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Ur-Kunde von Stalin

aus DER SPIEGEL 30/1949

Der Kommunismus eignet sich für Deutschland wie der Sattel für eine Kuh.« So sprach Stalin im August 1944 zu dem damaligen polnischen Exilpremier Mikolajczyk. Es ist eines der vielen ebenso unbekannten wie aufschlußreichen Stalin-Worte, die Mikolajczyks Landsmann Isaac Deutscher für seine Biographie »Stalin« ausgegraben hat.

Sie ist kürzlich in London bei Geoffrey Cumberlege, Oxford University Press, erschienen und hat alle Chancen, die erfolgreichste politische Biographie des Jahres zu werden. Sämtliche Besprechungen der englischen Presse feiern sie als das bisher beste Standardwerk über den russischen Diktator.

Die »Times« widmete Deutschers Stalin-Biographie in ihrer literarischen Beilage eine ganze Seite. Und der konservative Abgeordnete Brigadegeneral Fitzroy MacLan forderte in der »Sunday Times": »Ich würde die Lektüre dieses Buches für alle Diplomaten und Politiker obligatorisch machen.«

Es gibt eine fast unendliche Literatur über Stalin. Auf der einen Seite ergehen sich die Ergüsse offizieller russischer Biographen in pathetischen Lobpreisungen. Auf der anderen Seite spritzen überlebende Gegner wie Trotzki, Suwarin und Kriwitzki Gift und Galle gegen den russischen Diktator.

Jede Urkunde geprüft. So ist eine Art von vielfach beschriebenem Pergament entstanden, in dem eine Urkunde die andere überdeckt. Deutscher hat jede Urkunde geprüft und dann abgekratzt, um die darunter zu lesen. Er hat zwanzig Jahre gekratzt. Nun gibt er Ur-Kunde.

Einen großen Teil der Ereignisse beobachtete Deutscher aus allernächster Nähe. 1907 in Krakau als Sohn einer alten Rabbinerfamilie geboren, war er, der Familientradition gemäß, für die geistliche Laufbahn ausersehen. Stattdessen wurde er Kommunist. In den zwanziger Jahren machte er in der kommunistischen Partei Polens Karriere. 1932 wurde der 25jährige als Führer des oppositionellen Flügels aus ihr ausgeschlossen.

Der Grund: er warnte in einem Zeitungsartikel, der Nationalsozialismus in Deutschland stelle eine tödliche Gefahr nicht nur für den Kommunismus, sondern überhaupt für die gesamte Arbeiterbewegung in der Welt dar. Man müsse sich deshalb mit den Sozialdemokraten gegen den Faschismus verbünden.

Deutscher blieb bis 1939 in Polen: Dann ließ er sich als Korrespondent polnischer Zeitungen nach London schicken. Dort blieb er hängen. Als er in England ankam, sprach er kaum ein Wort englisch. Er lernte es so rasch und gründlich, daß er bald ständiger Mitarbeiter angesehener englischer Blätter wurde.

In den Nachkriegsjahren 1945/46 berichtete er für den Londoner »Observer« aus Deutschland unter dem Namen »Peregrinus«, für die Wochenschrift »Economist« als »Sonderkorrespondent«. Er bereiste alle vier Zonen, auch die sowjetische. Man machte ihm damals keine Schwierigkeiten.

Heute schreibt Deutscher nur noch selten für die Presse. Gelegentlich rezensiert er im englischen Rundfunk, zuletzt Schachts Buch »Abrechnung mit Hitler«. Deutschers Kommentar: »Bösartig, aber interessant.«

Deutscher hat jetzt vor, auch Lenin und Trotzki zu biographieren. Die begeisterte Aufnahme, die der Stalin-Band dieser Trilogie gefunden hat, ermunterte ihn noch.

Volk von Wilden. Nur hier und da gab es Einschränkungen. So schreibt Malcolm Muggeridge im konservativen »Daily Telegraph": »Deutscher bemüht sich sozusagen, die Revolution zu retten, indem er Stalin über Bord wirft. Während er Stalins Methoden verurteilt, versucht er, die Ergebnisse seiner Politik zu rechtfertigen.« Gleichzeitig räumt Muggeridge aber ein, Deutschers Schilderung sei »wahrhaft glänzend«.

Deutscher selbst hält es bei der Beurteilung Stalins für wichtig, daß die Russen - von einer dünnen Schicht abgesehen - ein Volk von Wilden waren, als er an die Macht kam. Er reiht Stalin unter die »großen revolutionären Despoten« ein, zusammen mit Cromwell, Robespierre und Napoleon.

Ein wesentlicher Schlüssel zu dem Charakter Stalins ist die Erkenntnis, daß er im Grunde seines Herzens ein Pessimist ist. Er glaubt letzten Endes nicht daran, daß die arbeitenden Massen Verstand genug haben, den Kommunismus wirklich zu akzeptieren. Er muß ihnen - nach Stalins Meinung - aufgezwungen werden.

Als die Proletarier des Westens nach dem ersten Weltkrieg keine Revolutionen starteten, begann Stalin ihnen zu mißtrauen. Unter Mißachtung der Lehren Lenins propagierte er seine Parole »Sozialismus in einem Lande« gegen die Parole der »Weltrevolution«. Stalin verachtete die Komintern gründlich. Seine Aeußerung über die geringe Eignung der Deutschen für den Kommunismus war nicht berechnet, einen über zukünftige deutsch-russische Zusammenarbeit verstörten polnischen Staatsmann zu trösten. Stalin war ehrlich pessimistisch.

Seit über einem Vierteljahrhundert regiert Stalin, der Ende dieses Jahres 70 Jahre alt wird und dessen Haar schon ganz weiß geworden ist, das Riesenreich Rußland. Seine Herrschaft begann mit der Ernennung zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei 1922. Seitdem wurde in seiner Hand mehr Macht zusammengeballt, als in der Hand irgendeines anderen heute Lebenden.

Dabei haben sich einige der einschneidendsten Aktionen Stalins planlos, fast zufällig entwickelt. Die Theorie vom »Sozialismus in einem Land« stellte er zuerst in einer Art literarischer Diskussion gegen Trotzki zur Debatte. Er ahnte wohl kaum, daß er damit allmählich dem Selbstvertrauen der sowjetischen Millionen neuen Halt, der Außenpolitik Moskaus eine neue Richtung geben würde.

Auch an die Kollektivisierung der Landwirtschaft und die Industrialisierung der Sowjetunion ging Stalin 1929 ohne einen großen Plan. Er versteht wenig von Volkswirtschaft. Deutscher meint, er wäre vielleicht vor seinen eigenen Plänen zurückgeschreckt, wenn er die Folgen geahnt hätte. Ob Rußland freilich ohne diesen massiven Umbau seiner Wirtschaft dem Hitler-Sturm hätte widerstehen können, ist eine andere Frage.

Stalin hatte auch keinen Plan für die Satellitenstaaten aufgestellt, die ihm nach dem Kriege zufielen. Zwar schwebte ihm schon vorher eine Aufteilung der Welt in Interessensphären als Frucht des Sieges vor, aber daß sich dadurch das Schlagwort »Sozialismus in einem Lande« in »Sozialismus in einer Zone« verwandelte, geschah mehr von selbst als nach vorgefaßtem Plan. Denn Stalin ist kein tiefer Denker.

Bauchrednerische Besessenheit. Als solcher wird er natürlich dennoch in Rußland verehrt. Sogar sein literarischer Stil, ein schwerfälliger Stil mit immer wiederkehrenden, der sozialistischen Literatur und der Bibel entnommenen Floskeln, muß allgemein nachgeahmt werden. Deutscher spricht von der »bauchrednerischen Besessenheit«, die das ganze Volk ergriffen hat.

Aeußerlich wirkt Stalin »korrekt, steif, ernst - nichts Menschliches, nach dem man greifen könnte«. So beschrieb Roosevelt ihn einmal im intimen Kreise nach der Konferenz von Teheran. Auch bei Deutscher erfährt man wenig über den Privatmann Stalin - aus dem einfachen Grunde, weil es ihn kaum gibt.

Geboren wurde Stalin am Rande der kleinen georgischen Stadt Gori, als Sohn eines Schusters, der als Leibeigener aufgewachsen war. Insofern bildete er eine Ausnahme unter den bolschewistischen Führern vor 1917. Die Mehrzahl, auch Lenin und Trotzki, kamen aus der Mittelklasse.

Zweite Ausnahme: er war weder Russe noch Jude, sondern gehörte in die von Deutscher so genannte »asiatische Peripherie Rußlands«.

Dritte Ausnahme - und die war ein wesentlicher Faktor bei der Bildung seines Charakters - er nahm lange Zeit an der Guerilla-Tätigkeit der kämpfenden Gruppen der Partei teil, die für die meisten Parteiführer mehr eine Sache theoretischer Erwägung als eigener Erfahrung war 1909 rügte Stalin die bolschewistischen Führer im Exil, sie stünden der russischen Wirklichkeit fern«.

Der Unbezwingliche. Stalins eigentlicher Name lautete Josef Wissarjonowitsch Djugaschwili. Er wechselte ihn oft. Die Mutter nannte ihn zärtlich Soso oder Soselo. Von 1901 ab, als ihn die Polizei in Tiflis zum erstenmal verhaften wollte, flüchtete er innerhalb von fünfzehn Jahren in zwanzig verschiedene Decknamen.

Lange Jahre war er am besten als »Koba« bekannt. Das bedeutet in der türkischen Umgangssprache seines heimatlichen Grenzlandes Georgien »der Unbezwingliche«. »Stalin«, der Mann von Stahl, ist der letzte der zwanzig Decknamen.

Stalin verbrachte einige Jahre im Priesterseminar der orthodoxen Mönche zu Tiflis, bevor er Berufsrevolutionär wurde. Aus dieser Zeit stammen die religiösen Bilder, die sich so seltsam in der Sprache des Kommunistenführers ausnehmen. Stalin wurde bald der getreueste Wegbereiter Lenins im heimatlichen Georgien. Bei Ueberfällen auf Banken, Geldtransporte und Truppen half er kräftig mit.

Einmal mußte er erzürnten Dorfbewohnern versprechen, zum Islam überzutreten. Widrigenfalls hätten sie ihn an die Polizei verraten. Später wanderte Stalin trotzdem ins Gefängnis und in die sibirische Verbannung. Er zeigte starke Nerven. Wenn Kameraden aus der gemeinsamen Zelle zum Galgen geführt wurden, legte er sich schlafen oder setzte seine erfolglosen Versuche fort, in die Mysterien der deutschen Grammatik einzudringen.

Ansichtskarten für Koba. Aus der sibirischen Verbannung schrieb Stalin auch den einzigen Privatbrief, der von ihm bekanntgeworden ist. Er war an Olga Eugenjewna Allilujewa adressiert, seine zukünftige zweite Schwiegermutter. Er bat nur um eines - um Ansichtskarten. Der Anblick der endlosen Tundren am Jenissej langweilte ihn tödlich. »In diesem verfluchten Lande überwältigt mich die dumme Sehnsucht, Landschaften zu sehen, sei es auch nur auf dem Papier.«

Später kam Stalin auch kurz ins Ausland, nach Stockholm, London, Krakau und Wien. Aber es behagte ihm dort nicht. Seine Arbeit lag im zaristischen Rußland.

In frühen Jahren heiratete Stalin zum erstenmal: Ekaterina Svanidze, die Schwester eines seiner Studienkollegen vom Tifliser Priesterseminar. Sie starb jung und hinterließ einen Sohn, der von den Großeltern im Kaukasus erzogen wurde.

1918 heiratete Stalin seine zweite Frau, Nadja Allilujewa.*) Deutscher enthüllt die bisher kaum bekannt gewordene Tatsache, daß sie durch Selbstmord endete.

Als im November 1932 die Unzufriedenheit des Volkes wegen der Kollektivisierungspolitik einen Höhepunkt erreichte, besuchte das Ehepaar Stalin den späteren Marschall Woroschilow in seiner Wohnung. Andere Mitglieder des Politbüros waren gleichfalls zugegen. Nadja sprach offen über die Hungersnot und den Terror. Stalin, damals mit seinen Nerven ziemlich herunter, antwortete mit einer Flut grober Beschimpfungen. Am selben Abend verübte Nadja Selbstmord.

Nach diesem Ereignis war Stalin sichtlich erschüttert, vielleicht das einzige Mal in seinem Leben. Im Politbüro bot er seinen Rücktritt als Generalsekretär an. Aber niemand wagte, ihn anzunehmen, obwohl Stalin seine Feinde hatte. Molotow erhob sich: »Sie genießen das Vertrauen der Partei.« Der Zwischenfall war erledigt.

Rasur für Lenin. Eine ähnliche Szene der Spannung spielte sich schon einmal nach Lenins Tod ab. Lenin hielt ursprünglich viel von »diesem wundervollen Georgier«. Mit einigen Ausnahmen war Stalin ihm auch immer treu gefolgt. In den Revolutionstagen durfte er den Herrn und Meister sogar einmal rasieren, um ihn der Polizei gegenüber unkenntlich zu machen.

Nach außen hin trat Stalin in den frühen Jahren der Sowjetunion wenig in Erscheinung. Lenin übertrug ihm wichtige, aber nicht sonderlich ruhmvolle Aufgaben. Er wurde Kommissar für die Nationalitäten und dann Leiter von RABKRIN, dem Sonderkommissariat zur Ueberwachung der Verwaltung. Terror gehörte schon damals zu den Waffen Stalins.

Lenin war ein guter Menschenkenner, aber auch er täuschte sich zuweilen. Erst gegen Ende seines Lebens begann er, an Stalin zu zweifeln. Lenins Testament bezeichnete Stalin und Trotzki als die beiden fähigsten Männer der Partei. Aber es fügte hinzu, Stalin habe in seinen Händen »ungeheure Macht konzentriert, und ich bin nicht sicher, daß er immer weiß, wie er diese Macht mit gebührender Vorsicht anwenden soll«.

*) Deutscher erwähnt merkwürdigerweise nirgends die dritte Frau, Rosa, geb, Kaganowitsch. Nach den meisten Berichten ist sie Kaganowitschs Schwester, nach einigen anderen seine Nichte. Sie ist noch am Leben, obwohl man kaum je von ihr hört. Acht Tage später, am 4. Januar 1923, verfaßte Lenin einen Zusatz, in dem es hieß: »Stalin ist zu roh, und dieser Fehler ist auf dem Posten des Generalsekretärs unerträglich. Darum schlage ich den Kameraden vor, einen Weg zu finden, um Stalin seiner Stellung zu entheben und jemand anderen zu ernennen, der geduldiger, loyaler und aufmerksamer zu den Kameraden, außerdem weniger launenhaft ist.«

Acht Wochen später veröffentlichte Lenin in der »Prawda« einen Artikel, der RAB-KRIN und damit Stalin angriff. Wenige Tage darauf erlitt Lenin seinen dritten Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholte.**)

Es war nicht gut möglich, das Testament Lenins völlig zu unterdrücken. Im 50köpfigen Zentralkomitee der Partei wurde es verlesen. Stalin zeigte sich ruhig. Sinowjew, ein Mann der alten Garde und damals in der führenden Partei-Troika eng mit Stalin liiert, rettete die Situation.

Lenins Befürchtungen über Stalin hätten sich als unbegründet erwiesen, behauptete er. Auch Kamenew, der dritte der Troika, setzte sich dafür ein, Stalin im Amt zu belassen. Die Krupskaja, Lenins Frau, protestierte dagegen, das Testament der Oeffentlichkeit vorzuenthalten. Vergeblich.

Mit 40 zu 10 Stimmen wurde ein Antrag Sinowjews angenommen, das Testament nur vertraulich gewissen Delegierten mitzuteilen. Sinowjew und Kamenew, Stalins Retter, fielen in den dreißiger Jahren Stalins »Säuberung« zum Opfer.

Hitler nicht provozieren. Aus Deutschers Forschungen wird auch ersichtlich, daß Stalin bis zum letzten Augenblick hoffte, ein Krieg mit Deutschland werde sich vielleicht doch vermeiden lassen. Um Hitler nicht zu provozieren, ließ er sogar - er gestand es später selbst ein - nicht einmal vollständig mobilisieren. So drangen die deutschen Armeen ohne allzu schwere Verluste bis in die Vorstädte von Moskau vor.

Nach außen hin bewahrte Stalin damals eiserne Ruhe. Gegenüber den Alliierten jedoch ließ er im Sommer und Herbst 1941

**) Trotzki sprach den Verdacht aus, Stalin habe Lenin vergiftet. Deutscher glaubt nicht daran. Bemerkungen fallen, die aus seinem Munde fast verzweifelt klangen.

Der Mann, der nichts mehr verabscheute, als fremde Truppen unter fremdem Befehl auf russischem Boden zu wissen, ließ Roosevelt durch dessen Vertrauten Harry Hopkins im Juli 1941 sagen, er würde an jedwedem Sektor der russischen Front amerikanische Truppen unter amerikanischem Befehl begrüßen. Und im September fragte er den Engländer Lord Beaverbrook, ob Churchill nicht Truppen an die ukrainische Front abkommandieren könne.

Allmählich wendete sich das Blatt Stalin reiste - im Gegensatz zu Hitler - nie selbst an die Front, aber er war der wahre oberste Kriegsherr. Er verstand es, fähige Generale zu finden und seine Macht nur dann in die Waagschale zu werfen, wenn seine Feldherren sich selbst nicht einig werden konnten. Er war nicht der Korporal, der alles besser wissen wollte.

Nach dem Kriege schaltete Stalin rücksichtslos um. Gegen den Westen wurde der erste Eiserne Vorhang niedergelassen. Gegen die Satellitenstaaten rasselte ein zweiter, von der Welt wenig beachteter Eiserner Vorhang nieder. Lebensverhältnisse und Weltanschauungen dieser noch nicht gleichgeschalteten Länder erschienen zu gefährlich für das russische Volk.

Stalin hat in dem Vierteljahrhundert seiner Herrschaft viel Widerspruchsvolles getan. Er hat Rußland von Europa abgewendet, aber Asien, das russische Asien, europäisiert. Er führte in Rußland eine zweite Revolution durch und trug die Revolution in zahlreiche Nachbarstaaten. Gleichzeitig aber trat er fast als Hüter verrevolutionärer russischer Traditionen auf. Er bescherte dem Land eine liberale Verfassung und regierte es gleichzeitig mit eiserner Rute.

Russische Wirklichkeit. Er rief in neuer Form den stolzen Messianismus des Dritten Rom wieder ins Leben. Der »Economist« formuliert das in seiner Besprechung von Deutschers Buch so: »Es war die russische Wirklichkeit, die Stalin begriff und auf die er in späteren Jahren so stark wirkte; die in ihm einen neuen orthodoxen Zaren fand, der die unerträgliche Bürde der Freiheit von seinem Volk nehmen sollte; die ihn mit bewundernder Schmeichelei umgab; die die erbarmungslosen Gemetzel hinnahm, von denen Deutscher ruhig, aber mit fester Hand den letzten Deckmantel der Achtbarkeit zieht; die Hitler widerstand und Hitler besiegte, wie sie Karl XII. und Napoleon widerstanden und besiegt hatte; und die heute westlich der Elbe steht.«

Deutscher selbst resümiert: »Stalin kann nicht mit Hitler unter die Tyrannen zusammengeworfen werden, deren Taten absolut wertlos und eitel sind. Hitler war der Führer einer unfruchtbaren Gegenrevolution, während Stalin gleichzeitig Führer und Ausbeuter einer tragischen, widerspruchsvollen, aber schöpferischen Revolution ist.«

»Wie Cromwell, Robespierre und Napoleon begann er als Diener eines aufständischen Volkes und machte sich zu seinem Herrn. Wie Robespierre brachte er seine eigene Partei bis zum Weißbluten. Und wie Napoleon richtete er sein halb konservatives und halb revolutionäres Reich jenseits der Grenzen seines Landes auf.«

»Der bessere Teil von Stalins Werken wird ihn ebenso sicher überdauern, wie die besseren Werke Napoleons oder Cromwells diese überdauert haben. Aber um ihn für die Zukunft zu retten und ihm seinen vollen Wert zu geben, wird die Geschichte ihn vielleicht ebenso streng säubern und umbilden müssen, wie sie es mit der englischen Revolution nach Cromwell und der französischen nach Napoleon getan hat.«

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