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BADEN Uran im Gestein

aus DER SPIEGEL 33/1951

Der attraktive Erdgasausbruch beim hessischen Dorf Wolfskehlen schien dem Regierungsrat Oberle im Referat 10 des südbadischen Wirtschaftsministeriums in Freiburg so etwas wie ein Gottesgeschenk zu sein. Das Naturschauspiel lenkte die Aufmerksamkeit der Presse, spekulationswütiger Geschäftsleute und auch sonst der breiten Oeffentlichkeit von dem ab, was der Oberregierungsrat Oberle »völlig übereilte und sensationell aufgemachte Zeitungsmeldungen« nennt, von Nachrichten nämlich, nach denen in Leo Wohlebs Südbaden uranhaltige Pechblende gefunden worden ist. Nach Uran laufen sich die Atombombenfabrikanten in aller Welt die Hacken ab.

Bis dahin hatte man im Freiburger Colombi-Schlößchen, wo Staatspräsident Leo Wohleb residiert, die ganze Urangeschichte unter sich behalten. Aus dem Musterländle sollte kein rohstoffstrategisch interessantes Schlüsselgebiet werden. Aber da wurde dem ehemaligen südbadischen Wirtschaftsminister (1945 - 1948) Dr. Friedrich Leibbrandt (SPD) ein glänzender Job in Brasilien angeboten. Der schon reisefertige Minister a. D. eröffnete sich dem dpa-Vertreter Werner Frey und erzählte die bis dato nicht publik gewordene Uran-Geschichte, mit Sperrfrist bis zur Abreise.

Die Zeitungen brachten es am 28. Juli, je nach Redaktionstemperament versteckt oder vierspaltig. Sechs Tage später brach dann glücklicherweise das Erdgas bei Wolfskehlen aus und fesselte das öffentliche Interesse mit einer heulenden Siebenzig-Meter-Flamme.

In Pappschachteln aufgereiht liegen nun rund zwanzig faustgroße Stücke uranhaltiger Pechblende aus dem Mittelschwarzwald im Zimmer von Professor Dr. Franz Kirchheimer, der das Badische Geologische Landesamt in Freiburg leitet. Er sagt: »Noch ist nicht zu entscheiden, ob das Schürfen nach Uran im Schwarzwald lohnend sein wird.«

»Es lohnt sich bestimmt«, widerspricht Dipl.-Bergingenieur Otto Leible, 45, aus Zunsweiler

*) Westdeutschlands Bundeskanzler beispielsweise bezieht jährlich 45 000 DM Gehalt (plus 74 000 DM Aufwandsentschädigung) gegen ca. 25 233 DM des französischen Ministerpräsidenten (in seiner Gehaltssumme sind die Aufwendungen bereits enthalten). bei Offenburg. Otto Leible fühlte sich angesprochen, als die südbadische Regierung verlautbarte, daß »offenbar auch von privater Seite schon nach Uran erfolgreich gesucht« worden sei. Der Ingenieur hält sich für den Entdecker des westdeutschen Urans überhaupt. Es sei »an Qualität und Quantität den Uranvorkommen in Joachimsthal und Aue mindestens gleichwertig«. Die Sowjets rechneten mit 0,3 Prozent Uran im Gestein. Leibles Durchschnittswerte: 0,3 bis 0,5 Prozent, in einzelnen Proben sogar bis zu 20 Prozent.

Leible hatte sich schon während des Krieges für die mineralogische Zusammensetzung des Schwarzwaldes interessiert. Aber erst seine Heirat mit der Tochter des reichen Kronenwirtes von Zunsweiler brachte dem Forscher Muße und Mittel. Er kletterte im Gelände der alten Kobalt- und Silbergruben bei Wittichen umher und steckte sich allerlei Gesteinsproben in seinen Rucksack.

Im Januar 1950 bekam Otto Leible vom physikalischen Institut der Freiburger Universität das erste transportable Geiger-Müller-Gerät. Es war eine Koinzidenzanlage mit mehreren Zählrohren, die verschieden starke Strahlungen auffangen konnte*). Bei Wittichen, einem unbedeutenden Nest etwa in dem Dreieck Alpirsbach - Schiltach - Wolfach, nahe der württembergischen Grenze, zeigte das Geiger-Gerät schon in Leibles Volkswagen energisch radioaktive Strahlen an.

Das Land Baden knabberte in jenen Tagen an den Besatzungskosten der Franzosen und war finanziell völlig lahmgelegt. Deshalb erhoffte sich der Bergingenieur Unterstützung von den atomsüchtigen Amerikanern, denen er von seinen Funden nach Frankfurt berichtete. Doch ohne einwandfreie Gutachten zeigte man sich dort wenig geneigt. Im Frühjahr 1951 schließlich beantragte Leible beim badischen Staat eine Konzession für den Abbau von Pechblende im Gebiet Wittichen. Er schickte genaue Umrißkarten mit, verschwieg aber vorsichtig die Fundorte.

In Freiburg alarmierte man aber schleunigst die »Witticher Kommission«, eine Studiengruppe, die schon 1948 in den verlassenen Bergwerken dieser Gegend herumgestochert hatte, um offiziell die Möglichkeit eines Kobaltabbaues zu überprüfen**).

Mit einem Geigergerät stieß auch die Witticher Kommission auf Uran.

Otto Leibles Schürfkonzessionsantrag wurde abgelehnt. Der Ingenieur hetzte Rechtsanwalt Dr. Fritz Drischel zu Wirtschaftsminister Dr. Lauf, natürlich ohne Erfolg. Nach dem badischen Bergbaugesetz kann der Staat den Abbau in eigene Regie nehmen, wenn er es auch nicht muß. Leible-Anwalt Dr. Drischel: »In Baden sind auch die Schürfrechte für Erdöl bisher nur an die Privatwirtschaft vergeben worden. Es geht nicht an, daß der Staat ein Gesetz nach seinem eigenen Gutdünken auslegt.«

*) Jeder Geiger-Müller-Zähler fängt wie ein Maschinengewehr an zu knattern, wenn er in die Nähe radioaktiver Stoffe gebracht wird. Ein gewöhnliches Zählrohr verrät aber noch nicht, welches Mineral da mit seinen Strahlen Krach macht. Leibles Spezialgerät gibt genau an, ob es sich um Uran oder andere radioaktive Metalle handelt. Es erlaubt sogar, das häufig vorkommende Thorium mengenmäßig vom Uran zu unterscheiden. **) Das Witticher Revier spielt im 18. Jahrhundert eine bedeutende Rolle durch seinen Silber- und Kobalt-Abbau. Nach der Entdeckung der synthetischen Farbstoffe verlor der Bergbau immer mehr an Bedeutung und wurde schließlich ganz eingestellt. Erst jetzt, da Kobalt zur Veredlung von Stahl verwendet wird, erwacht neues Interesse für das Gebiet von Wittichen. Staatsgeologe Professor Kirchheimer will jetzt von Staats wegen erst einmal bergbauliche Untersuchungen einleiten lassen. Fürst von Fürstenberg, Besitzer der Witticher Gebiete, hat intern schon seine Zustimmung gegeben, mit der Kirchheimer Kommission zusammenzuarbeiten. Die Gewerkschaft Finstergrund, eine Schwarzwälder Bergbaugesellschaft, würde die Untersuchungen auf eigene Rechnung führen, wenn sie die Schürfrechte bekäme. Aber das Land Baden will nicht. »Kein privates Unternehmen kann mit der Erteilung von Schürf- und Abbaugenehmigungen rechnen«, erklärte Staatsgeologe Kirchheimer.

US-Generalkonsul Mallon in Stuttgart hat inzwischen versucht, nähere Uran-Einzelheiten zu erkunden. Aber fernmündliche und schriftliche Anfragen scheiterten bisher an der Schweigepflicht der badischen Beamten.

Regierungsrat Oberle von der Abteilung 10 des Wirtschaftsministeriums weiß indessen schon im stillen: »Wir werden das Uran ja doch hergeben müssen. Wenn wir uns auch sehr gut dafür bezahlen lassen.«

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