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STRAFVOLLZUG Verächtliche Pfeife

Brutalität und seelenlose Bürokratie im Knast beschreibt ein Berliner Gefängnispfarrer in einem Schlüsselroman. Die Justiz drängt nun auf seine Abberufung.
aus DER SPIEGEL 15/1980

Die Schutzbefohlenen des Autors kommen ausführlich zu Wort. Helmut, ein sogenannter Langstrafer: »Sie haben uns in Buchten gesperrt wie Schweine, da wird nur noch gefressen und geschissen«; Axel, grinsend: »Nicht gefixt -- bloß gewichst ...«; Jörg: »Vieh ist nützlich. Was man braucht, verachtet man nicht« -- grobe Klage von Häftlingen, aufgefangen in der Gruppenstunde, immer freitags zur Mittagszeit.

Auch Stations- und Schichtleiter, wie »Kantholz-Erwin« oder »Doppelarsch«, sind, versichert der Autor, im »Originalton« wiedergegeben: »Morgens waren es noch 637 Insassen. Fünfe raus -- und dreizehn dafür neu eingefahren. Macht sechshundertfünfundvierzig Stück. Vorgesehen ist dieses Haus für knapp vierhundert. Aber hören Sie irgend 'ne Bambule? Friedhofsstill -- der ganze Schuppen. Die sollen nur weiter einfahren: achthundert, neunhundert. Wir kriegen alle unter.«

Dann wieder werden Übergriffe gegen aufsässige Insassen in der Absonderungszelle geschildert: »Zuerst dachte ich, da wimmert eine Katze.« Dann »sehe ich den Gefangenen«, der »gekrümmt, zusammengesunken in einer Wasserlache am Kellerboden hockt«. Er »blutet aus Nase und Mund. Unter dem rechten Auge hat er eine offene Wunde«. Der »verletzt sich selbst«, erklärt einer der umstehenden Beamten.

Vor allem aber der bürokratische Alltag in einer Vollzugsanstalt wird dargestellt: Knast mit seinen »Ordnungen und Verfügungen, nach denen beinahe alles verboten« ist; der aber auch seine fast ebenso zahlreichen »Ausnahmen von der Regel« kennt, die »praktisch alles auch wieder möglich« machen: »Vom Schäferstündchen über die Whisky-Sause bis zum Sonderurlaub.«

Die Kritik ist auf 280 Manuskriptseiten akribisch protokolliert; aber nicht von einem Knacki, der sich's von der Seele geschrieben hat, sondern von einem Mann der Besoldungsgruppe A 14, im Range eines Oberrats. Er zählt zur Spitze in der Hierarchie des Strafvollzugs: Wolfgang See, seit 1976 evangelischer Anstaltspfarrer in der Berliner Justizvollzugsanstalt Tegel, Westeuropas größtem Verwahrhaus für männliche Strafgefangene mit zeitweilig bis zu 1600 Insassen.

Seine »Strafanstalts-Geschichten«, in einer Art Schlüsselroman »aus einer Schlüsselposition« (See) erzählt, sollen diesen Herbst in der Nymphenburger Verlagshandlung als »Literarisches S.80 Sachbuch« des Geistlichen erscheinen. Thema ist das tägliche Wechselspiel zwischen »Ohnmacht und Übermacht« im »westlich-deutschen Strafvollzug«, einem »riesenhaft aufgeblähten staatlichen Instrument«, wie der Anstaltskritiker meint, und längst im Begriff, »die gesetzliche Perspektive zu umgehen, auszuhöhlen«.

Die Widersprüche zwischen dem theoretischen Anspruch, wonach »der Vollzug darauf auszurichten« ist, »daß er dem Gefangenen hilft, sich in das Leben in Freiheit einzugliedern«, und der leidvollen Haftpraxis machte Pfarrer See ausgerechnet in einem Gefängnis mit halbwegs liberalem Ruf aus. In Tegel, räumt der Autor ein, gehe es »durchaus humaner« zu als anderswo. Berlins Justiz aber nimmt diese Konzession nicht entgegen: Der Kritiker soll gemaßregelt, am besten aus dem Amte entfernt werden.

See hat »vorläufig Hausverbot«, so Senatsdirektor Alexander von Stahl. Der Schlüsselbund für die Vollzugsanstalt, Zeichen der Macht eines jeden Haftbediensteten, soll ihm nach Rückkehr von einer Kur erst einmal vorenthalten werden. Die meisten Beamten lehnen weitere Zusammenarbeit mit dem Geistlichen ab.

Unverzüglich will Strafanstaltsleiter Klaus Lange-Lehngut den aufsässigen Seelsorger im Dienstzimmer sehen, wenn er nach Ostern die Pforte betritt. Und eine »gedeihliche Zukunft« für den Nestbeschmutzer sieht er schon jetzt nicht mehr in seinem Hause; die inhaltlichen Entgleisungen dieses Herrn, sagt er, seien für ihn »nicht interpretationsfähig«.

Dabei haben Berlins beleidigte Justizverwalter die recht wolkige Knast-Prosa noch gar nicht zu Gesicht bekommen. Ihnen genügte schon ein See-Artikel im »Rheinischen Merkur/Christ und Welt«, in dem er, Vorgeschmack auf das noch ungedruckte Epos, ebenfalls Kollegen-Schelte übte: »Warum verletzt, erniedrigt ein uniformierter Prolet durch Bulligkeit? Wie kann Bürokratenfaulheit private oder berufliche Chancen zerstören? Was läßt die kleinkarierte Ideenlosigkeit einer servilverächtlichen Aufstiegs-Pfeife das Recht und die Würde von Menschen verletzen?«

Damit müßten sich nur jene Mitarbeiter getroffen fühlen, verklart nun etwas treuherzig der Seelsorger, die was auf dem Kerbholz hätten; der geballte Unmut der Justizdienerschaft trifft ihn »ganz unvermutet«. In seinem Buch allerdings teilt See so ziemlich nach allen Seiten aus.

Da sagt ein »Teilanstaltsleiter« beispielsweise: »Je mehr Mitarbeiter wir ins Haus kriegen, desto weniger beschäftigen sich mit den Insassen.« Und der Autor fügt, außerhalb des verschlüsselten Protokolls, noch hinzu: »An diesem heillosen Ort wechselseitiger Menschenverachtung« werde zwangsläufig nicht re-, sondern entsozialisiert.

Da wird Häftling Herbert, wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt, tot in der Zelle aufgefunden, die Pulsadern geöffnet. Ein Stationsbeamter, von Vollzugsinsassen zuvor über akute Selbstmordgefährdung des jungen Mannes informiert, hat zwar noch spätabends einen Mithäftling in die Einzelzelle des Lebensmüden beordert; aber der Kollege der späteren Schicht befiehlt Rückverlegung des »Paßmanns« (Haftjargon), notfalls mit Gewalt.

Der Beamte hält sich, ob nun einer Selbstmord machen will oder nicht, an eine Anordnung des Anstaltsleiters, wonach ein Gefangenenumschluß während der Nachtzeit streng verboten ist.

Es war Herberts dritter Versuch, auch beim zweiten hatte er schon geschnippelt. Schließer-Kommentar damals: »Hätt'ste 'nen Strick genommen, hätten wir weniger Ärger mit dir gekriegt.« Seine »letzte Freiheit, der Selbstmord«, kommentiert See, »war nicht Knastausbruch, sondern Justizprogramm«.

Da bittet in einem anderen Fall Lüdecke -- ein Sicherungsverwahrter, der selbst sein »Bello«, das Latrinenbecken, mit Rosen-Kissen verschönt -- im Namen seiner Mitverwahrten um Gewährung eines Brennofens wegen der Töpferarbeiten. Erst nachdem diverse Sicherheitsbedenken ausdiskutiert sind, wird das Instrument zugesagt -- anderthalb Jahre nach dem ersten Antrag, als allen schon die Lust am Formen vergangen ist.

An einem besonders krassen Fall wird klar, daß der Anstaltsgeistliche zwar literarisch verbrämt und verfremdet, aber nicht erfunden hat. See mußte in Tegel miterleben, wie ein »bulliger Pfleger« mit »dunklem Jungengesicht« im psychiatrischen Anstaltstrakt einen Gefangenen züchtigte, der rabiat geworden war. Als schon jeder Widerstand gebrochen war, setzte es immer noch Schläge -- mit einem nassen Handtuch.

Sees Zeugenaussage reichte zwar zur Verurteilung des prügelnden Pflegers aus -- im Knast dagegen, wo er bis dahin als nörgelnder Geist noch so gerade gelitten war, wurde er fortan geschnitten.

Seine Buchpläne und der »Merkur«-Beitrag haben ihm nun offenbar den Rest an Duldung genommen. Selbst den Kirchenoberen kommt Sees Kritik wohl allzu forsch vor. Für seinen direkten Vorgesetzten, Oberkonsistorialrat Horstdieter Wildner, ist er ein »Mann, bei dem sich die Geister scheiden«. Wildner riet seinem Untergebenen »zu mehr Goodwill«.

Und der höchste Chef, Berlins evangelischer Bischof Martin Kruse, tadelt an Sees Knastbeschreibung (Arbeitstitel: »Nun büßt mal schön") die »pauschalen, der Mißdeutung offenstehenden Vorwürfe«, die, wie er meint, der »notwendigen Auseinandersetzung um die Form des Vollzuges« mehr schaden als nützen.

Immerhin, dem Drängen von weltlicher Seite hat der Nachfolger Kurt Scharfs -- einst im Amte profilierter Kämpfer für humane Haft -- bislang nicht nachgegeben. Sein kritischer Hirte ist noch in Amt und Würden.

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