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Erster Weltkrieg Unterwerfen ohne Ende

über 50 Jahre sollte niemand die Tagebücher lesen, die Kurt Riezler, Berater des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg, im Ersten Weltkrieg geführt hat. Sie bestätigen Deutschlands Kriegsschuld und Kriegsziele.
aus DER SPIEGEL 30/1972

Als Theodor Heuss erfuhr, daß »Kurt so etwas wie politische Erinnerungen niedergeschrieben« hatte, riet er, die Notizen »nicht gleich zu verbrennen«. Nach der Lektüre des schwer lesbaren Handschriften-Originals urteilte der frühere Bundespräsident: »Diese Art von Tagebuch ist ja psychologisch sehr interessant und hat auch etwas Ergreifendes.«

Das Tagebuch, das am Vorabend des Ersten Weltkrieges begonnen und nach der unvollendeten deutschen Revolution abgeschlossen wurde, kommt erst jetzt -- ein halbes Jahrhundert danach -- auf den Büchermarkt*, Es enthält Autobiographisches ("Infolge der Philosophie doch entsetzlich blasiert in politischer Beziehung") und Biographisches (Ludendorff, »nervös und jäh«, würde, »wenn frei losgelassen, Deutschland binnen kurzem in den Abgrund stürzen"), Geschichte von Wilhelms Reich und Geschichten von Wilhelms Hof ("Alles morsch, blind, ahnungslos"). Die Aufzeichnungen könnten, so der Hamburger Historiker Imanuel Geiss, »im besten Sinne emanzipatorisch wirken, als Beitrag zur endgültigen Vernichtung von Legenden und Mythen. von Tabus und Lügen«.

Der Tagebuch-Schreiber, Dr. Kurt Riezler -- gelernter Philologe und Hi-

* Kurt Riezler: »Tagebücher. Aufsätze, Dokumente -- Eingeleitet und herausgegeben von Karl Dietrich Erdmann: Verlag Vandenboeck & Ruprecht. Göttingen; 766 Seiten; 138 Mark.

storiker aus München -, war fünf geschichtlich bedeutsame Jahre, von 1912 bis 1917, persönlicher Referent und Berater des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg, der das Reich in den Ersten Weltkrieg führte. Was Riezler sich notiert hatte, bezeichnete er selber als »gefundenes Fressen für junge Historiker«.

Allerdings: Mehr als fünfzig Jahre mußten junge Historiker warten, weil alte Historiker nicht publik machen wollten, was Riezler über Kaiser und Kanzler, Volk und Vaterland aufgeschrieben hatte. Dreimal erwog der 1955 gestorbene Kanzler-Berater, sein Tagebuch zu veröffentlichen, jedesmal bewogen ihn Umstände oder Personen, die Aufzeichnungen vor fremdem Einblick zu bewahren:

* zum erstenmal nach dem Ersten Weltkrieg -- aus Sorge, den Siegermächten neues Material gegen Deutschland zu liefern;

* zum zweitenmal während seiner New Yorker Emigration zur Hitlerzeit -- aus Furcht, der Nazi-Hetze gegen die politische Haltung der deutschen Emigranten neuen Aufschub zu geben;

* zum drittenmal nach dem Zweiten Weltkrieg -- auf Anraten des gleichfalls emigrierten deutschen Historikers Hans Rothfels, der angesichts der schwierigen Lage Deutschlands empfahl, das Dokument nun erst recht nicht preiszugeben.

Riezlers politisch begründetes Schweigen hatte wissenschaftliche Konsequenzen: Es nahm einer ganzen Historiker-Generation die Möglichkeit, sich über die deutsche Reichspolitik vor und während des Ersten Weltkriegs schlüssig zu werden.

Noch im Jubiläumsjahr 1964 konnten Westdeutschlands Historiker, die sich wegen des Kriegsausbruchs 1914 verbis -- sen bekriegten, Endgültiges über Reichskanzler Bethmann Hollweg, über dessen Entscheidungen und Unterlassungen in der Julikrise und mithin über den Umfang der deutschen Kriegsschuld nicht sagen -- die Verfechter der Hauptschuld-These um den Hamburger Historiker Fritz Fischer ("Griff nach der Weltmacht") ebensowenig wie die sich patriotisch gerierenden Apologeten um den (inzwischen verstorbenen) Freiburger Historiker Gerhard Ritter.

Ankläger wie Apologeten unter den bundesdeutschen Historikern setzten gemeinsam auf den Kronzeugen Riezler. Den einen wie den anderen sollte der einstige Kanzler-Intimus die jeweils eigene, oft eigensinnig vertretene Lehrmeinung beeiden.

Inzwischen jedoch -- und dazu trug bei, was vor der Veröffentlichung des Riezler-Tagebuchs bekanntgeworden war -- erzielten die Zunft-Gelehrten wo nicht Einigung so doch Annäherung. Der Kieler Historiker Karl Dietrich Erdmann, Herausgeber des Riezler-Tagebuchs, bekannte: »Man muß halt seine Ansichten korrigieren«, und die einst zerstrittenen Hamburger Kollegen Fischer und Egmont Zechlin grüßen sich wieder. So erweist sich Riezlers Überlieferung nicht als Enthüllung, die sich auf Knüller erpichte Historiker versprachen; sie bestätigt vielmehr, was Weltkrieg-I-Forscher in den letzten Jahren -- manchmal widerstrebend, weil Kaiser und Reich belastend -- zögernd zutage förderten:

* Nach den tödlichen Schüssen eines serbischen Nationalisten auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, am 28. Juni 1914 in Sarajevo nutzte und schürte das Reich Kriegsstimmung und Kriegsgefahr; Kaiser Wilhelm li. gab die Parole aus: »Jetzt oder nie.«

* Bereits seit der Blanko-Vollmacht des Reichs für Österreich-Ungarn (der Zusage, die Deutschen würden dem Bundesgenossen beistehen, was immer die Wiener Regierung entscheiden möge) vom 6. Juli 1914 rechnete Reichskanzler Bethmann Hollweg mit der Möglichkeit, daß sich aus dem begrenzten Balkan-Konflikt ein Weltkrieg entwickeln könnte.

* Die Kriegsziele der Reichsregierung deckten sich zwar nicht mit denen der nationalistisch-imperialistischen Altdeutschen, waren aber gleichwohl auf Annexion und Weltmacht gerichtet.

Mithin wird das Riezler-Tagebuch neue Furore in der Zunft kaum stiften. wohl aber wichtige Aufschlüsse liefern über den bis heute umstrittenen Reichskanzler Bethmann Hollweg -- den einen geriebener Machtpolitiker, den anderen Zauderer und Fatalist -- und dessen Berater: Riezler.

»Der Kanzler sieht ein Fatum, größer als Menschenmacht über der Lage Europas und über unserem Volke liegen«, schrieb Riezler unter dem 27. Juli 1914, und kennzeichnete so den Zuschnitt des Mannes, der an der Spitze des Reiches über Krieg und Frieden mit entschied.

»Der Kanzler von all den Menschen des alten Deutschlands ... denen zumeist ein deutsches Weltreich ein widersinniger, undenkbarer Gedanke ist, der einzige, der mit den Erlebnissen allmählich umlernt«, lobte der Kanzler-Berater. Doch obgleich Kanzler und Kanzler-Berater »gleichgestimmte Weltsicht« verband (so Historiker Andreas Hillgruber), fand Riezler auch Tadelnswertes an seinem Chef. Der grüblerische Bethmann ("Es fehlt ihm das dämonisch Aktive") müsse »immer gedrängt und aufgemutzt werden«, und an wichtigen Führer-Qualitäten mangele es ihm völlig: Er sei weder »Posaune der Zukunft« noch »in die Welt geschleuderte Granate«.

Mehrfach bezeichnete der ·Ratgeber den Kanzler als »seltsames Gemisch": »Das Grau seiner Persönlichkeit ohne Leuchtkraft -- aber bedeutend. Ungeschickt und gerissen.« Nicht einmal der Weltkrieg, der bereits beschlossen war und zwei Wochen später begann, schien dem Kanzler von dieser Welt, sondern als -- »Sprung ins Dunkle« und »schwerste Pflicht«.

Am 22. August 1914, die deutschen Truppen drangen in Frankreich vor, notierte Riezler: »Wir haben uns heute die Karte angesehen.« Am gleichen Tage fragte der Kanzler seinen Berater »nach Friedensbedingungen und meinen Ideen«.

Die Ideen hatte Riezler kurz vor dem Krieg schon in seinen beiden Schriften »Die Erforderlichkeit des Unmöglichen« (Erdmann: »Ein sehr deutscher Titel") und »Grundzüge der Weltpolitik in der Gegenwart« formuliet. »Der Idee nach«, hatte er geschrieben, »will jedes Volk wachsen, sich ausdehnen. herrschen und unterwerfen ohne Ende.«

Riezler. dessen »persönliches Schicksal« laut Historiker Erdmann vom »deutschen Schicksal« geprägt worden war (was immer das besagen mag), hielt das Kaiserwort »Am deutschen Wesen soll die Welt genesen« für eine »überaus präzise und glückliche Wendung -- wenngleich ihm die »Erwartung abgeschmackt« erschien, daß die »Mission erfüllt sei, wenn an allen Ecken und Enden der Welt rote Bärte und schwarzweiß-rote Fahnen im Winde flattern«.

Der Kanzler-Berater lehnte die »ganz veralteten Annexionsideen« zwar ab. etwa »den blinden Glauben« der Militärs »an die Dampfwalze« (Riezler: »Naive Expansionssucht"); er warnte vor der »Orgie rücksichtsloser Gewaltanwendung«. Zugleich aber »bohrte« er »immer an einer deutschen Vorherrschaft über Mitteleuropa und alle kleinen Staaten«. Riezler: »Ich predige immer Errichtung von Vasallenstaaten.«

Die selbst auferlegten Direktiven beachtete Riezler in seinem Entwurf über die deutschen Kriegsziele« die Kanzler Bethmann Hollweg am 9. September 1914 -- als, auf dem Höhepunkt der Marneschlacht, Frankreichs Zusammenbruch unmittelbar bevorzustehen schien -- regierungsamtlich in Umlauf brachte: Hegemonie über Mitteleuropa, »zusammenhängendes mittelafrikanisches Koloniahreich«.

Als jedoch Frankreich nicht zusammenbrach, schwante dem Kanzler- Berater schneller als dem Kanzler und anderen Beratern: »Die ganze ursprüngliche Rechnung ist durch die Schlacht an der Marne ins Wanken geraten.«

Und als, 1918, die Rechnung überhaupt nicht mehr stimmte. fand er es »zum Heulen: die größten Gelegenheiten werden blutig verdorben«. Aber immer noch lautete die Konklusion des Polit-Philosophen: »Nie war ein Volk fähiger, die Welt zu erobern, und unfähiger, sie zu beherrschen.«

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