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USA / KRANKENVERSICHERUNG Unternehmen Kaffeetasse

aus DER SPIEGEL 28/1962

Präsident John F. Kennedy musterte die in New Yorks Madison Square Garden versammelte Menschenmenge und rief in das Mikrophon: »In diesem oder dem nächsten Jahr wird dieses Gesetz den Kongreß so sicher passieren, wie Flut und Ebbe kommen.«

Amerikas Staatschef prophezeite mit diesen Worten den Sieg einer Gesetzesvorlage der Regierungspartei, die in den USA einführen will, was Deutschland seit Otto von Bismarck besitzt: die obligatorische Krankenversicherung für alte Menschen.

Doch kaum waren Kennedys Worte im Madison Square Garden verklungen, da begehrte ein Mann auf, der sich »wie ein elastischer Bismarck gibt« ("Newsweek") und zudem aus der amerikanischen Kleinstadt Bismarck stammt: Dr. Leonard Larson, Präsident des konservativen Ärzteverbandes »Amerikanische Medizinische Gesellschaft« (AMA) mit 188 000 Mitgliedern, sagte Kennedy den Kampf an.

Rief AMA-Boß Larson in einem für 75 000 Dollar erkauften halbstündigen Fernsehauftritt: »Dieses Gesetz wird vernichtet werden. Ihr werdet alle sehen, wie das Gesetz im Kongreß sein Leben läßt.« Die Gesetzesvorlage sei ein Schritt zum Bismarckschen Staatssozialismus, zur Verstaatlichung der Medizin.

Das Duell zwischen Kennedy und Larson leitete Anfang Juni eine öffentliche Auseinandersetzung ein, die im Augenblick das amerikanische Volk mehr erregt als die Berlin-Krise oder die Fahrt zum Mond.

Während in einer AMA-Offensive Ärzte mit ihren Ehefrauen -und Verbandsfunktionären unter dem Decknamen »Unternehmen Kaffeetasse« Patienten bei Kaffee und Kuchen bearbeiteten, reisten Kennedys Minister durchs Land und hielten vor 100 0 00 Menschen 32 Reden. Amerikas 7000 Organisationen der Alten stellten sich hinter den Präsidenten, und 600 000 alte Menschen engagierten sich mit ihren Unterschriften für Kennedys Projekt. 400 000 Briefe überfluteten die Kongreßabgeordneten. Jammerte AMA-Boß Larson:

Ein »propagandistischer Blitzfeldzug der Regierung«.

Wenige Monate vor den Kongreß- und Gouverneurswahlen ist der Demokratischer Partei damit ein geschickter Schachzug geglückt, der John F. Kennedy im hellen Licht des Sozialreformers zeigt und seiner Partei im November den sicheren Wahlsieg verheißt.

Ob nun der Kongreß Kennedys Programm »Medicare«, wie es die Amerikaner durch Verstümmelung des Begriffs »medical care« (Krankenfürsorge) nennen, akzeptiert oder nicht - die 17 Millionen über 65 Jahre alten US-Bürger, ein Fünftel des amerikanischen Wahlvolkes, werden im November dem Präsidenten ihre Dankbarkeit nicht vorenthalten.

Kennedy »Medicare« beruht freilich nicht nur auf wahltaktischen Überlegungen. Sein Projekt ist ehrgeiziger:

Zum erstenmal seit den Roosevelt-Reformen der dreißiger Jahre soll versucht werden, das auszubauen, was konservative -Kritiker Voreilig den amerikanischen Wohlfahrtsstaat nennen.

Zwar kennt Amerika eine staatliche Unfall- und Arbeitslosenversicherung in den einzelnen Bundesstaaten, aber es gibt keine öffentliche Krankenversicherung, und auch die bundesgesetzlich geregelte Alters- und Hinterbliebenenversicherung weist Lücken auf, da sie bestimmte Bevölkerungsgruppen (Wanderarbeiter, Angestellte der Handelsmarine und der Eisenbahngesellschaften, freie Berufe) ausschließt.

Urteilt der amerikanische Professor Max Lerner: »In der Sozialversicherung sind die Amerikaner mehrere Generationen hinter Europa und den Ländern der britischen Staatengemeinschaft zurück.«

Die tiefverwurzelte Tradition der privaten Initiative und eine Pionier-Ära, in der das Menschenleben nicht viel galt, haben Amerika lange Zeit den Weg zum Sozialstaat verbaut. Es bedurfte erst der Wirtschaftsdepression und zwölf Millionen Arbeitsloser, ehe die ersten Schritte zu einer fortschrittlichen Sozialgesetzgebung unternommen wurden.

Unter dem Druck des New-Deal-Präsidenten Franklin D. Roosevelt entstand 1935 das Bundesgesetz für Soziale Sicherheit (Social Security Act), das den bescheidenen Anfang eines amerikanischen Wohlfahrtsstaats setzte. Aber selbst Roosevelt wagte nicht, eine staatliche Krankenversicherung einzuführen.

Im Lande der Privatinitiative blieb die private Krankenversicherung das Rückgrat der sozialen Sicherheit. Von den unvermeidlichen Schwächen eines solchen Systems aber wurde vor allem eine Menschengruppe betroffen: die über 65 Jahre alten Bürger.

Sie sehen sich in einen Strudel hineingezogen, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint:

- Während die Lebenserwartung der Amerikaner - in Indien liegt sie

bei 42, in Amerika heute bei 73 Jahren - ständig steigt,

- klettern auch- die Behandlungs- und

Pflegekosten der für Krankheiten besonders anfälligen Alten: Zwischen 1945 und 1959 stiegen sie um 81 Prozent - ein Krankenhausaufenthalt, der 1946 pro Tag neun Dollar kostete, erfordert heute 32 Dollar.

Einer derartigen Verteuerung aber sind die Alten schutzlos ausgeliefert; denn 53. Prozent dieser Gruppe haben ein Jahreseinkommen von weniger als 1000 Dollar. Die Folge: Hohe Arztrechnungen fressen die Ersparnisse und Renten auf, die alten Menschen fallen ihren Angehörigen zur Last.

Diese drohende Verarmung einer wachsenden Schicht, die 1980 zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen wird, will Präsident Kennedy nun mit einer obligatorischen Krankenversicherung für arme Amerikaner abwenden. »Medicare«-Kosten sollen vom jungen, gesunden Amerika getragen werden: ein Dollar pro Monat von jedem arbeitenden Amerikaner für die ärztliche Versorgung der kranken Alten.

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