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PORSCHE 901 Unverdünnter Weihrauch

aus DER SPIEGEL 43/1964

Seit 14 Jahren baut Deutschlands kleinstes Automobilwerk, die »Dr. -Ing. h. c. F. Porsche KG« in Stuttgart -Zuffenhausen, ein im Prinzip unverändertes Modell. Der Heckmotor-Sportwagen Typ 356(Auflage bis heute: 74 000 Stück) trug dem Werk Weltruhm, aber schließlich auch Vorwürfe ein.

»Eine bestimmte Sorte Kundschaft«, gestand Porsches Propaganda-Chef Huschke von Hanstein, »fragte immer wieder: 'Wann machen die mal ein neues Gesicht?'«

Porsches neues Gesicht ging vor kurzem in die Serienfertigung. Es sieht genauso aus wie das alte.

Viele Millionen Mark wendeten die Porsche-Leute auf, um in achtjähriger Arbeit einen neuen Porsche zu entwickeln. Und doch geriet ihnen der Typ 901 genannte neue Wagen, von dem Ende letzter Woche 45 Exemplare fertig waren und Ende des Monats die ersten an die Händler geliefert werden, sowohl äußerlich als auch in der Konzeption wie ihr alter Typ 356.

Der neue Porsche 901 (Leistung: 130 PS, Höchstgeschwindigkeit: 210 Stundenkilometer) hat genau wie der alte Typ 356, dessen 95-PS-Spitzenmodell 185 Stundenkilometer schafft,

Deinen hinter der Hinterachse montierten, luftgekühlten Boxermotor;

- sein Getriebe vor der Hinterachse;

- nur zwei vollwertige Sitze und

zwei Notsitze;

- Kofferraum und Benzintank unter der Vorderhaube.

Trotz gleicher technischer Konzeption und ähnlichem Gehäuse ist der Porsche 901 im Vergleich zum Porsche 356, der weitergebaut werden soll, ein völlig neues Auto mit einer neuen Karosserie, einem neuen Motor und einem neuen Fahrwerk.

Selten haben sich Autokäufer ihrem Gefährt so innig verbunden gefühlt wie die Besitzer eines Porsche 356. Die Nutznießer des »Fahrens in seiner schönsten Form« (Porsche -Werbeslogan) entwickelten sogar einen Blinzelkult, indem sie einander selbst bei Höchsttempo durch aufzuckende Lichthupen-Signale grüßten.

Kaum ein anderes Automobil wurde von den Autotestern so einhellig wohlwollend abgehandelt. Doch mit der Zeit bekamen die Porsche -Blinzler immer ärger zu spüren, daß auch andere Autofabriken schöne Formen des Fahrens entwickeln und sogar preiswerter als Porsche

(Preis des billigsten Porsche: 14 950 Mark) offerieren konnten. Schon 1961 mäkelte das Fachjournal »Auto, Motor und Sport«, die Porsche-Fahrer müßten bei Duellen auf der Landstraße oder Autobahn angespannt den Drehzahlmesser kontrollieren, um die Höchstdrehzahl ihres empfindlichen Motors nicht zu überschreiten - »während der Mann in der Limousine (mit höherer Drehzahl) kühl wie eine Gurke vorbeizieht«.

Eine Leistungssteigerung ihres Motors hielten die Porsche-Leute aus Gründen der Haltbarkeit nicht für angebracht: Der Porsche-Motor geht auf den 30 Jahre alten VW-Motor zurück und hat das Ende seiner Entwicklungsmöglichkeiten als normaler, sportlicher Gebrauchsmotor längst erreicht. Da außerdem auch »die alte Karosserie in

mancherlei Hinsicht überholt und verbesserungswürdig« war (so Porsches von Hanstein), beschloß Porsche beizeiten, ein gänzlich neues Auto zu entwickeln, mit dem die Porsche-Elite ohne Drehzahl-Ängste wieder zu den Schnellsten der Autobahn aufschließen konnte.

Als Leitmotiv für den Typ 901 verfügte Firmenchef Ferry Porsche: Zwei Sitze und zwei Notsitze seien nach wie vor genug - der neue Wagen dürfe kein Familienauto werden, sondern müsse seinen Charakter als wettbewerbsfähiger Sportwagen behalten.

Um alle Forderungen des Chefs unter einen Hut zu bringen, so erkannten die Porsche-Techniker bald, mußten sie dem automobiltechnischen Hausbrauch treu bleiben und sich jeglicher traditionsfremder technischer Lösung - wie etwa Wasserkühlung, Einbau eines Frontmotors oder anderer Bauarten als dem Boxermotor - enthalten. So kam es, daß am neuen Porsche prinzipiell alles beim alten blieb.

Die Porsche-Leute entwickelten für den Typ 901 einen luftgekühlten Sechszylinder-Boxermotor von zwei Liter Hubraum (Modell 356: Vierzylinder -Boxermotor von 1,6 Liter Hubraum). Er ist ebenso für rasanten Sporteinsatz wie für Schleichtempo im Großstadtverkehr geeignet. Um höchstmögliche Beschleunigung zu gewährleisten, wählte Porsche für den 901 ein Fünfganggetriebe (Typ 356: vier Gänge).

Auch die Radaufhängungen wurden gegenüber dem Typ 356 radikal abgeändert, der Radstand um zehn Zentimeter verlängert. Dadurch soll das neue Auto mehr Fahrkomfort bieten und schnellere Kurvenfahrt ermöglichen.

Das Blechkleid des neuen Porsche, entworfen von Ferry Porsches Sohn Ferdinand, verschafft den neuen Porsche-Passagieren bessere Rundumsicht und einen größeren Innenraum, obwohl das Auto im Vergleich zum alten Typ um sieben Zentimeter schmaler und um vier Zentimeter niedriger ist. Die unverkennbares grundsätzliche Übereinstimmung der Linien beider Porsche-Typen erklärt Huschke von Hanstein so: »Das ist unsere Linie der Vernunft, die aerodynamisch richtige Form - ein Porsche muß eben wie ein Porsche aussehen.«

In der Branche ist man freilich überzeugt, daß Ferry Porsche bei der Konzeption seines neuen Wagens kaum eine andere Wahl hatte.

Er darf offenbar nicht riskieren, den Weihrauch des VW-Prinzips - Boxer-Heckmotor mit Luftkühlung - zu verdünnen. Grund: Einerseits bedient er sich der VW-Organisation, um seine Autos zu verkaufen, andererseits ist er dem Volkswagenwerk durch einen Entwicklungs- und Beratungsvertrag eng verbunden. Es würde in der Tat merkwürdig anmuten, ginge der VW-Berater konstruktiv andere Wege.

So ist auch zu erklären, daß der neue Porsche - speziell durch den ungewöhnlich aufwendig gestalteten Motor

- teurer wurde, als er nach der Wettbewerbslage sein dürfte. Das Werk hatte zunächst als Kaufpreis 23 700 Mark genannt. Noch vor Anlaufen der Serienfertigung ging Porsche auf 21 900 Mark herunter, um sich dem Preis des Mercedes-Sportcoupés 230 SL (20 950 Mark) anzupassen.

Porsche-Chef Porsche

Zwei Sitze sind genug

Alter Porsche 356: Ein Porsche muß aussehen ...

... wie ein Porsche: Neuer Porsche 901

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