu drehen begann, zunächst kaum wahrnehmbar, dann immer schneller. Das Aggregat neigte sich in die Waagerechte und schoß - schließlich in etwa 200 Meter Höhe - über die Insel. Es taumelte und stieß Flammen aus.

Fünfzehn Sekunden nach dem Start setzte das Triebwerk aus, und die Rakete stürzte auf die Rollbahn des Flugplatzes Peenemünde-West. Acht Tonnen flüssiger Sauerstoff und Alkohol explodierten mit brüllendem Lärm, drei abgestellte Flugzeuge wurden zerstört, und in die Startbahn wurde ein gewaltiger Krater gerissen.

Himmler soll daraufhin gescherzt haben: »Nun kann ich ja nach Berlin zurückfahren und mit gutem Gewissen die Herstellung von Nahkampfwaffen befehlen.«

Doch innerhalb von 55 Minuten brachten die Techniker eine weitere »A 4«-Rakete aus der Montagehalle in Startstellung. Sie wurde geprüft betankt, wieder geprüft und abgeschossen.

Die Rakete schwebte fehlerlos In den Vormittagshimmel und verschwand in den Altostratuswolken. Das donnernde Brüllen ihres Triebwerks hallte länger als eine Minute über die Ostsee, bis ein Funksignal den Brennschluß auslöste.

Der Schuß war vorbildlich: Das Projektil legte einen Weg von 236,152 Kilometer entlang der Ostseeküste zurück.

Himmlers Gesicht war ausdruckslos. Doch es bestand kein Zweifel, daß selbst er bei der Großartigkeit des Starts und dem triumphalen Erfolg der Rakete aus dem Gleichgewicht geraten war. Er versprach, ein Wort beim »Führer« einzulegen, sobald sich eine Gelegenheit ergebe.

Sehr bald konnten die Raketen-Leute selbst ihre Sache bei Hitler vortragen:

Dr. Ernst Steinhoff, der Chef des Peenemünder Bord-, Steuer- und Funkmeßwesens, flog Wernher von Braun und Generalmajor - Dornberger am 8. Juli 1943 in einer »He 111« von Peenemünde zur »Wolfsschanze«. Minister Speer und der Leiter des Sonderausschusses »A 4« in Speers Ministerium, Direktor Gerhard Degenkolb, trafen wenig später ein.

Zunächst sahen Hitler, Jodl und Keitel sich »Die Fernrakete«, den dramatischen Werkfilm vom ersten »A 4« -Abschuß im Oktober 1942, an. Dann besichtigten sie die maßstabgerechten Modelle vom Abschußbunker Watten. Hitler war tief beeindruckt: Er ernannte Wernher von Braun zum Professor und traf eine Entscheidung, über die Speer berichtete:

»Der Führer legt nochmals fest, daß das ,A 4' mit allem Nachdruck zu fördern ist. Er hält dies für eine - mit verhältnismäßig geringen Mitteln durchführbare - kriegsentscheidende und die Heimat entlastende Maßnahme. Die Arbeitskräfte und Materialien müssen voll gestellt werden.«

Kurz darauf besprachen Speer, Degenkolb und Dornberger die nunmehr notwendigen Luftschutzmaßnahmen für Peenemünde. Speer wußte, daß es nicht mehr lange dauern konnte, bis die alliierten, Bomber Peenemünde einen Besuch abstatten würden.

Auf Deutschlands dichtbesiedelte Gebiete gingen im Sommer 1943 die ersten schweren Bombenangriffe nieder. Nachdem die britische Luftwaffe schon im Frühjahr ihre Serie von Angriffen auf die großen Industriestädte an der Ruhr begonnen hatte, folgten im Juli die Hammerschläge auf Hamburg.

Nach neun Angriffstagen lagen nahezu 40 000 Tote unter den Ruinen der Hansestadt; über eine Million Zivilisten wurden evakuiert.

Die britischen Bomber hatten zum erstenmal »Düppelstreifen« abgeworfen - Schauer von Metallfolien, die alle Radargeräte außer dem Funkmeßgerät »Freya« gestört hatten -, so daß die Verluste der Angreifer ungewöhnlich niedrig waren.,

Wenn Deutschland je eine Vergeltungswaffe gebraucht hatte, dann war bestimmt jetzt die Zeit gekommen, sie einzusetzen.

»Terror bricht man nur durch Terror«, tobte Hitler. »Alles andere ist Quatsch! Man muß endlich zum Gegenangriff kommen!«

Das war am 25. Juli. Am gleichen Tag empfing der »Führer« den Minister Speer, der einen Entwurf für den »Erlaß über Ausstoß an ,A 4'-Geräten« mitgebracht hatte. Hitler unterschrieb mehr als bereitwillig: »Die erfolgreiche Fortsetzung des Krieges gegen England fordert, daß der Höchstausstoß an A 4'-Geschossen so rasch wie möglich erzielt wird ...«

Das Heer setzte den neuen Führer-Erlaß überall hemmungslos ein. Die Spannungen zwischen den beiden miteinander rivalisierenden Fernschuß -Programmen der Deutschen wurden nahezu unerträglich; denn um ihr eigenes Programm zu retten, wehrte sich die Luftwaffe verzweifelt.

Tatsächlich hatte die Flugbombe »Fi 103« Ende Juli zahlreiche Probeschüsse erfolgreich bestanden. Die Luftwaffe war zuversichtlich. Die Versuche waren so gut verlaufen, daß nun sogar schon der Vorschlag laut wurde, die »Fi 103« von U-Booten über den Atlantik schleppen zu lassen und 200 Kilometer vor der amerikanischen Ostküste auf New York abzuschießen.

»Eine schöne Idee«, meinte Generalfeldmarschall Milch dazu, »aber mit den heutigen U-Booten nicht zu verwirklichen ...«

Zu diesem Zeitpunkt war das Urteil über Peenemünde in London bereits gefällt: Die deutsche Heeresversuchsanstalt sollte vernichtet werden. Der Entscheidung war ein zähes Tauziehen vorausgegangen.

Im Mai 1943 hatte die Bildaufklärungseinheit »zylindrische Objekte« in Peenemünde ausgemacht: weiße Striche von 1,5 Millimeter Länge auf grauem Grund. Mitte Juni identifizierten die Auswerter ein vergleichbares Objekt als »etwa 12 Meter hohe und 1,2 Meter dicke Säule«.

Als Dr. R. V. Jones, der Chef der wissenschaftlichen Abwehr im britischen Luftfahrtministerium, die Luftaufnahmen von Peenemünde untersuchte, glaubte er in dem rätselhaften »Objekt« mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Rakete zu erkennen. Er besprach seine Entdeckung mit Lord Cherwell, dem Generalzahlmeister des Schatzamtes, und schrieb am 16. Juni an den von Churchill mit der Untersuchung beauftragten Duncan Sandys:

»Lord Cherwell hat mich gebeten, Sie auf die Tatsache aufmerksam zu machen

- falls Sie diese nicht bemerkt haben ,

daß auf einigen Photos des Aufklärungsfluges N/853 über Peenemünde eine Rakete sichtbar zu sein scheint; sie ist etwa elf Meter lang.«

Nun gab es auch für Duncan Sandys kaum noch Zweifel: Peenemünde schien tatsächlich der Sitz der deutschen Raketenentwicklung zu sein. Er bat die Royal Air Force dringend, den geplanten Bombenangriff auf diese Einrichtung so bald wie möglich durchzuführen.

Aber die britische Luftwaffe ließ sich nicht drängen: Peenemünde bilde ein sehr schwieriges Angriffsziel; die Entfernung sei weit, und die Nächte seien derzeit am kürzesten; außerdem müßten die Bomber aus fast selbstmörderisch geringer Höhe angreifen - und nach den furchtbaren Ausfällen während der Schlacht über der Ruhr brauche das Bomberkommando dringend eine Ruhepause. Kurzum: Ein Angriff sei nicht vor August durchzuführen.

Duncan Sandys befahl sogleich neue Aufklärungsflüge, und tatsächlich bestätigten die Photos seine Befürchtungen:

- Auf dem Gelände von Peenemünde standen Raketen zum Abschuß bereit.

- Die Flak-Verteidigung um Peenemünde wurde ständig verstärkt.

- Die Bunkerbautätigkeit in Nordfrankreich schien überaus lebhaft. Am 29. Juni tagte Churchill mit dem Verteidigungsausschuß des Kabinetts. Nach langem Palaver wurde beschlossen, daß

- »die aufmerksamste und strengste Erkundung des nordfranzösischen Gebiets innerhalb eines Radius von 240 Kilometern von London aufgebaut und aufrechterhalten und dabei keine Maßnahme vernachlässigt werden soll, sie so umfassend und sorgfältig wie möglich vorzunehmen«,

- »der Angriff auf die Versuchsstation Peenemünde als schwerstmöglicher Nachtangriff des Bomberkommandos geflogen und bei der ersten Gelegenheit durchgeführt werden soll..

Mehrere britische Ministerien arbeiteten bereits fieberhaft Pläne für eine Teilevakuierung Londons aus. Die Lage schien nun ernst genug, zunächst einhunderttausend Mütter und Kinder abzutransportieren. Eine andere Maßnahme gegen den befürchteten deutschen Raketenangriff bestand darin, unauffällig 30 000 stählerne drucksichere Unterstände nach London hereinzuschaffen.

Für Duncan Sandys ging es nun nur noch darum, wer schneller war - die Deutschen mit dem Ausbau von Peenemüne oder der wechselnde Mond ...

Die Nächte wurden länger. Mitte August würde Vollmond sein.

IM NÄCHSTEN HEFT:

600 britische Bomber gegen Wernher von Braun - Bluff über Berlin: Deutsche feuern auf Deutsche - V 3: das »Fleißige Lieschen« - Geheime Höhle am Traunsee - Verräter im Heereswaffenamt - Haben die Deutschen ein Verfahren, monatlich 108 000 Londoner zu töten? - Einsatz: Januar 1944

Deutsche Rechte: Sigbert Mohn Verlag, Gütersloh.

Unbemannte Flugbombe »V 1« über England*: »Terror bricht man nur durch Terror«

Bomberpilot Joseph Kennedy

380 Kisten Sprengstoff gegen V-Stellungen

Heeresversuchsanstalt Peenemünde, 1938: »Das deutsche Erfindergenie ...

... war nicht müßig": Peenemünde-Planer Wernher von Braun (M.)*

Hitler am 19. September 1939 in Danzig

Erster Hinweis auf geheime Waffen

Britischer Abwehrchef Jones

Ein Agent hörte im Weinlokal mit »V 2«-Start in Peenemünde

Eine junge Dame ritt auf dem Mond

Flugbombe »V 1«, Bedienungsmannschaft: »Legen Sie von den Engländern ...

... ein paar Millionen um": V-Waffen-Förderer Speer, Milch

Britisches Flugblatt, 1943 »Hermann seinem lieben Churchill«

Gefangener General von Thoma

Auf einen der ältesten Tricks ...

Gefangener General Crüwell

...der Abwehr hereingefallen

Churchill-Berater Cherwell

»Wer ist schneller, die Deutschen...

Churchill-Schwiegersohn Sandys

...oder der wechselnde Mond?«

Britischer Raketenforscher Crow

Theorie von einem deutschen Monstrum

»V 2«-Kondensstreifen

Auf dem falschen Planeten gelandet

Britische Luftaufnahme von Peenemünde: Startplatz als Schlammpumpe identifiziert

»V 2«-Chef Dornberger (I.), Adjutant

»Jetzt habe ich es auch noch ...

Peenemünde-Besucher Himmler (2. v. r.}

... mit Hitlers Träumen zu tun«

Britischer Bomber, Düppelstreifen über Hamburg, Juli 1943: Folien gegen Radar

Hamburg, Juli 1943: 40 000 starben in neun Tagen

Karikatur im »Daily Express« vom 5. November 1943: »Geheimwaffe«

Kriegspremier Churchill, Berater, Sommer 1943: Soll London evakuiert werden?

* Aufgenommen von einer automatischen Kamera, die mit den Bordwaffen eines britischen Jägers gekoppelt war. Wenige Augenblicke später schoß der Jäger die Flugbombe ab. Der helle Punkt oberhalb des Flugkörpers ist der feurige Auspuffstrahl der »V 1«.

* Bei einer Feier anläßlich der Verleihung des Ritterkreuzes zum Kriegsverdienstkreuz an Wernher von Braun. Links: Dr. Steinhoff, Chef des Peenemünder Bord-, Steuer- und Funkmeßwesens.

David Irving
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