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Urin aus dem Bierkühler

aus DER SPIEGEL 35/1990

Die muskulösen Herren, die sich Anfang September 1988 unmittelbar vor den Olympischen Spielen in Seoul in einem Hotel in Vancouver trafen, entwickelten eine hektische Betriebsamkeit. Sie trugen Fläschchen mit einer gelben Flüssigkeit nächtens über den Flur, die sie schließlich in einem Bierkühler deponierten. Und mit ihren Händen, denen jeder ansah, wie kräftig sie zupacken können, probten sie den behutsamen Umgang mit dünnen Schläuchen.

Nachdem sich die Herren noch gegenseitig ermahnt hatten, besonders viel Bier zu trinken, gingen sie schlafen - die kanadischen Gewichtheber bereiteten sich so auf eine für den nächsten Tag überraschend angesetzte Dopingkontrolle vor.

Beim Morgengrauen trafen sich die kräftigen Männer dann am Bierkühler wieder. Sie ließen die Hosen herunter und öffneten die deponierten Fläschchen, in denen sich Urin befand, der bei Verwandten eingesammelt worden war, auch der Assistenztrainer hatte »aus Sympathie« sein Wasser gelassen.

Gegenseitig führten sich die Kanadier dann Katheter durch das Glied in die sorgfältig entleerte Blase und füllten sie mit dem gekühlten Fremd-Urin wieder auf. Anschließend begaben sie sich gleich zum Arzt, der die Dopingkontrollen vornahm. Einer der vorolympischen Pipi-Brüder, Paramjit Gill, schaffte die Strecke nicht gleich im ersten Anlauf, mußte unterwegs schon auf die Toilette - kurzentschlossen kehrte er an den Bierkühler zurück und ließ sich eine zweite Füllung einflößen.

Doch die urinösen Doktorspiele halfen den Muskelmännern nicht. Weil ihre Nieren selbst in der kurzen Zeit noch immer viel Anabolikasubstanz ausschieden, wurden die Dopingfahnder auch im gemixten Urin noch fündig: vier der sieben Gewichtheber - darunter auch Jacques Demers, 1984 Silbermedaillengewinner von Los Angeles - durften in Seoul nicht starten.

Die seltsame Party von Vancouver wird detailliert im jetzt vorgelegten Abschlußbericht von Richter Charles L. Dubin beschrieben, der nach dem Anabolikafall des Sprinters Ben Johnson für die kanadische Regierung fast 20 Monate lang Sportler, Ärzte, Trainer und Funktionäre zum Thema Doping befragte. Und was während der laufenden Untersuchung bei den Schlagzeilen um Johnson kaum beachtet wurde, summiert sich im Dubin-Report ebenso wie in amtlichen Kommissionsberichten in Australien und den USA erstmals zu einer einzigen massiven Anklage von Trainern und Funktionären. In fast allen Fällen haben sie die Praktiken der Sportler unterstützt, zumindest gedeckt.

So fuhren die kanadischen Gewichtheber stets zum Trainingslager in die Tschechoslowakei, wo sie zum Pauschalpreis von 50 Dollar von einem Helfer mit dem Decknamen »Emile« mit Steroiden versorgt wurden.

Auch im Fall Johnson waren die Funktionäre nicht so ahnungslos, wie sie vorgaben. Der Zehnkämpfer Dave Steen, Bronzemedaillengewinner von Seoul, hat laut Dubin-Report die Verbandsherren immer wieder auf das Drogen-Treiben des Karibikdoktors Jamie Astaphan hingewiesen - sie reagierten nicht. Der Leibarzt der Sprinter durfte seinen Athleten sogar in den Stadien ein altes Voodoo-Hausmittel verabreichen. Der Trunk aus Honig und Essig sollte die Anabolikasubstanzen überdecken.

Wie von Dubin wird auch im australischen Bericht moniert, daß die Sportverbände Dopinghinweisen nie nachgehen. Dopingkontrollen heißen auf dem fünften Kontinent nur noch »Mickey Mouse Test« - um den Ausgang muß sich kein Athlet Sorgen machen. Die Mehrkämpferin Jane Flemming schilderte zudem, wie sie von einem Verbandsfunktionär aufgefordert wurde, für die gedopte Speerwerferin Susan Howland zu urinieren, und das auch tat.

In den USA bewiesen Zeugenaussagen vor dem »Unterausschuß für Verbrechen« der Senatskommission, wie die Kontrollen immer noch ganz legal umgangen werden können. Wer mehr als 75 Meilen von einer Teststelle entfernt wohnt, muß nicht kommen, die Fahrt gilt als unzumutbar. Die Konsequenz: Von 167 zur Kontrolle gebetenen Athleten ließen sich 108 entschuldigen.

Doch auch in den Staaten schlägt die Stimmung um, seitdem die Sprinterin Diane Williams, Staffelweltmeisterin von 1987, in schockierender Offenheit vor dem Ausschuß über Nebenwirkungen des Dopings berichtete. Depressionen hätten sich eingestellt, als sie bemerkte, »wie meine Menstruationsperiode anomal wurde oder ganz ausblieb«, wie sie Schmerzen im Unterleib zu ertragen hatte, wie die Stimme immer tiefer wurde und »Schnurrbart und Kinnhaare wuchsen«.

Besonders nachhaltig wirkte im prüden Amerika die Schilderung der sexuellen Probleme der jungen Frau. Sie habe nach der Anabolikakur eine erhöhte Libido verspürt, gleichzeitig aber sei ihre Klitoris zu »peinlicher Größe« angewachsen. Diane Williams' Trainer, Star-Coach Chuck De-Bus, wurde lebenslänglich gesperrt.

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