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SOWJETZONE Urlaub auf Sylt

aus DER SPIEGEL 50/1957

Ein grauer Volkswagen mit Münchner Kennzeichen und einem grellbunten Plakat »Süddeutsche Kulturfilm München -Augsburg« fuhr im Mai dieses Jahres mehrere Tage lang kreuz und quer über die Nordsee-Insel Sylt. Die Insassen, zwei jüngere, modisch gekleidete Herren, hantierten eifrig mit ihren Filmkameras; sie waren offensichtlich bestrebt, die Schönheiten der Insel und des Modebades Westerland filmisch einzufangen. Die Urlauber spielten als Statisten freudig mit.

Als es schließlich nichts mehr zu filmen gab, ließen sich die Kameraleute beim Bürgermeister von Westerland, Heinz Reinefarth, melden. Ihm sollten die letzten Filmmeter gewidmet werden, sagten die beiden bayrischen Kulturfilmer, denn es runde ihren Film ab, wenn der Kinobesucher zum Schluß sehen könne, wer die Traditionen dieses reizenden Badestädtchens pflege.

Bürgermeister Reinefarth stellte sich daraufhin bereitwillig der Kamera und ließ sich in seinem Dienstzimmer und auf der Freitreppe vor dem Rathaus filmen. Willig befolgte er ebenso wie vorher die Badegäste jede Regieanweisung.

Vor kurzem wurde Bürgermeister Heinz Reinefarth nun wieder an den Besuch der beiden Kameraleute von der »Süddeutschen Kulturfilm München-Augsburg« erinnert. Er erfuhr, daß in den Lichtspielhäusern der Sowjetzone ein Film mit dem Titel »Urlaub auf Sylt« gezeigt wird, der außer einigen langweiligen Aufnahmen im Postkartenstil - das Kurhaus, planschende Badegäste, die Inselbahn - nichts anderes enthält als eine anklagende Darstellung der NS-Vergangenheit des Westerländer Bürgermeisters.

Er hieß »Sepp«

Heinz Reinefarth hat nämlich, ehe er zum Bürgermeister avancierte, nicht nur das Ritterkreuz mit Eichenlaub, sondern auch Uniform und Rangabzeichen eines SS-Gruppenführers und Generalleutnants der Polizei getragen. Diese Tatsache schien der staatlichen sowjetzonalen Filmgesellschaft Defa der rechte Anlaß, einen Kurzfilm zu drehen, in dem am Beispiel Reinefarths demonstriert wird, daß »in Westdeutschland Militaristen und SS-Generale herrschen«. Als Bürgermeister Reinefarth diesen Tatbestand von Freunden aus der Sowjetzone erfuhr, begann er umgehend nach den beiden Kameramännern zu fahnden, die ihn im Auftrag der »Süddeutschen Kulturfilm« photographiert hatten.

Das Münchner Gewerbeamt teilte ihm jedoch mit, eine »Süddeutsche Kulturfilm München-Augsburg« sei im Gewerbe-, im Handelsregister und in der Kartei der Industrie- und Handelskammer nicht eingetragen, die Firma sei nicht im Fernsprechbuch verzeichnet, außerdem sei sie in der Filmbranche unbekannt. Auch die Bemühungen des Bürgermeisters, in Westerland nachträglich etwas über die Kameraleute zu erfahren, blieben erfolglos.

Die Kulturfilmer hatten sich nicht polizeilich angemeldet und waren auch sonst darauf bedacht gewesen, ihre Namen zu verschweigen. Nicht einmal der Westerländer Veranstaltungsleiter Krukow, der die Kameraleute drei Tage lang begleitet hatte, wußte mehr zu sagen, als daß einer der beiden »Sepp« heiße, 26 Jahre alt und zweifellos ein echter Bayer gewesen sei.

Das alles läßt nach Reinefarths Auffassung nur einen Schluß zu: Die beiden Gäste vom Film müssen Kameramänner der Defa gewesen sein, deren Auftrag es war, den Bürgermeister und ehemaligen »Höheren SS- und Polizeiführer und Führer des SS-Oberabschnitts Warthe« Reinefarth unter dem Vorwand der Kulturfilmerei auf Zelluloid zu bannen. Seiner zivilen Arglosigkeit hat es Reinefarth zuzuschreiben, daß er jetzt in sowjetzonalen Kinos und im Fernsehen der sogenannten DDR als »Henker Tausender von Polen« und als »Mörder, der Karriere machte«, vorgestellt wird.

Der 22 Minuten dauernde Reinefarth-Film ist indes nicht das Ergebnis eines einmaligen Sonderauftrages, sondern nur der erste einer Serie ähnlicher »Filmdokumentationen«, die von der Defa vorbereitet wird und die das Ehepaar Annelie und Andrew Thorndike produzieren soll. Das Ehepaar - Andrew Thorndike: »Ich habe der Großbourgeoisie, aus der ich stamme, und die heute wieder in Westdeutschland herrscht, den unversöhnlichen Kampf angesagt« - verfügt für diese Arbeit über beträchtliches Rohmaterial: über die Filmarchive, die 1945 in der Sowjetzone von

der Roten Armee gefunden, beschlagnahmt und dann der »DDR«-Regierung zurückgegeben wurden. Es handelt sich um rund sechs Millionen Meter Wochenschau- und Dokumentaraufnahmen, darunter »geheime Kommandosachen« der obersten SS-Führung, Bestände des ehemaligen Reichsfilmarchivs und Material der Wehrmacht.

Das Ehepaar Thorndike hat diese Archivschätze zusammen mit einem 50köpfigen Defa-Arbeitsstab in jahrelanger Arbeit sortiert und archiviert sowie alte, fast unbrauchbare Aufnahmen mit Hilfe eines eigens dafür entwickelten Verfahrens restauriert.

Die Kinobesucher in der Sowjetzone konnten einen ersten Dokumentarfilm, den die Thorndikes aus diesem Material zusammengeklebt haben, vor rund einem Jahr sehen. Es war eine Darstellung der letzten fünfzig Jahre deutscher Geschichte unter dem Titel »Du und mancher Kamerad«, eine Leinwand-Lektion in dialektisch materialistischer Geschichtsdeutung. Die Ostberliner Regierung honorierte diese Arbeit mit einem »National-Preis«.

Gestützt auf das teilweise einmalige Archiv-Material und auf ihre Erfahrungen mit dem abendfüllenden Werk »Du und mancher Kamerad«, fiel es den Thorndikes nicht übermäßig schwer, den Film »Urlaub auf Sylt« zusammenzustellen. Die Beschaffung von Reinefarth-Bildern neueren Datums war das einzige Problem, das die Defa jedoch mit Hilfe der als Kulturfilmer getarnten Bayern elegant zu lösen verstand.

»Urlaub auf Sylt« beginnt in der für den Thorndikeschen Filmstil typischen Art: Die Kamera fährt durch die riesigen Defa-Filmlager, zur akustischen Untermalung dienen schlagwortartige Bruchstücke aus Kriegsberichter - Reportagen, die kreischende Stimme von Goebbels ("Wollt ihr den totalen Krieg?") und eine Originaltonaufnahme Freislers aus der 20. Juli-Verhandlung des »Volksgerichtshofes«.

Dann erscheinen die Bilder auf der Leinwand, die von den Defa-Leuten im Frühjahr 1957 auf Sylt aufgenommen wurden: Zuerst Badestrand, Kurleben und die Insellandschaft, dann Bürgermeister Reinefarth ab Schreibtisch und vor dem Rathaus. Es folgt eine Großaufnahme des Westerländer Ortsoberen, schließlich erstarrt dieses Bild und blendet langsam in ein Ritterkreuzphoto des SS-Gruppenführers Reinefarth über.

Ein Sprecher kommentiert: »Besuch bei Herrn Reinefarth, dem Bürgermeister (von Westerland). Er versieht dieses Amt schon seit 1951, als er von der Christlich-Demokratischen Union und dem Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten gewählt wurde. Weitab von der großen Welt und unbeachtet von ihr versieht Herr Reinefarth sein Amt ... Aber wer Herrn Reinefarth kennt, weiß, der Bürgermeister von Westerland ist zu Unrecht unbeachtet von der Welt, denn nicht immer war Herr Reinefarth Bürgermeister. Fast zwei Jahrzehnte seines Lebens - bis zum 8. Mai 1945 - war er die SS-Nummer 56 634.«

Dann erscheinen Photos von Judendeportationen, Galgen mit Gehenkten und immer wieder Erschießungen. Ein Bild zeigt einen SS-Mann, der einem Polen die Pistole ins Genick hält, auf einem anderen ist eine Reihe Erschossener zu sehen; im Vordergrund liegt ein junges Paar, das sich im Tode umschlossen hält. Dazwischen sind Wochenschauaufnahmen vom Abtransport polnischer Zivilisten eingeblendet.

Dann folgen Szenen von der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes im Jahre 1944. Sie sind das Kernstück des Defa -Films: Die Thorndikesche »Filmdokumentation« stellt nämlich Reinefarth als »Henker von Warschau« dar, weil er, wie eingeblendete Photokopien ausweisen, zu jener Zeit »Führer des SS-Oberabschnitts Warthe« war und »die Gesamtführung der in Warschau eingesetzten SS-Verbände« innehatte.

Obwohl zahlreiche Randbemerkungen des Film-Sprechers durch photokopierte Dokumente wie auch durch schriftliche Befehle untermauert werden, die von Reinefarth unterzeichnet waren, stellt der Kommentar doch nur eine sehr pauschale Beziehung zwischen den Erschießungs- und Deportationsbildern und dem höheren SS-Führer Reinefarth her.

Bürgermeister Reinefarth bestreitet heute entschieden, das gewesen zu sein, was die Defa »Henker von Warschau« nennt. Er behauptet zu seiner Entlastung, die Thorndikes hätten, indem sie alles, was nicht in ihren Streifen gepaßt habe, einfach wegließen, ein geklittertes Bild der Reinefarth -Geschichte zusammengeflickt. Seine Entnazifizierungs-Verhandlung vor dem Spruchkammer-Hauptausschuß beispielsweise, meint der Bürgermeister, sei in dem Film überhaupt nicht erwähnt. Vor der Spruchkammer aber sei er »von der Schuld an jeglichem Verbrechen« freigesprochen worden.

Besonders verärgert ist Bürgermeister Reinefarth über die Schlußszene von »Urlaub auf Sylt«. Sie zeigt ihn, wie er von der Rathaustreppe aus einem Besucher mit weit ausholender Geste die Insel zeigt. Dabei sucht der Text des Kommentars die Assoziation Feldherrngeste - Bürgermeister - Kommandostelle durch das Fazit zu beschwören: »Die alten Nazis sitzen wieder auf den Kommandostellen.«

Das Dokumentarfilm-Ehepaar Thorndike will diese Spruchband-These dem ostdeutschen Kinopublikum schon in allernächster Zeit durch weitere »Filmdokumentationen« einhämmern. Die Thorndikes umreißen ihr Programm für die Zukunft so: »Wir wollen zeigen, was die Leute, die immer um Hitler herumstanden und niemals namentlich erwähnt wurden, heute tun.«

Zu diesem Zweck arbeitet das Ehepaar jetzt an neun weiteren Filmen seiner Serie »Archive sagen aus«, die in Abständen von fünf bis sechs Wochen herauskommen und in den Kinos der Sowjetzone als ein ständiger Programmbestandteil gezeigt werden sollen. »Einige Personen, die wir beleuchten werden«, erklärte Andrew Thorndike, »können wir schon jetzt namentlich nennen: Manteuffel, Gille, Milch, Heye, Speidel, Kesselring.«

* Andrew Thorndike ist der Sohn des Diplomkaufmannes und Wirklichen Geheimen Rates Dr. Thorndike, der im Hugenbergschen Scherl - und im Ufa-Konzern an leitender Stelle tätig war.

SS-Gruppenführer Reinefarth

Aufnahmen von Gehenkten ...

Westerländer Bürgermeister Reinefarth

... zwischen Bildern vom Badestrand

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