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USA: »Eine gewisse Reife«

Der Ajatollah Chomeini im fernen Iran hat vollbracht, was Amerikas Politiker bislang vergebens versuchten: Er hat die amerikanische Nation geeint, zumindest für den Augenblick. Das Vietnam-Trauma scheint vergessen, »in den achtziger Jahren«, prophezeit Senator Sam Nunn, »wird die Welt ein anderes Amerika kennenlernen«.
aus DER SPIEGEL 52/1979

Auf der Wiese vor dem »Washington Monument«, gleich hinter dem Weißen Haus, drängten sich wie in jedem Jahr Tausende von Bürgern mit ihren Kindern. Sie wollten miterleben, wie der Präsident mit einem Knopfdruck die elektrischen Kerzen am »Nationalen Weihnachtsbaum« anzündete.

Aber in diesem Jahr gingen die Lichter nicht an. Erst wenn alle Geiseln wohlbehalten aus dem Iran zurückgekehrt seien, verkündete Jimmy Carter, könne auch der Christbaum leuchten. Dann wies er auf 50 kleine Tannen, die rund um den großen Baum aufgestellt waren -- eigentlich eine für jeden Bundesstaat, in diesem Jahre jedoch zugleich eine für jeden gefangenen Amerikaner in Teheran.

Die Zuschauer klatschten zustimmend, faßten einander an den Händen und sangen Weihnachtslieder.

Das Tannenritual in der Adventszeit war Symbol und Symptom zugleich. Ein Gefühl der Gemeinsamkeit hat die Amerikaner erfaßt; man rückt zusammen, weil niemand einen Ausweg sieht aus einer Krise, wie es sie bislang für die USA noch nie gegeben hat.

Ein bärtiger Greis, dessen »Studenten« im Handstreich die US-Botschaft in Teheran besetzten und das Personal als Geiseln festhielten, hat schonungslos die Grenzen der größten Wirtschafts- und Militärmacht des Westens, vielleicht gar der Weh, aufgezeigt.

Und die Amerikaner haben, wenn auch nur widerwillig, ihre Ohnmacht erkannt. Eine Landung der Ledernacken, sonst probate Waffe der Großmacht gegen die Kleinen, wäre gleichbedeutend mit dem Tod der Geiseln. Und an einem Wirtschaftsboykott gegen die Perser -- von dem man ohnehin nicht weiß, ob er denn überhaupt irgend etwas bewirken würde -- mögen sich Amerikas Verbündete, trotz gegenteiliger öffentlicher Bekundungen, aus Angst um ihr Öl nicht beteiligen.

Die Amerikaner fühlen sich, auch wenn sie es nicht gern zugehen, allein gelassen -- und werden wieder Patrioten:

Vielerorts läuten mittags die Kirchenglocken. Bürger hissen das Sternenbanner. Autofahrer hupen beim Passieren der Iran-Botschaft in Washington, viele fahren, auch am hellichten Tage, mit Standlicht. Fußgänger le-

* Chomeini-Zielscheibe; Abtransport iranischer Demonstranten, die in Texas gegen die Anwesenheit des Schahs protestierten; Chomeini-Karikatur auf einem Bestlaken.

gen weiße Armbinden an, um ihr Mitgefühl mit den Geiseln zu demonstrieren. Und bei den Rekrutierungsstellen der Mannes ist die Zahl der Bewerber um 60 Prozent gestiegen.

Jimmy Carter hätte den Dienstag vor Weihnachten gar nicht zum »Tag der Nationalen Einheit« zu proklamieren brauchen. Seit der Botschaftsbesetzung, schreibt das New Yorker Massenblatt »Daily News«, »sind wir wirklich die VEREINIGTEN Staaten.« Mehr als eine Million Briefe und Weihnachtskarten gingen an die Eingeschlossenen von Teheran. »Kein einziges Ereignis seit dem Zweiten Weltkrieg«, sagt John White, Vorsitzender der Demokratischen Partei, habe »zu einem solchen Gemeinschaftssinn« geführt.

Das Volk ist politisiert wie nie. Leserbrief-Tanten und Radio-Onkel geben Auskunft zum Thema Persien; mit Liebeskummer kommt ihnen kaum noch jemand. Disc-Jockeys legen vaterländische Lieder auf den Plattenteller. Und an der Kent State University in Ohio, wo 1970 vier gegen den Vietnamkrieg demonstrierende Studenten von Nationalgardisten erschossen wurden, singen Professoren und Studenten heute »America the Beautiful«. »Viele meiner Freunde, die aktiv gegen den Vietnamkrieg kämpften«, erzählt der Lehrer Robert C. Parks, 28, der bei den Demonstrationen von Kent State dabei war, »sagen heute, wir sollten den Iran zusammenbomben.«

»Was den Iran betrifft«, revidierte sogar George McGovern, der wohl liberalste Senator in Washington, seine Position, »bin ich keine Taube.«

»Der Ajatollah weiß gar nicht, was er angerichtet, was er in diesem Lande ausgelöst hat«, erklärte McGoverns Kollege Sam Nunn aus Georgia dem SPIEGEL. »Amerika verläßt jetzt mit Riesenschritten die Nach-Vietnam-Epoche; in den 80er Jahren wird die Welt ein anderes Amerika kennenlernen.«

Nach der »Vietnam-Malaise und einer Dekade der Selbstbesinnung«, so auch der »Washington Star«, »sind die Leute wieder bereit, in die internationale Arena zurückzukehren -- mit einem Rachegefühl«.

Eine Schallplatte mit dem Titel »Botschaft an den Ajatollah« wurde zum Bestseller. Kern der »Botschaft": »Onkel Sam hat seinen Stolz, ihr werdet seine Pranken fühlen.«

Ein Plakat an der Universität von North Carolina in Charlotte fordert: »Schmeißt Atombomben auf sie, bis sie schwarz werden. Es hat in Japan geholfen. Es wird im Iran helfen.«

Und in Texas starteten Amerikaner eine Keilerei mit persischen Studenten mit dem Ruf nach dem guten Revolverhelden: »John Wayne, wo bist du?«

Solche Aggressivität jedoch bleibt (noch) die Ausnahme. Statt nach unüberlegten Aktionen zu schreien, folgt die Mehrheit einstweilen ihrem besonnen handelnden Präsidenten. Drei von vier Amerikanern billigen Carters Management der Iran-Krise und sprechen ihm nun auch nicht mehr ab, daß er über »Leadership«-Qualitäten verfüge.

»Am 3. November machten die Leute Carter noch für die Inflation verantwortlich, für hohe Zinsen und alles mögliche«, weiß Albert E. Sindlinger, dessen Meinungsforscher jede Woche 1300 Amerikaner befragen. Am Tag der Geiselnahme in Teheran jedoch, »am 4. November, änderte sich alles schlagartig. Nun, sagten die Menschen, müssen wir hinter dem Präsidenten zusammenstehen«.

Daß sie dem nach einer friedlichen Lösung suchenden Präsidenten folgen, erklärte die »Daily News« mit der »ernüchternden Lektion von Vietnam«, die gelehrt habe, daß der »große Knüppel in einer sich verändernden Welt keine Lösung« bietet. Der Politologe Robert Hirschfeld vom Hunter College in New York bescheinigt den Amerikanern deshalb »eine gewisse Reife«.

Zwar hatten auch Affären wie die Kaperung der »Pueblo« 1968 durch die Nordkoreaner und der »Mayaguez«

* Vor seinem Hubschrauber.

1975 durch die Kambodschaner bewirkt, daß sich die Bürger um den Präsidenten scharten. Doch zu jener Zeit waren die Vereinigten Staaten in unpopuläre Kriege oder Militäraktionen verwickelt, und so blieb die Solidarisierung mit dem Präsidenten vordergründig und befristet.

Anders jetzt. »Das einigende Element in der Empörung über die Geiselnahme«, urteilt William Greider, stellvertretender Chefredakteur der »Washington Post«, »ist, daß wir zum erstenmal seit langer Zeit in einer Weltaffäre fraglos das Opfer sind.«

Amerika als Opfer -- das hat, zumindest für den Wahlkämpfer Jimmy Carter, auch eine positive Seite, die er nicht müde wird herauszustreichen:

Zu Beginn der 70er Jahre kämpften noch fast 500 000 Amerikaner in Vietnam, in einem Krieg, der nicht zu gewinnen war, der die Nation zerriß und durch den Amerika zunehmend ins weltpolitische Abseits geriet.

An der Schwelle der 80er Jahre aber, unter Jimmy Carter, sind nirgendwo in der Welt amerikanische Kampftruppen im Einsatz. Und anders als vor einem Jahrzehnt steht die Welt jetzt, in der Iran-Krise, auf Seiten Washingtons: Die Uno und der Internationale Gerichtshof gaben den USA recht; sogar die meisten Moslem-Länder verurteilen die Geiselnahme.

Doch die Unterstützung beschränkt sich auf Worte, auf Gesten. Helfen, so hat offenbar auch Jimmy Carter erkannt, muß Amerika sich selbst.

Und er weiß auch schon wie. Derselbe Jimmy Carter, der im Wahlkampf 1976 noch versprochen hatte, Amerikas Verteidigungsausgaben rigoros zu kürzen, will jetzt das Militärbudget um rund fünf Prozent erhöhen.

Im Wahlkampf 1980 wird ihm das kaum schaden, im Gegenteil: Befreit vom Vietnam-Trauma, fordert inzwischen eine große Mehrheit der Amerikaner höhere Rüstungsausgaben. »Sie sind es leid«, so Senator Sam Nunn, »zuzusehen, wie Amerika überall in der Welt herumgestoßen wird.«

Und sie sind offenbar auch wieder bereit, sich Anfeindungen und Angriffen im Ernstfall zu widersetzen. Wenn etwa in Teheran Geiseln umgebracht würden, dann werde, prophezeit Meinungsforscher Sindlinger, die überwiegend gewaltlose Haltung der Weihnachtszeit sehr schnell umschlagen, werde Jimmy Carters Regierung plötzlich im eigenen Lande »gegen Mobs vorgehen« müssen.

Einen Hinweis auf den angestauten Iran-Haß erhielt sein Institut schon Mitte Dezember: »Zehn Prozent der Leute, mit denen wir gesprochen haben, sagen: »Laßt uns eine Absprache mit den Russen treffen, den Iran erobern und ihn aufteilen wie einst Deutschland«.«

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