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USA: »Die Rauschgiftversion von Tschernobyl«

Zwanzig Millionen Amerikaner rauchen Marihuana, fünf Millionen schnupfen Kokain, eine halbe Million hängt an der Heroinspritze - mehr als je zuvor. Präsident Reagan hat den Rauschgifthandel »zur Bedrohung der nationalen Sicherheit« erklärt. Doch im Kampf gegen die Drogenflut hatte Washington bislang nur Mißerfolge geerntet. Und schon drängen noch stärkere Kunstrauschgifte auf den Markt, die sofort süchtig machen. *
aus DER SPIEGEL 33/1986

Im Jackson Memorial Hospital von Miami werden alle 24 Stunden zwei bis drei Babys mit teils schweren körperlichen Gebrechen, teils nicht minder ernsten Verhaltensschäden geboren.

Viele von ihnen haben schon Schlaganfälle im Mutterleib erlitten, bei den meisten ist der Kopf zu klein, das Gehirn unterentwickelt. Manche sterben unter Krämpfen. »Plötzlicher Säuglingstod« steht dann mangels eindeutig erkennbarer medizinischer Ursache auf dem Totenschein.

Über die tatsächlichen Ursachen des »Krippentodes« sowie der angeborenen Schäden dieser Babys gibt es allerdings keine Zweifel: Ihre Mütter haben während der Schwangerschaft Kokain geschnupft oder inhaliert. Niemals zuvor wurden mehr »Coke Kids« - Kokain-Babys - in den Vereinigten Staaten geboren als im Sommer 1986.

Zehn Polizisten betraten unlängst zur Nachtschicht das General-Motors-Werk in Wentzville (Missouri). Von den Fließbändern weg führten sie zwölf Montagewerker in Handschellen ab - unter dem Verdacht, Kokain, Haschisch und LSD im Wert von 250000 Dollar verkauft zu haben: Niemals zuvor haben Amerikas Angestellte, Arbeiter und Bosse mehr Drogen am Arbeitsplatz gehandelt und konsumiert als im Sommer 1986. Rauschgift ist eine der Ursachen der nachlassenden Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen Wirtschaft.

Zwanzig Millionen Amerikaner sind Marihuana-Raucher, eine halbe Million hängt an der Heroin-Spritze. Fünf Millionen US-Bürger schnupfen oder inhalieren regelmäßig und in größeren Mengen als je zuvor Kokain.

»Die Pest ist unter uns«, befand jüngst »Newsweek« in einer Titelgeschichte über die Drogen-Supermacht. Deren Bewohner geben jährlich 110 Milliarden Dollar für Rauschgifte aus. Der amerikanische Suchtexperte George Talbott konstatierte: »Die Nation rennt nicht, sie galoppiert vielmehr in eine chemische Kulturlandschaft.«

Das Ausmaß der galoppierenden Pest wurde nun auch im Weißen Haus bemerkt. Richard Wirthlin, Ronald Reagans Ratgeber für die Öffentlichkeitsarbeit, meldete seinem Präsidenten, das Barometer der Bürgerbesorgnis zeige schlimme Kurven mit einem scharfen Knick nach oben.

Anfang vergangener Woche fand es der Präsident an der Zeit, »eine nationenweite Kampagne gegen das Problem Nr. 1 im Lande« zu starten, so Reagan gegenüber »Newsweek« in einem seiner seltenen Interviews mit der liberalen Presse. Reagan forderte drogenfreie Arbeitsplätze, drogenfreie Schulen und eine Schärfung des öffentlichen Bewußtseins gegenüber Rauschgiften aller Art.

Zwar droht der Präsident Drogenkonsumenten nicht mit Gefängnisstrafen, vielmehr will er ihnen »helfen«. Auch will er Drogenhändler nicht, wie etwa in Malaysia, mit dem Tod bestrafen, obschon er »weiß, daß sie es verdienen«.

Doch der Präsident wünscht, daß Beamte und Regierungsangestellte sich auf Spuren von Rauschgift untersuchen lassen. Er stellt an seine ehemaligen Arbeitgeber in Hollywood die Forderung, in Filmen auf »billige Gags mit Szenen aus dem Drogenmilieu« zu verzichten.

Vor wenigen Wochen schon hatte Reagan den Drogenhandel in einer Präsidentenorder als »eine Bedrohung der nationalen Sicherheitsinteressen« Amerikas bezeichnet, gegen den nunmehr der Einsatz von Soldaten gerechtfertigt sei. Und im April dieses Jahres startete Nancy Reagan ihre Antidrogenkampagne »Just say No!«.

Die Schuld an dem Drogennotstand, so der Hintergrund für die wochenlang geheimgehaltene Präsidentenorder, trügen die Erzeugerländer und die ausländischen Drogenhändler, allen voran Nicaragua und Kuba. Beide Länder finanzierten mit den Erlösen aus dem von ihnen forcierten Rauschgifthandel den internationalen Terrorismus, wie Reagan-Vize George Bush seinen Präsidenten interpretierte. Doch diese außenpolitische Schuldzuweisung war allzu plump.

Aber auch Reagans Versuch, den Drogenmißbrauch an der Verbraucherfront anzugehen, kommt in Wahrheit einer Bankrott-Erklärung gleich. Denn alle bisherigen Strategien sind fehlgeschlagen.

Mit dem Ziel, das Angebot zu vermindern, waren US-Berater und -Techniker nach Mexiko und Kolumbien, US-Soldaten _(Bei der Verkündung der ) _(Antidrogenkampagne: »Just say No!« (Sag ) _(einfach nein). )

nach Bolivien geschickt worden. Sie sollten Marihuana-Plantagen, Schlafmohnfelder und Anpflanzungen des Koka-Strauchs zerstören helfen sowie Kokain-Labors und Drogenlager ausheben.

Die für die Umstellung auf Nutzpflanzen nötigen Gelder in Form von angebotener Wirtschaftshilfe und Erfolgsprämien der USA waren stets so bescheiden bemessen, daß die Drogenproduzenten und -händler in Ruhe warten konnten, bis die Gringos wieder abgerückt waren.

Unklar blieb, wieso die Planer aus dem Land der freien Marktwirtschaft meinten, ein bolivianischer Bauer würde für eine kleine Dollarprämie Kartoffeln anbauen, wenn ihm der Verkauf von Koka-Blättern ungleich mehr einbringt.

Auch in Kolumbien ist, wie in Washington, Macht an Geld gekoppelt. Kolumbiens Kokain-König Pablo Escobar Gaviria hat mit dem weißen Pulver ein Zwei-Milliarden-Dollar-Vermögen angehäuft. Damit finanziert er eine Privatarmee von 2000 Mann, mehr als die amerikanische Drogenbehörde DEA Beamte am Schreibtisch und Agenten vor Ort halten kann, und hält sich seine Pflanzer gefügig.

So mächtig und reich sind die Heroin-Herren und Koks-Könige Lateinamerikas, daß sie auf mißliebige amerikanische DEA-Agenten und amerikanische Diplomaten Kopfprämien in Höhe von einigen hunderttausend Dollar aussetzen. Nicht alle ihrer gefährdeten Statthalter konnte die Reagan-Regierung rechtzeitig abziehen. Anfang letzten Jahres etwa wurde DEA-Agent Enrique Camarena Salazar in Mexiko gekidnappt, gefoltert und ermordet.

Die Drogenwege sind auch für eine Supermacht kaum zu blockieren. Als US-Präsident Richard Nixon 1972 die Türkei überzeugte und dafür bezahlte, den Mohnanbau zu beschränken, um die Heroinzufuhr auf den US-Markt zu begrenzen, stießen mexikanische Händler in die Marktlücke.

Dem gleichen Marktgesetz mußten sich die US-Drogenbekämpfer ein Jahrzehnt später beugen. Trotz aller Razzien und Ausrottungsfeldzüge in süd- und mittelamerikanischen Staaten kam ständig mehr Rauschgift auf den US-Markt.

In dem Jahr, als Ronald Reagan seinen ersten Amtseid als US-Präsident leistete, gelangten insgesamt 25 Tonnen Kokain in die USA. Vier Jahre später, zu Beginn von Reagans zweiter Amtszeit, waren es 85 Tonnen. Zwar hat das von Reagan gegründete National Narcotics Border Interdiction System (NNBIS), das die illegale Drogeneinfuhr an den Grenzen stoppen sollte, immer wieder einzelne Erfolge erzielen können. So ließ Vizepräsident Bush, den Reagan zum NNBIS-Chef machte, jüngst verkünden, die NNBIS-Truppe habe »zweieinhalbtausend Tonnen Marihuana und 14 Tonnen Kokain beschlagnahmt«.

Sicher ist, daß die Beutemengen, deren Höhe die DEA nicht bestätigen mochte, keine dauernden Engpässe im Nachschub bewirkt haben, im Gegenteil: Nie war Kokain so billig und so reichlich auf dem US-Markt zu haben wie 1986.

Und von Marihuana, das so gut beleumdet ist, daß es Sekretärinnen und Bürochefs offen in der Mittagspause rauchen, konsumieren die Amerikaner inzwischen 14000 Tonnen pro Jahr. Der Wert der inländischen Marihuana-Ernte belief sich 1983 auf 14 Milliarden Dollar.

In den drei Jahren ihres Bestehens haben sich die NNBIS-Truppen auf Florida als Haupteinfuhrgebiet konzentriert. In Miami wurde eine hochmoderne Radaranlage gebaut, die sämtliche verdächtigen Flugzeuge und Schiffe zweifelhafter Herkunft verfolgt.

Doch die Kokslieferanten ändern ihre Taktiken. Nicht selten kommt der Nachschub mit Linienmaschinen, versteckt in Blumenfrachten oder Sirupkanistern. 18000 Flugzeugladungen Rauschgift gelangen nach Schätzungen der US-Zollfahndung jährlich unbehindert über die Südgrenze der Vereinigten Staaten. Drexel Watson, altgedienter Fahnder beim

US-Zoll: »Niemals kamen so viele Drogen ins Land. Es ist erschütternd.«

Daß Präsident Reagan sich nun bemüht, den Konsum mit schärferen Gesetzen, Aufklärung und Drohungen zu drücken, scheint einsichtig. Doch die meisten Drogenexperten fürchten, daß die Neuorientierung zu spät kommt. Die Mittel, die Washington für die Behandlung und die Aufklärung von Drogensüchtigen und -gefährdeten ausgibt, wurden vor allem unter der Reagan-Regierung ständig gestutzt.

So konnten umfassende wissenschaftliche Untersuchungen darüber, weshalb gerade die Amerikaner derart anfällig für Rauschgifte sind, aus Geldmangel nicht durchgeführt werden. Spekulationen reichen von dem erhöhten Streß in einer Hire-and-Fire-Arbeitswelt über die Charakteristika des »American Dream«, der sofortigen Genuß verheißt und individuelle Freiheit kaum eingrenzt, bis hin zu den Komplexen, die etwa Minderheiten auf Fluchtwege aus der sozialen Isolation drängten.

Gleichviel: Eine Momentaufnahme eines amerikanischen Alltags im August 1986 zeigt, daß vielfach *___amerikanische Männer nicht mehr mit Pralinenschachteln ____und Blumensträußen Frauen umgarnen, sondern mit Kokain; *___Hausfrauen im Waschsalon mit ihresgleichen nicht mehr ____Kuchen essen, sondern Koks schnupfen; *___in den Restaurants von Hollywood Kokain-Prisen als ____Trinkgeld hinterlassen werden; *___zwischen 10 und 23 Prozent aller Arbeitnehmer bisweilen ____im Job koksen; *___jede dritte Firma der 500 umsatzstärksten ____US-Unternehmen Programme eingerichtet hat, die ____Drogenkonsumenten Hilfe bieten; *___Zahnärzte, Fluglotsen und Piloten, Soldaten, ____Narkoseärzte, Raumfahrtmechaniker und Lokführer ____Rauschmittel aller Art konsumieren; *___der durch Drogenmißbrauch bedingte Verlust der ____US-Wirtschaft nach neuesten Schätzungen bei wenigstens ____60 Milliarden Dollar liegt.

Nichts deutet derzeit darauf hin, daß sich die Situation bessern könnte. In New York und Florida wurden bereits Labors ausgehoben, in denen Kokain aus der Halbfertigware, der »pasta basica«, hergestellt wurde. Die zur Kokainherstellung benötigten Chemikalien sind in den USA billiger und problemloser zu beschaffen.

Darüber hinaus ist mit der Kokainspezialität »Crack« eine neue Superdroge auf dem Markt, die wirkungsvoller ist und schneller die Sucht auslöst als der herkömmliche einstige Schickeria-Schnee. Vor allem aber ist Crack billig. Zehn Dollar pro Phiole machen Crack auch für die Getto-Kids erschwinglich.

Doch auch Crack dürfte noch nicht der endgültige Drogenkick sein. In den Kulissen des amerikanischen Rauschgiftdramas wartet gleichsam eine ganze Drogenfamilie auf ihren landesweiten Auftritt, deren Auswirkung alles Bisherige zu übertreffen droht.

Amerikanische Chemiker haben aus marktgängigen Medikamenten im Labor synthetische Drogen entwickelt und als Heroin oder Kokain auf den Markt gebracht. Diese »designer drugs« sind chemische Abkömmlinge von Narkose- und Schmerzmitteln und so stark, daß sie auf der Stelle süchtig machen.

Will Spiegelman, Anästhesist am Stanford University Hospital: »Es kann Jahre dauern, bis man alkoholsüchtig, Monate, bis man kokainsüchtig ist, aber es bedarf nur eines einzigen Schusses ''Fentanyl''« (so der Name einer der Designerdrogen).

Für den DEA-Beamten Gene Haislip ist die neue Drogenfamilie »die Rauschgiftversion von Tschernobyl: ein Problem, das vor 20 Jahren unvorstellbar war«.

Über 100 Todesfälle durch den »pharmazeutischen Frankenstein« (Haislip) wurden aus Kalifornien, Arizona und Oregon schon gemeldet. Beunruhigt sind die Kenner der Drogenszene vor allem, weil die bisher analysierten Fentanyl-Spuren auf ein einziges Labor hindeuten. Die Kapazität reicht bei weitem: 100 Gramm des neuen Stoffs entsprechen 100 Millionen Einzeldosierungen. Wert: eine Milliarde Dollar.

Ein Aktenkoffer voll Designerdrogen genügte, kalkulierte das US-Wissenschaftsmagazin »Discover«, »alle Junkies von New York einige Jahre lang high zu machen«.

Bei der Verkündung der Antidrogenkampagne: »Just say No!« (Sageinfach nein).

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