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USA Der Kandidat der Demokraten

Mit Tricks, Unterstellungen und Drohungen wollte die alte Garde der US-Demokraten die Nominierung des Außenseiters McGovern zum Präsidentschaftskandidaten verhindern. Doch die Bosse blieben erfolglos. Sieger McGovern suchte die Verständigung: Er wählte den Katholiken und Gewerkschaftsfreund Eagleton als Vize.
aus DER SPIEGEL 30/1972

In einem der riesigen weißen Wohnwagen, den Schaltzentren der Kandidaten draußen vor der Convention Hall von Miami Beach, spielte Tom McCoy, einst beim Geheimdienst CIA, jetzt im Wahlstab des Senators Edward Muskie, nervös mit einem Schlüssel -- aus der Halle kamen schlechte Nachrichter.

»Wir werden abgeschlachtet«, erkannte er resigniert. »Jesus, wir bekommen Prügel«, stöhnte ein anderer Muskie-Mann. »Zentrale an alle: Sie haben die absolute Mehrheit«, meldete schließlich ein Tom Finney den Muskie-Delegierten im Saal -- ihre Antworten gingen unter im Jubel der Sieger.

Es war 1.15 Uhr am Dienstagmorgen voriger Woche. Die frühe Stunde dieses schwülen Tages markierte nicht nur das Ende aller Hoffnungen für ein halbes Dutzend demokratischer Präsidentschaftskandidaten; an diesem 11. Juli 1972 begann auch eine neue Ära für Amerikas Demokratische Partei -- und womöglich für das ganze Land.

In der ersten Sitzung des 36. Demokratischen Parteikonvents nämlich verloren die großen Männer von einst. die allmächtigen Funktionäre aus Partei und Gewerkschaft, endgültig ihre Herrschaft über den Apparat, den sie jahrzehntelang aus verräucherten Hinterzimmern dirigiert und nur zu oft für ihre eigenen Interessen mißbraucht hatten --

Miami Beach -- das war für sie der Ort der Hoffnung gewesen. Dort wollten sie in letzter Minute noch den Vormarsch des senators George McGovern stoppen, wollten ihm Delegierte nehmen, die er in fairer Wahl in Kalifornien gewonnen hatte -- und das nur. weil dieser ungewöhnliche Kandidat (siehe Seite- 71) nicht in ihr Weltbild paßte.

»Soli sich McGoverns Kindergarten ruhig in den Vorwahlen austoben«, erklärten sie siegessicher. »Auf dem Konvent beherrschen wir die Szene, ziehen wir die Fäden. da kriegen sie ihre Abreibung. Laß sie nur kommen.«

Doch als sie dann kamen, kam alles ganz anders, begann für die Größten von gestern »der verrückteste Konvent, den ich je erlebt habe« (so der greise Gewerkschaftsboß George Meany).

Da kamen junge Männer -- 13 Prozent aller Delegierten waren unter 25 -- in Nietenhosen und verwaschenen Hemden, mit buschigen Koteletten und langen Haaren; da kamen junge Mädchen -- 38 Prozent aller Delegierten waren Frauen -- in Hot Pants oder langen, bis zur Hüfte aufgeschlitzten Kleidern, mit freiem Rücken und -- fast -- freien Brüsten; da kamen Schwarze im Afro-Look -- 14 Prozent aller Delegierten waren Farbige -, da kamen aber auch Geistliche wie der Vietnamkriegsgegner Drinan aus Massachusetts, Künstler wie das Film-Strichmädchen Shirley ("Irma la Douce") MacLaine, Professoren wie der Harvard-Ökonom John Kenneth Galbraith.

Da tummelten sich -- mit Pressekarten -- unten im Parkett die Erzfeinde des Establishments, die verdammten Störenfriede des Konvents von 1968 in Chicago, Jerry Rubin und Abbie Hoffman.

Da nahmen -- mit Gästekarten -- auf der Tribüne 18jährige Mädchen, kaum bekleidet, mit ihren Männern und Babies ihre Ehrenplätze ein.

Dieser Konvent war zweifellos ein Spiegelbild Amerikas, freilich nicht jenes Amerikas, dem die angeblich weisen alten Männer immer noch anhängen; ein Spiegelbild vielmehr des Amerikas der siebziger Jahre. des frustrierten, verdrossenen Amerikas. das aufräumen

* Mit Ehefrau Eleanor.

möchte mit den Institutionen und den Größen von einst.

»Der Mensch ist wichtiger als die Politik«, beschwor der Erzbischof von Miami, Coleman Carroll, die Delegierten.

»Ein Mann, der das Amerika der siebziger Jahre repräsentiert«, so Parteichef Larry O"Brien, eröffnete denn auch folgerichtig den Konvent: Lawton Chiles, Senator von Florida. Er trat an in demselben blauen Hemd mit kurzen Ärmeln, derselben Khakihose und denselben Stiefeln, in denen er 1970 als Wahlkämpfer 92 Tage insgesamt 1003 Meilen durch den Staat gepilgert war. ein neues Gesicht in einer neuen Gesellschaft.

»Ich will einen Kandidaten, der auf die Wähler hört«, übernahm O"Brien selbst das Thema dieses Konvents, und Festredner Reubin Askew, Gouverneur von Florida und auch einer der Neuen, nahm das Thema auf, drängte seine Parteifreunde, sich der »Koalition des Protests« anzuschließen:

Die Amerikaner stellen ein System in Frage, ... in dem sich offenbar die geballte Macht von Big Government, Big Business, ... Big Money und sogar Big Labor gegen sie richtet.

Am schrillsten war der Beifall, als Askew proklamierte: »Das Volk ist nicht für die Wirtschaft da; die Wirtschaft ist für das Volk da!«

Für die großen alten Männer der Partei waren das böse, zersetzende Worte. Aber sie glaubten sich gewappnet, hatten sie doch rechtzeitig vor dem Konvent ihre »ABM-Koaliton« gebildet -- und auch diesmal war ABM eine Antirakete: »Anyone but McGovern«, jedermann, nur nicht McGovern.

Es war eine »Hinterzimmer-Koalition"~ (so Senator Mike Mansfield), eine Verbindung geboren aus der Angst, daß McGovern im November gegen Richard Nixon haushoch verlieren und die Partei auf Jahre in die Opposition verbannen oder, fast schlimmer noch, daß McGovern gewinnen und die allmächtigen Funktionäre vollends ausbooten würde.

Zum erstenmal seit Jahrzehnten hatte sich ein Kandidat an die Spitze der Partei gesetzt, der den Großen von gestern zu nichts verpflichtet war, weil sie ihn als Kandidaten nie ernstgenommen hatten -- und das mußte ihnen beinahe als so schlimm erscheinen wie ein republikanischer Präsident.

So entstand eine unheilige Allianz, eine Koalition aus dem Muster-Liberalen Hubert Humphrey und dem Rassisten George Wallace (der 1968 noch als Unabhängiger gegen Humphrey und Nixon angetreten war), aus der Schwarzen Shirley Chisholm, dem Rechten Henry Jackson, dem Bürokraten Wilbur Mills sowie den Drahtziehern Richard Daley aus Chicago und George Meany vom Gewerkschaftsbund.

Humphrey-Gefolgsmann Jeno Paulucci, ein millionenschwerer Lebensmittelhändler aus Minnesota, ließ sogar ganzseitige Anti-McGovern-Anzeigen in die Tageszeitungen einrücken. Statt der halben Million, die er 1968 für Humphrey ausgegeben habe, werde er -- so Paulucci -- in diesem Jahr notfalls drei bis vier Millionen Dollar aufbringen. nur um McGovern zu stoppen.

Hinzu kam Edmund Muskie, der große Klare aus dem Norden, der in diesem zersplitterten Feld der Verängstigten offenbar nicht wußte, wohin er gehörte. Der Favorit des Frühjahrs wollte sich zumindest als Friedensstifter einen guten Abgang verschaffen und lud die Rivalen zu sich ein.

Muskie: »Der Konvent spaltet sich in zwei bewaffnete Lager, die bereit sind, zu jedem parlamentarischen Manöver Zuflucht zu nehmen ... Wenn die Schlacht auf dieser Basis ausgetragen wird, dann wird die Zahl der politischen Toten und Verwundeten horrend sein, und auch die Partei selbst und ihr Kandidat könnten dazugehören.«

Doch George McGovern wußte sich vorn: »Ich verspreche mir wenig davon, mich hinter verschlossenen Türen mit sechs Stopp-McGovern-Kandidaten zusammenzusetzen.«

Wie berechtigt McGoverus Siegeszuversicht war, zeigte sich noch am selben Abend. Seine grünen Jungs -- 80 Prozent der Delegierten nahmen zum erstenmal an einem Konvent teil -, die bis dahin als wild, als verrückt, als Kindergarten abgetan worden waren, bewiesen plötzlich, daß sie die Tricks und die Taktiken eines Parteitags zumindest ebensogut beherrschten wie die alten Profis: Sie nahmen mutwillig eine Niederlage in Kauf, um anschließend den großen Sieg zu feiern.

Ihre Delegation, so forderten es einige Delegierte aus South Carolina, sollte um neun Frauen erweitert werden -- eine Forderung, die sich« George McGovern am Montagmorgen noch ohne Einschränkungen zu eigen gemacht hatte.

Doch am Abend, als Staat für Staat darüber abstimmen mußte, ließen McGoverns Delegierte die Damen Damen sein.

Meisterhaft gelenkt von dem 27jährigen Kettenraucher Rick Stearns im McGovern -Wohnwagen, verzichteten sie freiwillig auf eine Kraftprobe und gaben selbst Gegenstimmen ab, um die Widersacher für die viel wichtigere Kalifornien-Abstimmung in Sicherheit zu wiegen.

McGoverns Streitmacht schrumpfe, meldete denn auch prompt Humphrey-Wahlkampfmanager Chestnut, »wir werden auch die nächste Abstimmung gewinnen«.

Doch beim Kampf um die Kalifornien-Delegation, der in der Woche zuvor bis zum Obersten Gerichtshof getragen worden war, erwies sich das Gegenteil. Dirigiert von Stearns, hielten McGoverns Vertrauensleute im Saal engen Kontakt mit den Delegierten. Ein Kontakter betreute acht Delegierte und sorgte dafür, daß niemand falsch stimmte. Auf einmal war, ohne daß die Alten es richtig registriert hatten, das Rennen für den Senator gelaufen.

Jubel begleitete den Sieg -- und doch war es ein anderer Jubel als früher: Kein Konfetti, keine musikalische Kakophonie. Statt dessen Fähnchen -- und Plakateschwenken und viele herzliche Küsse.

Im sicheren Gefühl des Sieges machten McGovern-Delegierte auch Vor der Heiligenfigur der Demokraten nicht halt, dem Bürgermeister Daley aus Chicago. »Solange noch eine Spur Krebs im Körper bleibt«, ermunterte der farbige Reverend Jesse Jackson die Delegierten, »besteht Lebensgefahr für den ganzen Körper.«

Um 4.35 Uhr am Dienstagmorgen war auch Richard Daley Vergangenheit. Mit Mehrheit wurde dem Mann, der 24 Jahre lang demokratische Konvente diktiert hatte, das Mandat eines Delegierten verwehrt.

Die ABM-Koalition fiel ebenso schnell auseinander, wie sie gegründet worden war. Die Einsichtigen wie Hubert Humphrey ("Das war eine große Nacht für George") und Edmund Muskie nahmen von allein Abschied von ihrer Kandidatur -- und wurden mit Undank belohnt: Im Humphrey-Hotel »Carillon« verschwanden die Anschläge »Willkommen. Präsident Humphrey« zugunsten einer Ankündigung für eine Show mit den »Main Street Singers«. Humphreys Mitarbeiter wurde eine Notiz der Hotelleitung unter die Zimmertür geschoben: Unabhängig von der Abreise sei die Zimmermiete bis zum Freitag fällig.

Nur die ganz Hartnäckigen versuchten noch, George McGovern zu stoppen. George Wallace ließ sich sogar im Rollstuhl in die Convention Hall schieben, um selbst seinen Protest in den Saal zu donnern -- aber es war ebenso aussichtslos wie die Schnellwahl eines neuen Einheitskandidaten:

Henry Jackson, letzte Hoffnung der Alten, machte sich im Grunde nur lächerlich. Als Beweis für seine These, er vertrete die »überwiegende Mehrheit des amerikanischen Volkes«, führte er tatsächlich an. der liberale alte Humphrey und der rechte Volkstribun George Wallace hätten in den Vorwahlen mehr Stimmen erhalten als der Protestler George McGovern.

Und vollends verlor der schlechteste Verlierer dieses Konvents, George Meany 1962, so erinnerte er sich, habe er veranlaßt, daß seine Gewerkschaft George McGovern 30 000 Dollar zur Verfügung stellte, damit dieser die Stimmen bei der Senatswahl in South Dakota nachzählen lassen könne (McGovern gewann mit 65 Stimmen Vorsprung). Nun trete derselbe McGovern gegen die Gewerkschaften an.

Wie denn wohl, so fragte er den Journalisten Mik Royko, sei es zu erklären, daß McGovern, der einst pleite gewesen sei, jetzt »ein großes Haus. wertvolle Kunstschätze, einen Swimming-pool, ein Ferienhaus und ein großes Bankkonto« sein eigen nenne. »Das wäre schon eine Aufgabe. das mal zu überprüfen.«

»Leute, die merken, daß ihre Position in Gefahr ist«, meinte dazu der Historiker und Publizist Arthur M. Schlesinger, »setzen das stets mit dem Ende der Partei oder der Welt gleich. Nur ist es das nicht.« James Reston von der »New York Times« kommentierte: »Mit Humphrey trat der Rest der alten Garde ab; das ist wahrscheinlich richtig so.«

Spätestens seit dem Verzicht von Humphrey und Muskie konzentrierte sich das Interesse der Demokraten denn auch nicht mehr auf die Männer von gestern, sondern auf näherliegende Fragen: Wen würde McGovern zum Vizepräsidenten machen, wie würde er den angedrohten Boykott der alten Garde überwinden und wie hoch bei der Nominierung am Mittwoch gewinnen?

Der Sieg, längst nur noch eine Formsache, war höher als erwartet und eine neue Schmähung für Richard Daley, den Größten von einst: Ausgerechnet aus dem Staat Illinois« dessen Delegation Daley vor vier Jahren noch selbstherrlich geleitet hatte, kamen die entscheidenden Stimmen, die McGovern zur absoluten Mehrheit verhalfen. »Clean George«, George der Saubermann, hatte seine alten Gegner besiegt, ohne sie allerdings überzeugt zu haben -- und nun lag es bei ihm, die Partei zu einen.

Prompt wurde -- unter dem Zwang der Ereignisse -- aus dem Clean George ein Politiker, der nun auch bereit war, seinem Interesse an der Macht zu opfern. Um sich die Unterstützung möglichst breiter Demokraten- und vielleicht sogar der Gewerkschaftskreise zu sichern, war der Prärie-Professor plötzlich zum Kompromiß bereit:

* Er, der Vietnamkriegsgegner, hatte nichts mehr gegen eine amerikanische Streitmacht in Thailand; > er benannte mit Senator Thomas Eagleton, 42, aus Missouri, der am Mittwoch noch für Muskie stimmte. einen Vize-Präsidentschaftskandidaten, der vor allem deshalb für McGovern wichtig ist, weil er als Katholik und Gewerkschafts-Intimus auch gegen den alten Meany dringend notwendige Stimmen beschaffen kann.

Seine Vorwahlkämpfe gewann McGovern damit, daß er die Politik der Männer von gestern verurteilte. Nun aber, als Präsidentschaftskandidat der Demokraten, kann er diese alten Männer nicht vollends abschreiben.

Denn nur mit einer halbwegs geschlossenen Partei kann sich George McGovern erhoffen, gegen Richard Nixon ähnlich erfolgreich abzuschneiden wie gegen seine Rivalen im eigenen Haus. Zuversichtlich zweifelt er nicht daran, diese Partei-Einheit auch gegen die erbittertsten Widersacher durchzusetzen.

McGovern: »Ich glaube wirklich, daß ich Nixon schlagen kann. Ich bin davon überzeugt.«

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