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KANADA Vabanque-Spiel um die Macht

aus DER SPIEGEL 45/2000

Ohne Not hat sich Regierungschef Jean Chrétien, 66, möglicherweise in eine Sackgasse manövriert. Der Frankokanadier, unter anderem Minister in der Regierung des kürzlich verstorbenen Ex-Premiers Trudeau und seit sieben Jahren selbst mit absoluter Mehrheit regierender liberaler Ministerpräsident, hat für den 27. November Parlamentswahlen angesetzt - 20 Monate vor Ablauf seines Mandats. Chrétiens Begründung: Er müsse »liberale Werte« verteidigen. In Wahrheit will der gewiefte Politiker seinem Herausforderer Stockwell Day rechtzeitig den Weg zur Macht blockieren - bevor dieser sich landesweit profilieren kann. Day, 50, ist seit Sommer Chef der rechtskonservativen Allianz-Partei. Der frühere Hilfspastor soll nicht nur die kleinbürgerlichen Stammwähler der Allianz im westkanadischen »Bibel-Gürtel« bei der Stange halten, sondern vor allem neue Anhänger in den Städten des Ostens gewinnen. Statt über seine kontroversen Ansichten zu Todesstrafe und Abtreibung zu diskutieren, verhöhnt Day das »müde« Regierungslager und führt sich auf wie ein kanadischer Möllemann: Mal zeigt er sich als Pilot, mal als Rollschuhfahrer mit Helm und Knieschutz. Inzwischen beweisen Umfragen, dass sich Chrétiens Vabanque-Spiel nicht auszahlen könnte. Zwar traut niemand dem Newcomer einen Wahlsieg zu, doch sein voraussichtlich gutes Abschneiden könnte eine Minderheitsregierung der Liberalen erzwingen. Das wäre nicht nur das politische Ende für den Ministerpräsidenten, sondern würde auch das Land wieder in Unsicherheit stürzen. Denn die drittgrößte Partei im Parlament besteht aus Québecer Separatisten, die Kanada spalten wollen.

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