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USA: Der »Längste Marsch« der Indianer

Riesige Territorien klagen sie ein, dazu Wasser- und Fischereirechte sowie Bodenschätze: Amerikas 850 000 Indianer, die von Armut und Alkoholismus längst erledigt schienen, greifen wieder an, und auch die Weißen machen mobil. Im »Längsten Marsch« zogen Navajo-Indianer zu Fuß von Kalifornien bis zum Kapitol in Washington.
aus DER SPIEGEL 30/1978

Ende Februar, in Nevada, fiel ein Hund den Indianer Johnnie Burns, 34, an. Ab Dayton, Ohio, im Mai, mußte er barfuß laufen. Am 28. Juni, in der Nähe von Harrisburg, Pennsylvania, geriet er in eine Schlägerei mit Lastwagenfahrern, die erbost waren über den Verkehrsstau, den sein Trupp verursachte.

Wie alle seine indianischen Gefährten auf diesem »Längsten Marsch« quer über den nordamerikanischen Kontinent, war Johnnie Burns täglich rund 60 Kilometer gelaufen, oft mit leerem Magen, denn das Essen war knapp. Er hatte im Freien geschlafen und zwei Blizzards überstanden.

Während er all diese Plackerei ertrug -- 151 Tage lang, über rund 2700 Meilen, von Kalifornien bis Washington -, hielt ihn die Geste äußerster Verachtung aufrecht, die er sich gegenüber dem weißen Mann vorgenommen hatte: Er, Johnnie Burns, Saisonarbeiter, Angehöriger des Navajo-Stammes, würde seine Zigarette auf den Stufen des Kapitols in Washington austreten und die Kippe dort liegenlassen.

Am Montag voriger Woche, gegen drei Uhr nachmittags, fiel dann tatsächlich Johnnies ausgerauchte Zigarette auf eine Stufe des Kapitols. Aber als er gefragt wurde, wie er sich dabei gefühlt habe, wußte Johnnie so recht nichts zu sagen. So toll war das Triumphgefühl denn auch nicht.

Der »Längste Marsch«, von der Kalifornien-Hauptstadt Sacramento in die USA-Hauptstadt Washington, an dem rund 1000 Indianer teilgenommen hatten, gedacht als dramatische, die Nation aufrüttelnde Gebärde, schien in der Bundeshauptstadt ein eher »antiklimaktisches Ende« zu nehmen, wie die »New York Times« schrieb.

Obwohl der Kongreß tagte, sah sich nur ein einziger Volksvertreter genötigt, bei der Demonstration der Indianer zu reden. Erst am nächsten Tag wurden die Führer der Indianer von Vizepräsident Mondale empfangen -- den sie allerdings kaltblütig eine Stunde auf sich warten ließen. Und wenn die Häuptlinge damit zeigen wollten, was sie in ihren Reden immer wieder betonten, daß sie nämlich als die »eigentlichen Hausherren« nach Washington gekommen seien, so war das mehr als eine Geste.

In den letzten Jahren haben die Indianer angefangen, Riesen-Territorien von vielen Millionen Morgen, zwei Drittel des Bundesstaats Maine zum Beispiel, für sich einzuklagen, seit Anfang dieses Jahres haben sie Erfolg damit. Seither sind die 850 000 amerikanischen Indianer potentiell die grüßten Grundbesitzer der USA.

Sie haben verbriefte Rechte auf einen erheblichen Teil der wichtigsten amerikanischen Bodenschätze: 30 Prozent aller Tagebaukohle westlich des Mississippi, 11 Prozent sämtlicher Kohle in den USA, liegen in Indianer-Reservaten. Indianern gehören 40 Prozent des amerikanischen Urans: Mit ein paar Gewehren oder Flaschen Whiskey aber lassen sich die Ureinwohner nicht mehr um ihren Reichtum prellen.

Nach Beratungen mit Vertretern der Opec in Washington schlossen sich 25 Indianerstämme Anfang 1978 zu einem Energie-Kartell zusammen, das seither mit den Minen-Gesellschaften Verhandlungen über die Ausbeutung indianischer Bodenschätze führt. Von rund 50 Stämmen überall in den USA werden Bundesstaaten und Kommunen auf Wasser- und Fischereirechte verklagt und vielfach verurteilt.

Als seien ihre einst von Weißen getöteten Krieger wieder auferstanden, hat eine Minderheit, die längst vernichtet schien von Armut, Alkoholismus und innerem Streit, dem mächtigen Amerika den Kampf angesagt. Die Gegenreaktion ist heftig -- und hat die Erfolge der Indianer bedrohlich gemacht.

Weiße gründeten vor knapp zwei Jahren den »Interstate Congress for Equal Rights and Responsibilities«, der inzwischen mehr als 20 000 Mitglieder hat. Es ist eine von mächtigen wirtschaftlichen Interessenten und rechtsradikalen Gruppen wie der John Birch Society gestützte, straff geführte Organisation, die in rund 20 Bundesstaaten zahllose Gegenklagen gegen die Forderungen der Indianer unterstützt hat.

Im Kongreß wurden im letzten Herbst elf Gesetzesvorlagen eingebracht, die, unter dem Vorwand, alle Amerikaner seien gleich, alle zum Schutz der Indianer bestehenden Sonderrechte abschaffen sollen. Das wichtigste dieser Gesetze, das unter dem trügerischen Titel »Chancengleichheit für eingeborene Amerikaner« läuft, will die 276 Indianerreservate auflösen, die Verträge mit den USA aufheben und die Indianer zu Amerikanern wie alle anderen machen.

Mit ihrem »Längsten Marsch« wollten sie die Öffentlichkeit auf diesen neuen »Angriff gegen das Überleben der Indianer« (so eines ihrer Flugblätter) aufmerksam machen.

Die Vereinigten Staaten sahen sich von ihrer eigenen Geschichte eingeholt. Ursache ist die rechtliche Sonderstellung der Reservat-Indianer in den USA: Sie sind zugleich Bürger der Vereinigten Staaten als auch Angehörige quasi-souveräner indianischer Stämme, mit denen der Kongreß Verträge abschloß wie mit ausländischen Staaten.

Die Kolonisatoren des nordamerikanischen Kontinents nämlich hatten die Ureinwohner gemordet, verdrängt und deportiert, doch ihrem schlechten Gewissen immerhin insofern Tribut gezollt, als sie die indianischen Nationen als eigenständig anerkannten.

So legte der »Indian Non-Intercourse Act« von 1790 fest, daß Landverkäufe von Indianern an Weiße durch den Kongreß bestätigt werden mußten, als ob es sich um Verträge mit fremden Staaten handelte.

In einem Vertrag aus dem Jahr 1794 mit der Regierung von Massachusetts, zu dem damals noch der heutige Bundesstaat Maine gehörte, hatten Vertreter der indianischen Ureinwohner des Gebiets, Passamaquoddies und Penobscots, acht Millionen Morgen Land an die Amerikaner abgetreten. Der Vertrag entsprach dem Non-Intercourse Act nicht und war damit ungültig.

So argumentierte jedenfalls Tom Tureen, ein junger weißer Anwalt, der seit dem Ende der 60er Jahre für die Rechte der Passaquoddies und Penobscots auf Zweidrittel des Staatsgebietes von Maine kämpfte.

Er berief sich außerdem auf eine Serie von Entscheidungen des Obersten Gerichtshofes der USA unter dem Chefrichter John Marshall, worin es Anfang des 19. Jahrhunderts hieß, Indianerstämme seien »einheimische, abhängige Nationen«, die zu den Vereinigten Staaten in einem rechtlichen Verhältnis stünden wie das Mündel zum Vormund.

Mit dem Hinweis auf dieses Mündelverhältnis zwang der Anwalt die Bundesregierung in Washington, als Treuhänder für die beiden Stämme gegen den Staat Maine zu prozessieren. Im Februar vorigen Jahres bestätigte der Bundesgerichtshof die Rechtmäßigkeit der indianischen Ansprüche auf einen großen Teil des geforderten Landes.

Eine von Präsident Carter eingesetzte Kommission hat seitdem einen Ausgleich ausgehandelt. Danach werden den rund 3500 Klägern aus Bundesmitteln 25 Millionen Dollar gezahlt, wofür sie auf ihre Rechtsansprüche auf den größten Teil des Landes verzichten.

Damit wurden in erster Linie kleine weiße Landbesitzer beruhigt, die wegen befürchteter Vertreibung durch die Indianer schon in Panik geraten waren. Sie können bleiben, in anderen Gegenden der USA aber sind Weiße direkt und empfindlich von den Folgen weiterer Prozesse betroffen, die Indianer an-

* Rechts: Vizepräsident Mondale.

gestrengt und teils schon gewonnen haben.

Im Auftrag ihres Mündels setzte die Bundesregierung zum Beispiel vieler-Orts vertraglich zugesicherte Wasserrechte für Indianer durch -- ein explosives Unterfangen in trockenen westlichen Bundesstaaten der USA.

Bittere Konflikte brachen auch zwischen den zahlreichen Nicht-Indianern in den Reservaten und den ansässigen Rothäuten aus. Die Nicht-Indianer sind von den Organen der Selbstverwaltung und der Gerichtsbarkeit der Reservate ausgeschlossen, unterliegen aber deren Beschlüssen. Anders als die Indianer, die von bundesstaatlichen und lokalen Steuern befreit sind, müssen die Fremden auch Steuern zahlen -- ohne mitbestimmen zu können, wie ihr Geld ausgegeben wird. Nicht ganz zu Unrecht beschweren sich die Gegner der Sonderrechte für Indianer, daß diese alle Rechte, aber nicht die praktischen Verpflichtungen eines Bürgers hätten.

Dennoch erscheint die Befürchtung der Indianer, daß in dieser ressentimentgeladenen Stimmung neue Angriffe gegen sie gestartet werden könnten. nicht unrealistisch, selbst, wenn die derzeit vorgelegten elf Gesetzesvorschläge zur Aufhebung des indianischen Sonderstatus nicht durch den Kongreß kommen.

Der Staat wiederum, dessen Mündel die Indianer sind, ist selbst in Bedrängnis. Er muß sieh gegen die Mißstimmung der Bürger verteidigen, die sieh in der bundesweiten Volksbewegung etwa gegen die Steuern ausdrückt. Kostspielige Indianer-Fürsorge jedenfalls ist unpopulär.

Weiterer Zündstoff kommt schon in Sicht. Wenn nämlich Präsident Carter sein auf dem Bonner Wirtschaftsgipfel erneuertes Versprechen wahrmachen will, die Erdölimporte der USA weiter zu reduzieren, werden die Kohlen in den Indianer-Reservaten nicht unter der Erde bleiben dürfen. Das aber könnte die physische Zerstörung der Reservate durch eine Regierung zur Folge haben, die eben diese Reservate vertraglich schützen muß.

Wer in diesem Konflikt den kürzeren ziehen wird, darüber gibt es, so der indianische Rechtsprofessor Sam Deloria von der Universität New Mexico, »leider keinen Zweifel«.

Zumindest für die Zukunft schien daher nicht unberechtigt, was ein Indianer beim »Längsten Marsch« dem Präsidenten der USA vorwarf: Er kümmere sieh zuviel um die Menschenrechte in der Sowjet-Union, aber zuwenig um die Menschenrechte in den USA.

Und Professor Deloria überkam die düstere Vision: »Mit unseren Prozessen haben wir, wie verlangt, innerhalb des Systems gekämpft, nur um zu erleben, daß uns dieses System dann doch zerstört.«

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