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SPANIEN Verbotene Fahne

Die Jahre 1936 bis 1939 leben wieder auf und sollen aufbereitet werden -in der ersten großen Ausstellung über den spanischen Bürgerkrieg.
aus DER SPIEGEL 46/1980

Wir brauchen Licht, viel Licht, wenn wir dieses dunkle Kapitel unserer Geschichte aufhellen wollen«, sagt Jose Manuel Mata Castillon, Leiter der Abteilung für Staatsarchive im spanischen Kulturministerium. »Und Licht gibt es im Glaspalast genug.«

Der Glaspalast ist ein anmutiger Bau aus der Zeit um die Jahrhundertwende, dessen gläserne Wände den Blick auf die herbstbunten Bäume des Madrider Retiro-Parks, auf den Himmel und einen Teich mit Schwänen und Enten freigeben -- ein Tempel der Muße, in dem gewöhnlich Ausstellungen moderner Malerei zu sehen sind.

Seit drei Wochen jedoch erzittern die Glasscheiben des »Palacio de Cristal« von Maschinengewehrsalven und Sirenengeheul, von krachenden Bomben und schrillen Marschliedern, die aus ununterbrochen laufenden Fernsehapparaten dröhnen:

Im Glaspalast findet, organisiert vom Kulturministerium, die erste umfassende Ausstellung über den spanischen Bürgerkrieg statt, jenen mörderischen Bruderkrieg von 1936 bis 1939, der die Nation für Jahrzehnte in zwei feindliche Lager spaltete.

Von dieser Schlacht zwischen links und rechts, die nicht nur Spanien, sondern auch Europas jüngere Geschichte S.174 gezeichnet hat, existierte bis heute in der spanischen Öffentlichkeit nur das Zerrbild, das die Propaganda der Sieger entworfen hatte: Die »nationale Erhebung« des Generals Franco vom Juli 1936 gegen die aus freien Wahlen hervorgegangene Volksfrontregierung der Republik galt als Kreuzzug gegen die Gottlosen.

Was in dieses Bild nicht paßte, wurde verboten, verfolgt, verdrängt, in den Untergrund verbannt. Schon der Besitz einer alten republikanischen Zeitung konnte einen ins Gefängnis bringen.

Erst die Demokratisierung nach dem Tod des Caudillo vor fünf Jahren weckte auch das Bedürfnis nach Vergangenheitsbewältigung.

Bislang unzugängliche Archive öffneten sich -- was sie, 40 weitere Institutionen und Privatsammler im ganzen Land gerettet haben, ist jetzt, auf 1200 Quadratmeter Ausstellungsfläche zusammengedrängt, zu einem Stück Geschichtsunterricht geworden, wie die spanische Nation ihn noch nicht erlebt hat:

Mitten auf den Gängen, zum Anfassen die Geschütze, mit denen beide Seiten aufeinander schossen. An den Stellwänden Reproduktionen von Photos aus den Schützengräben und von der Heimatfront, die es in den Geschichtsbüchern des Franco-Regimes nie zu sehen gab.

Da sind historische Dokumente wie die handschriftlichen Aufzeichnungen Francos zur Ebro-Schlacht von 1938 oder ein Brief von Stalin, Molotow und Woroschilow an den spanischen Sozialistenführer und zeitweiligen Ministerpräsidenten der Republik, Largo Caballero.

Aber auch so Alltägliches wie Feldpostbriefe, Lebensmittelgutscheine oder hastig von Notizblöcken abgerissene Zettel, auf denen die Frontkommandeure Anweisungen erbaten oder Befehle weiterleiteten: »Brauche dringend Munition aller Kaliber. Habe ziemlich viele Verwundete.«

21 Dokumentarfilme von drei bis zehn Minuten Länge beschwören wieder die Straßenkämpfe in Barcelona nach der Franco-Erhebung, machen die Redeschlachten im Parlament wieder lebendig.

Auf dem Bildschirm zeigen die »Dinamiteros« der republikanischen Armee noch einmal, wie man Granaten zündet, fliegen die Piloten der Hitlerdeutschen »Legion Condor« ihre Einsätze gegen die Städte des republikanischen Spanien, marschieren noch einmal die Internationalen Brigaden, scharren weinende Frauen in den Trümmern von Madrid nach Toten.

Ob es opportun sei, »Wunden, die möglicherweise noch nicht vernarbt sind«, wieder aufzureißen, mußten sich die Organisatoren der Ausstellung, so schreiben sie in ihrem 131 Seiten umfassenden Katalog, von vorsichtigen Warnern fragen lassen.

Und so mühten sie sich denn um strikteste Objektivität, tarierten sie peinlich genau das Gleichgewicht zwischen den Exponaten der einen und der anderen Seite aus:

Einträchtig hängen die Fahnen aller am Konflikt beteiligten Parteien nebeneinander, ebenso wie die Zeitungen der Linken und der Rechten. Wo vier Photos die ausländische Hilfe für die Republik belegen, zeigen genau vier Photos auch die ausländische Hilfe für die andere Seite, die Internationale erklingt im Wettstreit mit der Falangehymne »Cara al Sol«.

Neben einem KP-Plakat, das eine Faust mit Gewehr zeigt, fegt auf einem Faschisten-Poster ein Mann mit großem Besen den »Bolschewismus« weg. Ein Propagandablatt der Volksmilizen karikiert einen Franco-General, nach dem noch immer so manche Straße im Land benannt ist, als nackten Trunkenbold -- dafür ist schräg gegenüber in einem Falange-Pamphlet ein böses Spottlied auf die KP-Heroine Dolores Ibarruri, »La Pasionaria«, zu lesen, heute Vorsitzende der wieder zugelassenen Partei.

Rund 22 000 Menschen, weit mehr als die Organisatoren je erhofften, kamen bereits innerhalb der ersten sechs Tage in den Glaspalast -- alte und junge, Familien mit Kindern, Veteranen der einen wie der anderen Seite besichtigen die Relikte einer Epoche, die zwar vergangen, aber noch nicht tot ist.

»Warum hängt hier die Fahne der Republik, die ist doch verboten«, empörte sich ein Ehepaar, das durch Abzeichen der rechtsradikalen Fuerza Nueva seine Zugehörigkeit zum Lager der Bürgerkriegssieger demonstrierte. Die beiden verließen die Ausstellung unter Protest.

Doch die meisten drängen sich schweigend und voll Aufmerksamkeit vor den bislang verborgenen Zeugnissen des Krieges. »Für mich ist es eine schreckliche Ausstellung, die mir weh tut«, sagt eine 74jährige, die zu den Besiegten gehörte: »All die verlorenen Jahre, all die Toten. Aber es ist gut, daß jetzt endlich gezeigt wird, wie es war, damit die Jungen daraus lernen können.«

Die alte Dame kehrte erst vor drei Jahren aus dem Exil zurück. Ihren Namen zu nennen, wagt sie noch immer nicht.

S.171Auf lebensgroße Pappfiguren montierte Photos von Führern desBürgerkriegs; Franco (Pfeil).*

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