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UMWELT Venceremos, Jo

Vor der Anti-Brüter-Demonstration in Kalkar sind die Atomgegner gespalten. Militante werfen BBU-Sprecher Leinen Karrieresucht vor.
aus DER SPIEGEL 39/1982

Josef ("Jo") Leinen, 33, prominentestes Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU), gilt mal als rot und mal als grün, mal als Pazifist und mal als Gewalttäter - je nach Optik des Betrachters.

So grün angehaucht scheint der BBU-Manager manch einem, daß die »FAZ« den SPD-Linken fälschlich als »Vorsitzenden des Bundesverbandes der Grünen« titulierte und der Kanalarbeiter Egon Franke den Ausschluß Leinens aus der SPD forderte: »Der muß raus.«

Grüne Parteigänger wiederum sehen bei Leinen so rot, daß sie bereits seine Abwahl aus der Spitze des überparteilichen Bürgerinitiativen-Dachverbandes betrieben, »um damit im Vorstand des BBU für einen Grünen Platz zu schaffen«, wie die Ludwigshafener »Bürgeraktion Umweltschutz« beanstandete.

Aus der Sicht des christdemokratischen Kieler Innenministers Uwe Barschel ist der BBU-Vorständler so gefährlich, daß er ihn wegen Rädelsführerschaft bei der verbotenen 100 000-Mann-Demonstration am 28. Februar letzten Jahres gegen das Kernkraftwerk Brokdorf ins Gefängnis befördern lassen will.

Wirklich militante Marschierer wiederum nehmen Leinen übel, daß er damals von einem Container herab die von der Polizei schikanierten Atomgegner beschworen hat, friedfertig zu bleiben. Der wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilte Brokdorf-Demonstrant Markus Mohr attackierte den »Container-Jo« (Szene-Spott) in der linken »Tageszeitung« denn auch als »smarten, pflegeleichten und hautsympathischen Umweltschützer von nebenan": »Venceremos, Jo - aber ohne Dich.«

Der seit langem schwelende Konflikt um die Galionsfigur des BBU markiert die Fronten in einem Strategie-Streit unter Westdeutschlands Atomgegnern, S.121 der diesen Monat voll entflammt ist: Während der Vorbereitung der Großdemonstration gegen den Schnellen Brüter im niederrheinischen Kalkar, zu der am kommenden Wochenende 50 000 Teilnehmer erwartet werden, haben sich die Veranstalter total zerstritten.

Grüne und Rote, Gewaltstrategen und Gewaltfreie vermochten sich nicht einmal auf einen gemeinsamen Aufruf zu einigen, geschweige denn auf »allgemein verbindliche Widerstandsformen«. »Da geht es«, sagt Thomas Niermann von den Grünen, »längst nicht mehr freundschaftlich zu.«

Im Mittelpunkt der Kontroversen steht der Kurs, den Leinen und die Mehrheit der BBU-Initiativen steuern. Der Jurist aus dem Schwarzwaldort Kirchzarten, nach Ansicht der Hamburger »Zeit« ein »Prototyp des netten, ehrlichen Jungen«,

* hält im Gegensatz zu Verfechtern ökoterroristischer Untergrund-Strategien jegliche Gewaltanwendung, vom Pflastersteinwurf bis zum Bombenanschlag, für »völlig idiotisch«;

* hat Funktionäre der Grünen verärgert, weil er, anders als braunstichige Chlorophyll-Romantiker, Friedens- und Umweltpolitik für eine Macht- und Mehrheitsfrage hält und daher ein Bündnis der »Ökopaxe« mit der »traditionellen Arbeiterbewegung« anstrebt und »jede parteipolitische Indienstnahme« der Bürgerinitiativen ablehnt;

* liegt verbandsintern mit einer antiautoritär gestimmten, »fundamentaloppositionellen« Minderheit im Streit, S.122 die für den BBU eine »Null-Struktur« ohne »Wasserkopf« und »Vereinsmeierei« fordert;

* wird von radikalen Außerparlamentariern als »Integrationsfan« befehdet, weil er in den Parteien noch immer »Ansprechpartner« sieht und langfristig auf einen »Reform-Block aus ökologischen Kräften in SPD, FDP und Grünen« setzt.

Der Konflikt um den Koloß von Kalkar hatte begonnen, als im Juli eine ausgedünnte Runde von Umweltschützern einen in »klarer Szenen-Sprache« verfaßten kabarettistischen Aufruf zum »sofortigen Abriß« des Brüters verabschiedete; »die Abrißgenehmigung« werde sich die Anti-Atom-Bewegung »selbst erteilen«.

Auf Drängen des BBU-Vorstandes wurde das Ulk-Papier auf einen Fünf-Punkte-Forderungskatalog reduziert - zum Ärger von grünen Widersachern, die von einer »Nacht-und-Nebel-Aktion« sprachen und Leinen »autoritäres Verhalten« vorwarfen.

Schlimmer noch als der »Skandal um Brüti«, fand eine »Bürgerinitiative gegen Atomanlagen« aus Moers, seien »die Starallüren« des »Friedenskönigs Josef, der Allerletzte«. Auch ein Eberhard, Einzelkämpfer aus Köln, machte Front gegen »diesen Hauptsprecher von eigenen Gnaden«, der immerzu »Integrationsklimbim predigt«.

Tief gespalten präsentiert sich die Bewegung nun ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, zu dem die Kernkraft-Lobby mehr Mühe denn je hat, die Notwendigkeit des Brüter-Baus zu begründen. Die Kostenprognosen für das Projekt sind von anfangs 0,3 auf derzeit 6,5 Milliarden Mark emporgeschnellt.

Und obwohl eine vor allem mit Atom-Befürwortern besetzte Bonner Enquete-Kommission letzte Woche mit elf zu fünf Stimmen einen Weiterbau des Brüters befürwortete, wachsen unter unabhängigen Fachleuten die Zweifel: Schon die Preisvorteile des Stroms aus herkömmlichen Kernkraftwerken sind umstritten, wesentlich teurer wird die Energie aus der Plutoniumfabrik. Dabei sind noch nicht einmal alle Kosten einbezogen, insbesondere nicht die für die bislang völlig ungeklärte Entsorgung.

Auch über die Sicherheit des Brüters gibt es Streit. Während Pro-Gutachter das Risiko von Unfällen beim Brutreaktor so hoch ansetzen wie bei herkömmlichen Kernkraftwerken, stufen kritische Wissenschaftler »in fast allen Schadensarten« das »Schadenspotential« wesentlich höher ein (SPIEGEL 38/1982).

Leinen meint, daß solche schlagenden Argumente sowie friedliche Demonstrationen auf Dauer auch den »Bundestag beeinflussen«. Seine Widersacher haben diese Hoffnung längst aufgegeben: »Wer den Brüter als Spitze des Atomprogramms verhindern will«, fordert eine Gruppe »Autonomer« aus Essen, »muß mit diesem Staat brechen.«

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