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USA: Krieg gegen Noriega

Zwei Jahre lang widersetzte sich Panamas Diktator Noriega erfolgreich allen Versuchen der USA, ihn aus dem Amt zu jagen. Jetzt ließ Präsident Bush 24 000 US-Soldaten einmarschieren und panamaische Stellungen beschießen. Doch der Angriff lief nicht wie geplant: Noriega konnte sich zunächst offenbar in Sicherheit bringen.
aus DER SPIEGEL 52/1989

Gemäß alter Sitte wechselte George Bush nach seinem Amtsantritt im Januar 1989 das Porträt des Lieblings-Vorgängers aus, das sich jeder Präsident ins Oval Office hängt. Ein Ölgemälde des Laisser-faire-Präsidenten Calvin Coolidge wurde abgehängt, statt dessen grüßt seither der draufgängerische Teddy Roosevelt von der Wand.

Der allerdings hat George Bush seine bislang unangenehmste Herausforderung beschert. Denn der Imperialist Roosevelt schuf 1903 den Kunststaat Panama, indem er Kolumbien zwang, die Dschungelprovinz zwecks Bau des Panamakanals abzutreten.

Unabhängig war die Neuschöpfung nur auf dem Papier, Panamas Generäle und Präsidenten gehorchten fast immer den Kommandos aus Washington - Manuel Antonio Noriega dachte nicht daran. Zwei Jahre lang blamierte der pockennarbige Caudillo die Weltmacht Amerika und ließ deren amateurhafte Versuche, ihn loszuwerden, wie absurdes Theater erscheinen.

Vergangenen Mittwoch schlug Bush zu. Während fast überall sonst in der Welt die Zeichen auf Frieden standen, jagten kurz nach Mitternacht Kampfflugzeuge und Hubschrauber über Panama-Stadt hinweg. Von den Militärstützpunkten der USA aus nahmen Lastwagen-Konvois voller Soldaten Kurs auf das Hauptquartier der panamaischen Streitkräfte und durchbrachen Barrikaden, die Noriega am Wochenende zuvor in der Innenstadt hatte errichten lassen.

Dann fielen die ersten Bomben. Sie zerstörten den Tiefwasserhafen der Hauptstadt, mehrere Flughäfen und auch den kleinen Landeplatz Paitillia, auf dem die Amerikaner Noriegas abflugbereiten Learjet ausgemacht hatten.

Unter dem Bombenhagel fielen auch die Gebäude des Cuartel General, wo die Amerikaner Noriega vermutet hatten. Das Hauptquartier der Streitkräfte liegt im Stadtviertel El Chorrillo, dessen zumeist arme Einwohner Noriegas treueste Anhänger sind.

Hier forderten die Bomben und der Sturmangriff die ersten zivilen Opfer des neuen Krieges. Schon wenige Stunden nach Beginn der Kämpfe zählten Ärzte im nahen Santo-Tomas-Krankenhaus 50 Tote.

Im regierungseigenen Fernsehsender Canal 2, der von US-Streitkräften eingenommen wurde, meldete sich ein neuer Präsident: Guillermo Endara, mutmaßlicher Sieger der von Noriega für ungültig erklärten Mai-Wahlen, rief die Bürger auf, zu Hause zu bleiben: »Wir sind hier, um das Unrechtsregime Noriegas zu beseitigen.«

Doch der Angriff, am Sonntag zuvor in Washington beschlossen, verlief wie alle militärischen Operationen der westlichen Führungsmacht seit dem Versuch der Geiselbefreiung im Iran - nicht ohne Pannen. Das großspurig verkündete Kommandoziel, »Noriega festzunehmen«, konnte zunächst nicht erreicht werden; der General, durch das Einfliegen von Einheiten der 82. Luftlandedivision aus Fort Bragg in North Carolina gewarnt, hatte sich, von den Amerikanern unbemerkt, abgesetzt.

Auch Endaras Aufruf an Noriegas Soldaten, ihren Anführer im Stich zu lassen, wurde nicht überall befolgt. Mehrere panamaische Garnisonen leisteten den Angreifern erbitterten Widerstand.

Noriega-treuen Offizieren gelang es, die panamaische Miliz, die gefürchteten »Bataillone der Würde«, zu mobilisieren. Die Schlägertruppen des Staatschefs stürmten Hotels und nahmen US-Bürger als Geiseln.

Bei Tagesanbruch begann dann, was die Amerikaner am meisten fürchten mußten: Straßenkampf in El Chorrillo. Heckenschützen lauerten den US-Konvois auf. Zwölf Amerikaner starben, der schnelle Handstreich gegen Noriega war gescheitert.

Zum Frühstücksfernsehen mußte Präsident Bush seinen Landsleuten eingestehen, daß der Diktator abermals entwischt war. Fünf Tage vor Weihnachten befand sich Bush tatsächlich im Kriegszustand mit Panama - den der Überlebenskünstler Noriega schon Tage zuvor hatte verkünden lassen.

»Wir müssen die Gringos und ihre Freunde töten«, forderte im vaterländischen Rausch einer der handverlesenen Wahlmänner, die Noriega zum Regierungschef mit absoluten Vollmachten gewählt hatten. Er übersah dabei, daß Manuel Antonio Noriega ohne die Gringos nichts geworden wäre. Sie entdeckten und protegierten ihn. Sie schützten ihn, an ihnen profilierte er sich jetzt.

Gekonnt fälschte Armeechef Noriega 1984 die panamaischen Präsidentschaftswahlen, statt des von der Regierung Ronald Reagan mit Mißtrauen betrachteten Nationalisten Arnulfo Arias gewann überraschend der US-Kandidat Nicolas Ardito Barletta. Weil Noriega zudem die nicaraguanischen Contras heimlich unterstützte, hatte ihm sogar der damalige Vizepräsident Bush seine Aufwartung gemacht.

Getrübt wurde die Idylle laut Noriega erst im Dezember 1985, als sich der stellvertretende US-Sicherheitsberater John Poindexter bei einem Besuch weigerte, panamaische Militärberater zu den UShörigen nicaraguanischen Contras abzukommandieren, was den Amerikanern aus politischen Gründen damals nicht paßte.

Danach ging es mit der Freundschaft rasch bergab, bis der General schließlich, im Februar 1988, wegen Drogenhandels von zwei US-Gerichten angeklagt wurde. Import von Marihuana und Geldwäsche legten ihm die Strafverfolger zur Last.

Zunächst versuchten die einstigen Gönner in Washington, den zur Belastung gewordenen Spezi am Kanal politisch auszumanövrieren - wobei sie ihn beharrlich unterschätzten. Auf einen Wink aus Washington hin setzte Panamas Staatspräsident Eric Delvalle den General im Februar 1988 kurzerhand ab. Doch statt Noriegas fiel Delvalle.

Dann bot das State Department dem General freien Abzug und ungehinderten Zugang zu seinen Auslandskonten an. Der mißtrauische Panamaer aber witterte eine Falle und hielt die Washingtoner Diplomaten hin. Auch Wirtschaftssanktionen, gleich nach der Anklageerhebung gegen den Diktator eingeleitet, verpufften: Er blieb im Amt, er pfiff auf die großen USA.

Als die Bush-Regierung amerikanische Häfen für Schiffe unter Panamas Billigflagge sperrte, brachte sie auch noch die bürgerliche Opposition in Panama gegen sich auf. »Armut und Arbeitslosigkeit« seien die Folge der Sanktionen, warnte Christdemokrat Ricardo Arias Calderon Ende November.

Noriega auf - auch nur annähernd - gewaltfreiem Weg loszuwerden, das dämmerte den Washingtonern zu diesem Zeitpunkt bereits, war so einfach nicht. Gegen ein direktes militärisches Eingreifen aber sprach die Befürchtung, daß sich Lateinamerika dann wieder mal vom RIo Grande bis Feuerland über die häßlichen Gringos empören würde. Auch das militärische Risiko schien nur schwer kalkulierbar. »Wir sind kein Grenada«, warnte der Mini-Imperator kürzlich einen amerikanischen Besucher.

Eigentlich sollte Noriegas »zusammengewürfelter Haufen von Frauenschändern, Drogenpushern und gemieteten Mördern für die US-Armee nichts weiter als ein Frühstück sein«, wunderte sich die erzkonservative Washington Times. Das Pentagon aber fürchtete lange Zeit ein militärisches Desaster mit vielleicht gar 500 toten GIs sowie Geiselnahmen amerikanischer Zivilisten in der Kanalzone.

Den panamaischen Diktator wegzuräumen, überließ das Pentagon zunächst lieber der an Dreckarbeit gewöhnten CIA und Gegnern innerhalb der Noriega-Streitkräfte. Zweimal, im März 1988 und im vergangenen Oktober, durften panamaische Offiziere versuchen, den widerspenstigen General zu stürzen - vergebens.

Besonders peinlich geriet der zweite Anlauf: Obschon Präsident Bush Panamas Streitkräfte öffentlich zu einem Coup ermuntert hatte, blieb US-Unterstützung für die Putschisten dann aus.

Im Kongreß wie in den Medien der USA erhob sich scharfe Kritik, als durchsickerte, wie passiv die Bush-Mannschaft auf den Putsch reagiert hatte. Grimmig gelobte der Präsident einen Tag nach der Rebellion, er werde Noriega »nicht erlauben, die USA und den Rest der Welt als Narren hinzustellen«.

Deshalb durfte die CIA nochmals ran: Mitte November autorisierte Bush die Geheimdienstler zur Operation »Panama 5«, dem fünften Versuch, sich Noriegas zu entledigen. Drei Millionen Dollar wurden eingesetzt, das seit 1976 für die CIA geltende Verbot der Ermordung ausländischer Politiker aufgeweicht: Die USA erklärten den Outlaw in Panama praktisch für vogelfrei.

Widerstand gegen derlei Brachialpolitik regte sich kaum in Washington. Im Gegenteil: Im Kongreß fieberte eine solide Mehrheit dem Sturz Noriegas entgegen, sogar liberale Demokraten hatten, ähnlich wie beim Überfall der Supermacht auf das winzige Grenada, nichts mehr gegen eine Intervention einzuwenden. »Hier wimmelt es plötzlich von Falken«, beobachtete der republikanische Senator John Chafee.

Die nationale Hochstimmung nutzte Bush dann für seinen Angriff. Die Erschießung des amerikanischen Leutnants Robert Paz durch panamaische Soldaten ließ ihm kaum noch eine Wahl, so meinten viele Amerikaner. 24 000 US-Soldaten standen seit Mittwoch im Einsatz gegen die nominell nur wenig schwächeren Streitkräfte des Generals Noriega.

Trotz der anfänglichen Fehlschläge zögerte Bush keine Minute, die Operation als Erfolg zu verkaufen: Die USA erkannten Endara als rechtmäßigen Präsidenten an, hoben die Handelssanktionen gegen Panama auf und wiesen US-Banken an, eingefrorene panamaische Regierungsguthaben freizugeben. Zum siegreichen Abschluß der »Operation Gerechte Sache«, erklärte der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs, General Colin Powell, seien nur noch »Aufräumarbeiten« notwendig.

Zu diesem Zeitpunkt fehlte von Noriega noch jede Spur.

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