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»Vater, erschieß mich!«

SPIEGEL-Serie über Flucht und Vertreibung der Deutschen aus dem Osten
aus DER SPIEGEL 13/2002

VERTREIBUNG (I): Millionen Menschen - Frauen, Kinder, Greise - waren in den letzten Kriegsmonaten auf der Flucht vor der Roten Armee. Für Hunderttausende endete der Treck gen Westen im Inferno. Sie erfroren, ertranken, wurden erschossen oder vergewaltigt. -------------------------------------------------------------------

In Nemmersdorf lebt niemand mehr, der sich noch erinnern kann. Der Ort heißt heute Majakowskoje, und jetzt wohnen Russen in den kleinen Häusern mit den grauen Dächern. Von der Brücke über den Fluss Angerapp sind nur Steinreste und ein Pfeiler übrig, der mitten aus dem Wasser ragt.

Wer konnte, ist damals rechtzeitig geflohen, oder wenigstens danach.

Danach? Gibt es das überhaupt?

Am 21. Oktober 1944, als eine Vorhut der Roten Armee über das ostpreußische Nemmersdorf herfiel, war für Millionen Deutsche die Geschichte zu Ende. Das Massaker von Nemmersdorf war der Vorbote von Flucht und Vertreibung, mit der alles zerfiel in Hass, Hunger, Entwürdigung, Angst. Hunderttausende, vielleicht sogar zwei Millionen überlebten die Katastrophe nicht.

Als am 21. Oktober noch der Frühnebel über der ostpreußischen Moränenlandschaft lag, rollten die sowjetischen Tanks des 2. Bataillons der 25. Panzerbrigade die Chaussee von Gumbinnen herab. Die erschöpften Rotarmisten waren seit Tagen im Einsatz. Verbissen verteidigte die Wehrmacht die Ostgrenzen des Reiches.

Über drei Jahre hatten die Landser auf polnischem und russischem, ukrainischem und lettischem Boden Hitlers Vernichtungskrieg geführt - und waren zurückgeworfen worden. Nun standen Stalins Truppen erstmals auf deutschem Siedlungsgebiet.

Bei Nemmersdorf, vor den sowjetischen Panzern auf dem schmalen Damm zur Brücke über die Angerapp, drängten sich die Fuhrwerke der Bauernfamilien, die aus den umliegenden Weilern und Gemeinden geflohen waren. Der Weg nach Westen führte über den Fluss.

Als er die Brücke sah, ließ der Kommandeur Vollgas geben. Um 7.30 Uhr war sie eingenommen, und hinter den Panzern verquoll auf dem Damm ein Brei aus Pferdekörpern und dem Holz der Fuhrwerke, dazwischen wohl auch Menschenleiber.

Gerda Meczulat lebte auf der westlichen Seite des Flusses. Ihr Vater Eduard, 71, hatte sich gegen die Flucht entschieden. Die Meczulats besaßen keinen Wagen. Mit einigen anderen Dorfbewohnern suchten sie in einem Unterstand Schutz.

Was dort passierte, ist bis heute nicht vollkommen geklärt. Gerda Meczulat berichtete später, dass die ersten Russen am frühen Nachmittag in den Unterstand eindrangen. Sie durchwühlten das Handgepäck, waren aber dabei unerwartet freundlich. Einer spielte sogar mit den Kindern. Doch am Abend erschien ein Offizier und befahl die Deutschen barsch nach draußen.

»Als wir rauskamen, standen zu beiden Seiten des Ausgangs Soldaten mit schussbereiten Gewehren. Ich fiel hin, da ich eine Kinderlähmung habe, wurde hochgerissen und spürte in der Aufregung nichts mehr. Als ich zu mir kam, hörte ich die Kinder schreien und Gewehrschüsse. Dann war alles still.«

Gerda Meczulat überlebte - schwer verletzt - als Einzige, weil der Soldat, der sie töten wollte, ungenau gezielt hatte.

Als die Wehrmacht die 637-Seelen-Gemeinde am Morgen des übernächsten Tages zurückeroberte, fand sie wenigstens zwei Dutzend Leichen von Frauen, Kindern und Alten vor. Rotarmisten hatten sie erschossen oder ihnen den Schädel eingeschlagen.

Wie viele Frauen wurden vergewaltigt? Stimmt es wirklich, dass Menschen nackt an ein Scheunentor genagelt worden waren? Oder handelte es sich nur um die Propaganda von Joseph Goebbels, der das Massaker umgehend zum Beleg für das »Wüten der sowjetischen Bestien« hochputschte?

Über die Details der grauenvollen Szene von Nemmersdorf streiten Historiker und Vertriebenenpolitiker oft mit Zorn. Verharmloser? Revanchisten? Nemmersdorf ist zu einem Inbegriff deutschen Leids geworden.

Es lässt sich nicht bestreiten: Am 21. Oktober 1944, im vierten Jahr des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion, zeigte sich in Nemmersdorf, dass aus einem Volk der Täter ein Volk der Opfer wurde.

Dabei wäre in diesem Augenblick der deutschen Geschichte die Katastrophe noch aufzuhalten gewesen. Massenpanik, Todesmärsche, erfrorene Babys eine Beute hungriger Ratten, Hunderttausende vergewaltigter Frauen, über 33 000 Ertrunkene in der Ostsee - das ganze Grauen kam ja nur deshalb über die Betroffenen, weil Adolf Hitler und seine skrupellosen Kriegsherren und Gauleiter noch immer vom Endsieg schwadronierten.

Verteidigung jeden Quadratmeters Boden im Osten bis zum letzten Atemzug: Diese Floskel erfüllte sich hunderttausendfach in furchtbarer Weise.

Was wäre gewesen, wenn? 2,5 Millionen Deutsche lebten 1944 in Ostpreußen, 1,9 Millionen in Ostpommern, 4,7 Millionen in Schlesien: Wochen und Wochen wäre Zeit gewesen, sie alle rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, rechtzeitig vor diesem mörderischen Winter, der so kalt wurde, dass erschöpfte Flüchtlinge am Wegesrand einfach zu Eisblöcken erfroren.

Aber in Hitlers Reich war Weglaufen verboten in jenem goldenen Oktober 1944. Heinrich Himmler hatte auf einer Gauleitertagung in Posen verkündet, dass die Ausweitung des germanischen Reiches nach Osten »selbstverständlich« bevorstehe: »Es ist unverrückbar, dass wir hier die Pflanzgärten germanischen Blutes im Osten errichten.« Was für ein Bild.

Unverrückbar war es da für den ostpreußischen Gauleiter, Erich Koch, in Königsberg, dass Fluchtvorbereitungen nur eine besonders infame Art der Sabotage sein konnten. Landräte, Kreisleiter und Bürgermeister des Gaus bekamen An-

weisung, jeden, der so etwas plane, sofort zu melden.

Und da war die Hoffnung, gegen jede Vernunft, dass es so schlimm nicht werden könne. Nemmersdorf war ja zurückerobert worden. Luftangriffe hatte es hier im Osten auch kaum gegeben - und war es nicht ein wunderschöner Herbst?

»Das Licht so stark, der Himmel so hoch, die Ferne so mächtig«, beschreibt der Arzt Hans Graf von Lehndorff in seinen Aufzeichnungen aus jenem Oktober die Stimmung in seiner Heimat, dem Land des Bernsteins.

Und doch wussten alle, dass alles vorbei war. Nie würde man die Störche wieder sehen, die sich in diesen Tagen aus Ostpreußen davonmachten, nach Süden.

Vorboten einer Katastrophe: Tiere trotten herrenlos über die Wiesen, von Gehöften weiter östlich, die von ihren Besitzern schon aufgegeben waren. Auf den Feldern bei Preußisch Holland merkwürdige, laubenartige Konstrukte, nur mühsam mit Planen getarnt. Das sind die Güter der jungen Marion Gräfin Dönhoff, die heimlich Pferdewagen für die Flucht nach Westen ausstatten lässt.

Im Büro von Doktor Wander, dem Bürgermeister von Insterburg, geht ein Stapel Briefe von der vorgesetzten Stelle in Königsberg ein: streng geheim und im Tresor zu deponieren. Erst wenn das Kennwort »Zitronenfalter« fällt, dürfen diese Briefe an Wirtschafts- und Handwerksleute in Insterburg verteilt werden: Sie enthalten die Aufforderung, Maschinen und Vorräte - nicht aber Menschen - per Bahn nach Westen zu schicken.

Als der Bürgermeister am Tag nach den Geschehnissen von Nemmersdorf bei der Gauleitung in Königsberg darum bittet, Transportzüge für die Flüchtlinge herzuschicken, die sich, aus dem Osten kommend, schon jetzt am Bahnhof drängeln, wird er spöttisch gefragt, ob er Fieber habe.

Das bohrende Gefühl, noch beim Schmücken des Weihnachtsbaumes, dass das Leben eigentlich zu Ende ist und alles versinken wird, schon in den folgenden Tagen: Am 12. Januar 1945 rollen russische Panzer in Ostpreußen ein, und niemand hält sie mehr auf. Keine Zeit mehr für »Zitronenfalter« - nun fliehen die Menschen panikartig in Richtung Westen. Die Züge, die den Bahnhof der Metropole Königsberg verlassen, sind schon am ersten Tag überfüllt.

Es sind meistens Frauen und Kinder, die überstürzt Haus und Hof im Stich lassen. Die Männer dienen entweder an der Front, oder sie gelten, unter Aufsicht der NSDAP, als unabkömmlich beim Volkssturm, dem letzten Aufgebot zur Verteidigung.

Drei Tage später geht schon fast gar nichts mehr. Die verschneiten Straßen sind von Flüchtlingstrecks verstopft, ein träger Wurm aus Planwagen, von Pferden oder von Menschen gezogen, und dick vermummten Gestalten, die sich mit dem wichtigsten Hab und Gut, ein paar Koffern und Eimern mit Lebensmitteln, aus ihrer Heimat aufgemacht haben.

Alles, was sie besitzen, lassen sie zurück, die Häuser unverschlossen, das Vieh losgebunden. Und das bisschen, was sie mitnehmen können, werden sie unterwegs meist auch noch verlieren.

Überholen unmöglich. Zäh schleichen die Trecks voran, die Pferde rutschen auf den spiegelglatten, gefrorenen Straßen aus. Stundenlange Staus an Bahnübergängen, wo Militärtransporte - von der Front, an die Front? - ihnen den Weg abschneiden. Stundenlanges Stehen in der eisigen Nacht: Hinten, in den Panjewagen, sind die in Decken gewickelten Alten schon in den ersten Nächten erfroren. Das Ziel: Die Weichselübergänge bei Marienburg und bei Dirschau. Denn über die Weichsel, das war so eine wilde Hoffnung, würden es die Russen denn doch nicht schaffen.

Die Angst vor den Eroberern wehte mit dem beißenden Nordoststurm über die Hügel - von Ostpreußen nach Schlesien. Östlich der Oder brachten nun Sonderzüge Menschenmassen ins scheinbar schützende Breslau. Der letzte Transport kam am 18. Januar durch, von da an ging es auch dort nur noch zu Fuß.

»FRAU, KOMM!«

18. Januar: An diesem Tag rollen russische Panzer bereits durch den Warthegau, früher Polen, aber seit kurzem Deutschland. Am Vorabend ist in Posen noch ein Zug mit Frauen und Kindern nach Westen losgefahren, aber da die Räumung viel zu spät begann, treten sich nun alle auf die erfrorenen Füße: Die Trecks stehen auf den Straßen, ängstlich horchen die Flüchtlinge, ob sie von hinten das typische Geräusch der Panzerketten hören - der russischen.

Mit den Pferden bis zum Bauch im Schnee versuchen manche Familien, aus dem Stau über die Felder zu entkommen. Sie bleiben liegen, versuchen oft, die Nacht im Schutz einer Scheune zu überstehen, aber bald sind die nassen Windeln der Säuglinge gefroren. Dann sterben die Kinder. Sie können nicht mal begraben werden, weil die steinharte Erde das nicht zulässt. Wilde Tiere holen sie vom Wegesrand. Und es schneit und schneit.

Am 19. Januar, 8 Uhr morgens, kommt im ostpreußischen Groß-Nappen, Kreis Osterode, der Dorflehrer zu Lilly Sternberg und schlägt Alarm.

»Es ist so weit, richten Sie Ihren Treck.« Die Ostpreußin hat wie Hunderte das Protokoll ihres Leidensweges in den fünfziger Jahren aufgeschrieben für eine Dokumentation über Flucht und Vertreibung. Das Tausende Seiten umfassende Werk wurde von Historikern im Auftrag des Vertriebenenministeriums zusammengestellt. Die meisten Aussagen sind beeidet und bilden bis heute eine der eindrucksvollsten Sammlungen über das Elend am Ende des Krieges.

»Sofort los! Nur mit Handgepäck!«, protokolliert Frau Sternberg. »Im Nu sind wir auf der Dorfstraße, die voll von jammernden Frauen ist.« Der Aufbruch: »Die Kinder finden es herrlich.«

»Mutti, die Russen, was werden sie mit uns machen«, hat eines von Lilly Sternbergs Kindern gefragt, als sie unterwegs die Panzer hören. »Nichts, sage ich, während es mich schüttelt, nichts, und lege meine Hand auf die Lippen.«

Die Russen, was werden sie machen? Die schlimmsten Gerüchte stimmten nicht - was wirklich war, war schlimmer. Die Medizinstudentin Josefine Schleiter, in derselben Gegend auf der Flucht, hat erlebt, wie Panzer in ihren Treck rasten.

»Die Wagen wurden in den Graben geschleudert, die Pferdeleiber lagen verendet, Männer, Frauen, Kinder kämpften mit dem Tode.« Die Studentin hörte ein verletztes Mädchen sagen: »Vater, erschieß mich!« Und auch der Bruder bat: »Ja, Vater, ich habe nichts mehr zu erwarten.« Der Vater, weinend: »Wartet noch etwas, Kinder.«

Dann ist sie dran. »Drei baumlange Kerls halten mich fest und werfen mich auf ihr Auto. Mein Rufen verhallte im Schneesturm. Der Wagen setzte sich in Bewegung, und ich stand auf dem Auto, von den lauernden Blicken eines Russen beobachtet. Eisige Kälte. Ich war seit Mittag ohne Essen. Grinsend beobachtete mich einer der Kerle: ''Kalt?'' Es folgten die entehrendsten Augenblicke meines Lebens, die nicht wiederzugeben sind.«

Als der Wagen hält, springt die Studentin hinunter, flieht in den Wald und läuft, läuft, läuft.

Das hatte Methode. Vergewaltigungen waren eine furchtbare Waffe der roten Soldaten, ein Mittel des Terrors wie Quälereien, Morde und Brandstiftungen.

In Ostpommern wird ein Zug mit Flüchtlingen von russischen Soldaten gestoppt, die Lok zerschossen. »Alles raus!« Frauen und Kinder fliehen durch den Schnee in die Felder. Im Dorf Gowitz holen die Verfolger sie ein. »Frau, komm!«, das ist der gefürchtete Befehl. Das Mädchen Gabi Köpp, von der ZDF-Historiker Guido Knopp in seinen Berichten über »Die große Flucht« erzählt, weiß noch nicht, was der Befehl für sie bedeutet, sie ist nicht aufgeklärt.

Wer nicht kam, musste damit rechnen, erschossen zu werden. Der russische Soldat, der im polnischen Groß Dasekow auf verschüchterte Zurückgebliebene traf, zeigte mit dem Finger auf die Jüngste im Haus. Die Schwester berichtet: »Als diese nicht gleich aufstand, trat er dicht vor sie hin und hielt seine Maschinenpistole vor ihr Kinn. Alle schrien laut auf, nur meine Schwester saß stumm da und vermochte sich nicht zu rühren. Da krachte auch schon der Schuss ...«

Die in den Dörfern zurückblieben, weil sie nicht fliehen konnten oder wollten, wurden von den Eroberern oft nicht besser behandelt als die Opfer von Nemmersdorf. Als das Bundesarchiv Mitte der siebziger Jahre Zeitzeugenbefragungen auswertete, zählten die Wissenschaftler rund 3300 so genannte Tatorte östlich von Oder und Neiße, an denen deutsche Zivilisten erschlagen oder erschossen, zu Tode vergewaltigt oder bei lebendigem Leibe verbrannt wurden. Das Bundesarchiv ging davon aus, dass mindestens 120 000 Deutsche auf der Flucht starben.

Wie viele Menschen insgesamt Flucht und spätere Vertreibung das Leben kostete ist ungeklärt. In den fünfziger Jahren schätzte das Statistische Bundesamt einfach die Zahl der Deutschen, die vor 1945 östlich von Oder und Neiße gelebt hatten, und zog davon jene ab, die nach dem Krieg in der Bundesrepublik, Österreich und der DDR oder in der alten Heimat lebten; die Differenz betrug über zwei Millionen.

Dass diese Größenordnung zu hoch gegriffen sein musste, zeigten schon damals Listen verschollener Zivilisten; nur knapp ein Zehntel - etwa 200 000 Menschen - wurden von Angehörigen und Freunden gesucht. Freilich machten sich bisher nur die Donauschwaben die Mühe, alle Opfer einzeln zu dokumentieren - und halbierten die Schätzungen des Statistischen Bundesamtes für ihre Region.

Auf 1,4 Millionen schätzen Historikerinnen die Zahl der Frauen, die damals vergewaltigt wurden. Viele von ihnen nahmen sich danach aus Ekel und Entsetzen das Leben. Noch Monate später, berichten Zeugen, hätten Kinder, heil im Westen, in den Flüchtlingslagern »Frau, komm!« gespielt.

FURCHTBARE SIEGER

Die Rote Armee war nie sonderlich diszipliniert gewesen, und außerdem war sie durch den Krieg verroht. Heimaturlaub gab es nicht, junge Männer mussten mit Flammenwerfern in Unterstände des Feindes eindringen, Kameraden beispringen, denen nach einem Bauchschuss die Eingeweide aus der Wunde quollen, ohne solche Ereignisse jemals verarbeiten zu können. »Gleich nach dem Angriff guckt man besser nicht in die Gesichter«, notierte eine russische Sanitäterin, »da ist nichts Menschliches drin.«

Die Vernichtung von Millionen Menschen, wie sie Hitler für die Russen plante, hatte Stalin für die Deutschen nicht vorgesehen. Aber als die Rote Armee die Westgrenze der Sowjetunion erreicht hatte, waren viele müde, und Stalins Generäle lockerten - zur Aufmunterung - jene Sicherungen, die auch im Krieg den Unterschied zwischen Soldaten und Mördern ausmachen.

Über tausend Truppenzeitungen hatten den Hass gesät, der jetzt nötig war, zu siegen. Etwa die Aufrufe Ilja Ehrenburgs: »Wenn du im Laufe eines Tages einen Deutschen nicht getötest hast, ist dein Tag verloren. Zähle nicht die Tage, zähle nicht die Wersten, zähle nur eins: die von dir getöteten Deutschen. Töte den Deutschen.«

Der Tagesbefehl an die 1. Weißrussische Front vor dem Angriff auf das Reich lautete: »Die Zeit ist gekommen, mit den deutsch-faschistischen Halunken abzurechnen. Groß und brennend ist unser Hass. Wir werden uns rächen für die in den Teufelsöfen Verbrannten, für die in den Gaskammern Erstickten, wir werden uns grausam rächen für alles.«

Es scheint, dass Stalins Generäle die Wirkung ihrer Propaganda unterschätzten. Ein bisschen Plündern, ein paar Exzesse, das war vorgesehen.

Doch die Mord- und Zerstörungswellen in Ostpreußen und Schlesien wurden offenbar auch der russischen Führung unheimlich.

Am zehnten Tag der Winteroffensive am Weichselbogen befahl das Oberkommando der 2. Weißrussischen Front, »Rauben, Plündern, Brandstiftung und Massensaufgelage« zu unterbinden. Die Hetzpropaganda allerdings ließ Stalin erst einstellen, als seine Truppen Oder und Neiße überschritten hatten und damit jenen Boden betraten, den der Kreml-Führer in Zukunft den Deutschen lassen wollte - die spätere DDR.

Was über die Deutschen im Osten hereingebrochen war, hatte es tatsächlich seit dem Frieden von Münster und Osnabrück 1648 in Mitteleuropa nicht mehr gegeben. Damals, nach Ende des Dreißigjährigen Krieges, war es den Befehlshabern gelungen, ihr blutiges Handwerk zu einer leidlich geordneten Angelegenheit zu machen. Seitdem war es üblich, Kriege zwischen Staaten und ihren gelernten Soldaten zu führen, am besten irgendwo abseits, wo die Zivilisten nicht stören und nicht belästigt werden.

In den folgenden Jahrhunderten wurde der Krieg zum Kabinettskrieg zivilisiert und schließlich sogar der Gebrauch von Waffen und Zwangsmitteln vertraglich geregelt - Vergewaltigung gehörte nicht dazu. Der Krieg, das war das Wichtigste, hatte ein Ziel, das war Frieden, wenn auch ein Frieden zu den Bedingungen des Siegers.

Doch nun waren alle Schranken niedergerissen, in denen der Krieg, nach den Worten des Berliner Politologen Herfried Münkler, »gehegt« worden war. Der wilde Krieg, der totale Krieg: Das war der Krieg Adolf Hitlers, der Krieg der entgrenzten Gewalt. Totale Vernichtung, nicht Frieden war das Ziel.

Schon im Mai 1941 hatte Hitlers Bürokratie den gefürchteten »Kriegsgerichtsbarkeitserlass« verbreitet, der es deutschen Soldaten erlaubte, sowjetische Zivilisten straffrei zu töten. Etwa elf Millionen Zivilisten starben in Stalins Imperium an den Folgen des Krieges.

Hitlers Feldherren waren es, die das erfunden hatten: Menschen zu Kriegsmaterial zu machen, zu seelenlosen Einheiten wie Panzersperren oder Haubitzen, nur eben billiger und überall verfügbar.

TODESMARSCH AUS BRESLAU

Völlig unbefestigte Städte wie das schlesische Breslau wurden, als Menschenhaufen sozusagen, zu Festungen erklärt. Ein Ostwall aus Menschenleibern sollte sich den bolschewistischen Panzern entgegenstemmen. »Jeder Häuserblock, jedes Dorf, jedes Gehöft, jeder Graben, jeder Busch«, so Heinrich Himmler, »wird von Männern, Knaben, Greisen und - wenn es sein muss - von Frauen und Mädchen verteidigt.« Breslau sollte mit seinen 630 000 Zivilisten der Roten Armee trotzen; man würde überall Kanonen aufstellen.

Zunächst einmal begeben sich die zur Verteidigung unbrauchbaren Frauen und Kinder auf einen von Gauleiter Karl Hanke befohlenen Fußmarsch nach Oppau. Denn Fahrgelegenheiten gab es keine mehr, und auf dem Freiburger Bahnhof, von dem die Züge nach Westen fuhren, war es bei dem Gedränge bereits zur Massenpanik gekommen. Hunderte kleine zertretene Körper sammelte die Bahnhofspolizei ein, als der Zug endlich abgefahren war.

»Die Menschen liefen in den Straßen kopflos herum. Viele Frauen bekamen Weinkrämpfe. Die Straßenbahnen waren überfüllt, und jeder fuhr in diesen letzten Tagen kostenlos.« So erinnert sich Elisabeth Erbrich, die sich am nächsten Tag, es war ihr 20. Dienstjubiläum bei der Landesbauernschaft, auch auf den Weg macht: »Es wurde dieser Tag der schwerste meines Lebens.«

Auf dem Leib trug sie Unterwäsche und Kleider, so viel sie anziehen konnte, einen Rucksack nahm sie mit, in der Handtasche gekochtes Huhn. Vom Himmel regneten Flugblätter: »Deutsche, ergebt euch, es passiert euch nichts.«

Elisabeth Erbrich aber musste, bei 16 Grad minus und mit Hunderttausenden anderer Frauen und Kinder, hinaus in den endlosen Zug durch den Schnee Richtung Westen. Dieser Marsch aus Breslau kostete Tausende Menschen das Leben. Am folgenden Tag wurden BDM-Mädchen aus der Stadt zum Sanitätsdienst an die Strecke des Trauermarsches abkommandiert, um »die Puppen am Wegrand wegzuräumen«.

Welche Puppen? Es waren alles steif gefrorene Säuglinge, von ihren Müttern liegen gelassen.

In Quittainen, elf Kilometer vor Preußisch Holland, lebt seit einigen Jahren Gräfin Dönhoff. »Keiner«, ahnt sie am Abend ihrer Flucht, »wird diese Namen mehr nennen.« Den meisten Menschen, wenn sie irgendwo wegmüssen, bleibt ja die Gewissheit, dass es die verlorene Heimat auch ohne sie geben wird - in Wirklichkeit, nicht nur als Bild. Der Abschied der Menschen von jenseits der Oder kommt dagegen einem Weltuntergang gleich.

Und das war es auch. Jahrhundertlang bildeten Deutsche und Juden die wohl bedeutendsten Minderheiten in Osteuropa. Doch Hitler ließ erst die Juden ermorden; der von ihm angezettelte Krieg führte dann auch die deutsche Welt ins Chaos.

Im Mittelalter waren die Ahnen der Krockows und Dönhoffs, der Matzkereits und Dubinskis Richtung Osten gezogen; sie hatten Städte gegründet und Land kolonisiert - scheinbar beständige Konstanten europäischer Geschichte.

Ferien im ostpreußischen Badeort Cranz oder im schlesischen Kurort Bad Warmbrunn waren für viele Deutsche so selbstverständlich wie heute Urlaub in Travemünde oder am Königssee.

Jeder kannte sie: den erzreaktionären pommerschen Junker, der schon als Intellektueller galt, wenn er sich aus Berlin den Jagdkalender schicken ließ, oder die bitterarmen schlesischen Weber, deren Schicksal Gerhart Hauptmann ein literarisches Denkmal setzte. Hitlers Krieg ließ von dieser deutschen Welt im Osten so gut wie nichts zurück; nur die leeren Städte und Dörfer.

»Trudchen, meine Köchin, hatte schnell noch Abendbrot gemacht«, schreibt die Gräfin Dönhoff über ihre Flucht. »Wir aßen also noch rasch zusammen. Wer weiß, wann man wieder etwas bekommen würde. Dann standen wir auf, ließen Speisen und Silber auf dem Tisch zurück und gingen zum letzten Mal durch die Haustür, ohne sie zu verschließen. Es war Mitternacht.«

26. Januar. Der größte Teil Ostpreußens ist vom Reich abgeschnitten oder erobert. Auch der Dönhoff-Treck, obwohl er dem Kessel entronnen ist, verliert den Mut. Resigniert kehrt das Völkchen um - lieber zurück zu den Russen als im Schneesturm erfrieren. Nur die Gräfin wendet ihr Pferd nach Westen und reitet weiter, durch die eisige Nacht Richtung Weichsel.

DIE FLUCHT ÜBERS EIS

Den Ostpreußen bleibt nur noch der Weg übers Wasser. Von Königsberg ist ein schmaler Streifen zum rettenden Hafen von Pillau frei geblieben, wo nun die ersten großen Flüchtlingsschiffe beladen werden. Für die meisten führt der Weg zur Küste zu Fuß übers zugefrorene Frische Haff, das zwischen Königsberg und Danzig wie ein Riegel vor Ostpreußen liegt - von der Ostsee nur mehr durch einen schmalen Landstreifen, die Frische Nehrung, getrennt.

Für Zigtausende ist das der einzige Weg in die Freiheit.

Heiligenbeil am Haff: das letzte Mal fester Boden unter den Füßen. Von hier geht''s aufs Eis. Auf dem neuen Friedhof werden täglich um halb drei die eingesammelten Erfrorenen begraben, durchschnittlich sind es 50, die in Papiertüten den letzten Segen bekommen. Särge sind keine mehr da.

Wieder so ein strahlender Wintertag. Das Weiß der riesigen Eisfläche schneidet ins Auge. 20 Kilometer lang ist der Weg übers Haff. Er ist von Soldaten mit Bäumchen markiert worden, doch die braucht es bald nicht mehr. Stattdessen säumen Erfrorene, die einfach liegen bleiben, tote Tiere oder zerschmetterte Wagen den Pfad - und Eislöcher.

Mehrere Wagen sind eingebrochen, Menschen und Pferde im schwarzen Wasser einfach verschwunden. Die endlose Karawane macht kleine Kurven um solche Stellen.

Eine schaurige Flucht. Der Himmel am Horizont schimmert blutrot und violett - das sind die von den Russen bereits erreichten brennenden Städte. Nachts wird es zwar noch kälter, aber dafür können die feindlichen Flieger die Marschkolonne nicht ausmachen. Die Wasserfontäne, die tagsüber hochspritzt, wenn eine Bombe das Eis durchschlägt, ist weithin zu sehen.

Eine Abiturientin aus Lyck in Ostpreußen war mit Mutter und Schwester unterwegs: »Das Eis war brüchig. Stellenweise mussten wir uns durch 25 Zentimeter hohes Wasser hindurchschleppen. Mit Stöcken tasteten wir ständig die Fläche vor uns ab. Bombentrichter zwangen uns zu Umwegen. Häufig rutschte man aus und glaubte sich bereits verloren. Aber die Todesangst vertrieb die Frostschauer, die über den Körper jagten.«

Die Tieffliegerangriffe der Roten Armee auf die wehrlosen Flüchtlinge, deren dunkle Leiber sich von dem verschneiten Eis wie Schießbudenfiguren abheben, haben das Haff zum Symbol sowjetischer Kriegsverbrechen werden lassen. Als der Frühling kam und das Eis brach, schwemmte das Wasser Tausende von Körpern an den Strand.

Fluchtpunkt Pillau: Das Hafenstädtchen an der Nehrung zeigt sich diesem Ansturm durchgefrorener Eiswanderer nicht gewachsen. Am 26. Januar ist dort auch noch die Munitionsfabrik in die Luft geflogen und hat weite Teile der Stadt verwüstet. Am Hafenkai steht unverrückbar eine Menschenmauer und wartet auf eine Schiffspassage. Wer in dem Gedränge ins eisige Wasser fällt, hat keine Chance mehr.

Für Sonntag, den 28. Januar, werden 8000 Flüchtlinge erwartet, es kommen aber 28 000, viele per Schiff aus dem nahen Königsberg. Die Kriegsmarine bringt die Menschen provisorisch in Kasernen unter.

Wenn Boote anlegen, um Passagiere für die großen Schiffe aufzunehmen, die auf der Ostsee liegen, gibt es regelmäßig ein Chaos am Kai. Frauen werfen ihre Kinder den Rettern ins Wasser entgegen, nur um wenigstens ihnen einen Platz zu sichern - und damit sie an Land nicht totgedrückt werden.

Am Abend dieses Tages lässt Gauleiter Koch bei den Behördenchefs in Königsberg eine Losung durchrufen: Am nächsten Vormittag sei Dienstbesprechung in Fischhausen. Die Ortschaft liegt auf der Straße nach Pillau. Es handelt sich um einen verdeckten Fluchtbefehl.

Danach gibt es kein Halten mehr. Bald drängen Tausende durch den Schneesturm über die Straße nach Fischhausen. Nahe der Ortschaft Metgethen - ein Name, der später kaum minder bekannt wird als Nemmersdorf - fallen sowjetische Soldaten über die Flüchtlinge her und richten ein Blutbad an.

Der Arzt Graf Lehndorff ist in Königsberg zurückgeblieben und schreibt in sein Tagebuch: »Wo man hinhört, überall wird heute von Cyankali gesprochen, das die Apotheken freigiebig in jeder Menge austeilen. Dabei steht die Frage, ob man überhaupt dazu greifen soll, gar nicht zur Debatte. Nur über die notwendige Menge wird verhandelt, und das in einer leichten, nachlässigen Art, wie man sonst etwa über das Essen spricht.«

Am Tag darauf umringen russische Truppen die Stadt. Königsberg, das etwa noch 100 000 Menschen in seinen Mauern beherbergt, ist abgeriegelt.

Dieser furchtbare Januar. »Mein Gott, wie wenige in unserem Lande hatten sich das Ende so vorgestellt«, notierte nach ihrer Ankunft im Westen Gräfin Dönhoff, die um diese Zeit irgendwo durch die Kälte reitet: »Das Ende eines Volkes, das ausgezogen war, die Fleischtöpfe Europas zu erobern und die Nachbarn im Osten zu unterwerfen.«

Das Ende? Es wird noch dauern.

Am 30. Januar versinkt die »Wilhelm Gustloff« mit annähernd 10 000 Flüchtlingen und Soldaten auf dem Weg nach Westen in der Ostsee. Und am Strand nahe Pillau, wo trotz dieser Nachricht immer mehr Menschen auf immer neue Schiffe klettern, ist wenige Stunden später ein makabres Feuerwerk zu besichtigen.

Das ist die Leuchtmunition von SS-Leuten. Sie brauchen Licht, um 3000 Häftlinge in der Dunkelheit am Strand zu erschießen. Die Opfer, meist Frauen, kommen aus dem KZ Stutthof. In Pillau, hatte man ihnen vorgegaukelt, würden sie auf Schiffe verladen. Nun umspült das gleiche Ostseewasser ihre Leichen und die der »Gustloff«-Passagiere.

Der Westen - das ist nicht nur die verheißungsvolle Richtung deutscher Opfer, sondern auch deutscher Täter. Unter die Flüchtenden reihen sich immer wieder besondere Trecks - abgezehrte Gestalten in schmutzig grauen Häftlingslumpen: Die SS räumt ein KZ nach dem anderen.

Todesmärsche werden die Elendszüge genannt, weil die SS-Männer Tausende erschossen und erschlagen am Straßenrand zurücklassen.

Anfang Februar gab es dann kein deutsches Ostpreußen mehr. Von winzigen Zipfeln abgesehen, war der Vorposten des Reiches im Osten fest in sowjetischer Hand. In Oberschlesien begann nun erst die Flucht aus den Dörfern. Viele Menschen versuchten Sachsen zu erreichen, andere zogen in Panik übers Riesengebirge in die Sudeten und wurden dort Opfer der ersten von den Tschechen in Gang gesetzten Vertreibungen.

Wohin noch fliehen? Was auch immer die Deutschen auf den Straßen unternahmen, wohin sie sich auch wandten - sie erlebten sich als Gejagte. Als Opfer der Kälte, der Rotarmisten, der SS oder zuletzt der Tschechen.

Gab es denn keine Macht, keinen Mächtigen, der diesem Elend ein Ende hätte machen können?

Keinen. Es war ja Krieg. Noch drei Monate lang, bis zum 8. Mai, würde noch weiter gestorben, geschossen, gebombt.

Am 7. Februar findet die vierte Vollsitzung der Konferenz von Jalta statt. Die entscheidenden Männer der USA, Englands und der Sowjetunion, Franklin D. Roosevelt, Winston Churchill und Josef Stalin, sitzen da unter Palmen beisammen, um über die Neuordnung Deutschlands und Polens nach dem Sieg der Alliierten zu sprechen.

Churchill greift dabei einen Kernpunkt eher beiläufig auf. Die Engländer, sagt er, würden über eine Massenaussiedlung aus dem Osten vielleicht schockiert sein, er selbst aber nicht. Stalin bemerkt, die meisten Deutschen seien ja sowieso bereits vor der Roten Armee geflohen. Darauf der Brite: Das vereinfache die Sache natürlich.

An der Ostseeküste bahnt sich das nächste Drama an. In Pommern herrscht noch immer Fluchtverbot, und die Räumungspläne - Codenamen »Regen« und »Hagel« -, die etwa im Kreis Deutsch Krone endlich realisiert werden sollen, bleiben auf Geheiß Himmlers bis fast zuletzt in den Schubladen. Ein Referent meldet dem zuständigen Landrat, dass der Reichsführer SS den Befehl über die Heeresgruppe Weichsel persönlich übernommen hat - zur Besorgnis kein Grund.

Wenige Tage später wird der Kreis in letzter Minute doch noch geräumt. Russische Panzer schneiden dann alle Wege nach Westen ab.

Die Schlinge um die Flüchtlinge ist gelegt, und langsam zieht Stalin zu. Richtung Norden, an die Ostseeküste, in den Hafen von Kolberg, der Hansestadt, fliehen die Menschen. Kolberg - hier hatten preußische Truppen einst gegen Napoleon ausgeharrt; Goebbels hatte darübe r rasch noch einen berüchtigten Propagandastreifen drehen lassen. Doch die Geschichte wiederholt sich nur selten, dieses Mal fällt die Stadt.

Die Angst vor den Rotarmisten lässt die Menschen in den großen Kesseln an der Küste sogar Richtung Osten, also wieder zurück nach Westpreußen irren - solange noch die Hoffnung besteht, von dort irgendwie wegzukommen.

Seit dem 7. März wird nun auch in Pommern den Apothekern nahe gelegt, Gift an Frauen rezeptfrei abzugeben - und zwar großzügig. Wozu noch Vorräte horten, wenn morgen die Welt untergeht?

Ausgerechnet Pommern und Westpreußen, diese kargen Gebiete, die dem spröden Menschenschlag dort nie viel zu bieten hatten, werden zur Hoffnung. Denn von hier, von Danzig, von Gotenhafen, von Kolberg gehen die rettenden Transporte ab, die Zehntausende nach Westen bringen - bis die Städte nacheinander der Roten Armee anheim fallen wie Steine in einem Dominospiel.

DAS VERSAGEN VON DÖNITZ

Bis zuletzt unbesetzt bleibt in der Danziger Bucht lediglich eine schmale, vorgelagerte Landzunge, die von Westen her wie ein Blinddarm ins Ostseewasser reicht. Da, wo der Darm spitz endet, liegt Hela, ein Hafenstädtchen, das für Tausende und Abertausende bis in den Mai hinein ein Ort der Hoffnung ist.

Und es kommen tatsächlich Schiffe. Sie sammeln sich außerhalb der Danziger Bucht, werden zu Geleitzügen zusammengestellt und fahren bei Einbruch der Dunkelheit, gesichert von Einheiten der Kriegsmarine, ohne Licht und Funkverkehr in den Hafen.

Gut eine Million Menschen versuchten in den letzten Kriegsmonaten, über die Ostsee den Westen zu erreichen. Eine großartige Leistung in all dem Jammer, so scheint es - und so verbreiten es auch später Großadmiral Karl Dönitz, Hitlers Nachfolger in den letzten Tagen des Dritten Reiches, und seine Helfer.

Die Rettung der Flüchtlinge sei sein »vordringliches Anliegen« gewesen.

Doch gerade Dönitz zögerte viel zu lange, die knappen Brennstoffvorräte für die Flotte zur Evakuierung der Menschen freizugeben. Hätte er schon früher die ja durchaus vorhandenen Kapazitäten eingesetzt, so der Historiker Heinrich Schwendemann, »hätten sowohl die Bevölkerung als auch die Soldaten aus den Kesseln an der Ostsee vollständig abtransportiert werden können«.

Statt der vielen Kleinen setzen sich die Großen ab; jene, die für den Schlamassel die Verantwortung tragen.

Am 27. April geht in Hela Erich Koch, ein fanatischer Menschenschinder, an Bord des Eisbrechers »Ostpreußen«. Als Gauleiter in Ostpreußen ließ er bis zum Schluss alle Fluchtvorbereitungen als Defätismus verfolgen - die Russen, krakeelte Koch, würden niemals deutschen Boden betreten.

Also war ihm seine eigene Flucht so unangenehm, dass er dem Kapitän des Eisbrechers befahl, die an Bord befindlichen Zivilisten zurückzulassen. Doch Ostpreußen gab es nicht mehr und daher auch keinen Gauleiter. Der Kapitän weigerte sich, den großkotzigen Anweisungen zu folgen. Der Statthalter des Führers, der dennoch heil über die Ostsee kam, nannte sich künftig Rolf Berger und wurde erst 1949 von den Briten verhaftet.

Am letzten Tag des Krieges hisst Elisabeth Erbrich, die einige Wochen zuvor mit einem gekochten Huhn in der Handtasche aus Breslau floh, in einem Dorf im Erzgebirge die weiße Fahne. Bis nach Sachsen hat es die Schlesierin geschafft - und nun ziehen die Russen dort ein, die massenhaft vergewaltigen.

Die Häuser wurden geplündert. »Circa 40 Mal«, wird sie später zu Protokoll geben, »mussten wir in der Nacht am 7. Mai die Tür öffnen.«

Wenige Wochen danach befiehlt der kommissarische Bürgermeister allen Flüchtlingen, binnen kurzem in ihre Heimat zurückzukehren.

Folglich packt sie wieder den Handwagen und schlurft tagelang zu Fuß Richtung Osten durch die öde, verbrannte Frühlingslandschaft.

Wie es »zu Hause« aussieht, hat Elisabeth Erbrich nie mehr erfahren. Auf der Brücke über die Neiße steht ein polnischer Offizier und erklärt ihr tonlos, dass die Grenzen geschlossen sind.

THOMAS DARNSTÄDT, KLAUS WIEGREFE

* Auf dem elterlichen Gut in Quittainen, 1998 in Hamburg.* In Berlin 1945.* An Bord eines Kriegsschiffs vor Danzig.* Winston Churchill, Franklin D. Roosevelt, Josef Stalin.

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