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DÄNEMARK Unwürdiges Verhalten

Der 40. Jahrestag der Befreiung von deutscher Besatzung erinnert die Dänen schmerzhaft an eigenes Unrecht: die willkürliche Abrechnung mit vermeintlichen Kollaborateuren. *
aus DER SPIEGEL 19/1985

Eine frohe Botschaft hallte vergangenen Samstag aus Lautsprechern über den Kopenhagener Rathausplatz: »Feldmarschall Montgomery hat erklärt, daß alle deutschen Streitkräfte in Holland, Nordwestdeutschland und Dänemark sich ergeben haben. Dänemark ist wieder frei.«

Die historischen Worte, auf die Minute genau 40 Jahre zuvor in den dänischsprachigen Nachrichten von BBC-London erstmals ausgestrahlt, waren euphorische Einstimmung der zentralen Gedenkfeier zum 40. Jahrestag der Befreiung von deutscher Besatzung: _(Barrikadenbau in Kopenhagen 1944. )

Mit Festreden, Ausstellungen und der Ausgabe einer Sonderbriefmarke, von Königin Margrethe II. persönlich entworfen, gedachte das Land des Endes einer der schmachvollsten Perioden in der dänischen Geschichte.

Ehemalige Widerstandskämpfer überzogen die unrühmliche Vergangenheit mit dickem Pathos: »Der Freiheitskampf war die Sache des Volkes, der Kampf des Volkes und der Sieg des Volkes.«

Doch der 4. Mai 1945 markiert auch den Beginn einer Zeit neuen Unrechts, das Dänen über Dänen brachten.

Kaum nämlich hatten die deutschen Besatzungssoldaten in Dänemark die Waffen gestreckt, setzte eine oft gnadenlose Abrechnung mit vermeintlichen und tatsächlichen Kollaborateuren ein: Innerhalb einer Woche - die dänische Polizei, seit September 1944 interniert, befand sich noch nicht wieder im Dienst - verhaftete die Widerstandsbewegung 21 800 Personen; bis zum Herbst wurden etwa 40 000 festgenommen.

Schon während der Besatzungszeit hatte der »Freiheitsrat«, die 1943 im Untergrund gebildete Führung des Widerstands, Karteien für den Tag X angelegt: ein rotes »R« auf einer Karteikarte bedeutete Festnahme nach der Befreiung.

Der dänische Publizist Paul Hammerich hält den Befreiungstag für »blutiger und gewaltsamer« als jeden anderen Tag »in den verdammten fünf Jahren« der Besatzungszeit: Beim Einmarsch von Hitlers Truppen am 9. April 1940 waren elf Dänen gefallen. Bei den Unruhen am 29. August 1943, in deren Verlauf die Kopenhagener Regierung ihre Zusammenarbeit mit den Besatzern aufkündigte und zurücktrat, lag die Zahl der Opfer bei 26. Während des viertägigen Generalstreiks in der Hauptstadt im Sommer 1944 wurden 102 Menschen getötet.

Aber - so Hammerich - am Tag »als die Freiheitsglocken läuteten, kamen 400 Dänen ums Leben und mehr als 1000 wurden verletzt, etliche, weil die deutschen Kommandeure nicht gegenüber uns ''dummen Dänen'' kapitulieren wollten, sondern nur gegenüber den Alliierten«.

Die Dänen inszenierten laut Hammerich untereinander ein beinahe »Wagnersches Finale": So wurde ein früherer dänischer Hilfspolizist von der Widerstandsgruppe »Holger Danske« aus einem Lazarett geholt und im Wald erschossen, exekutierten Freiheitskämpfer auf einem Schulhof eine Frau, die Informationen über den Widerstand für die Deutschen beschafft hatte; und Mädchen, die sich mit Besatzungssoldaten eingelassen hatten, wurden kahlgeschoren und durch die Straßen geführt.

Ex-Minister Frode Jacobsen, einer der führenden Männer des Widerstands, räumte später ein, daß die dänische Resistance bei der Abrechnung mit Kollaborateuren »Fehler gemacht« hätte.

Viele der Kollaboration verdächtigte Dänen fühlten sich zu Unrecht verfolgt. Ihr Argument: sie seien während der fünfjährigen Besatzungszeit doch nur

dem Beispiel von König, Regierung und Parlament gefolgt.

Christian X. war - anders als etwa der norwegische Monarch - auf seinem Thron geblieben, als Hitler-Deutschland in seinem Reich die Macht übernahm. Die dänische Regierung erklärte lau, sie nehme die Besetzung durch Deutschland »unter Protest« zur Kenntnis, bleibe aber »mit begrenzter Souveränität« im Amt. Premier Vilhelm Buhl bezeichnete noch im September 1942 Saboteure als »ein Übel« und forderte die Bevölkerung auf, sie zu denunzieren. Die Verfolgung von aktivem Widerstand gegen die deutschen Besatzer oblag - jedenfalls bis September 1944 - der dänischen Polizei.

Für den Kopenhagener Professor Ditlev Tamm sind diese Daten Grund genug, die Legitimität der dänischen Rechtsprechung nach der Befreiung in Zweifel zu ziehen. In seinem Werk »Die Rechtsabrechnung nach der Besatzung« behauptet der 39jährige Jurist, nach der Befreiung seien viele kleine Mitläufer »hart bestraft« worden, während »viele große Fische davongekommen sind«.

So stieg etwa Innenminister Knud Kristensen, der seine Mitarbeiter im August 1940 zu Kontakten mit den Deutschen »über das Dienstliche hinaus« aufgefordert hatte, im November 1945 zum Regierungschef auf. Gleichzeitig wurden 600 Beamte wegen »unwürdigen nationalen Verhaltens« entlassen, obwohl es - laut Tamm - »keine klaren Fälle« von Kollaboration bei Staatsdienern gab.

Knapp 14 000 Dänen wurden nach dem Krieg als Landesverräter verurteilt; 78 wurden zum Tode verurteilt, 46 tatsächlich hingerichtet. Doch die dänischen Politiker wurden juristisch nicht zur Verantwortung gezogen; denn - so Ex-Premier Kristensen 1954 - es waren ja »teilweise dieselben Männer«, die sowohl während wie auch nach der Besatzung an der Regierung waren.

Zwar setzte das dänische Parlament 1947 eine Untersuchungskommission ein, doch die kam nach achtjähriger Arbeit zu dem Ergebnis, daß die Politik der Kooperation mit den Deutschen richtig gewesen sei; nur so hätten die Politiker schlimmere Ausschreitungen der Besatzer gegen die Bevölkerung verhindern können.

Die nach der Befreiung eingeführten Sondergesetze sind formal weiter in Kraft, und immer noch finden sich Namen gesuchter Kriegsverbrecher auf Polizeilisten. Nur scheint der Aufspür-Eifer der Behörden - so vermutet der linkssozialistische Parlamentarier Jorgen Lenger - nicht sehr groß zu sein. In einer Anfrage an das Kopenhagener Justizministerium wunderte sich Lenger, warum die dänische Polizei vier Jahrzehnte lang beispielsweise nicht den ehemaligen SS-Obersturmführer Sören Kam habe ausfindig machen können.

Lenger: »Er steht im Telephonbuch.«

Barrikadenbau in Kopenhagen 1944.

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