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Länder Urzustand mit Herz

Erstmals wird eine ostdeutsche Gemeinde westdeutsch - viele andere wollen nun ebenfalls das Bundesland wechseln.
aus DER SPIEGEL 21/1991

Die Bitte des Neuhauser Bürgermeisters Klaus Rintelen, 61, klang so feierlich wie altertümlich. »Lassen Sie uns«, bat er den hohen Gast aus Hannover, »zurück in das Land unserer Väter.«

Der so inständig angegangene Gerhard Glogowski, SPD-Innenminister des Landes Niedersachsen, hatte ein Einsehen. Nun soll das alte Amt Neuhaus, ein Flecken am östlichen Ufer der Elbe, wieder »hannöversch« werden, so wie es das jahrhundertelang war.

Die welfische Tradition, die seit 1689 währte, hatten die Kriegsmarschälle Schukow und Montgomery 1945 gebrochen. Mit einem Strich auf der Landkarte besiegelten die Sieger ihren Beschluß, den Flecken mit der altmodischen Gemeinde-Bezeichnung »Amt« der russischen Zone zuzuschlagen, um zu einem glatten Grenzverlauf zu kommen.

Seitdem fühlten sich die Neuhauser doppelt fremd im eigenen Land: als unfreiwillige Bürger der DDR und als Zugehörige _(* Mit Kolleginnen an seinem Arbeitsplatz ) _(im Neuhauser Krankenhaus - unter dem ) _(Fenster die Niedersachsen-Fahne. ) Mecklenburgs, mit dessen Geschichte sie wenig verbindet.

Deshalb auch hängten sie, als die Mauer fiel, die Niedersachsen-Fahne mit weißem Roß auf rotem Grund aus den Fenstern und stimmten nach dem Deutschlandlied die Welfenhymne »Wir sind die lust''gen Hannoveraner« an. In diesem Herbst, womöglich noch vor der niedersächsischen Kommunalwahl im Oktober, steht für die rund 7000 Bewohner der acht Dörfer des alten Amtes Neuhaus der eigentlich wichtige Part der Wiedervereinigung an: Dann werden sie in den Westen entlassen - und endlich von Hannover aus regiert.

Möglich wird dieser erste Wechsel einer Kommune von Ost- nach Westdeutschland durch den Artikel 29 des Grundgesetzes, der bei Grenzverschiebungen für Gebiete mit weniger als 10 000 Einwohnern eine einfache Regelung vorsieht: Die Länder Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern brauchten nur einen Staatsvertrag zu schließen, der den Wunsch der betroffenen Gemeinden besiegelt.

Im Prinzip ist alles klar - doch nun müssen mit der Bundesregierung komplizierte Detailprobleme besprochen werden: Welches Mietrecht soll in Zukunft gelten, welcher Paragraph 218, welche Tarifverträge - Ost oder West? Werden die Lehrer übernommen, wie werden die Rentner bezahlt, wird das Gebiet subventioniert wie die anderen Ex-DDR-Kommunen?

Schon möglich, daß die Neu-Westler am Ende schlechter dastehen, als wenn sie mecklenburgisch geblieben wären. Doch wichtiger als materielle Erwägungen sei, so Bürgermeister Rintelen, der zugleich Direktor im örtlichen Krankenhaus ist, »dieses tiefe Heimatgefühl«.

Richtung Westen strebt eine ganze Reihe von Gemeinden und Landkreisen hart an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze: *___Blankenburg im Ostharz, jetzt Landkreis im neuen Land ____Sachsen-Anhalt, will unbedingt zu Niedersachsen ____gehören, weil es seit eh und je zum alten Land ____Braunschweig gehört hat. *___Mit Prozessionen und Heiligenbildern feierten schon ____Zehntausende in Heiligenstadt und Worbis das Ende der ____deutschen Teilung, weil damit auch die Teilung des ____Eichsfeldes, einer katholischen Enklave im ____protestantischen Mitteldeutschland, nahe scheint. Die ____Eichsfelder wollen nicht als Thüringer, sondern als ____Niedersachsen vereint sein. *___Rüber nach Hessen, weg von Thüringen wollen die ____Einwohner von Birx und Unterweid. Sie fühlen sich als ____"Rhöner«, dem Rhön-Gebirge auf der West-Seite ____zugehörig. *___Im grenznahen Landkreis Meiningen wollen viele ____Gemeinden, wie das Dorf Mendhausen, lieber zu Bayern ____als zu Thüringen gehören.

Problematisch wird der Wechsel von Ost nach West immer dann, wenn es um mehr als 10 000 Einwohner geht. Für Neugliederungen, die über die Bagatellgrenze hinausgehen, sind im Grundgesetz aufwendige Verfahren vorgeschrieben.

Ein Bundesgesetz muß die Einzelheiten der Grenzänderung regeln. Dieses Gesetz muß dann per Volksentscheid oder nach einer Volksbefragung gebilligt werden.

Geschiebe gibt es auch an den Grenzen der neuen Bundesländer gegeneinander. Wie die Modrow-Regierung per Ländereinführungsgesetz im Juli 1990 aus den DDR-Bezirken neue Länder geschnitten hat, paßt vielen Grenzgemeinden nicht. Kurz danach lagen dem Ministerrat mehr als 3000 Anträge zu Grenzverschiebungen vor.

Mecklenburger wollen nach Brandenburg, Thüringer nach Sachsen-Anhalt und umgekehrt. Den größten Sog allerdings übt der Freistaat Sachsen auf grenznahe Bewohner aus. Da spielt die Historie mit: Auf dem Wiener Kongreß 1815 wurde fast die Hälfte des Königreichs Sachsen den Preußen zugeschlagen. Nun wollen die Erben der Schmach wieder dahin, wo ihre Mundart als Landessprache gilt.

Zum anderen geben Experten Sachsen die besten Chancen, seinen Bewohnern bald Wachstum und Wohlstand bescheren zu können. Solche Hoffnungen fördern offenbar das Heimweh.

Weil ihnen der Anschluß an die aufstrebenden Sachsen nicht schnell genug geht, haben da Thüringer aus dem Vogtland schon die Autobahn nach Berlin blockiert. Aufgebrachte Sachsen-Freunde drohen sogar, Teile des Vogtlandes einstweilen zum »länderfreien Gebiet« zu erklären. Doch die Verwaltungen der Ost-Länder haben zur Zeit dringendere Probleme als die Reorganisation der Landesgrenzen.

Den Drang nach Osten verspüren dagegen Bürger in einem gerade neun Quadratkilometer großen Landstrich nordöstlich von Ratzeburg in Schleswig-Holstein. Seit dem Fall der Mauer bekennen sich viele der knapp 1700 Einwohner der Ortschaften Bäk, Ziethen, Römnitz und Mechow als Mecklenburger. Die CDU-Kreistagsabgeordnete Ilse Rumohr, 50, wünschte sich »den Urzustand mit dem Herzen« herbei: Sie wollte, »am liebsten schon morgen«, zum östlichen Nachbarland gehören.

Die amerikanischen Besatzer hatten die vier Gemeinden 1945 bei den Sowjets gegen weiter östlich gelegene Gebiete eingetauscht, die nur mühsam zu erreichen waren. Seitdem sind die betroffenen Dörfler von ihrem traditionellen Bezugspunkt Schwerin abgetrennt.

Noch zögern die alten Mecklenburger, die rasche Wiedereingliederung zum Ursprungsland zu betreiben: Eine Volksabstimmung, so schätzen sie, brächte im Moment keine Mehrheit für die Eingliederung in den Osten.

* Mit Kolleginnen an seinem Arbeitsplatz im Neuhauser Krankenhaus -unter dem Fenster die Niedersachsen-Fahne.

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