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Urlaub vom Streik in Sheffield

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aus DER SPIEGEL 43/1984

Von der Sowjet-Union hat Brian Wood, Bergarbeiter aus Sheffield, wenig gewußt - da war die Militärparade im November, übertragen von der BBC. Im Ausland war er noch nie bei 14 Tagen Urlaub im Jahr, es müßten auch Rechnungen bezahlt werden, sagt der »Shaftman«.

Nun hat er beides, Information und Ferien. Vorige Woche saß er mit Ehefrau Susan, schachspielenden russischen Touristen und zwei ordensbehängten Georgiern im 14stöckigen Wohnheim »Majak« in Pizunda am Schwarzen Meer in Georgien.

150 britische Bergleute genießen noch diese Woche die Solidarität des ZK der sowjetischen Bergarbeiter. Die Aeroflot holte die per Los ausgewählten Briten in London ab, Kost und Logis sind gratis. Ein Polizeiwagen sorgte für freie Fahrt, wenn Busse sie zu Ausflügen in den Kaukasus oder zur Besichtigung der Mittelschule Nr. 2 in Lesselidse brachten, zu Blumen, Gesang und »Druschba«-Rufen - »fantastic«, so die Besucher.

Die »Klassenbrüder« ("Prawda") verschmähten Kaviar als »salzige Fischpisse« und tranken statt grusinischem Wein lieber polnisches Bier. Aus Sowjetspenden - allein ukrainische Bergleute stifteten tausend Wochenlöhne für den »Kampf gegen das Kapital« - bekam jeder Gast 30 Rubel (hundert Mark) Taschengeld, und noch 200 Rubel für Geschenke an die Kollegen daheim.

Dankbar legten die Streikopfer vor ein Lenin-Denkmal Blumen. Drei Wochen ohne Kohle und Staub, unbezahlte Rechnungen und Volksküchen; in einem Land, wo die Mandarinen blühen und es nach Eukalyptus duftet - da unterbleiben aus Höflichkeit kritische Fragen, etwa nach dem Streikrecht der Sowjet-Kumpel.

Bis auf zwei Kommunisten sind alle Gäste eingefleischte Labour-Wähler. »Wenn sie ihren Job verlieren«, lästerte ein einheimischer »Majak«-Gast, »können sie ja zu uns kommen.«

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