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AFFÄREN Uralte Kiste

Durch rechtliche Schritte gegen geplante Zeitungsartikel wirbelte der ZDF-Schau-Künstler Peter Garden ungewollt seine Vergangenheit als Gestapo-Spitzel auf.
aus DER SPIEGEL 46/1971

Peter Garden schaut optimistisch in die Zukunft«. prophezeite die Münchner »Abendzeitung«, als der Münchner Schauspieler und Operettenbuffo Karl-Heinz Rothmayer, 47, vor zwei Jahren seine Karriere als Show-Master beim Zweiten Deutschen Fern. sehen unter seinem Künstlernamen Peter Garden begann ("Peter-Garden-Party") und danach mit der Sendung »Schwarzer Peter« sogar die populäre Unterhaltungssendung »Goldener Schuß« von Vico Torriani ablösen sollte.

Doch Gardens Zukunft dauerte nur drei Abende. Dann wurde seine Abend-Show ("Hör zu": »Keiner will den Schwarzen Peter") letzten Herbst vom ZDF wegen mangelnder Zuschauergunst vorzeitig gestoppt. Nach der verpatzten Zukunft (Abendgage: 15 000 Mark) muß Peter Garden alias Karl-Heinz Rothmayer nun auch noch um seine Vergangenheit fürchten. Schuld daran sind, so Garden zum SPIEGEL, »ein paar alte Stänkerer«.

Schuld daran ist möglicherweise der Show-Mann selber. Denn wann immer sich in den letzten Monaten Journalisten für die Vergangenheit des ZDF-Unterhalters interessierten, ließ Rothmayer die Veröffentlichungen per einstweiliger Verfügung blockieren. Denn, so Rothmayer über seine Vergangenheit: »Das alles ist doch eine uralte Kiste. die längst vorbei ist.«

Für die Journalisten -- unter anderem von der »Abendzeitung« und der TV-Zeitschrift »Gong« -- war vieles aus der alten Garden-Kiste völlig neu. Sie waren fündig geworden, als sie den Klagen von Salzburger Bürgern über den TV-Unterhalter nachgingen.

So beschwert sich etwa Alexander Anders, 78, schon seit Jahren in Briefen an das ZDF und das Österreichische Fernsehen: »Es ist wohl kein unbilliges Verlangen, in Hinkunft Sendungen, wo dieser Peter Garden auftritt, abzulehnen.« Denn »dieser Bursche« sei während der Nazizeit in Salzburg »als bezahlter Gestapoconfident tätig« gewesen und habe dabei »eine Reihe angesehener Salzburger Bürger und Familien in Not und Elend gestürzt«.

Beschwerdeführer Anders selbst war damals »auf Grund einer vertraulichen Anzeige« (so das damalige Urteil eines Sondergerichts) von der Gestapo in Salzburg verhaftet und von dem Sondergericht zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt worden, weil er -- so das Urteil -- »wiederholt absichtlich englische und Schweizer Sender abgehört« und außerdem auch noch einen Bekannten -- »hat mithören lassen«.

Rothmayer, damals 20 und Zeuge der Anklage, hatte dem Sondergericht offenbar derart aufdringlich dargelegt, wie ihn der Angeklagte Anders nicht nur mit »zersetzenden Nachrichten von ausländischen Sendern«, sondern auch noch »durch Küsse und beischlafähnliche Bewegungen« traktiert habe, daß es die drei Richter »unbedingt ablehnten, auf Grund von Bekundungen eines solchen Zeugen einen Schuldspruch zu fällen«. In der Urteilsbegründung heißt es über Rothmayer: »ein ungewöhnlich ... frecher, überheblicher, boshafter ... Bursche«.

Welchen Eindruck der Zeuge Rothmayer bei etwaigen anderen Verfahren aus der damaligen Zeit hinterlassen hat

Alexander Anders berichtet von zwei Todesurteilen am 21. und 22. Juli 1944 (unmittelbar nach dem Attentat auf Hitler) durch den in Salzburg tagenden Volksgerichtshof unter Roland Freisler -, bleibt vorerst im dunkeln. Ein 1967 in Berlin eröffnetes Strafermittlungsverfahren gegen Rothmayer »wegen Beihilfe zum Mord« wurde Anfang 1970 eingestellt, der Angeschuldigte »außer Verfolgung gesetzt« --

Die »Abendzeitung« und der »Gong« freilich sind inzwischen »rechtmäßig in den Besitz der Auszüge aus den Ermittlungsakten« gelangt, so der »Gong« -- Anwalt Dr. Jürgen Burkhardt in seiner Begründung des Widerspruchs gegen die von Rothmayer Anfang August erwirkte einstweilige Verfügung. Daher sei, so Burkhardt, kein Grund zu sehen, warum es dem »Gong« »untersagt sein könnte, die Auszüge Dritten zugänglich zu machen oder diese durch Dritte für Publikationen auszuwerten.«

Dieser Argumentation des »Gong«-Anwalts. der freilich in seiner Widerspruchsbegründung auch feststellte, daß im »Gong« »in absehbarer Zeit keine Berichterstattung« über Garden und dessen Vergangenheit geplant sei, folgte nun die 4. Zivilkammer beim Landgericht München 1. Die Kammer hob die von Rothmayer erwirkte einstweilige Verfügung wieder auf und bürdete die Kosten des Verfahrens (Streitwert: 25 000 Mark) dem Künstler auf.

In dieser Woche wird über die offenbar ebenso wackelig begründete, von Rothmayer im September erwirkte einstweilige Verfügung gegen die »Abendzeitung« entschieden, in der er dem Münchner Blatt unter anderem verbieten ließ zu verbreiten, er sei »vor Kriegsende Gestapo-Spitzel oder V-Mann der Gestapo gewesen«. Denn zu diesem Punkt hat schon der »Gong«-Anwalt vorsorglich seinem Widerspruch ein Zeugnis aus erster Hand beigeheftet. Dr. Hubert Hueber, von 1942 bis Kriegsende Leiter der Gestapo in Salzburg, bekundete 1947 bei einer Vernehmung vor der österreichischen Bundespolizei schriftlich: »Rothmayer war bei der Gestapo registrierter und bezahlter V-Mann.«

Ob der Buffo, der neben seiner TV-Tätigkeit auch Schallplatten besingt ("Es ist und bleibt ein Risiko"), mit dieser Bürde noch unbeschwert als »Charme-Sänger« im ZDF-»Tingeltangel« oder in der »Silvester-Gala-Show« auftreten kann, ist ungewiß. Vielleicht möchte er sich ohnehin gerne mehr als bisher dem Vertrieb seiner Patentschuhe widmen, die er unter dem Slogan anbietet: »Sie und Ihr Selbstbewußtsein wachsen sofort um 5 cm.«

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