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POLEN / KIRCHE Verbotene Frucht

aus DER SPIEGEL 19/1961

Mit der Anwendung eines der heiligsten Prinzipien des kapitalistischen Amerika - dem Grundsatz der Trennung von Staat und Kirche - ist es Polens kommunistischem Parteiboß Wladyslaw Gomulka jüngst gelungen, dem katholischen Klerus des Landes eine politische Enthaltsamkeit abzunötigen, die den KP-Chef in Zukunft vor lästiger Kritik aus den Reihen der Katholiken schützen soll.

Der Trick des Parteichefs trug nicht nur dazu bei, die Kirche von einem geplanten Aufruf zum Boykott der Wahlen abzuhalten, sondern er hat auch dem Klerus einstweilen jede Lust genommen, die Kirchhofsruhe in der polnischen Volksdemokratie zu stören.

Gomulka brachte nämlich die Kleriker durch ein Argument zur Räson, das bis dahin nur von westlichen Verfassungsfreunden, nicht aber von Funktionären des roten Totalstaats verwendet wurde:

Wie US-Präsident Kennedy - so predigte Kommunist Gomulka - dem New Yorker Erzbischof Spellman das Recht abspreche, für die Schulen seiner Kirche staatliche Subventionen zu verlangen, so verbiete auch der polnische Staat die Abhaltung des Religionsunterrichts in staatlichen Schulen. Was Amerika und Polen verbinde, sei die Trennung von Staat und Kirche.

Dozierte Gomulka: »Die Trennung von Staat und Kirche ist in allen modernen Staaten der Welt verfassungsmäßig verankert worden.«

Solcher aus den USA importierter Argumente bedurfte KP-Chef Gomulka, um den roten Staat vom Druck einer Kirche zu befreien, die sich gerade anschickte, dem kommunistischen Atheismus und der pseudobürgerlichen Sattheit den Kampf anzusagen.

Seit Wladyslaw Gomulka den Polen ein Mindestmaß an geistiger Freiheit und wirtschaftlicher Sicherheit gewährt hat, stehen die Kleriker vor der Frage, wie die Kirche wieder jene Attraktivität zurückerobern kann, die sie in der Zeit der stalinistischen Herrschaft besaß. Die Kirche gilt nicht mehr als einziger Hort der Freiheit, der Geistliche nicht mehr als letzter Retter vor dem Politruk.

»Die Gläubigen«, beklagten sich Polens Bischöfe in einem Hirtenbrief, »sind durch die relative religiöse Freiheit (im Gomulka-Polen) eingeschläfert worden.«

Die Gleichgültigkeit der Massen aber wollten nun die Kleriker durch dramatische Parolen beheben: Die polnischen Bischöfe malten in ihren Predigten und Hirtenbriefen das düstere Bild einer verfolgten Kirche.

Schon im September 1960 hatten sie das Regime in einem Hirtenbrief so heftig des »unmenschlichen Fanatismus« bezichtigt, daß selbst die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« einwandte: »Wer Polen nicht kennt, mußte... den irrigen Eindruck gewinnen, es handle sich um den letzten pathetischen Hilfeschrei einer nahezu zerschlagenen Kirche.«

Der Verdacht, die Kirche dränge sich bewußt in die Katakomben, wurde noch durch ein bischöfliches Rundschreiben im Januar dieses Jahres bestätigt, in dem es hieß: »Religion ist als verbotene Frucht wieder attraktiver geworden. Wenn man uns Geistliche verleumdet - vielleicht ist es gerade das, was wir für unsere Arbeit brauchen.«

Parteichef Gomulka war jedoch umsichtig genug, dem Gegenspieler keine Blöße zu zeigen: Höhnte er in einer Rede: »Offensichtlich ist es der Vatikan, der für seine politischen Zwecke dringend eine Verfolgung der katholischen Kirche in Polen braucht.«

Der Parteichef war indes nicht gesonnen, die Opposition der Kirche mit der Gewalt des kommunistischen Polizeiregimes niederzuwalzen. Er bevorzugte ein subtileres Mittel: Gomulka wollte nun auch im volksdemokratischen Polen einführen, was in weltanschaulich freilich neutralen Ländern des Westens Rechtens ist - die Trennung von Kirche und Staat.

Eine solche Scheidung erschien dem Chef der Atheistenpartei besonders deshalb dringlich, weil der polnische Klerus immer hartnäckiger Ansprüche auf eine gesellschaftliche Mitbestimmung erhob und die Führungsrolle der Partei mit der Parole untergrub, erst die Einheit des katholischen Glaubens mache die Polen zur Nation.

Im Januar 1961 gab Gomulka der Kirche den Abschied: Er ließ das Zentralkomitee der Partei beschließen, der Religionsunterricht müsse fortan außerhalb der Schulen in kirchlicher Regie erteilt werden. Der angesichts der Wahlnähe erwartete scharfe Protest des Klerus blieb jedoch seltsamerweise aus.

Westliche Korrespondenten entdeckten bald die Ursache der kirchlichen Zurückhaltung. Die »New York Herald Tribune« meldete aus Warschau: »Polens 58 Bischöfe... sollen in der Frage der Strategie beim Kampf zwischen Staat und Kirche tief gespalten sein.«

Tatsächlich waren die Gegensätze zwischen dem vom Krakauer Erzbischof Baziak geführten Rechts-Flügel des Episkopats und dem Kirchenprimas, Stefan Kardinal Wyszynski, hart aufeinandergeprallt. Erst nach heftigen Debatten einigten sich die Bischöfe auf eine Kompromißformel, die eine allzu scharfe Frontstellung der Kirche angesichts der bevorstehenden Wahlen vermied.

Die Mäßigung des hohen Klerus erlaubte dann auch Gomulka, Wieder der Kirche entgegenzukommen, ohne freilich seine Trennungsoperation zu vernachlässigen. Er ließ den Kardinal wissen, daß die Kirche keineswegs, wie sie befürchtet hatte, von der zuvor angeordneten Sondersteuer für gesellschaftliche Organisationen betroffen werde. Der von den klerikalen Heißspornen erhoffte Aufruf zum Wahlboykott blieb daraufhin aus.

Der Kardinal erzielte noch einen weiteren Erfolg: Nicht ohne Hilfe Gomulkas löste sich die regimetreue Organisation der »Priesterpatrioten« auf, die nicht nur die Stellung des Kardinals in Warschau erschwert, sondern auch das Vertrauen des Vatikans in Wyszynskis Führer-Rolle im polnischen Klerus gefährdet hatte.

Im Jubel der katholischen Sieger ging freilich unter, daß ihr Oberhirte die Gefälligkeiten Gomulkas mit einem für katholische Völker revolutionären Bekenntnis zur Trennung von Staat und Kirche honoriert hatte.

Formulierte Kardinal Wyszynski: »Ein Engagement des Klerus für irgendein Regime, für eine Staatspolitik oder für Parteien, die um Einfluß ringen, war nie in Übereinstimmung mit der Heiligen Schrift. Die Geschichte hat schmerzlich gezeigt, daß Versuche, irgendeine Regierung zu unterstützen, für die Kirche immer traurig endeten.«

Kardinal Wyszynski

Verleumdung erwünscht?

Partei-Sekretär Gomulka

Westliche Argumente

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