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SOWJET-UNION Veraltete Bauart

Trotz enttäuschender Bilanzen machte Generalsekretär Breschnew seinem ZK Hoffnung auf bessere Zeiten.
aus DER SPIEGEL 45/1976

»Danke«, sagte Parteichef Breschnew, »für die große Ernte!« So bedankte sich der Generalsekretär für 216 Millionen Tonnen Getreide, die gegen alle Erwartungen trotz langer Winterkälte, kühlem Frühjahr und Dauerregen bisher gedroschen wurden (1975: 140 Millionen Tonnen).

Eine mit dieser Erfolgsbotschaft garnierte Breschnew-Rede durften außer den 284 ZK-Mitgliedern diesmal auch die übrigen Sowjetbürger zur Kenntnis nehmen -- seit Breschnews Amtsübernahme 1964 wurden nur fünf von 32 ZK-Reden Breschnews publiziert.

Breschnews 76er-Bericht über die Lage der Nation wurde offenbar dem Volk bekanntgemacht, weil sich ohne »den Arbeitselan der Werktätigen« die Malaise nicht überwinden läßt:

Trotz des Ernte-Wunders ist die Lage ernst. Der Parteichef rügte etwa, das Traktoren-Ministerium liefere immer noch Trecker »veralteter Bauart« (Modell 1946); Düngemittel-Fabriken. die schon voriges Jahr hatten produzieren sollen, seien immer noch nicht in Betrieb, und beim Einbringen der Ernte mußte die Sowjetarmee Hilfe leisten. Hilfe soll plötzlich auch von den privat bebauten Bauerngärten (bis zu zwei Morgen) kommen: Man muß »den Privat-Wirtschaften mehr Aufmerksamkeit und Fürsorge entgegenbringen«.

Und: »Für die Viehzucht war das Jahr kompliziert.« Laut einer am Vortag veröffentlichten Statistik der ersten neun Monate 1976 ist die Butter-Milch- und Konservenproduktion gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen, Fleisch und Öl sogar um ein Fünftel.

In der Industrie sieht es gleichfalls düster aus. Der Rohstoff-Gigant UdSSR hat laut Breschnew nicht genug Rohstoffe zur Verfügung: »Der Bedarf wächst rascher als die Ressourcen.« Im Transportwesen sieht Breschnew »recht ernste« Schwierigkeiten; die »Prawda« erläuterte: »Bis heute ist die Versorgung der Wärmekraftwerke mit Kohle für den Winter nicht voll gesichert.«

Im laufenden Fünfjahresplan (bis 1980) soll die Industrieproduktion denn auch nur um 5,6 Prozent im Jahr wachsen (1975: 7,5 Prozent). Planungschef Baibakow nannte einen absoluten Betrag, der bis 1980 der Schwerindustrie zufließen soll: insgesamt 451 Milliarden Mark. Breschnew wiederum nannte die Summe für die Konsumgüter-Produktion: nur 150 Milliarden Mark, ein Drittel des Aufwands für die Schwerindustrie und damit vor allem für die Rüstung.

Das persönliche Einkommen der Sowjetbürger aber soll weit geringer ansteigen als die Produktion: um 3,8 Prozent. 191") werden laut Plan Arbeiter und Angestellte in der UdSSR im Schnitt 566 Mark im Monat verdienen, Bauern nur 386 Mark. Mit so bescheidenen Aussichten machte Breschnew Stimmung gegen jene Bürde. die jede rasche Steigerung des Lebensstandards behindert: eben die Rüstung.

Er bot als Lösung an: »Wir sind bereit, schon morgen Maßnahmen zur Abrüstung einzuleiten -- ob es sich um große, radikale oder für den Anfang wenigstens um Teilmaßnahmen handelt.« Er wandte sich gegen Widersacher, gegen »Wehklagen der Skeptiker, die den Kampf gegen die Aufrüstung als hoffnungslos hinstellen«.

Das war an die Weltrevolutionäre in den eigenen Reihen gerichtet. Zufällig sprach Breschnew am Vorabend des 97. Geburtstages Trotzkis« jenes Gründers der Roten Armee, dessen Ansichten unter Sowjetmilitärs offensichtlich wieder in Mode sind. In ihrem Sinne erwähnte Breschnew, daß sich die »prächtige sozialistische Staatengemeinschaft« vergrößert habe: um das wiedervereinte Vietnam, Kamputschea (Kambodscha) sowie die Comecon-Anwärter Laos und Angola.

Das Prinzip Hoffnung für die Sowjetbürger. die sich eher nach materieller Besserstellung als nach Weltgeltung sehnen: Der West-Handel soll bis 1980 um 31 Prozent steigen. Der Rüstungsetat aber sinkt erneut demonstrativ um 660 Millionen Mark auf offizielle 58 Milliarden Mark. Die Kürzung entspricht dem Wert von 125 Düsenjägern des Typs MiG-21.

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