Zur Ausgabe
Artikel 54 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Streng Geheim Unternehmen Thunderball

aus DER SPIEGEL 45/1976

Zehn Minuten später als geplant, am Freitag, dem 2. Juli 1976 um 12.25 Uhr, eröffnete Jizchak Rabin die Sitzung des Krisenstabs.

»Ich muß ja wohl nicht betonen«, erklärte Generalstabschef Mordechai ("Motta") Gur zu Beginn, »daß der Erfolg der ganzen Operation davon abhängt, ob wir alle imstande sind, ein Geheimnis für uns zu behalten. Vor allem: Niemand darf am Telephon ein Wort darüber verlieren!«

Der Generalstabschef wußte, wovon er sprach. Gerade in jenen Monaten waren die Nachrichtendienste der USA und der Sowjet-Union dabei, ihre Aktivitäten im Nahen Osten auszuweiten; vor der Küste Israels hatte noch bis zum April ein sowjetisches Aufklärungsschiff gelegen. Daß es inzwischen abgedampft war, bedeutete wohl nur, daß jetzt raffiniertere elektronische Geräte eingesetzt wurden.

Generalleutnant Gur trat an eine Lageskizze des ugandischen Flughafens Entebbe und erläuterte den Plan des Kommando-Unternehmens. Deutlich waren auf der Skizze das alte Empfangsgebäude, in dem die Geiseln festgehalten wurden, die Pisten und andere Bauwerke zu erkennen.

Nachdem er die wichtigsten Phasen der Operation »Thunderball« erläutert hatte, erklärte Gur, der noch am Abend zuvor am Gelingen des Unternehmens gezweifelt hatte: »Es ist zu machen.« Aber sogleich machte er wieder eine Einschränkung: »Wir brau-

C 1976 Zmora, Bitan, Modan Publishers, Tel Aviv.

chen allerdings mehr Analysen vom Geheimdienst. Was wir hier haben, ist der Stand von vorgestern.«

Gur schloß seinen Vortrag: »Stunde Null ist also morgen, 23.05 Uhr.«

»Motta, wann spätestens muß die Entscheidung fallen, wenn wir Sonnabend nacht operieren wollen?«

»Meiner Meinung nach nicht später als Sonnabend, 15 Uhr.«

Ministerpräsident Rabin war nun überzeugt, daß der Plan ausgeführt werden konnte. Trotzdem hielt er es nicht für notwendig, schon jetzt die Entscheidung für oder gegen die Operation zu fällen. Vielmehr schlug er vor, die endgültige Beschlußfassung auf den nächsten Tag, Sonnabend, zu verschieben, damit man die Auswertung der Nachtübung und die neuen Informationen abwarten konnte, die inzwischen vom Geheimdienst beschafft werden sollten.

Verteidigungsminister Schimon Peres war mit dem Aufschub nicht einverstanden. Er drängte auf eine Entscheidung in dieser Konferenz -- doch ohne Erfolg. Und in der Tat: Die Gefahren und Ungewißheiten waren noch immer groß genug.

»Könnten wir nicht bei dieser festlichen Gelegenheit Idi Amin als Geisel nehmen?« schlug ein Minister vor.

Die anderen grinsten. Sie waren nicht ganz sicher, ob es ein Scherz sein sollte. »Ich kenne ein paar Ugander, die froh wären, ihn loszusein«, sagte jemand.

Dann kamen sie wieder zur Sache: »Wo sollen die Maschinen aufgetankt werden?«

»Entweder in Entebbe oder irgendwo sonst«, antwortete Gur.

Die Antwort des Generalstabschefs verblüffte alle. Daß die Transportmaschinen am Ort des Überfalls aufgetankt werden könnten, schien in diesem Augenblick unvorstellbar. Gur wollte zu diesem Thema nichts weiter sagen: »Die Sache ist noch nicht zu Ende überlegt, wir arbeiten noch daran.«

Eine neue Frage kam auf: »Was passiert, wenn unsere Männer auf Ugander stoßen?«

»Wir haben die Genehmigung des Verteidigungsministers« auf sie zu feuern, aber wir werden alles tun, um das zu verhindern.«

»Sollten wir nicht vielleicht den Terroristen die Hälfte der Gefangenen, die sie haben wollen, anbieten, wenn sie dafür die Frauen und Kinder freilassen ...«

»Auf keinen Fall! Sie würden nicht darauf eingehen!«

Jizchak Rabin griff ein, um wieder zum Kern der Sache zu kommen: »Wir haben immer noch keine Gewißheit über die Chancen der Operation. Die Geheimdienstdaten sind lückenhaft, deswegen müssen wir weiter auf zwei Ebenen operieren: Verhandlungen mit den Terroristen, als ob wir keine militärische Option hätten, und Vorbereitung der militärischen Option, als ob nicht verhandelt würde.«

Justizminister Chaim Zadok: »Sollte man nicht die Regierung zusammenrufen, damit sie uns oder den Verteidigungsausschuß ermächtigt, die Entscheidung zu treffen?«

Außenminister Allon: »Um entscheiden zu können. müssen wir erst wissen, wie es mit dem Auftanken wird. Aber für mich gibt es prinzipiell überhaupt keinen Zweifel: Eine Befreiung der Geiseln von Entebbe ist der Freilassung von 40 Terroristen (in Israel) unbedingt vorzuziehen -- selbst wenn es dabei einige Verluste gibt. Wir müssen uns jetzt gleich dafür entscheiden, den Sicherheitskräften die Vollmacht zu geben, alles so vorzubereiten, als ob wir die militärische Operation genehmigt hätten:«

Peres: »Meiner Ansicht nach wäre es besser, wenn wir die Ermächtigung erst morgen um 14.00 Uhr bekommen, möglichst kurz vor Beginn der Operation, damit verhindert wird, daß aus dem Verteidigungsausschuß der Regierung etwas durchsickert.«

»Vor einem Mercedes präsentiert jeder ugandische Soldat.«

Zadok: »Wozu brauchen wir denn den Verteidigungsausschuß? Die Regierung kann doch -- und zwar heute schon -- dem Krisenstab die notwendige Ermächtigung geben. Das genügt doch!«

Rabin: »Aber die Unabhängigen Liberalen, die Nationale Religiöse Partei und Mapam -- keine dieser Parteien ist im Krisenstab vertreten. Sie müssen an der Entscheidung beteiligt sein.«

Peres: »Ich schlage vor, unter strikter Geheimhaltung den Verteidigungsausschuß einzuberufen, und zwar für morgen, 12.00 Uhr. Die Sitzung des vollständigen Kabinetts folgt dann um 15.00 Uhr.«

Schweigend verließen der Ministerpräsident und seine Kollegen den Sitzungssaal. Der Generalstabschef und der Generaldirektor des Außenministeriums Avineri trafen sich auf der Toilette wieder.

»Motta, was haben Sie für ein Gefühl bei der Sache?« fragte Professor Avineri.

»Das Problem ist der Flug. Der Überfall auf Entebbe ist dann nicht mehr schwer -- wir werden sie völlig überrumpeln.«

»Und wenn es nicht klappt?«

»Sehen Sie das Loch da?« fragte Gur und wies zu dem Abfluß am Boden des Pissoirs. »Wenn es nicht klappt, werden wir alle da verschwinden.«

Verteidigungsminister Peres war noch mit dem Ministerpräsidenten zusammengeblieben, nachdem die anderen gegangen waren. Er berichtete Rabin ein paar Einzelheiten über die Vorbereitungen. »Übrigens«, sagte er, »die haben da eine Idee mit einem Mercedes.

Etwa zur selben Zeit standen Major Jossi Jaar und sein Kommandoführer Oberstleutnant Jonni Natanjahu zusammen auf dem Hof des Militärlagers, in dem die Operation vorbereitet wurde. »Die Sache ist im Grunde ganz einfach«, erklärte Jossi. »In der ugandischen Armee hat jeder Offizier vom Kompaniechef aufwärts einen schwarzen oder dunkelgrünen Mercedes. Jeder ugandische Soldat, der so einen Wagen herankommen sieht, nimmt automatisch Haltung an und grüßt oder präsentiert das Gewehr.«

Jonni griente. Er hatte nie viel dafür übrig gehabt, daß Israel afrikanischen Staaten Militärhilfe leistete, doch an diesem Freitagnachmittag gab er gern zu, daß die bedeutenden Investitionen, die man in den Schwarzen Kontinent gesteckt hatte, immerhin einen kleinen Gewinn abwarfen.

»Um die ugandischen Wachtposten, denen wir auf dem Weg zum alten Empfangsgebäude begegnen, noch mehr zu verwirren, als sie es ohnehin sind«, fuhr Jossi fort, »setzen wir einen Mercedes ein. So sparen wir vielleicht noch ein paar Sekunden Zeit.«

In diesem Augenblick fuhr ein Mercedes durch das Lagertor, den zwei Männer des Kommandos am Mittag bei einem Gebrauchtwagenhändler in Tel Aviv gekauft hatten.

»Gott der Gerechte«, rief Jossi aus, »jetzt haben die einen weißen gekauft ...«

In Entebbe waren die Geiseln dabei, ihr Mittagsmahl einzunehmen »Es muß Pferdefleisch sein«, scherzte Dr. Hirsch -- aber plötzlich verging ihnen das Lachen. Die 75jährige Dora Bloch wurde blaurot im Gesicht und rang nach Luft. Ein Stückchen Fleisch war ihr in der Kehle steckengeblieben.

Ihr Sohn Ilan Hartuv klopfte ihr auf den Rücken. Dr. Hirsch versuchte, ihr zu helfen. Chadassa David, von Beruf Krankenschwester, führte sie in den Waschraum. Alle Bemühungen waren vergebens, Dora Bloch krümmte sich in unaufhörlichen Hustenanfällen.

Dr. Hirsch rief den ugandischen Arzt, der sofort anordnete, Dora Bloch ins Krankenhaus zu bringen. Ein Krankenwagen fuhr vor, Ilan wollte mit einsteigen, um bei seiner Mutter zu bleiben. Die deutsche Terroristin sah es. Sie machte Ilan ein Zeichen, daß er wieder aussteigen sollte. »Ihre Mutter braucht Sie nicht. Sie bleiben hier!«

Der Krankenwagen fuhr zum Mulago-Hospital in Kampala, in dem früher hauptsächlich europäische Ärzte und Schwestern gearbeitet hatten. Man brachte Dora Bloch in die Notaufnahme-Station.

Im alten Entebbe-Terminal sagte Wilfried Böse gerade zu dem Piloten der entführten Air-France-Maschine, Michel Bacos: »Die Israelis sind zu allem fähig. Passen Sie auf, die kommen am Ende noch über den Victoria-See hier rüber.«

An demselben Freitag, um die Mittagszeit herum, bemerkte ein CIA-Agent, daß auf dem Flughafen Lod zwei Transport-Maschinen der israelischen Luftwaffe standen, von Monteuren und Malern umwimmelt. Auf die Maschinen wurden andere Kennzeichen gepinselt.

Plötzlich fiel dem CIA-Mann ein, daß bei der Garten-Party, die am vergangenen Abend von den Kanadiern veranstaltet worden war, keine höheren Offiziere der israelischen Streitkräfte anwesend waren -- eine Tatsache, über die auch seine britischen und kanadischen Kollegen gerätselt hatten.

Minuten später ging von Tel Aviv ein verschlüsseltes Kabel an die CIA in Washington ab: »Es gibt Hinweise auf operationelle Tätigkeit in Israel, allerdings fällt die Annahme schwer, daß Israel in Uganda operieren wird.«

Um 17.15 Uhr waren die höheren Offiziere wieder im Büro von Schimon Peres versammelt. Motta Gur fehlte. Der Ranghöchste war jetzt Jekutiel ("Kuti") Adam, der Operationschef des Generalstabs. Kuti Adam, eine treibende Kraft bei den Vorbereitungen der vergangenen Tage, gab den Bericht zur Lage: Teams von der Luftwaffe, von den Fallschirmjägern, vom Geheimdienst, vom Sanitätskorps seien seit 24 Stunden an der Arbeit und prüften das kleinste Detail.

»Nu -» Verteidigungsminister Peres wandte sich an einen der Generale. »Was hältst du davon?«

»Es ist ein Lotteriespiel. Wenn es gelingt, wird es eine Sensation. Aber -- und da sei Gott vor -- wenn was passiert, wenn eine Rakete eine der Maschinen trifft, dann wird es eine fürchterliche Tragödie.«

»Okay. Aber würdest du in dieser Lotterie spielen?«

»Alles hängt vom Geheimdienst ab. Wir müssen aufpassen, daß wir nicht in eine Falle gehen.«

Peres: »Kuti, was meinst du?« Adam: »Der Erfolg hängt davon ab, ob wir genau wissen, wo sich die Terroristen und wo sich die Geiseln aufhalten.«

Inzwischen trafen immer mehr Informationen in Tel Aviv ein, aus Paris, London und vom Schwarzen Kontinent. Fluggäste des entführten französischen Airbus, die am Tag zuvor in Entebbe freigelassen worden waren und in der vergangenen Nacht in Paris eintrafen, waren vernommen worden, ehe sie sich auch nur ein wenig von dem fünftägigen Alptraum erholt hatten.

Jetzt stapelten sich die Meldungen. und die Planer der Operation erfuhren: > Das alte Empfangsgebäude hat

drei Eingänge.

* Terroristen stehen zu zweien und zu dreien Wache, hauptsächlich an den Eingangstüren.

* Die übrigen Terroristen halten sich in einem Nebenraum auf, der früher als VIP-Aufenthaltsraum diente.

* Im Obergeschoß des alten Empfangsgebäudes befinden sich ugandische Soldaten.

* Der Kontrollturm ist ungefähr so hoch wie ein viergeschossiges Haus, man kann von ihm aus das ganze Gelände überblicken.

Diese Geheimdienstinformationen hatte sich Jonni Natanjahu jedesmal aus Tel Aviv mitgebracht, wenn er zum Generalstab hinübergeflogen war, um sich neue Planungsdetails zu holen.

Ein Entebbe-Modell aus Sandsäcken gebaut.

»Es wird alles ganz schnell vorbei sein, wenn wir den Plan präzise einhalten«, erklärte Jonni bei der Nachmittagsbesprechung den leitenden Offizieren des ihm unterstellten Kommandos.

Immer wieder hatte er mit seinem Stellvertreter Jossi über die für sie kritische Phase gesprochen. Bis zum Ausrollen der Maschine auf der Landebahn von Entebbe würde es für sie nichts zu tun geben. »Aber von dem Moment an, da die Maschine steht, müssen wir alles, aber auch wirklich alles absolut unter Kontrolle haben.«

Seit dem frühen Morgen hatten Fahrer und Infanteristen diese entscheidende Phase geübt und dabei verschiedene Fahrzeugtypen eingesetzt. Es ging um eine Zeitspanne von 120 Sekunden! So lange dauerte die Fahrt von der weißen Markierung, die den Standort der »Herkules« bezeichnete, bis zu der weißen Markierung, die das alte Empfangsgebäude darstellen sollte.

Jonni Natanjahu war immer noch nicht zufrieden gewesen: »Es muß doch auch schneller gehen ...«

Und jetzt, am späten Nachmittag, befanden sie sich auf einer verlassenen Piste. In der Nähe stand eine Herkules der Luftwaffe, die soeben hergeflogen worden war. In einiger Entfernung von der Startbahn waren Soldaten dabei, Sandsäcke zu füllen und daraus einen Wall aufzuschichten. Ein Offizier maß dessen Höhe und Länge und prüfte die Breite der freigelassenen Öffnungen.

Der Wall aus Sandsäcken entsprach in seinen Abmessungen den Außenwänden des alten Terminals von Entebbe. Die nötigen Daten hatte der Geheimdienst geliefert: Die Sandsackmauer hatte drei Eingänge -- genau wie in Entebbe. Ein Nebenraum war da, von der Hauptfassade etwas zurückgesetzt -- genau wie in Entebbe. Das Geländer in der Nähe des alten Empfangsgebäudes war angedeutet; es hatte eine Höhe von etwa einem Meter -- genau wie in Entebbe.

Die Herkules parkte 1400 Meter von dem Sandsackmodell entfernt. Diesen Abstand hatte man festgelegt, um die Maschine außer Reichweite von Handfeuerwaffen zu halten, so war sie auch von Bazookas der ugandischen Armee oder der Terroristen weit genug entfernt. Tonnen markierten den kürzesten Weg von der Herkules zum alten Terminal. Mit verschiedenen Fahrzeugtypen wurden immer wieder das Herunterfahren von der Flugzeugrampe und die Fahrt zu dem Sandsackwall geprobt.

In den engen Durchgängen des Sandsackwalls standen Soldaten, die Karabiner und Übungshandgranaten schuß- und wurfbereit in der Hand hielten. Sie stellten die »Terroristen« dar. Fallschirmjäger sprangen aus den Fahrzeugen, um sie »auszuschalten«.

Jonni Natanjahu und Jossi Jaar sahen zu und analysierten jede Bewegung. Wo war der erste Zusammenstoß zu erwarten? Was passierte, wenn die andern das Feuer eröffnen würden?

»Mich stört dieser verdammt hohe Kontrollturm«, sagte Jonni. »Man kann von dort aus das ganze Gelände überblicken. Das ist zu gefährlich! Wir werden zwei Wagen den Auftrag geben. ihn zu beschießen.«

Von Zeit zu Zeit feuerte er seine Männer an, die sich da auf der Piste abhetzten: »Wir haben keine Sekunde zu verlieren! Eine Handgranate braucht nur vier Sekunden, bis sie explodiert. Rennt so lange, bis es vorbei ist! Erschießt die Terroristen!«

Dann wurde der Einsatz des Mercedes geprobt. Jonni saß vorn in dem Wagen, rechts vom Fahrer. Jossi Jaar hatte links hinten Platz genommen. Jonni hatte geplant, insgesamt elf Mann in das alte Taxi zu quetschen, aber das erwies sich als unmöglich. Daher mußten zwei Männer seines Voraustrupps draußen bleiben; für die übrigen neun war es noch immer unbequem genug.

Immer wieder rollte das Auto aus dem Bauch der stehenden Herkules und jagte auf das Modell des alten Empfangsgebäudes zu. Jeder der Männer wußte, welcher Eingang sein Ziel war.

»Die ugandischen Soldaten könnten versuchen, den Wagen aufzuhalten«, sagte Jonni. »Wir halten auf keinen Fall an! Die Jungs, die nach uns kommen, kümmern sich schon um die Ugander!«

Bis zum Überdruß übten die Soldaten, aus dem Auto zu springen und in das alte Terminal zu rennen. Bis tief in die Nacht probten sie das Stoppen des Wagens, den Sprung ins Freie, das Feuern auf die Terroristen -- bis sie das Gefühl hatten, ihr Leben lang nichts anderes getan zu haben.

Auf Jonnis kleiner Einsatzgruppe sollte die Hauptlast liegen. Insgesamt nahmen an den Proben der verschiedenen Phasen weniger als 50 Mann teil -- das waren die Männer, die losfliegen sollten, falls

Aber dieses »falls« hatte jetzt, während sie ihren Überraschungsangriff zum x-ten Male übten. wenig Bedeutung.

Schließlich wurde das Übungsprogramm auf eine neue Phase ausgeweitet: das Sammeln der Geiseln und -- für alle Fälle -- der Abtransport der Verwundeten.

»Höchstwahrscheinlich stehen die Geiseln unter einem Schock und rennen sinnlos durch die Gegend.« Jonni versuchte, den Männern plastisch zu schildern, wie es in Entebbe aussehen würde. »Wir müssen darauf gefaßt sein, daß wir sie nicht unter Kontrolle kriegen und daß sie einfach verschwinden ...«

Nach kurzem Überlegen hatte Oberstleutnant Natanjahu die Lösung gefunden: »Sobald wir die Situation beherrschen, bilden wir ein Spalier -- so eine Art Korridor vom Gebäude bis zur Maschine, die näher herankommen wird. Wenn sie wegrennen wollen, treffen sie auf unsere Absperrung und kommen automatisch zum Flugzeug.«

Und zu Jossi sagte er noch: »Bitte, denk an alle Möglichkeiten. Ein Fehler -- und das Ende könnte eine Tragödie sein.«

Freitag nacht um 23.15 Uhr traf Generalstabschef Gur bei Jonnis Bataillon ein. Er hatte gerade einen zweistündigen Flug mit einer Herkules hinter sich. auf dem er den Piloten über jeden nur denkbaren Aspekt ausgefragt hatte, vor allem: Start und Landung auf beleuchteter und auf dunkler Piste.

Nachdem Gur Jonnis Jungs in Aktion gesehen hatte, gab es für ihn keinen Zweifel mehr, daß die Operation in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag über die Bühne gehen konnte. Er hatte die Übung auf seiner Uhr mitgestoppt: Von der simulierten Landung bis zur Startbereitschaft der Maschine waren 55 Minuten verstrichen.

Schimon Peres wurde in seiner Wohnung im Norden Tel Avivs vom Klingeln des Telephons gestört. Er entschuldigte sich bei seinen Gästen und nahm den Hörer ab.

»Schimon«, sagte Motta Gur, »wir haben gerade die Generalprobe gemacht. Alles okay. Hat keinen Sinn, daß ich jetzt noch rüberkomme. Es ist schon zu spät! Jetzt ist es eine Sache, die sich machen läßt!«

Es war schon nach Mitternacht, als Jonni seinen Männern den Befehl gab, Ausrüstungen und Handfeuerwaffen fertig zu machen. Die Soldaten zogen sich in ihre Unterkünfte zurück, während Jonni mit Jossi die restliche Nacht in seinem Büro verbrachte. Sie gingen noch einmal alles durch, was die Operation in Entebbe stören könnte.

»Wie werden die Geiseln wissen, daß wir sie nicht angreifen?« fragte Jossi plötzlich.

»Kein Problem«, sagte Jonni nach kurzer Überlegung. »Jede Einsatzgruppe wird ein Megaphon mit sich führen. Der Mann mit diesem Megaphon wird immer wieder durchgeben: »Dies ist Zahal*, werft euch auf den Boden, bis das Schießen aufhört!"«

»Wann führen wir die Geiseln aus dem Gebäude?«

»Nicht bevor wir den letzten Terroristen erledigt haben. Erst einmal müssen wir diese Bastarde töten.«

Der Oberstleutnant und der Major waren überzeugt, daß es zu großen Verlusten kommen werde. Jonni hatte gehört, daß auch der Generalstab sich auf diese Möglichkeit einrichtete. Doch Jonni hatte sich einzig darum zu kümmern, daß die Bodenoperation klappte. Alles hing von der reibungslosen Landung der ersten Herkules-Maschine und von der Schnelligkeit ab, mit der die Gruppe im Mercedes operierte.

Ein Team von Automechanikern hatte sich inzwischen den Mercedes vorgenommen und ihn repariert, soweit es ging. Zunächst hatten sie einen anderen Wagen angefordert, doch das erwies sich als unmöglich -- aus Gründen der Sicherheit. Der Mercedes war nicht mehr sonderlich betriebssicher. So mußten sie andere Wagen ausschlachten, um die lädierten Teile des Mercedes zu ersetzen und seine Leistungsfähigkeit zu verbessern.

Dann machten sich zwei Soldaten daran, den Wagen anzustreichen. Nach einer knappen Stunde war der Mercedes nicht mehr weiß -- er war schwarz wie die Nacht, so schwarz wie seine Geschwister, mit denen Ugandas Offiziere herumprotzten.

Letzte Lagevorträge an der Startbahn.

Kurz vor dem Morgengrauen -- noch war es dunkel in Israel -- verließ ein Konvoi militärischer Fahrzeuge das Tor von Jonni Natanjahus Militärlager. Einige Landrover waren darunter, außerdem ein Schützenpanzer, ein grauer Peugeot-Lkw und mehrere militärische Pkw vom Typ »Rabbi«. Bestimmungsort: eine Luftwaffenbasis irgendwo im zentralen Israel.

Sie stoppten in einer entlegenen Ecke des Stützpunktes, unweit einer Startbahn, auf der vier Herkules-Transporter standen. Bodenpersonal der Luftwaffe lud das für die Operation benötigte Gerät ein. Innerhalb einer Stunde

* Bezeichnung für die israelischen Streitkräfte.

verschwanden auch die Fahrzeuge in den mächtigen Rümpfen der vier Flugzeuge.

Kleine Trupps von Soldaten versammelten sich dann an zahlreichen Stellen entlang der Startbahn. Sie ließen sich auf der Erde nieder, Offiziere informierten sie in kurzen Vorträgen. Ein Trupp hörte zum erstenmal, was ihm bevorstand -- freilich ohne Überraschung: Aus den vorangegangenen Übungen hatten die Soldaten schon die richtigen Schlüsse gezogen.

Waffen und Ausrüstung wurden einer letzten Überprüfung unterzogen, bevor sich die Soldaten in einer langen Reihe anstellten, um in die Maschinen zu klettern. Bodenpersonal rückte letztes Einsatzgerät an die richtige Stelle, auch die Fahrzeuge im Innern der Flugzeuge wurden noch einmal kontrolliert.

Kurz vor 14 Uhr schwangen die großen Türen der vier Herkules-Maschinen zu. Die Motoren dröhnten los, und die vier schweren Monster rumpelten die Startbahn entlang. Noch vier Minuten -- und sie würden sich in die Luft erheben.

Die Vorbereitungen waren abgeschlossen, die Einsatzgruppen aktionsbereit. Ein letztes, schweres Problem war noch zu lösen, das dem Verteidigungsminister Peres von Anfang an Sorge bereitet hatte. Noch einen Tag zuvor hatte er zu Gur gesagt: »Die Frage ist nun, wie wir das Kabinett dazu kriegen, die Operation zu genehmigen.«

Premierminister Rabin hatte inzwischen den Verteidigungsausschuß der Regierung zu einer Sondersitzung einberufen. Vier Minuten vor dem anberaumten Termin saßen die Mitglieder des Ausschusses auf ihren Sitzen im Kabinettssaal. Einige von ihnen, sofern sie dem Krisenstab angehörten, befanden sich dort bereits seit Stunden; die neu hinzugekommenen Ausschußmitglieder indes hatten keine Ahnung, warum man sie an einem Samstag zur Sitzung rief.

Die meisten von ihnen glaubten, daß der Austausch der Terroristen gegen die Geiseln kurz bevorstehe. Gegen solche Vermutungen sprachen freilich die auf dem Konferenztisch liegenden Lagekarten und Skizzen. Die Minister Peres, Allon, Jakobi, Hillel, Zadok, Rabinowitz, Bar-Lev, Galili, Burg, Schemtov und Hausner hörten einen Vortrag Motta Gurs über das bevorstehende Unternehmen Thunderball an -- manche zu ihrer höchsten Verwunderung.

Der Ausschuß stellte Israels » Kriegskabinett« dar. Er verdankte seine Entstehung den Empfehlungen einer Untersuchungskommission, die die Fehler der israelischen Führung im Jom-Kippur-Krieg durchleuchtet hatte. Premierminister Rabin hatte sich mit der Existenz des Verteidigungsausschusses nie so recht anfreunden können, und er bezweifelte noch immer, ob der Aus-

* Bei der Einsatzbesprechung.

schuß notwendig und funktionsfähig sei.

Dem Verteidigungsminister Peres aber paßte der Ausschuß in diesem Augenblick durchaus in seine Pläne. Er befürchtete, das Kabinett werde Schwierigkeiten machen, und hatte sich deshalb eine Schneeball-Technik ausgedacht: Erst müsse man sich, so kalkulierte er, in dem Sechs-Mann-Gremium des Krisenstabes eine Mehrheit für das Unternehmen sichern und dann diese Mehrheit durch eine Pro-Entebbe-Abstimmung im Verteidigungsausschuß verstärken, dessen Mitglieder bereits die Hälfte des Kabinetts ausmachten. Eine Mehrheit im Ausschuß werde dann das ganze Kabinett zur Genehmigung der Operation veranlassen.

»Es ist eine sehr kühne Operation«, sagte der Premierminister, als Gur seinen Vortrag beendet hatte.

»Maalot war gefährlicher«, tönte Schimon Peres. »Damals ging es um 87 Kinder, die dort in einem Gebäude festgehalten wurden. Wir können die Entscheidung nicht hinausschieben, denn Hunderte kennen bereits das Geheimnis.«

»Schon wieder Deutsche gegen jüdische Kinder.«

Es war ein kritischer Augenblick: Mindestens vier Männer im Kabinettssaal erfuhren plötzlich, daß Hunderte israelischer Soldaten und Zivilisten längst wußten, was man ihnen selber verschwiegen hatte. Wie war das möglich?

»Wir haben keine Alternative«, fuhr Peres fort. »Hier geht es um jene Kühnheit, der wir die Entstehung des Staates Israel verdanken, jene Kühnheit, der wir uns immer bedient haben.«

Rabin: »Es ist keine Entscheidung, die man leichten Herzens trifft. Es geht immerhin um die erste Operation unserer Streitkräfte außerhalb des Nahen Ostens.«

Peres: »Für mich ist entscheidend, was die Terroristen in Entebbe getan haben: Schon wieder richten Deutsche ihre Waffen gegen jüdische Kinder.«

Die Debatte wogte hin und her, doch die vier Herkules-Transporter waren bereits in der Luft, auf dem Flug zu dem südlichsten Stützpunkt Israels. Dort sollten die Einsatzgruppen auf das letzte Kommando der Regierung warten. Erst dann würden sie wissen, ob es nach Afrika ging -- oder zurück.

»Wieviel Verluste können wir hinnehmen« -- das war die wichtigste Frage, die im Verteidigungsausschuß gestellt wurde. Motta Gur zögerte nicht mit einer Antwort: »Eine Menge.«

Rabin: »Es ist klar erwiesen, daß Verhandlungen mit den Geiselnehmern unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht weniger gefährlich, ja vielleicht sogar gefährlicher sind als das vorgeschlagene Unternehmen.«

Peres: »Die Terroristen haben jeden Vorschlag abgelehnt, der den Austausch an einem anderen Ort als Entebbe vorsah. Nach einer noch unbestätigten Meldung haben sie von Frankreich nicht nur die Entlassung der Gefangenen, sondern außerdem noch die Zahlung von fünf Millionen Dollar verlangt ... So können wir nicht verhandeln.«

Rabin riß von einer vor ihm liegenden Akte ein Stück Papier ab und schrieb darauf: »Ich glaube, die Maschinen können mit dem Start beginnen.« Es war 14.35 Uhr, als er Peres den Zettel hinschob. Der Verteidigungsminister warf einen Blick darauf und machte eine Geste, die Rabin deutlich zu verstehen gab: Die Maschinen fliegen schon!

Der Kabinettssaal füllte sich mit immer mehr Menschen; Minister, hohe Offiziere, Beamte und Assistenten kamen herbei, an der letzten Entscheidung teilzunehmen. Wieder hielt Generalstabschef Gur seinen Vortrag.

Die Transporter waren inzwischen auf der letzten Station vor dem Einsatzflug gelandet. Die Männer verstreuten sich mit demonstrativer Gelassenheit in einem Hangar, einige versuchten zu schlafen, andere pfiffen leise vor sich hin oder erzählten sich Witze. »Ein Haufen Landstreicher in dreckigen Hosen«, so beschrieb sie später einer der Herkules-Piloten.

Und noch immer hatte das Kabinett nicht entschieden. Rabin wurde ungeduldig. »Meine Herren«, sagte er, »ich hin für das Unternehmen. Die Einheiten sind schon auf dem Weg, sie können jede Minute losschlagen. Wir müssen uns entscheiden.«

Da explodierte der Tourismusminister Mosche Kol: »Die Einheiten haben sich also schon in Bewegung gesetzt, ohne die Genehmigung des Kabinetts zu erhalten? Warum wurde dann überhaupt das Kabinett zusammengerufen?«

Rabin und Peres beeilten sieh, den Minister zu besänftigen: »Wenn sich das Kabinett gegen das Unternehmen entscheidet, etwa in der nächsten Minute oder so, dann können sie wieder zurückgerufen werden, und nichts wird passieren.«

»Vielleicht sollten wir erst einmal alle Verhandlungschancen ausschöpfen?« Diesmal war es der Arbeitsminister Mosche Baram, der die Abstimmung hinauszögerte, doch seine Kollegen wurden nervös: »Baram! Sie kennen doch den Zeitplan! Warum stellen Sie jetzt noch Fragen?«

Der Premierminister reagierte anders: »Bitte, Baram, nehmen Sie sich so viel Zeit, wie Sie brauchen. Fragen Sie, was Sie wollen.« Rabin war jetzt völlig ruhig und gelassen, er zweifelte nicht mehr daran, daß sich in wenigen Minuten alle Hände zugunsten der Operation von Entebbe hochstrecken würden.

»Meine Herren«, sagte er, »es geht um die Entschließung, die ich Ihnen jetzt vorlesen werde: »Das Kabinett beschließt, die Durchführung einer Rettungsaktion für die in Entebbe festgehaltenen Geiseln durch die Streitkräfte zu genehmigen -- gemäß dem Operationsplan, den der Verteidigungsminister und der Generalstabschef dem Kabinett vorgelegt haben. Meine Herren, wer ist dafür?«

18 Hände schnellten in die Höhe -- und blieben dort sekundenlang, als wollten die Minister diesen historischen Augenblick auskosten.

Es war 16.07 Uhr, als die Maschine von der Startpiste des südlichsten israelischen Luftwaffenstützpunktes abhob. Jonni und Jossi stiegen wieder in den Mercedes. Jossi setzte sich ans Steuer. Jonni kramte aus dem Handschuhfach ein Taschenbuch, das er dort für die Reise verstaut hatte. Bis zu diesem endgültigen Abflug hatte er nicht geglaubt, daß die Operation tatsächlich gestartet werden wurde. Jetzt aber, sieben Stunden vor der geschätzten Ankunftszeit, war er mit dem Lauf der Dinge zufrieden, obwohl sie Israel noch so nahe waren, daß man sie hätte zurückrufen können.

In sieben Stunden würden sich die 105 Geiseln im alten Terminal von Entebbe auf die nächste Nacht ihrer Gefangenschaft vorbereiten. Jetzt, am Nachmittag des Sonnabend, lagen sie, unter Durchfall leidend, hilflos auf ihren Matratzen. Der Wirrwarr der letzten Tage war vorbei, als hätte es ihn nie gegeben. Nur wenige hatten noch so viel Kraft, daß sie sich miteinander unterhielten.

Israels Außenminister hatte in diesen Stunden, da das Unternehmen Thunderball angelaufen war, noch ein heikles Problem zu lösen. Jigal Allon wußte: Die Bundesrepublik Deutschland würde es Israel nie verzeihen, wenn die Deutschen, wie von den Entebbe-Terroristen gefordert, die sechs inhaftierten Anarchisten freiließen und danach erfahren müßten, daß die Is-

* Mit den Parteivorsitzenden Kohl, Brandt, Ministern Arendt, Vogel, Fraktionschef Mischnick, Kanzler Schmidt, Außenminister Genscher (verdeckt).

raelis eine Militärexpedition unternähmen.

Endlich fand er die Zauberformel. Er setzte sich mit Schlomo Avineri zusammen, und sie entwarfen ein Kabel an ihren Botschafter Meroz in Deutschland.

Nehmen Sie sofort mit Außenminister Genscher Kontakt auf und übermitteln Sie ihm folgendes:

A. Neuesten Stand der Verhandlungen durch Vermittlungen der Franzosen und detaillierte Mitteilungen darüber, daß Israel den technischen Fragen des Austauschs Vorrang einräumt.

B. Information über die Einstellung der Franzosen, die den Standpunkt Israels teilen: daß Israel mit den Terroristen verhandelt, und zwar auf Grund der Bereitschaft, Terroristen aus Gefängnissen in Israel freizulassen, nicht aber, daß Gefangene in anderen Staaten freigelassen werden sollen. Mit anderen Worten: Israel verhandelt nur in eigenem Namen.

C. Frankreich hat zugesagt, sich um eine möglichst ausgedehnte Verlängerung des Ultimatums zu bemühen.

Genscher muß aus unseren Darlegungen herauslesen, daß die Regierung Israels keinen Druck auf die Regierung der Bundesrepublik Deutschland ausübt und daß die Deutschen unserer Ansicht nach keinen Grund zu überstürzter Entscheidung haben.

Dieser doppelbödige diplomatische Text müßte den deutschen Krisenstab noch ein paar Stunden hinhalten, ohne daß dadurch die Karten aufgedeckt würden.

Flugzeugführer Michael Golan blickte aus dem Cockpit seiner Herkules auf das Rote Meer hinunter und wunderte sich über einen langen Geleitzug von Schiffen, von denen die meisten zum Suezkanal fuhren.

Er war nicht besonders beunruhigt. In diesem Stadium drohte höchstens Gefahr von den Küsten Ägyptens und Saudi-Arabiens, aber nicht mehr lange, und die vier nach Süden fliegenden Maschinen hatten dieses Stück der Strecke hinter sich. Im übrigen hielten sie das Gebot der Funkstille strikt ein.

Geschwaderchef Joel Asif, der in der vordersten Herkules saß, beobachtete genau die Blitze über dem Victoria-See. Er entschied, die Wetterfront zu durchfliegen, egal, was passieren mochte. Trotz der großen Entfernung war die Operation bis auf Sekundenbruchteile durchgeplant -- jetzt lag es bei ihm, zu beweisen, daß der Plan ausgeführt werden konnte.

Jonni hatte seine Männer geweckt. Sie zogen die Hemden an und schnallten ihre Kampfausrüstung um. Ein Klingelzeichen kündigte die unmittelbar bevorstehende Landung an. Jonni schritt die Reihe der angetretenen Männer ab. Einem nach dem anderen gab er die Hand und wünschte jedem: »Viel Glück!«

Die Soldaten stiegen in die beiden Geländewagen, die hinten in der Maschine verstaut waren. Jonni setzte sich wieder auf den Beifahrersitz des Mercedes. Hinten saß Jossi, am Steuer Zur Ben Ami. auch die übrigen sechs Soldaten hatten sich in den Wagen gezwängt. Auf ein Zeichen ließen Zur und die Fahrer der beiden anderen Wagen die Motoren an.

In Kurze sollte vom Flughafen Entebbe eine Passagiermaschine starten, deren Ziel irgendein Ort in Afrika war. Fast gleichzeitig sollte eine VC 10 der »British Airways« in Entebbe landen. Die lange Piste war daher für beide Maschinen erleuchtet.

In 9000 Meter Höhe kreiste eine Boeing der israelischen Luftwaffe; in ihr saßen die Generalmajore Benny Peled und Jekutiel Adam mit einer Reihe anderer höherer Offiziere, von denen jeder seine besondere Aufgabe hatte. Einen Teil der Strecke hatte Luftwaffenchef Peled die Maschine selbst geflogen, aber jetzt beugte er sich, die Kopfhörer aufgesetzt, über Karten und horchte auf Funksprüche. Diese fliegende Kommandostelle war das Verbindungsglied zwischen Entebbe und Tel Aviv.

Beim Kontrollturm des Internationalen Flughafens Entebbe ging eine Routinebitte um Landeerlaubnis ein.

Im Cockpit der zweiten Herkules blickte Michael Golan angestrengt durch die Plexiglasscheibe. Das Gewitter lag hinter ihnen, Blitz und Donner waren vorbei. Mit Befriedigung stellte er fest, daß sich die vier Maschinen strikt an den Zeitplan gehalten hatten.

»Die Maschinen sind über dem »Jordan"«, wurde dem Generalstabschef Gur in Tel Aviv kurz vor 23.00 Uhr gemeldet. Er blickte auf die Skizze, die vor ihm auf dem Tisch lag, Jordan war bei der Operation Thunderball das Kodewort für den Victoria-See.

Der Flughafen Entebbe lag in hellem Mondlicht. In der Ferne konnte Michael Golan schon die Lichter der Landebahn erkennen.

Jonni Natanjahu zog die Tür des Mercedes ins Schloß und schob den Lauf seiner Waffe durch das offene Fenster. Links hinter ihm machte Jossi dasselbe -- die erste Herkules setzte zur Landung an.

Im nächsten Heft

Ein ugandischer Posten versucht, Jonnis Mercedes zu stoppen -- Der Sturm auf das Flughafengebäude -- Das Ende des Terroristen Böse

Ben Porat, Eitan Haber, Zeev Schiff
Zur Ausgabe
Artikel 54 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.