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Artikel 46 / 76

Unternehmen Lautloser Tod

aus DER SPIEGEL 52/1969

2. Fortsetzung und Schluß die Vereinigten Staaten rüsteten

1962 die südvietnamesische Armee mit zwei nichttödlichen Standardgasen zur Unterdrückung von Unruhen aus: mit dem Tränengas CN und dem neu entwickelten Supertränengas CS.

Ein dritter Wirkstoff, Adamsit (militärische Codebezeichnung DM), ein Übelkeit erregendes Gas, wurde erst 1964 in Vietnam eingesetzt. Obgleich die amerikanischen Militär-Handbücher Adamsit lediglich als Gas zur Kontrolle von Unruhen bezeichnen, ist DM ein toxischer Kampfstoff.

Die Südvietnamesen verwendeten CS und CN am 2. November 1964 in Saigon, um einen buddhistischen Aufstand niederzuschlagen. Im folgenden Monat begann die südvietnamesische Armee, angeleitet von amerikanischen Beratern, mit dem Einsatz von DM. CS und CN bei militärischen Operationen gegen den Vietcong.

Trotz der Geheimhaltung drangen Einzelheiten über den Gaskrieg in Vietnam an die Öffentlichkeit. Die weltweiten Proteste beantwortete Washington mit dem Hinweis, an der Verwendung von Gasen zur Bekämpfung von Unruhen sei nichts Ungewöhnliches.

Der damalige Verteidigungsminister McNamara ließ darüber hinaus keinen Zweifel daran, daß die Vereinigten Staaten nicht beabsichtigten, den Gaskrieg gegen die Vietcong-Guerillas einzustellen.

Präsident Johnson selbst beschrieb die in Vietnam eingesetzten Gase als Produkte, die jedermann kaufen könne, und zwar »in jedem Laden dieses Landes, als bestelle man irgend etwas aus einem Katalog«.

Johnson: »ich wünschte nur, daß dasselbe Interesse für unsere Soldaten vorhanden wäre, die in Vietnam sterben, und daß den Leuten dabei auch Tränen in die Augen treten.

Viele hohe amerikanische Beamte taten auf Pressekonferenzen so, als seien sie über die Protest, gegen den Gaskrieg überrascht und erstaunt. Offizielle Erklärungen bestätigten, daß die Vereinigten Staaten keinen Unterschied zwischen Tränengas und Übelkeit erregendem Gas machten. Das Genfer Protokoll, das Amerika nicht ratifiziert hatte, sei durch die Verwendung derartiger Gase nicht verletzt worden.

Und doch gibt es Beweise dafür, daß die USA sich über die Gefahren der Verwendung von Tränengas und anderen Gasen genau im klaren waren.

Im August 1967 verriet ein Berater des Weißen Hauses dem Autor, die

Der ungekürzte Text erscheint demnächst unter dem Titel »Die B- und C-Rüstung« als Buch im Verlag Rütten + Loening in der Scherz-Gruppe.

Entscheidung über den Einsatz von Gas sei nicht leicht gewesen. Wegen dieser Auseinandersetzungen verzögerte sich die Ausweitung des Gaskrieges in Südvietnam, obgleich die Regierung Johnson sorgfältig eine entsprechende Erklärung vorbereitet hatte. Während der nächsten sechs Monate wurde im Vietnamkrieg kein Gas mehr eingesetzt.

Am 7. September 1967 gab das amerikanische Oberkommando in Saigon bekannt, daß gegen einen Bataillonskommandeur der Marineinfanterie. Oberstleutnant L. N. Utter, ein Untersuchungsverfahren eingeleitet worden sei, weil er die Verwendung von 111 Kanistern Tränengas bei einem Einsatz gegen den Vietcong gebilligt habe.

Weil eine Untersuchung zugesagt wurden war, erregte dieser Vorfall dir Offeiitlichkeit nicht. Etwa zwei Wochen später, am 22. September, bat General Westmoreland. der Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte in Vietnam. das Pentagon um Erlaubnis. Tränengas überall dort verwenden zu dürfen. wo sein Einsatz humaner als konventionelle Waffen zu sein schien.

Die offizielle Stellungnahme des Pentagon lautete: Da die Vereinigten Staaten nicht auf ihr Recht verzichtet hätten, nichttödliche Gase zu verwenden, habe der Oberbefehlshaber der amerikanischen Truppen in Vietnam die Vollmacht, unter entsprechenden Umständen Tränengas zu verwenden. Die Verwendung von Wirkstoffen zur Bekämpfung von Unruhen sei nach wie vor dem Oberbefehlshaber überlassen.

Ganz offenbar sollte die Öffentlichkeit vorsichtig auf den häufigeren Einsatz nichttödlicher Tränengase vorbereitet werden. Adamsit, jenes Übelkeit erregende Gas, dessen Einsatz so viel Kritik ausgelöst halte. wurde in keiner Erklärung erwähnt.

Am 25. September erklärte Westmoreland, daß gegen Oberstleutnant Utter kein Disziplinarverfahren angestrengt würde. Einen Monat nach dem Fall Utter wurde Gas bei einer gemeinsamen Operation mit australischen Truppen in der Nähe von Saigon verwendet. 24 Stunden vor dem Gefecht wiesen Offiziere einige Korrespondenten darauf hin, daß Gas eingesetzt würde, und verpflichteten sie zu strenger Geheimhaltung. Den Soldaten hatte man eingeschärft, von »Tränengas« und nicht einfach von »Gas« zu sprechen, falls sie von Reportern gefragt würden.

Von nun an wurde Tränengas in Südvietnam immer häufiger verwendet. Im Februar 1966 warfen Hubschrauber Hunderte von Tränengas-Handgranaten auf ein kleines Dschungelgebiet nordöstlich von Saigon, das angeblich vom Vietcong besetzt war. Kurz danach wurden rund 85 Prozent des Dschungels mit Bomben umgepflügt. Der Zweck des Gasangriffes war, die Soldaten des Vietcong aus ihren Verstecken herauszuholen, um sie der Splitterwirkung der Bomben auszusetzen.

Am 8. Mai 1966 warfen amerikanische Flugzeuge zwölf Tonnen CS-Gas auf ein Dschungelgebiet in der Nähe der kambodschanischen Grenze ab, um einen Angriff amerikanischer Infanteristen mit aufgesetzter Gasmaske vorzubereiten. Ähnliche Operationen fanden während der übrigen Monate des Jahres 1966 statt.

Im September 1967 schrieb der amerikanische Kolumnist und Reserve-Oberst Ray Cromley einen lobenden Artikel über die Verwendung von Tränengas und berichtete, daß dadurch in Südvietnam die Verluste verringert würden. Cromley rühmte besonders die Regierung Johnson für ihren Mut, trotz der öffentlichen Proteste Gas einzusetzen.

»Aber diese Geschichte hat auch einen betrüblichen Ton. Die Tunnel des Vietcong sind häufig so lang und so verschlungen, daß Tränengas unwirksam bleibt. Andere nichttödliche Gase stehen zur Verfügung -- Gase beispielsweise, die Menschen zum Lachen bringen, so daß ihnen egal ist, was um sie herum vorgeht, Einige dieser Gase sind möglicherweise für vietnamesische Tunnel geeignet. Bisher haben jene Männer, die die Entscheidungen treffen, sich gefürchtet, diese anderen Gase zu verwenden -- aus Angst vor einer erneuten öffentlichen Empörung.«

Unerwähnt ließ Cromley allerdings die Tatsache, daß alle Gasangriffe von Dezember 1964 bis August 1967 fehlgeschlagen waren. Keine einzige Aktion hatte auch nur annähernd ihren Zweck erfüllt. Auf diese Fehlschläge reagierte das Militär in charakteristischer Weise: Es steigerte langsam Menge und Konzentration der verwendeten Gase.

Tränengas und Adamsit wurden in Washington und Saigon immer wieder als nichttödliche Wirkstoffe bezeichnet. Aber was bedeutet »nichttödlich«? Zwei Ärzte der Harvard-Universität stellten 1966 fest, daß CS, CN und DM »kampfunfähig machen, aber gewöhnlich nicht tödlich sind, obgleich sie unter bestimmten Umständen auch tödlich sein können: bei extrem hoher Konzentration des Wirkstoffes oder bei äußerst empfindlichen Opfern, etwa bei sehr jungen, sehr alten oder sehr kranken«.

Aber nicht nur Junge, Alte oder Kranke können durch Gase, die zur Bekämpfung von Unruhen bestimmt sind, getötet werden. Am 13. Januar 1966 wurde bei einem Gasangriff nordwestlich von Saigon gegen Vietcong-Guerillas ein 24jähriger australischer Soldat getötet. Sechs weitere Australier mußten in ein Lazarett gebracht werden. In einer offiziellen Erklärung hieß es, der Soldat sei an »Erstickung« gestorben, »obgleich er eine Gasmaske trug«.

Einen deutlicheren Beweis für die tödliche Gefahr eines Gasangriffes lieferte der Brief eines kanadischen Arztes in Südvietnam an Dr. E. W. Pfeiffer, Zoologieprofessor an der Universität von Montana, der einige seiner Kollegen veranlaßt hatte, die Verwendung von CBW-Wirkstoffen (CBW Chemical and Biological Warfare, Chemisch-Biologische Kriegführung) zu untersuchen. In dem Brief berichtete Dr. Alje Vennema aus Burlington. Ontario, über seine Erfahrungen mit Gasopfern während seiner Tätigkeit im Provinzkrankenhaus von Quang Ngai.

»Während der letzten drei Jahre habe ich eine Reihe von Patienten untersucht und behandelt, Männer, Frauen und Kinder, die einer Gasart ausgesetzt waren, deren Namen ich nicht kenne, Das verwendete Gas verursacht Übelkeit, wenn man die Patienten berührt oder den Atem aus ihren Lungen einatmet. Jene Patienten waren sehr krank und zeigten alle Symptome einer Gasvergiftung, wie ich sie bei Veteranen des Ersten Weltkriegs gesehen hatte. Der einzige Unterschied bestand darin, daß die vietnamesischen Patienten erheblich schwerer erkrankt waren.«

Der bisherige Mißerfolg beim Einsatz der »Gase zur Bekämpfung von Unruhen« veranlaßte einige US-Offiziere, an eine weitere Eskalation zu denken -- diesmal mit kampfunfähig machenden Gasen.

Die Ausweitung des Gaskrieges in Vietnam war in erster Linie ein Triumph des Chemie-Korps der US-Armee, das seit seiner Gründung im Ersten Weltkrieg unter der Bezeichnung »Chemical Warfare Service« unermüdlich neue Möglichkeiten zur Massenvernichtung von Menschen entwickelt hatte.

Die ehrgeizigen Offiziere dieser unheimlichen Waffengattung sahen in Vietnam ein einmaliges Experimentierfeld für einen eventuellen Dritten Weltkrieg. Amerikas B- und C-Generale steigerten sich immer mehr in die Vorstellung hinein, mit Gas und Bakterien das Vietnam-Abenteuer und auch künftige Kriege mit Sieg und Ruhm zu bestehen.

Sie wollten damit auch die Fesseln sprengen, die ihnen Amerikas Präsidenten lange Zeit angelegt hatten. Vor allem Weltkrieg-II-Präsident Franklin Delano Roosevelt hatte sich gegen jede Ausweitung der Chemie-Truppe gesträubt,

»Ich tue alles in meiner Macht Stehende, um die Verwendung von Gasen und anderen Chemikalien in jedem Krieg zwischen Nationen zu verhindern«, erklärte er. »Wenn man diese Truppe dadurch auszeichnet, daß man sie Chemie-Korps nennt, würde dies meiner Ansicht nach jeder gesunden Politik widersprechen.«

Erst fast anderthalb Jahre nach Roosevelts Tod wurde der »Chemical Warfare Service« auf Wunsch der B- und C-Generale in »Chemical Corps« umbenannt. Damit war freilich keine Verminderung des Einflusses dieser Spezialtruppe verbunden, im Gegenteil; Die »kommunistische Bedrohung« war eines der Hauptargumente, mit dem der verstärkte Ausbau der Truppe vorangetrieben wurde. Der B- und C-Krieg wurde eine mögliche Realität amerikanischer Kriegsplanung. Tatsächlich bedeutet die Verwendung von Chemikalien, um den Gegner mit möglichst wenig Blutvergießen kampfunfähig zu machen, in der Kriegsgeschichte nichts Außergewöhnliches und Neues. Die Wissenschaft des 20. Jahrhunderts hat diese uralten Praktiken lediglich erweitert.

Im alten Indien, etwa um 2000 v. Chr., wurde Krieg geführt mit Rauchschleiern, Feuer und giftigem Qualm, der »Schlaf und Müdigkeit« hervorrief. Bei der Belagerung von Platää im Jahre 429 v. Chr. benutzten die Griechen Gas. Im Jahre 1456 wurde Belgrad durch einen Alchimisten, der eine giftige Mixtur herstellte, vor den angreifenden Türken gerettet. Die Christen tauchten Lumpen in die Lösung, zündeten sie an und erzeugten damit eine giftige Rauchwolke. Um die Russen im Krimkrieg zu besiegen, schlug 1855 der britische Admiral Earl of Dundonald die Verwendung von Schwefel vor. Nach einer lang dauernden Untersuchung kam die englische Regierung zu dem Schluß, die Wirkung dieser Chemikalie sei so schrecklich, daß kein ehrenhafter Kombattant sie je verwenden könne.

Im amerikanischen Bürgerkrieg regte ein New Yorker namens John W. Doughty die Herstellung einer mit flüssigem Chlor gefüllten Gasgranate an. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, während des Burenkrieges, verwendeten englische Truppen in Geschützgranaten Pikrinsäure.

Trotz eines internationalen Abkommens über die Verwendung von Gasgranaten, das zwischen dem Burenkrieg und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 22 Nationen unterzeichnet hatten, wurde von beiden Seiten laufend Phosgen-, Chlor- und Senfgas verwendet. Dem Gaskrieg fielen 800 000 Soldaten zum Opfer, 60 000 starben.

Die meisten Militärhistoriker datieren die Verwendung von Gas im Ersten Weltkrieg auf den 22. April 1915, auf jenen Tag, an dem die Deutschen eine tödliche Wolke Chlorgas auf die französischen Stellungen bei Ypern schossen. Obgleich ein deutscher Gefangener vor diesem Angriff gewarnt hatte, wurden die Franzosen von dem neuen Gas überrascht.

Giftgas für militärische Einsätze war der deutschen Obersten Heeresleitung aber schon vor diesem historischen Datum bekannt. Denn: Die deutsche Gasforschung ist so alt wie das Deutsche Reich.

Ein deutscher Apotheker wollte schon im Kriege 1870/71 ein französisches Bataillon 30 Minuten lang außer Gefecht setzen -- mit Veratrin, einem Stoff, der Niesreiz verursachte.

Adolf von Baeyer, ein Chemiker in München, wies 1887 auf die militärische Bedeutung giftiger Gase hin. Die preußischen Generale vertrauten aber weiterhin ausschließlich ihren herkömmlichen Feuerwaffen.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges erkannte die deutsche Oberste Heeresleitung aber ihren Irrtum ah. im August 1914 die französische Armee mit 30 000 Bromessigester-Gewehrgranaten ins Feld rückte, Unter Anleitung von Professor Fritz Haber, Leiter der »Kriegschemischen Abteilung« im Preußischen Kriegsministerium, bereitete sich das deutsche Heer daraufhin auf den Gas-Krieg vor: Der lautlose Tod überschattete von nun an die Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges.

Ein weltweiter Meinungsumschwung gegenüber dem Einsatz solcher Waffen führte 1925 zu einer Konferenz in Genf, auf der die Verwendung von erstickenden, giftigen oder ähnlichen Gasen geächtet wurde.

Die Vereinigten Staaten unterzeichneten zwar diesen Vertrag. aber der Senatsausschuß für auswärtige Angelegenheiten weigerte sich 1926, ihn zu ratifizieren. Das Genfer Protokoll, das schließlich von 42 Nationen ratifiziert worden war, wurde vor dem Zweiten Weltkrieg nur ein einziges Mal verletzt, als Italien während des Abessinienkrieges von 1936 Senfgas gegen die Äthiopier einsetzte.

In den dreißiger Jahren war der amerikanischen Spionage bekannt, dali Rußland, Japan und Deutschland aktiv auf dem Gebiet der biologischen und chemischen Kriegführung forschten. Japan, das das Genfer Protokoll von 1925 nicht ratifiziert hatte, wurde beschuldigt, im Krieg gegen China Gas eingesetzt zu haben.

Während des Zweiten Weltkrieges wurde offenbar nirgends de. Befehl zum Gasangriff gegeben, obgleich Deutschland neue chemische Vernichtungsmittel entwickelt hatte: die Nervengase (siehe Kasten Seite 98). Geruchlos und unsichtbar, sind diese Wirkstoffe 75mal tödlicher als Senfgas, das im Ersten Weltkrieg die meisten Verluste durch Gas verursachte.

Obwohl im Zweiten Weltkrieg Gas nicht verwendet wurde, kommen dennoch Verluste von mehr als 600 Mann auf sein Konto. 83 Seeleute wurden getötet und 534 schwer verletzt, als deutsche Flugzeuge Anfang Dezember 1943 einen amerikanischen Frachter bombardierten, der Senfgasbomben im Gesamtgewicht von etwa 100 Tonnen an Bord hatte.

Das Schiff, die »John Harvey«, lag im italienischen Hafen Bari vor Anker. Seine Fracht sollte an das alliierte Oberkommando in Europa gehen, um eingesetzt zu werden, falls die Deutschen mit Gasangriffen beginnen sollten.

Das Gas, das sich in flüssiger Form in den Granaten befand, breitete sich auf dem ölbedeckten Wasser aus, in dem Seeleute schwammen und auf Hilfe warteten. Stunden später wollten die Opfer immer noch nicht, daß sie dem Wirkstoff ausgesetzt gewesen waren, obgleich viele sieh erinnerten, »Knoblauchgeruch« gespürt zu haben. Vierzehn Stunden nach dem Angriff, als es für die Opfer schon zu spät war, entdeckten die Hafenbehörden Teile geplatzter Senfgasgranaten. Der erste Seemann starb vier Stunden nach dem Angriff. Bei anderen Opfern wurden als Todesursache schwere Verbrennungen durch Chemikalien und Lungenschäden durch Einatmen des Senfgases festgestellt.

Nach dem Krieg begannen die Sowjet-Union, Großbritannien und die Vereinigten Staaten sofort mit eigenen Nervengas-Forschungen. Es ist nicht klar, warum die Deutschen die Nervengase im Zweiten Weltkrieg nicht einsetzten; bekannt ist jedoch, daß Hitler die neu entwickelten Wirkstoffe an die Front schicken hell. Albert Speer, Hitlers Minister für Rüstung und Produktion, erklärte 1947 vor dem Nürnberger Gerichtshof, daß der Führer« offenbar geplant habe, die neuen Gase einzusetzen.

Als Speer vor dem Gerichtshof aussagte, waren bereits 1000 Tonnen der in Deutschland hergestellten Gase Tabun und Sann heimlich als »Chlor« in die Vereinigten Staaten verschifft worden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Gas nur in Vietnam und im Jemen verwendet, wo die Ägypter -- nach Berichten der saudiarabischen Regierung -- mit Nervengas angriffen.

Erst Anfang der sechziger .Jahre erhielt der B- und C-Krieg in den amerikanischen Rüstungsplänen eine feste Position. Yun da an forderte das Cheode-Korps immer wieder mehr Geld und mehr Forschungsmöglichkeiten.

In jenen Jahren veranstaltete das Chemie-Korps auch in verschiedenen Orten Wanderausstellungen, um das Bewußtsein des Volkes gegenüber der »kommunistischen Bedrohung« zu alarmieren. In den Ausstellungen wurde auch ein neu entwickeltes Gasschutzgerät für Kleinkinder gezeigt, ein Apparat in der Größe einer Wiege.

Der Vorsitzende der »Amerikanischen Chemie-Gesellschaft«, Dr. Clifford F. Rassweiler, schrieb 1965 für die »Saturday Evening Post« einen Artikel mit dem Titel: »Was ist an der biologischen Kriegführung so entsetzlich?«

Dr. Rassweiler kritisierte jene »humanen« Amerikaner, in deren Augen Giftgas und bakteriologische Kampfstoffe fürchterliche Waffen sind: »Mit unserer unwissenden und emotionalen Opposition gegenüber diesen Waffen haben wir unser Militär daran gehindert, die enormen offensiven Möglichkeiten der chemischen und biologischen Kriegführung zu untersuchen und uns jene Verteidigung zu schaffen, die wir angesichts der wachsenden russischen Bedrohung benötigen.«

Die Opposition, von der Rassweiler sprach, existierte größtenteils überhaupt nicht, ausgenommen einige Beamte des Pentagon; vor dem Vietnamkrieg hatten einige wenige liberale Zeitschriften sowie einige Friedensgruppen« gelegentlich unterstützt von einzelnen Kongreßabgeordneten, ihren Abscheu gegenüber der biologischen und chemischen Kriegführung öffentlich geäußert.

Anfang 1965 hatte ein bereitwilliger Kongreß die Mittel für das Forschungs- und Beschaffungsprogramm der CBW verdreifacht. 1968 protestierten mit Ausnahme einiger wissenschaftlicher Gruppen nur wenige Amerikaner gegen die Verwendung von Pflanzenvernichtungs-Chemikalien und übelkeiterregenden Gasen In Vietnam, obgleich die Antikriegs-Stimmung stärker war als je zuvor.

Ein Argument, das immer wieder vom Chemie-Korps und seinen Befürwortern vorgebracht wurde, lautete: Die Verwendung von B + C-Waffen sei eine »humane« Art der Kriegführung.

Die Definition des Wortes »human« durch den ehemaligen Brigadegeneral J. H. Rothschild, den früheren Direktor der Entwicklungsabteilung für chemische Kriegführung, ist bezeichnend für die Befürworter des B- und C-Krieges.

»Wir benötigten vier Tage, um die von den Japanern besetzte Pazifik-Insel Betio zu nehmen. Wir hatten fast 4000 Ausfälle, darunter 1026 Tote. Hätten wir die Invasion der Insel anstatt mit Sprengbomben mit Senfgas vorbereitet, wäre die feindliche Garnison innerhalb von zwei oder drei Tagen tot oder kampfunfähig gewesen und die Landebahn nicht zerstört worden«, schrieb Rothschild.

Für den Chef Publizisten des Chemie-Korps bedeutete »humane Kriegführung« also lediglich, das Leben amerikanischer Soldaten zu bewahren und vorhandene Anlagen möglichst nicht zu zerstören.

* Bei seiner Rede am 25. November, in der er ankündigte, Amerika werde seine C-waffen reduzieren und seine B-Kampfstoffe abschaffen.

Doch selbst einer der größten Befürworter des Chemie-Korps, der Kongreßausschuß für Wissenschaft und Raumfahrt, erklärte 1959, er könne es nicht über sich bringen, irgendeine Waffe als »human« zu bezeichnen oder ein moralisches Urteil über die mögliche Verwendung von B + C-Waffen in Kriegszeiten zu fällen.

Nach der Änderung der amerikanischen CBW-Politik und einer beispiellosen, von der Armee geförderten Öffentlichkeitskampagne im Jahre 1959 wurden die Mittel für die chemische und biologische Kriegführung in den letzten Jahren der Eisenhower-Regierung erheblich erweitert. Während der fünfziger Jahre waren für diese Waffen jährlich zwischen 50 und 75 Millionen Dollar bereitgestellt worden -- was nur ausreichte, um die bestehenden Programme zu finanzieren.

Das CBW-Budget des Haushaltsjahres 1962 jedoch, das Präsident Kennedy übernahm, forderte eine 30prozentige Erhöhung auf fast 100 Millionen Dollar. Und in jenen tausend Tagen, als die Regierung Kennedy von der Überschätzung der nuklearen Waffen zu einer flexibleren Verteidigungspolitik umschwenkte, vergrößerten die CBW-Ausgaben sich um das Dreifache auf jährlich fast 300 Millionen Dollar.

Mehr als 9700 Zivilangestellte sowie 3750 Offiziere und Soldaten arbeiten in sechs höchst geheimen Anlagen des Chemie-Korps in Maryland, Arkansas, Indiana, Colorado und Utah. Der Gesamtwert der Basen beträgt etwa eine Milliarde Dollar; daneben existieren große Bauvorhaben.

Wenn es in der Regierung überhaupt eine Opposition gegen CBW gab, kam sie aus dem Pentagon selbst. Die Kritiker des CBW-Programms. meistens Kernwissenschaftler, fragten, warum die Vereinigten Staaten denn ein neues Waffensystem einführen wollten, wo doch die Nuklearwaffen bereits jene Abschreckung darstellten, die zur Verhinderung eines feindlichen Angriffs erforderlich ist.

In den Augen der meisten amerikanischen Generale aber ist CBW eine rationale und humane Waffe. Brigadegeneral Rothschild meinte, daß die Verwendung von Senfgas in Südvietnam unschätzbar sei, wenn es um die Säuberung bestimmter Gebiete und darum ginge, die Tunnel des Vietcong unbenutzbar zu machen: »Der Einsatz eines chemischen Wirkstoffs mit geringer Todesrate würde Leben retten. nicht nur bei Amerikanern und unseren Alliierten, sondern auch beim Gegner.«

Generalmajor John Bruce Medaris ging noch einen Schritt weiter: Er riet zur Verwendung von Nervengas. Das Gas werde nur deswegen nicht eingesetzt, »weil jeder fürchtet, als Barbar bezeichnet zu werden, wenn er nur davon spricht. Nervengas ist die einzige mir bekannte Art und Weise, mit der man die Burschen mit den weißen Hüten von denen mit den schwarzen Hüten trennen kann, ohne einen von ihnen zu töten«.

Doch die Führer des Chemie-Korps fühlten sich allzu sicher. Mit der wachsenden Kritik am Vietnam-Engagement Amerikas begann die Öffentlichkeit in den USA, die B- und C-Rüstung in Frage zu stellen. Einige Unfälle mit amerikanischen C-Waffen brachten die Öffentlichkeit vollends, gegen die unheimlichen Waffen auf.

Im vergangenen Monat zog Präsident Richard M. Nixon erste Konsequenzen. Er erklärte, die Vereinigten Staaten wollten nicht länger biologische Kriegswaffen unterhalten, und sie würden auch ihre Bestände an Nervengas und anderen Chemikalien zu Vergeltungszwecken einschränken. Diese Entscheidung des Präsidenten war ein Sieg der »Tauben über die »Falken« in der Regierung Nixons; der US-Generalstab protestierte denn auch gegen die Verbannung der biologischen Waffen. Der Präsident kann mithin behaupten, er habe über die B- und C-Generale einen Sieg errungen.

Dennoch geben die Militärs den Kampf nicht auf; sie wollen den Präsidenten bewegen, seine Entscheidung rückgängig zu machen. Ihre Begründung: Die USA, gegenwärtig kein Partner eines entsprechenden internationalen Abkommens, würden ihre militärische Vorherrschaft aufgeben und für die Ratifizierung des Genfer Protokolls von 1925 (es untersagt den Einsatz von B- und C-Waffen) keine Gegenleistung erhalten.

Vor allem der Vietnamkrieg veranlaßt die Militärs, sich weiterhin für biologische und chemische Waffen einzusetzen. Seit 1964 haben amerikanische und südvietnamesische Truppen mit mehr als 14 Millionen Tonnen Tränengas gegen den Vietcong gekämpft. Die alte Meinung des Militärs, die Gase würden nur verwandt, um Blutvergießen zu vermeiden, wird von niemandem mehr ernst genommen. Offiziell hat man längst zugegeben, das Gas werde nur eingesetzt, um den Gegner aus seinen Tunnel-Stellungen zu vertreiben und so besser Bombenangriffen auszusetzen.

Doch die Öffentlichkeit ist kaum noch bereit, solche Aktionen zu billigen. Demnächst wird der US-Senat über die Ratifizierung des Genfer Protokolls debattieren, für die eine Zweidrittel-Mehrheit benötigt wird. Um diese Mehrheit zu erhalten, muß der Präsident dem Senat mehr über Gase und Pflanzenvernichtungsmittel mitteilen, als er es bisher getan hat.

Sollte der Präsident den Einsatz von Gas künftig nur zur Bekämpfung ziviler Unruhen erlauben, so würde damit die B- und C-Lobby eine entscheidende Niederlage erleiden. Mehr noch: Nixons Erklärung, daß die USA nicht einmal bei einem B-Waffen-Angriff auf ihr Staatsgebiet mit den gleichen Vernichtungsmitteln zurückschlagen würden, hat ernsthaft das Argument der Abschreckung zerstört.

Amerikas B- und C-Rüstung hat ihren Zenit überschritten. Schon heute bewerben sich viele Mikrobiologen und andere Wissenschaftler von Fort Detrick in Zeitungen um neue Jobs. Sie verstehen die Welt nicht mehr. Ende

Seymour M. Hersh
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