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SOLDATEN-LIEBE Vater weint, Mutter weint

aus DER SPIEGEL 10/1963

Hilde Näser aus Zwickau, Leserin der

SED-Frauenzeitschrift »Für Dich«,

griff verärgert zur Feder: »Mein Mann und ich«, schrieb sie an die Redaktion, »waren empört... Daß 'Für Dich' derartiges bringt, enttäuscht uns sehr.«

Die Mehrzahl der »Für Dich«-Leser war anderer Meinung. Mit Eifer beteiligten sie sich an der Umfrage, die unter dem Motto »Der Frieden und die Liebe« gestartet worden war. Anlaß: der Liebeskummer eines Volksarmisten.

Frei vom bürgerlichen Vorurteil, Herzensangelegenheiten seien Privatsache, hatte das auf moralische Aufrüstung bedachte Blatt vor der DDR-Weiblichkeit

das herbe Schicksal des Soldaten Klaus ausgebreitet: Dem Friedenskämpfer war bei einem kurzen Heimaturlaub offenbar geworden, daß seine ihm sieben Wochen zuvor angelobte Braut Heide das Verlöbnis gebrochen hatte und ihm mittels eines Erntehelfers untreu geworden war.

Nicht genug damit - das Mädchen zeigte sich verstockt und verweigerte nähere Erläuterungen. Schließlich mußten seine Eltern den Soldaten über den Sündenfall der Tochter aufklären. Klaus: »Beide umarmten mich und begannen... zu weinen.«

Angesichts dieser Tragödie kannte das Mitgefühl der »Für Dich«-Leser keine Grenzen. 1063 Zuschriften gingen ein. Schrieb die Brigadeleiterin Marianne Stober aus Weimar: »Das Problem um

Klaus und Heide ist aus dem Leben gegriffen und bewegt uns junge Menschen sehr.«

Die größte Gruppe der Briefeschreiber stellte das Kollektiv der Soldatenbräute. Sie betrachteten Heides Tat als Verrat an der Nationalen Volksarmee und der Sache des Sozialismus. Annette Angermann aus Altdöbern nannte die Entlobte »charakterlos«, und Helga Werner aus dem märkischen Nonnendorf fand »Heide... nicht wert, einen Freund zu haben, der sich die Aufgabe gestellt hat, unsere Heimat zu beschützen«.

Präzise über den politischen Auftrag der Soldatenbraut äußerte sich auch die 18jährige Ilona Poppig aus Frankfurt an der Oder: »Mein Freund Klaus-Dieter gehört der Nationalen Volksarmee an. Wie er seine Pflicht dem Arbeiter und-Bauern-Staat gegenüber erfüllt, indem er den Frieden schützt, werde ich mein Bestes für den Aufbau des Sozialismus geben... Das sind wir unserem Staat schuldig.«

Wo schon vom Staat die Rede war, durfte ein Hinweis auf Walter Ulbricht nicht fehlen: Leserin Lena Schmidt erinnerte daran, daß der Chefgenosse nach Einführung der Wehrpflicht allen jungen Mädchen geraten hatte: »Bleibt Euren Jungen treu.«

Neben moralischen Appellen fehlten auch praktische Winke nicht. Soldat Wilfried Ehrenpfordt empfahl allen Vätern heiratsfähiger Töchter, nach dem Vorbild seiner Schwiegereltern zu verfahren: »Sie halten meine Verlobte ganz schön kurz... sie muß spätestens um 22 Uhr zu Hause sein. Zum Tanz darf sie nicht, höchstens mal ins Kino.«

Gegen die dichtgeschlossene Moral -Front kamen die Verteidiger Heides nicht auf. Der schüchterne Versuch einiger Leserinnen, an die Garnisonsfreuden der Vaterlandsverteidiger außer Reichweite ihrer Bräute zu erinnern, stieß auf Verachtung.

Auch die Vermutung, womöglich habe Heide der Erntehelfer einfach besser gefallen als ihr Volksarmist, wurde mit vaterländischen Argumenten gekontert. Urteilte Dieter Kircheis aus Magdeburg: »Meine Meinung ist, Heide hat nie schätzen gelernt, was es heißt, einen Menschen zu lieben, der gerade ihr Leben und das Leben anderer mit der Waffe in der Hand verteidigt.«

Bei so nachdrücklich vorgetragenem Anspruch auf moralisch sanktionierte Heldenverehrung hatten skeptische Stimmen keine Chance. Außer den Näsers aus Zwickau wagte es nur ein einziger Leser, Zweifel am Wert der Diskussion zu äußern. Seine Meinung: »... liest sich wie ein Courths-Mahler -Roman. Vater weint, Mutter weint, nur Fräulein Tochter zeigt sich verstockt. Wo gibt's denn so etwas?«

Im Schlußwort zur Entlobungsdebatte gab die »Für Dich«-Redaktion letzte Woche zu verstehen, daß Lesern mit dieser Meinung der tiefere Sinn der Umfrage entgangen sei: die Klärung der Frage, was ein DDR-Bürger unter wahrer Liebe zu verstehen habe.

Die Ansicht, so doziert das Blatt, Liebe bestehe nur darin, »stets beieinander zu sein, Zärtlichkeiten auszutauschen und einander Stunden höchsten Glücks zu bereiten«, sei grundfalsch: »Die wahre Liebe reift... wenn sie von den edlen menschlichen Beziehungen geprägt wird, die unserer sozialistischen Ordnung eigen sind.«

SED-Frauenblatt »Für Dich": »Bleibt Euren Jungen treu«

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