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USA: Wer hat Chancen gegen Nixon?

Neun Demokraten bewerben sich für die Präsidentschaftswahl im November. Allenfalls Edmund Muskie und Hubert Humphrey haben Aussicht, gewählt zu werden -- als Kandidaten ihrer Demokratischen Partei. Gegen den Republikaner Richard Nixon hingegen scheinen sie chancenlos. Selbst der aussichtsreichere Edward Kennedy verzichtete.
aus DER SPIEGEL 3/1972

Er sieht aus wie Abraham Lincoln, und er möchte auch werden, was Abraham Lincoln vor mehr als hundert Jahren war: ein Heuer der Nation. Edmund S. Muskie, 57 Jahre alt, 1,93 groß, demokratischer Senator aus Maine, gestand es am vorigen Dienstag erstmals selbst öffentlich den Bürgern der USA.

Am Abend jenes Tages, zur besten und teuersten Sendezeit, flimmerte er für 30 000 Dollar zehn Minuten lang aus einem grünen Sessel farbig über CBS-TV: »Ich erkläre meine Kandidatur für die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten ... Ich möchte Sie dahin führen, Sie bitten, Amerika zu dem zu machen, was es Abraham Lincoln bedeutete -- »die letzte große Hoffnung der Menschheit.«

Mit Muskies Fernsehauftritt begann der Countdown für die amerikanische Präsidentschaftswahl im November. Sie wird nicht begleitet von großen Erwartungen wie 1960, als der junge John F. Kennedy Amerika zu »neuen Grenzen« zu führen versprach. Keine ideologische Kluft spaltet das Land wie 1964, als der rechte Ultra Barry Goldwater androhte, Vietnam notfalls atomar zu »entlauben«.

Es gibt keinen Aufruhr in den Straßen und an den Universitäten wie 1968, als die Gegner des Vietnamkriegs den Demokraten Lyndon Johnson zum Verzicht auf eine neue Kandidatur zwangen und der demokratische Parteikonvent in Chicago in einem Blutbad endete.

Und obendrein sitzt im Weißen Haus mit Richard Nixon ein Mann, der zwar 1968 nur mit knappem Vorsprung durchs Ziel ging, seither aber kaum schwere Fehler beging und seiner Wiederwahl recht sicher sein kann.

Dennoch könnte 1972 für die Demokraten das turbulenteste Wahljahr der Nachkriegsgeschichte werden. Zwar zweifeln die Reporter des Nachrichtenmagazins »Newsweek« nicht daran, daß Muskie im Juli auf dem Parteikonvent der Demokraten in Miami Beach als Präsidentschaftskandidat nominiert wird. In 29 Bundesstaaten. so ermittelten sie, liegt Muskie bereits vorn.

Muskies Partei-Rivalen aber wollen den Favoriten der Demokraten durch die Vorwahlen hetzen, in denen die Wähler (zwischen März und Juni) in 24 Bundesstaaten und US-Territorien eine Vorauswahl unter den Kandidaten treffen*. Und Muskies Widersacher sind überzeugt, daß der Senator aus Maine irgendwo auf dem langen Marsch doch noch gestoppt werden kann.

Daß Muskie überhaupt Favorit werden konnte, sei, so sagen sie, ohnehin nur die Folge eines Verkehrsunfalls, der am 19. Juli 1969 passierte. Bis dahin stand bei den Profis beider Parteien außer Zweifel, daß die Demokraten 1972 gegen Nixon ihre einzige wirksame Waffe einsetzen würden: Edward, den letzten der Kennedy-Brüder.

Doch in jener Juli-Nacht verunglückten Teddy und seine blonde Party-Begleiterin Mary Jo Kopechne. In den Wassern von Chappaquiddick ertrank das junge Mädchen und mit ihr -- so schien es -- auch die weitere Polit-Karriere des Senators. Seither gilt bei Amerikas Demokraten eine neue Zeitrech-

* In diesen 24 Bundesstaaten und US-Territorien entscheiden die Wähler darüber, für welchen Kandidaten sich die Delegierten ihres Staates in Miami Beach aussprechen sollen. In den übrigen Bundesstaaten und Territorien wird diese Entscheidung von den regionalen Parteitagen getroffen.

nung: »vor Chappaquiddick« und »nach Chappaquiddick«.

Kennedy entsagte nationalem Ehrgeiz, der Weg war frei für all jene Demokraten. die bis dahin im Schatten der Kennedys gestanden hatten.

Offiziell meldete George McGovern, 49, Senator aus South Dakota, als erster seinen Anspruch auf die Kennedy-Nachfolge an -- im Januar 1971: »Ich habe keinen Zweifel, daß ich dieses Land in eine hoffnungsvollere, frohere Zukunft führen kann.«

Der vielleicht belesenste, intelligenteste, auf jeden Fall aber wohl aufrichtigste aller demokratischen Bewerber hatte schon 1968, nach der Ermordung Robert Kennedys, Präsidentschaftskandidat werden wollen, was ihn in den Verdacht brachte, er sei nur ein Steigbügelhalter für Edward Kennedy. Dabei hat McGovern durchaus sein eigenes Programm -- aber das hieß bislang vor allem Vietnam. Da der Vietnamkrieg zu Ende geht, ist er als Wahlkampfthema 72 kaum noch geeignet.

Hinzu kommt: McGovern baute zwar eine schlagkräftige Wahlkampf-Organisation auf, er kassierte bislang mit 1,2 Millionen Dollar mehr Spenden als jeder seiner Rivalen -- im weiten Lande aber kennt ihn kaum jemand. von den Demokraten mochten sich bei der letzten Meinungsumfrage ganze fünf Prozent für ihn entscheiden.

Nach McGovern entdeckten immer mehr Demokraten ihre Berufung fürs höchste Amt der Nation -- politische Leicht- und Schwergewichte, einstige Fernfahrer oder Faustkämpfer« Anwälte oder Bürgermeister, etwa William Proxmire, ein durchtrainierter Sportler, der jeden Morgen 100 Liegestütze absolviert und durch seinen erfolgreichen Kampf gegen den Bau des amerikanischen Zivil-Überschalljets Boeing 2707 populär geworden war; er verzichtete zugunsten von McGovern. Oder Harold Hughes, Senator von Iowa, Tuba-Spieler, Ex-Alkoholiker und Spiritist, der behauptete, er habe mit seinem toten Bruder im Jenseits Kontakt gehabt. Er wollte »die Nation wieder einen«. erkannte aber bald, daß ihn niemand kannte.

Übrig blieben schließlich:

* John Lindsay, an der Megalopolis gescheiterter Bürgermeister von New York, erst seit fünf Monaten offiziell Demokrat, hat fraglos Appeal, vor allem bei den Jungen und Farbigen, wird aber von den Alt-Demokraten als Renegat angesehen. > Henry ("Mr. Boeing") Jackson, Senator aus dem Boeing-Staat Washington, kalter Krieger seit den letzten Kriegstagen, könnte vor allem solchen Wählern gefallen. denen der Rechte Nixon zu liberal ist.

* Eugene McCarthy, Ex-Senator aus Minnesota, der 1968 durch seine Anti-Vietnam-Kampagne Johnsons Verzicht mitbewirkte, will vor allem Nixons Wirtschaftspolitik angreifen.

* Wilbur Mills, Anwalt aus Arkansas und Vorsitzender des Bewilligungsausschusses im Repräsentantenhaus, hofft als Mann des Südens zumindest auf den zweiten Platz -- so wie 1960 der Südstaatler Johnson von John F. Kennedy als Vize auf das demokratische Ticket geholt wurde. um die Stimmen des Südens zu sichern.

* Sam Yorty, Bürgermeister von Los Angeles und Anti-Kommunist aus Passion; er gewann im ersten und wichtigen Vorwahlstaat New Hampshire den Verleger der einzigen im ganzen Staat verbreiteten Zeitung für eine Yorty-Kampagne.

* Vance Hartke, Senator aus Indiana. überzeugte Vietnam-Taube, ist über seinen Heimatstaat hinaus kaum bekannt.

Doch so groß die Palette, so klein ist die Chance nahezu jedes dieser Kandidaten gegen den derzeitigen Herrscher im Weißen Haus. Nixons Wahlkampfchef von 1968, Justizminister John Mitchell, fragte voller Spott: »Wie soll ein Niemand gegen eine Persönlichkeit gewinnen?«

Die Demokratische Partei hat auch Persönlichkeiten -- Hubert Humphrey zum Beispiel. Mit 60 so vital wie je, führt Johnsons ehemaliger Vize einen zähen Kampf um die Gunst der Nation. In einer einzigen Woche reiste er über 20 000 Kilometer quer durch die USA, täglich beliefert das Humphrey-Büro die Nachrichten-Medien mit Humphrey-Meldungen. Denn Hubert Humphrey, den Nixon 1968 nur mit einer halben Million Stimmen Vorsprung besiegte, will es noch einmal versuchen. Doch der demokratische »Wirbelwind« ("U.S. News and World Report") wird nach wie vor mit der Johnson-Ära und dem Vietnamkrieg identifiziert. Vor allem die jungen Wähler hören nicht mehr auf den Vize von gestern. Bei einem Wahlkampfauftritt in Philadelphia ließen sie Papier-Flugzeuge in seine Richtung gleiten: »Gesucht wegen Mord -- Hubert Humphrey.«

Die jungen Wähler (und mit ihnen die Schwarzen und die anderen Minoritäten) kennen nur einen einzigen demokratischen Kandidaten: Edward Kennedy -- trotz Chappaquiddick.

Dabei scheint der jüngste der Kennedy-Brüder diesmal wirklich entschlossen. dem Rennen fernzubleiben. Wohl zieht er über Land und greift die Nixon-Regierung schärfer an als jeder andere Demokrat; wohl veröffentlicht sein Senatsbüro laufend »position papers« des Senators, in denen er sein Rezept für die Nation ausbreitet.

Kennedy, so spekulieren daher immer noch amerikanische Politiker und Publizisten, werde zwar den Vorwahlen fernbleiben, sich aber als Retter für den Fall bereit halten, daß sich der Parteikonvent im Juli zerstreitet und keiner der erklärten Kandidaten genügend Stimmen für eine Nominierung erhält.

Aber dieser Fall ist bei den Demokraten in den dreißiger Jahren zuletzt passiert. Und Kennedy, heute 39, hat -- von Chappaquiddick abgesehen -- gute Gründe, in diesem Jahr auf eine Kandidatur zu verzichten: Dem Republikaner Nixon ist es durch seine Politik der außen- und innenpolitischen Theatercoups so gut gelungen, sich als entscheidungskräftiger, willensstarker Präsident hinzustellen, daß kaum ein Demokrat Aussicht hat, ihn zu besiegen. Warum also sollte er, Kennedy, der Verlierer sein?

So bleibt den Demokraten wahrscheinlich nur Edmund S. Muskie. Vor den Kongreßwahlen von 1970 verurteilte er mit einer wohlabgewogenen Fernsehrede die Law-and-Order-Kampagne der Nixons, Agnews und Mitchells; damals ermittelten die Meinungsforscher für ihn sogar einen Punktvorsprung gegenüber Nixon.

Allerdings -- Muskie, wiewohl ehrlich und offen, hat eine beinahe pathologische Scheu vor klaren, festen Aussagen. Er windet sich, er weicht aus. Die »New York Times« schränkt ihr Lob für die Aufrichtigkeit und Gründlichkeit des Spitzenreiters denn auch ein: »Muskie erzeugt Respekt. aber keine Begeisterung,« Muskies Wahlkampfmotto lautet folglich nicht »Wählt Muskie!«, sondern »Vertraut Muskie!« -- aber selbst seine Mutter Josephine sagt: »Meine Stimme bekommt mein Sohn nicht. Gegen Nixon ist doch gar nichts einzuwenden.«

Gelingt es Muskie, seine Widersacher in den ersten zwei oder drei Vorwahlen zu distanzieren, dann wird sich das Feld der Mitbewerber verkleinern, dann wird Muskie möglicherweise schon als Sieger in den Parteikongreß von Miami Beach einziehen.

Für die Demokratische Partei wäre das wohl die beste Lösung. Denn nur so unterbleibt die Selbstzerfleischung in zwei Dutzend Vorwahlen. Nur so auch können die Demokraten -- die heute noch 9,3 Millionen Schulden aus dem Wahlkampf von 1968 abzudecken haben -- dringend benötigte Mittel, die sie sonst für den Kampf untereinander ausgeben würden, für den Kampf gegen Richard Nixon zurücklegen.

Auch- dann wird es ein schwerer Kampf gegen einen übermächtigen Gegner. Richard Nixon hat bereits eine Strategie für die letzten zwölf Monate der ersten Nixon-Periode ausarbeiten lassen: Bis zur Jahresmitte noch wird die Außenpolitik dominieren, mit Nixons Besuchen in Peking und Moskau. Dann aber will der Präsident sich ganz jenem Gebiet widmen, auf dem letztlich die Entscheidung fallen dürfte: der Wirtschaft.

Gelingt es ihm, die Arbeitslosenquote zu drücken und die Kurse an der Wall Street in die Höhe zu treiben, kann sich der Liquidator des US-Vietnamkriegs und der Entspannungspolitiker Nixon auch noch als Wirtschaftswundermann präsentieren, den Demokraten bliebe dann kein zugkräftiges Wahlkampfthema mehr. Mißlingt Nixons Vorhaben aber, so kann er das Scheitern immer noch der demokratischen Kongreßmehrheit in die Schuhe schieben.

In den nächsten Wochen schon werden Justizminister Mitchell und Handelsminister Stans ihre Ämter niederlegen und die Wahlkampfleitung für Richard Nixon übernehmen -- wobei das Rezept zur Bekämpfung der einzelnen Kandidaten bereits festliegt.

»Gegen Humphrey«, so skizzierte es ein Nixon-Mitarbeiter, »würden wir sagen, er sei der zweite Johnson -- und schon könnten wir an die jungen Wähler appellieren.

»Gegen Kennedy würde es, wenn auch nicht ganz so drastisch, heißen: Wählt einen vernünftigen und sensiblen Präsidenten, nicht einen, der von Brücken stürzt!

»Und gegen Muskie würden wir fragen: Wer strahlt mehr Ruhe, mehr Vernunft aus? Und da spricht alles für Nixon, vor allem in der Außenpolitik. Da würden wir Muskie vernichten.«

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