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DAS JAHRHUNDERT DER IMPERIEN: 2. Auflösung der Kolonialreiche »Verbrannte Erde«

Von Siegfried Kogelfranz
aus DER SPIEGEL 47/1998

Der General Emile Janssens war aus der belgischen Kolonie Kongo nach Hause geflüchtet, gedemütigt unter den Kolbenschlägen seiner eigenen - schwarzen - Soldaten. Auf der Fahrt durch Brüssel ließ er am Reiterdenkmal des Königs Leopold II. (1865 bis 1909) anhalten, schlug die Hacken zusammen, salutierte mit der behandschuhten Rechten und brüllte vor verdutzten Verkehrspolizisten seinen Frust heraus: »Sire, sie haben den Kongo zur Sau gemacht!«

Die theatralische Szene in Brüssel symbolisierte, im Juli 1960, das blutrünstige Ende eines der schandbarsten Kapitel der Kolonialgeschichte: Die Belgier ließen damals nach wenigen Monaten Aufruhr ihren riesigen Afrika-Besitz Belgisch-Kongo Hals über Kopf fallen, ohne die Bevölkerung auf die plötzliche Unabhängigkeit vorbereitet zu haben. Die Kapitulation der Kolonialisten stürzte die Kongovölker in ein Chaos von Bürger- und Stammeskriegen, unter dem sie bis heute leiden.

Die Belgier hatten in wenigen Jahrzehnten die Reichtümer des Kongobeckens besonders skrupellos geplündert. Aber das belgische Kolonialreich war nur Teil einer Welt der Imperien gewesen, die das 20. Jahrhundert kennzeichnet wie keines zuvor. In der zweiten Jahrhunderthälfte zerfielen die globalen Kolonialreiche, so wie bereits im ersten Viertel die kontinentalen Imperien zerbrochen waren. Zwei Weltkriege zerstörten die alte Weltordnung, die zu Beginn des Jahrhunderts noch festgefügt schien.

Die Gründerzeit, als Steuern und Dividenden aus eroberten Provinzen oder fernen Kolonien noch üppig flossen, hatte den imperialen Metropolen Prachtbauten wie die Wiener Ringstraße, Brüssels breite Boulevards, Pariser Luxusavenuen, Lordsitze um London beschert. Die Bürger wiegten sich in trügerischer Sicherheit, nur wenige warnten, daß dies die Ruhe vor einem kommenden Sturm sei - jenem Stahlgewitter, das 1914 losbrach.

»Wenn die Monarchie schon zugrunde gehen soll, dann möge sie wenigstens in Ehren untergehen«, grummelte ahnungsvoll der greise Kaiser Franz Joseph I. von Österreich, als er im Sommer 1914, nach dem Mord am Thronfolgerpaar in Sarajevo, Serbien den Krieg erklärte. Zwei Jahre später starb der Übervater eines Dutzends europäischer Völker, die er 68 Jahre lang regiert hatte. Nach noch mal zwei Jahren war der Krieg verloren und das Habsburger-Reich verschwunden.

Zugleich mit der k. u. k. Monarchie vergingen auch die beiden anderen Vielvölkerimperien, die Europas Schicksal jahrhundertelang geprägt hatten: das russische Zarenreich und das Imperium der Osmanen.

Der letzte Habsburger-Kaiser Karl I. wurde 1919 von der österreichischen Republik ins Exil geschickt. Den letzten der 37 Sultane von Istanbul, Mehmet VI., schmuggelten britische Besatzer 1922 nächtens aus seinem Palast auf ein Kriegsschiff und schafften ihn heimlich außer Landes. Den letzten Romanow, Zar Nikolai II., meuchelten die Bolschewiki bereits im Sommer 1918 samt seiner Frau und fünf Kindern in der Ural-Stadt Jekaterinburg.

Im letzten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts zerbrach nach drei Generationen auch noch das allerletzte Imperium, das auf Trümmern eines untergegangenen begründet worden war. Das Sowjetreich hatte sich entgegen aller historischen Erfahrung wie auch seiner eigenen Lehre im Besitz der Zukunft gewähnt. Es war wie die Vorgänger an ökonomischer Überlastung sowie am Nationalismus seiner allzu vielen Völker gescheitert, den es im Namen eines »sozialistischen Internationalismus« ideologisch für überwunden geglaubt hatte.

Keines der Weltreiche überdauerte zeitlich ihr Vorbild, das Imperium Romanum: nicht das »Oströmische« Reich von Byzanz, dem die muslimischen Osmanen 1453 mit der Eroberung Konstantinopels den Garaus machten; nicht das »Heilige Römische Reich Deutscher Nation«, mehr Mythos als Realität, dessen Krone der Habsburger Franz II. 1806 zugunsten einer hausbackenen österreichischen Kaiserwürde ablegte.

Von längerer Dauer als das römische war auch das größte aller Weltreiche, das Britische Empire, nicht, obschon es sich gern mit Rom verglich.

Allein die Japaner beriefen sich für ihr Imperium, das sie mit ihren Bajonetten in Asien abgesteckt hatten, das aber alsbald in der atomaren Apokalypse von Hiroschima unterging, nicht auf das Alte Rom: Da sie ihren Kaiser als direkten Sproß der Sonnengöttin Amaterasu sahen, war er nicht von Gottes Gnaden, sondern selbst Gott.

Mit dem Kollaps von Kontinentalreichen und Kolonien rund um den Globus wurde nach zwei Weltkriegen auch jenes Dogma begraben, auf dem sie beruhten und von dem noch Deutschland unter Adolf Hitler besessen war - daß Macht und Zukunft eines Staates von ständig zu erweiterndem »Lebensraum« und der Beherrschung möglichst großer kontinentaler oder überseeischer Gebiete abhingen.

An die Stelle dynastischer, militärischer oder politischer Macht ist die ökonomische getreten. Die Globalisierung verdrängt den Imperialismus alter Art. »Die Universalreiche wurden von Wirtschaftsimperien überlagert und abgelöst. Sie sind die Großmächte der Zukunft«, schreibt der Historiker Alexander Demandt in »Das Ende der Weltreiche«.

Den Völkern, die nach den verheerenden Zusammenbrüchen »endgültig im Freien standen«, so der Habsburger-Biograph Gerhard Herm, ist die neu gewonnene Freiheit so gut nicht bekommen. Oft stürzten sie sich in blutige Konflikte um das Erbe der Unterdrücker oder unterwarfen sich hausgemachten Usurpatoren, vom Balkan bis tief nach Afrika, vom Kaukasus bis ans Ende Asiens.

So macht sich mitunter Nostalgie breit, verklärt sich die gestern verfluchte Knecht-

* Der serbische Nationalist Gavrilo Princip ermordet am 28. Juni 1914 das österreichische Thronfolger-Paar: Illustration aus dem »Petit Journal« vom 12. Juli 1914.

schaft heute zur guten alten Zeit, bei Unterdrückern wie Unterdrückten. Winston Churchill hatte nach dem Ersten Weltkrieg als dessen »größte Tragödie« den Zerfall der k. u. k. Monarchie empfunden: »Es gibt keine einzige Völkerschaft oder Provinz des habsburgischen Reiches, der die Unabhängigkeit nicht jene Qualen gebracht hätte, wie sie von Dichtern und Theologen für die Verdammten der Hölle prophezeit wurden.«

Für die in sich so widersprüchliche Monarchie zogen noch 1914 auch Regimenter der slawischen Bevölkerungsmehrheit aufs Schlachtfeld, die von Deutschen und Magyaren am härtesten unterdrückt wurde. Und wie eine späte Rechtfertigung klang, was der tschechische Historiker Frantisek Palacký den Habsburgern bescheinigt hatte: »Wahrlich, existierte der österreichische Kaiserstaat nicht schon längst, man müßte im Interesse Europas, im Interesse der Humanität selbst sich beeilen, ihn zu schaffen.« Ein »Kakanier« wie aus dem Bilderbuch, der Schriftsteller Gregor von Rezzori, 1914 in Czernowitz geboren (gestorben im April 1998), pries das verlorene Reich gar als »Zivilisationsgebärde der Menschheit«.

Tatsächlich kennt die Geschichte schlimmere Tyranneien als die großen Imperien. Die waren ja nicht nur Völkergefängnisse, sondern auch kosmopolitische Gesellschaften, in denen die Eingemeindeten oft selbst höchste Würden und Ämter erreichen konnten. Von Wien, Moskau, London, Paris und Istanbul ging nicht nur Zwangsherrschaft aus, sondern auch Friedensgarantie für die Untertanen - zumindest solange sie nicht ernsthaft aufbegehrten.

Die vielgeschmähte habsburgische Doppelmonarchie, deren Dynastie sich mit elf Königstiteln, darunter dem von Jerusalem, sowie einer Unzahl von Herzogwürden, darunter der von Auschwitz, schmückten, hat ihren zuletzt über 50 Millionen Bürgern jahrzehntelang Sicherheit, Ordnung, eine solide Verwaltung, sogar geregeltes Auskommen garantiert. Als »Vorläufer Paneuropas« rühmen wohlgesinnte Historiker rückblickend das Reich, das von Mailand bis Czernowitz reichte.

Und der Balkan erlebte unter den Osmanen, was Griechen oder Serben allzugern verdrängen: eine multikulturelle und multireligiöse Gesellschaft, die stabilste Periode seiner ganzen Geschichte.

Auch nach der Pax Britannica des Empire sehnen sich insgeheim etliche der von heimischen Potentaten geschundene Völker zwischen der Westküste Afrikas und dem Südchinesischen Meer zurück. Darauf baute Londons »Eiserne Lady« Margaret Thatcher, als sie 1982 auf den fernen Falklandinseln den letzten Kolonialkrieg des 20. Jahrhunderts ausfocht und ihren Commonwealth-Kollegen predigte, sie sollten sich glücklich schätzen, einmal unter dem Union Jack regiert worden zu sein.

Und die Mächtigen der ehemals französischen Kolonien in Afrika rufen gern nach Fallschirmjägern aus dem einstigen Mutterland, um vorübergehend etwas Ordnung in ihre unruhigen Gemeinwesen zu bringen. Schließlich sehen viele Völker der einstigen Sowjetmacht, verglichen mit dem ausweglosen Chaos der Gegenwart, in der gemeinsamen Vergangenheit das kleinere Übel - innerhalb nur einer Generation.

Doch einen Weg zurück gibt es nicht, auch wenn das fast lautlose Verröcheln des roten Imperiums noch nicht das »Ende der Geschichte« bedeutete, wie der amerikanische Geschichtsphilosoph Francis Fukuyama vorschnell prophezeit hatte.

Denn noch sind die anderen, die bösen Hinterlassenschaften der Herrscher von gestern, lange nicht bewältigt. Sosehr deren vermeintlicher Segen Nostalgie wecken mag, so sehr beschäftigt der Fluch ihrer Epoche die Gegenwart: vom immer wieder aufbrechenden Balkankrieg bis zum Völkermorden ohne Ende in Afrika und einem oft menschenverachtenden Fundamentalismus in Asien.

Mögen die Imperien in ihren Blüteperioden Stabilität innerhalb ihrer Grenzen notfalls mit Waffengewalt garantiert haben, so haben sie durch rastlose Expansion und Unterjochung immer neuer Völker viele jener Probleme erst geschaffen, mit denen sich die Welt jetzt leidvoll herumschlagen muß.

Über jeweils einem Dutzend auseinanderdriftender Nationalitäten hatten Habsburger und Osmanen geherrscht. Auf über hundert Völker brachten es die Zaren und KP-Generalsekretäre im Kreml. Ein vielrassiges, vielsprachiges und vielgläubiges Völkergemisch hatten die Briten unter dem Schirm ihres Empire versammelt, als es nach dem Ersten Weltkrieg seine größte Ausdehnung erreichte. So sind auch die Konflikte in dem Vakuum, das die Herren allesamt hinterließen, weltumspannend.

Der Palästina-Konflikt ist ein Beispiel - Produkt der britischen Mandatspolitik, die Juden und Araber erst gegeneinander ausspielte und dann den Kram hinwarf. Ein anderes ist Indien/Pakistan, deren Erbfeindschaft erst von den britischen Eroberern bei ihrem Abzug geschaffen wurde und die sich seit dem Frühjahr 1998 sogar gegenseitig mit Atomwaffen bedrohen.

Das Ende des vornehmlich zusammengeheirateten Habsburger-Reiches, in dem einst unter Karl V. die Sonne nicht unterging, war schlicht das Ergebnis von »fünfzig Jahren schlechter Politik«, so der k. u. k. Politiker Stefan Graf Batory. Die Donaumonarchie hatte sich nach dem Revolutionsjahr 1848 ganz der Reaktion verschrieben und damit sich selbst jeden reformerischen Fortschritt verbaut.

Das Osmanische Reich war, als das Jahrhundert anbrach, von einer »Geißel der Menschheit« und dem »Schrecken der Welt« zum »kranken Mann am Bosporus« degeneriert, von militärischen Niederlagen und von innenpolitischen Konflikten zwischen westlich-aufgeklärten »Jungtürken« und traditionell-islamischen Kräften geschwächt. Auf ihn stürzten sich die anderen Imperialisten, Aasgeiern gleich.

Die Russen hatten sich den Kaukasus unterworfen und gierten nach dem Ausgang des Schwarzen Meeres durch Bosporus und Dardanellen. Die Briten griffen nach dem arabischen Südteil des Sultanreiches, machten sich Ägypten zum Protektorat. Frankreich bediente sich mit Algerien und Tunesien aus dem wohlfeilen Türkenerbe. Die Italiener, Zuspätgekommene beim Wettlauf um koloniale Beute, setzten sich an der Küste Libyens fest. In zwei überaus blutrünstigen Balkankriegen befreiten sich die südosteuropäischen Völker von jahrhundertelanger Türken-Tyrannei, um dann sogleich übereinander herzufallen und sich damit selbst um ihre Siege zu betrügen.

Am Vorabend des Ersten Weltkriegs herrschte der Sultan trotz alledem noch über 1,8 Millionen Quadratkilometer - vom Balkan über Anatolien bis zum Persischen Golf und dem Roten Meer. Dann marschierten die Osmanen auf der falschen - deutsch-österreichischen - Seite in den Krieg, womit sie das Schicksal ihres Imperiums besiegelten.

Sie schlugen zwar noch eine glorreiche Abwehrschlacht, als sie ein alliiertes Expeditionskorps auf der Dardanellen-Halbinsel Gallipoli zum Rückzug zwangen - ungefähr dort, wo sie knapp 600 Jahre zuvor erstmals europäischen Boden betreten hatten.

Doch fortan brachen nur noch Katastrophen über den maroden Osmanenstaat herein. Um eine vermutete Kollaboration mit den vorrückenden Russen zu verhindern, deportierten die Türken die Armenier aus Ostanatolien in die mesopotamische Wüste und machten sich damit eines von ihnen bis heute bestrittenen Völkermordes schuldig.

Aus ihren arabischen Territorien wurden sie durch einen von den Briten (unter dem ebenso gefeierten wie umstrittenen Lawrence von Arabien) geschürten Aufstand vertrieben. Nach dem Waffenstillstand am 30. Oktober 1918 machten sich die Entente-Mächte mit einer an Leichenfledderei grenzenden Beutegier über die Rest-Türkei her. Ziel ihres Diktatfriedens von Sèvres (1920) war, so Londons Außenminister Lord Curzon, »das Ende der osmanischen Herrschaft in Konstantinopel«, um »ein für allemal ein Problem zu regeln, das stärker als jeder andere Faktor das Leben in Europa fast 500 Jahre lang beeinträchtigt hat«.

Britische Besatzer kommandierten in Konstantinopel drei Jahre lang. Die Italiener rissen Ägäisinseln an sich und besetzten, wie auch die Franzosen, Küstenprovinzen am Mittelmeer. Im Osten gingen Armenier und Kurden mit dem Segen der Sieger daran, eigene Staaten auszurufen. Schließlich versuchten die Griechen, die »das Verschwinden des Türkenreiches« als »wichtigstes Ergebnis des großen Krieges« bejubelt hatten, ihren Traum von der »Megali Idea« zu verwirklichen: Großgriechenland beiderseits der Ägäis bis tief ins anatolische Hinterland.

Vom einst so furchterregenden Osmanischen Reich, das sich vom ungarischen Donauknie bis zum Schatt el-Arab etabliert hatte und bei seinem Vormarsch gegen das Abendland zweimal erst vor den Toren Wiens gescheitert war, blieben am Ende bloß einige Steppenprovinzen rund um das zentralanatolische Angora (von 1930 an Ankara) übrig. Da aber erstand den Türken unverhofft ein Retter.

General Mustafa Kemal, der mit seinem Regiment ("Ich befehle euch zu sterben") Gallipoli glorreich verteidigt hatte, putschte sich an die Spitze einer revolutionären Reformbewegung. Er mobilisierte die letzten Kräfte der Anatolier und vertrieb die griechischen Armeen aus der Türkei, zusammen mit 1,5 Millionen Zivilisten. Dann zerstörte er den Traum der Armenier und Kurden auf eigene Staaten.

Der General setzte seinen Sultan ab und formte mit brachialer Gewalt das islamische Restreich zu einer modernen laizistischen Republik um. Nie ist jemand radikaler mit dem Islam verfahren als der Muslim Kemal. Er schmähte den Glauben, für den seine Landsleute so oft in »Heilige Kriege« gezogen waren, als »absurde Theologie eines unmoralischen Beduinen, ein in Fäulnis übergegangener Kadaver, der unser Leben vergiftet«.

Den kampfesmüden Weltkriegssiegern rang Atatürk, der Vater der Türken, so sein späterer Ehrentitel, in Lausanne einen neuen Friedensvertrag ab. Der sicherte den Türken 1923 ihr heutiges Staatsgebiet - mit immer noch einem Fuß in Europa, der Ankara gerade jetzt, wo es sich von Europa verschmäht fühlt, so wichtig ist. Der aus Trümmern gerettete Staat hält, wenngleich mit gewalttätigen Eruptionen, bis heute.

Und was ist aus den seit über 500 Jahren zusammengerafften und von ihren Schöpfern wie deren Erben für eine Ewigkeit gedachten Kolonialreichen geworden?

Deren Glanzstück war und blieb das Britische Empire. Um die Jahrhundertwende, da »war die Erde Englands Auster«, so der Historiker Eric Hobsbawn. Damals, unter der 1,55 Meter kleinen Königin Victoria, die ihre höchste, die Kaiserwürde sowie die reichsten Steuereinnahmen aus ihrer Kronkolonie Indien bezog, war alles britisch, was Weltkarten blaßrot zeigten. Diese Flächen beherrschten jeden Erdteil, blaßrote Punkte besprenkelten alle Ozeane.

»Gewaltiger als alle Eroberungen der Römer und Alexander des Großen, Dschingis Khans, der Kalifen und Napoleons«, so die Autoren des Bestsellers »Um Mitternacht die Freiheit«, Collins und Lapierre, war jenes britische Fünftel des Planeten mit einem Viertel der Menschheit. In 600 Territorien, viele »East of Suez«, zusammen fast hundertmal so groß wie das Mutterland, galt »Rule Britannia«, darunter die kontinentgroßen Gebiete wie Kanada, Südafrika, Indien und Australien.

Noch nicht genug für Imperialisten vom Schlage eines Cecil Rhodes. Der Diamantenkönig vom Kap hatte nebst seinem Nahziel, ganz Afrika britisch zu machen, globale Visionen: Das Herrenvolk von der feuchtkalten Insel sollte das Heilige Land besetzen, aber auch Südamerika, Indonesien sowie die Küsten Japans und Chinas. Die USA sollten zurückerobert, die ganze Welt der Pax Britannica unterworfen werden, mit Englisch als Amtssprache, denn: »Wir sind das überlegenste Volk. Je mehr uns von der Welt gehört, um so besser für die menschliche Rasse.«

Das war die glorreiche Zeit, in der es »so herrlich war, jung und Engländer zugleich zu sein«, wie der Schriftsteller George McDonald Frazer jubelte. Der in Bombay geborene Empire-Poet Rudyard Kipling verbreitete in Millionenauflage imperialen Patriotismus, etwa daß die Herrschaft über das Kronjuwel Indien »von der Vorsehung auf die Schultern der britischen Rasse gelegt wurde«.

Das sahen die Beherrschten nicht ganz so. Die Buren in Südafrika etwa, selbst rassistische Kolonialisten, wurden zu Jahrhundertbeginn von der größten Streitmacht überfallen, die das Empire bis zum Ersten Weltkrieg je einsetzte, 300 000 Mann. Viele wurden von ihrer Scholle weg in Konzentrationslager getrieben, in denen 25 000 starben.

In Australien, einst Englands Sibirien, wohin 160 000 Strafgefangene, später auch Waisenkinder deportiert wurden, fielen fünf Sechstel der Aborigines dem britischen Landraub zum Opfer. In Indien ließ 1919 General Dyer in Amritsar eine friedfertige Versammlung zusammenschießen, bis niemand sich mehr rührte. Resultat: fast 400 Tote und 1200 Verwundete.

Natürlich erregte dieses Riesenreich, das britische Kaufleute, Matrosen, Soldaten und Abenteurer für die Krone zusammengerafft hatten, den Neid weniger erfolgreicher Nationen. Entgegen einem vielzitierten viktorianischen Aphorismus, London habe dieses weltweite Imperium eigentlich gar nicht gewollt, verteidigten die Engländer ihren Besitz mit Zähnen und Klauen gegen potentielle Widersacher.

Zur Sicherung der Land- und Seewege des Empire meinten sie dieses immer weiter ausdehnen zu müssen. In Asien spielten sie mit dem an Indiens Grenzen heranrückenden Zarenreich, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in eigenen Kolonialfeldzügen ganz Zentralasien unterworfen hatte, ihr berühmtes »Great Game«, dem Kipling den Namen gab.

Derweil brach in Afrika kurz vor der Jahrhundertwende beinahe ein Krieg mit

* Im Sepoy-Aufstand 1857/1858; Gemälde von Wassilij Wereschtschagin (1842 bis 1904).

Frankreich aus, als der französische Hauptmann Marchand, der aus dem Kongo durch den Kontinent bis zum Weißen Nil im Sudan vorgedrungen war, in Faschoda die Trikolore hißte. Dort stoppte ihn der britische General Kitchener.

Frankreich hatte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sein erstes, nordamerikanisches Kolonialreich vornehmlich an die Briten verloren, sich aber danach ein zweites Überseeimperium aufgebaut: fast ganz Westafrika, Französisch-Indochina und große Südsee-Archipele.

Auf die noch nicht verteilten Restbestände stürzten sich neben Italienern und Belgiern auch die Deutschen, deren Wilhelm II. im Wettstreit mit seinen britischen Verwandten ebenfalls offensive »Weltpolitik« betreiben und auch den Deutschen einen »Platz an der Sonne« sichern wollte.

Er verabschiedete den deutschen Teil eines internationalen Expeditionskorps unter dem Generalfeldmarschall ("Weltmarschall") Waldersee, das 1900 zur Niederwerfung des Boxeraufstandes nach China entsandt wurde, mit seiner berüchtigten »Hunnenrede": »Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht ... Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht haben ... so möge der Name Deutscher auf eintausend Jahre durch euch in der Weise bestätigt werden, daß niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen nur scheel anzusehen.«

Der Parole gehorchend, zog das Korps der Kolonialmächte mordend und plündernd durch China, so daß selbst Waldersee sich an die Greuel des Dreißigjährigen Krieges erinnert sah. Deutsche Soldaten haben seither bei angelsächsischen Gegnern ihren »nom de guerre« weg - »the Huns«, die Hunnen. General Moltke schrieb über den Zweck des blutrünstigen Unternehmens an seine Frau: »Wenn wir ganz ehrlich sein wollen, so ist es Geldgier, die uns bewogen hat, den großen chinesischen Kuchen anzuschneiden.«

Drastischer formulierte diese Binsenweisheit imperialen Strebens eine der abstoßendsten Figuren deutscher Kolonialhistorie, der Pastorensohn Dr. Carl Peters. Der hatte Häuptlingen mit windigen Verträgen riesige Gebiete in Ostafrika abgenommen und war dafür mit dem Posten eines »Reichskommissars« über einen Teil des »Schutzgebiets« belohnt worden: »Kolonialzweck«, das war für diesen Helden der kaiserlichen Weltpolitik ohne Umschweife die »rücksichtslose und entschlossene Bereicherung des eigenen Volkes auf anderer, schwächerer Völker Unkosten«.

»Hänge-Peters«, so sein Spitzname, fiel in Ungnade, als im Reichstag darüber debattiert werden mußte, daß er seine schwarze Geliebte Jagodja hatte aufknüpfen lassen, nachdem sie mit einem anderen Schwarzen ertappt worden war. Auch den Nebenbuhler ließ Peters hängen.

Im Laufe ihrer 34jährigen Kolonialgeschichte brachten die Deutschen ferne Provinzen von fast drei Millionen Quadratkilometern in Afrika, Ostasien und auf Pazifikinseln an sich - fünfmal so groß wie das Reich. Kolonialtruppen des Kaisers und ihre eingeborenen Söldner hinterließen nach dem Maji-Maji-Aufstand in Deutsch-Ostafrika 1907 getreu dem Befehl »Plündern, brennen, Felder verwüsten« verbrannte Erde, was ein Drittel der einheimischen Bevölkerung das Leben kostete.

In der Deutschen bis heute liebster einstiger Kolonie, Deutsch-Südwest, jetzt Namibia, verübte die Schutztruppe zu Beginn dieses Jahrhunderts Völkermord an den Hereros, die sich gegen Land- und Viehraub wehrten - nach der Devise des kommandierenden Generals Lothar von Trotha, daß »diese Nation als solche vernichtet werden muß«. Vier Fünftel des Herero-Volkes wurden bis 1904 ausgerottet. Nachkommen der Opfer fordern bis heute vergebens Entschädigung.

Die Italiener setzten sich in jenen Jahren außer in Libyen noch am Horn von Afrika, in Eritrea und Somalia fest. Als sie sich Abessinien einverleiben wollten, erlebten die Soldaten König Umbertos I. ein Fiasko. Kaiser Menelik II. vernichtete 1896 bei Adua eine italienische 10 000-Mann-Armee. Vier Jahrzehnte später nahm Diktator Mussolini grausige »Rache für Adua«. Sei-

* Mit dem Maharadscha von Bikaner, 1948.

ne Invasoren warfen aus Flugzeugen Senfgas-Bomben auf die Äthiopier.

Als der Belgierkönig Leopold II., der nach »einem Stück vom wundervollen afrikanischen Kuchen« lechzte, 1885 ins Kolonialgeschäft einstieg, schützte er hehre Ziele vor. Er wollte »das Licht der Zivilisation in die Finsternis des Schwarzen Kontinents bringen«. In Wahrheit akquirierte er zweieinhalb Millionen Quadratkilometer im Herzen Afrikas, gar nicht mal für sein Land, sondern als persönlichen Besitz, womit er zum größten Grundbesitzer der Geschichte aufstieg. Immerhin mußte er 1908 angesichts weltweiten Aufruhrs über die unter seiner Regentschaft verübten »Kongo-Greuel« den sogenannten Freistaat an seine Regierung abtreten. Die Kolonie war 80mal so groß wie das Mutterland.

In seiner Kongo-Erzählung »Herz der Finsternis«, in der er von gepfählten Negerköpfen um den Posten eines belgischen Kautschuk-Agenten namens Kurtz berichtet, spricht der Schriftsteller Joseph Conrad von »der schlimmsten Ausbeutung, die jemals menschliches Gewissen beleidigte«. Der britische Konsul Roger Casement sammelte 1903 Beweise aus der »Privatdomäne König Leopolds«, dieser »wahren Hölle auf Erden«, deren »einziger Zweck es war, dem Souverän ein Maximum an Einnahmen zu bringen«.

Die damals entstehende Fahrrad- und Autoindustrie benötigte Kautschuk für Reifen. Kautschukbäume wuchsen wild im Dschungel des Kongo. Zu seiner Gewinnung überzogen die Belgier das Riesenland mit einem grausamen Zwangsarbeiter-System. Jedes Eingeborenen-Dorf mußte entsprechend seiner Einwohnerzahl eine bestimmte, von Agenten festgelegte Menge Kautschuk liefern. Bei Nichterfüllung der Quote wurden die Dorfbewohner mißhandelt, verstümmelt oder gleich totgeschlagen. Zur berüchtigten Spezialität der Kongo-Ausbeuter und ihrer Hilfstruppen gehörte das Abhacken der Hände säumiger Kautschuk-Sammler. Die Exekutoren räucherten die Hände, um sie haltbar zu machen, und brachten sie als Beweis ihrer Effizienz körbeweise zu ihren weißen Agenten.

Mit dem Export von Kautschuk, Elfenbein und Palmöl verdienten die Konzessionäre und ihr König Unsummen, die es Leopold ermöglichten, Brüssel imperialen Glanz zu verleihen, während die Kolonie »in Blut schwamm«, so die Klage von Missionaren: Die Einwohnerzahl des Kongo-Reiches sank unter dem Regime Leopolds von über 20 Millionen auf 8,5 Millionen.

Brüssel hielt die Schwarzen gezielt ungebildet. Für Eingeborene gab es keine höheren Schulen. Als Belgien seine Kolonie 1960 fallenließ, hatten im ganzen Kongo gerade ein Dutzend Schwarze einen akademischen Grad. Folge dieser gezielten Unterentwicklungspolitik waren heimische Herrscher wie Lumumba, Mobutu, Kabila - und mit ihnen Kongo-Greuel bis auf den heutigen Tag.

Zur letzten imperialen Weltmacht neben den sowjetischen Zaren-Erben wuchs zu Beginn dieses Jahrhunderts Japan heran. Die Nachfahren der Samurai führten beinahe das halbe Jahrhundert über für ihr Großreich-Streben Krieg. Sie demütigten 1904 das 60mal so große Zarenreich, als sie die aus der Ostsee herangedampfte russische Flotte in der Korea-Straße versenkten und die Festung Port Arthur stürmten. Ihre Beute waren die halbe Insel Sachalin und Teile der Mandschurei. 1910 annektierte Tokio Korea, im Ersten Weltkrieg erbte es die meisten deutschen Pazifik-Inseln.

Die Japaner leisteten sich einen offenen, rigiden Militärimperialismus. Trotz ihres Schlachtrufes »Asien den Asiaten« verachteten sie ihre chinesischen oder koreanischen Nachbarn als degeneriert oder primitiv und behandelten sie entsprechend. 1937 metzelte die japanische Armee im Blutrausch 300 000 Einwohner der Stadt Nanking wahllos nieder, spießte Babys auf Bajonette , schlitzte Föten aus schwangeren Frauen, begrub Gefangene lebendig. Dieses Massaker, das in der Kriegsgeschichte seinesgleichen sucht, leugnen die Japaner ungeachtet aller Beweise bis heute.

15 Jahre lang wüteten sie in China. Von dort aus marschierten sie nach Französisch-Indochina weiter. Als die USA ihnen mit einem Ultimatum Einhalt gebieten wollten, antworteten die Japaner 1941 mit dem Überfall auf Pearl Harbor und der Besetzung Britisch-Malayas. Unter dem Vorwand, eine »Großostasiatische Wohlstandssphäre« für alle Asiaten schaffen zu wollen, eroberten sie die Philippinen, fast das gesamte holländische Kolonialreich in Südostasien und drangen über Burma gar bis zur Grenze Indiens vor.

Aber mit Amerika als Gegner hatten die Japaner sich übernommen. Unter den Bombenteppichen auf die Mutterinseln, die im atomaren Inferno von Hiroschima und Nagasaki ihren Höhepunkt erreichten, zerbrachen die Weltreich-Träume Nippons. 20 Millionen Asiaten starben. Den Generalspremier Hideki Tojo henkten die Amerikaner dafür als Kriegsverbrecher. In Japan gilt er als Patriot.

Und doch tat Tokio auch etwas für Asien: Japans Siege über Russen, Briten, Franzosen, Holländer hatten den Asiaten gezeigt, daß die weißen Herren nicht unschlagbar waren. Die Kolonialvölker begehrten auf. Als erste befreiten sich die Indonesier, obwohl die kleinen Niederlande noch 1945, kaum der Nazi-Besatzung ledig, 180 000 Soldaten auf die ostindischen Inseln schickten, um die Kolonie zu halten, aus der sie vor dem Krieg bis zu einer halben Milliarde Gulden jährlich herausgesogen hatten.

Ihre Soldateska führte sich auf den fernen Eilanden auf wie vorher die Nazis in den besetzten Niederlanden. Sie massakrierten Tausende Zivilisten, nahmen, was ihnen gefiel. Söldnerführer Raymond Westerling, genannt »Turko«, nach eigenem Zeugnis Genickschuß-Experte, machte sich damals einen auf Java bis heute verfluchten Namen. Erst jetzt gehen die Holländer zögernd daran, sich dieser wenig rühmlichen Vergangenheit zu stellen.

Die vom Krieg gegen Hitler erschöpften Briten gaben das Juwel ihres Empire, Indien, nach der Abwahl des Kriegspremiers Winston Churchill kampflos auf. Dennoch geriet ihnen der euphemistisch »Transfer of Power« genannte Rückzug zu einem mörderischen Fiasko, freilich für die Befreiten.

Die Labour-Regierung des Premiers Clement Attlee schickte einen Vetter des Königs, den kriegsgestählten Admiral Lord Mountbatten, als letzten Vizekönig nach Delhi. Er sollte England ungeschoren aus einem Subkontinent herausbringen, dessen 400 Millionen Menschen schon lange unter dem Gewaltlosigkeitsapostel Gandhi gegen die Britenherrschaft aufbegehrt hatten. Doch Indiens fast 100 Millionen Muslime unter ihrem fanatischen Führer Mohammed Ali Dschinnah wollten ihr eigenes Indien, nicht das der Hindu-Mehrheit.

Um ein Blutbad zu verhindern, wie er meinte, stimmte Mountbatten einer Teilung des Landes zu - und beschwor damit das Blutbad erst herauf. Denn die von den Briten überhastet gezogenen Grenzen zerrissen traditionell gemischt besiedelte Provinzen wie Pandschab und Bengalen. Während in Delhi und Karatschi die Regierungen Indiens und Pakistans ihre Unabhängigkeit feierten, gingen ihre Völker einander an die Kehle.

Zwölf Millionen Menschen flüchteten vor grauenvollen Massakern Hals über Kopf - Hindus und Sikhs nach Indien, Moslems nach Pakistan. Über eine Million Menschen fielen Mordorgien zum Opfer. »Was für eine Hölle hat uns diese Teilung gebracht«, klagte Indiens Premier Nehru, als er mit seinem pakistanischen Kollegen Liakat Ali Khan zusammen Stätten von Massenmorden besuchte, »wir waren doch Brüder, wie konnte das geschehen?« Liakats hilflose Antwort: »Unsere Völker sind verrückt geworden.«

Wenige Wochen später führten die beiden Nachbarn den ersten von - bislang - drei Kriegen gegeneinander, um die Himalaja-Provinz Kaschmir. In der schießen sie heute noch fast täglich aufeinander.

Britannien stürzte sich danach noch selbst in Kriege um Kolonien und Treuhandgebiete, unter anderem in Palästina, in Kenia, auf Zypern, in Aden. Als Indonesien Mitte der sechziger Jahre nach Territorien

* Der Mörder des deutschen Gesandten Klemens von Ketteler wird enthauptet.

der früheren Briten-Besitzung Malaysia auf Nordborneo griff, halfen Britentruppen bei der Abwehr.

Symbolischer Abschied vom Empire war die Übergabe der kapitalistischen Glitzermetropole Hongkong an China am 1. Juli 1997. Da weinte die Familie des Gouverneurs Chris Patten, als sie aufs Schiff stieg, das sie heim nach England brachte.

Heute sind vom Weltreich nebst Gibraltar nur noch ein paar weitverstreute Inselchen übrig. Deren zusammen etwa 100 000 Bewohnern schenkte London in diesem Jahr Pässe, die sie berechtigen, sich im Mutterland niederzulassen.

Verbissener als die Briten klammerten sich andere Kolonialmächte an ihre Überseebesitzungen, vor allem Frankreich. In Indochina hatte die Befreiungsbewegung Vietminh unter dem kommunistischen Revolutionär Ho Tschi-minh nach dem Abzug der Japaner 1945 eine unabhängige Republik Vietnam ausgerufen. Französische Kriegsschiffe beschossen daraufhin die Hafenstadt Haiphong und töteten 6000 Einwohner. Ho erklärte Paris den Krieg. Der dauerte acht Jahre, bis Frankreich, das eine halbe Million Soldaten auf das Schlachtfeld geschickt hatte, mit dem Fall der Festung Dien Bien Phu im Mai 1954 sein indochinesisches Stalingrad erlebte.

Die USA, die zuletzt die Hälfte der Kriegskosten trugen, hatten es abgelehnt, zur Rettung der französischen Kolonie Atomwaffen einzusetzen, wie von Paris gefordert. 90 000 Europäer, darunter 15 000 deutsche Fremdenlegionäre, und Hunderttausende Vietnamesen waren ums Leben gekommen, bevor Paris sein Indochina-Abenteuer auf der Genfer Konferenz von 1954 abschloß. Vietnam wurde geteilt - Keim für den nächsten, noch viel blutigeren Krieg, den die Amerikaner verloren.

Kaum waren die geschlagenen Soldaten aus Indochina heimgekehrt, wurden sie in die nächste Kolonialschlacht geschickt. Paris, das seine Nordafrika-Besitzungen Marokko und Tunesien hatte ziehen lassen, betrachtete Algerien als integralen Teil des Mutterlandes - über eine Million (überwiegend französischer) »colons« siedelten dort.

Die Regierung dekretierte kategorisch: »Eine Trennung ist nicht denkbar.« Ende 1954 begann der algerische Aufstand, der acht Jahre dauerte, 20 000 Franzosen und Hunderttausende Algerier das Leben kostete und das Mutterland in eine tiefe politische wie moralische Krise stürzte.

Denn in Algerien hat Frankreichs Armee frühkoloniale Greuel verübt. Teile der Bevölkerung wurden in Lagern interniert, um der Guerrilla den Boden zu entziehen. Ein Todeszaun wie am Eisernen Vorhang mit Starkstrom-Stacheldraht und Minenfeldern sperrte die Grenze gegen Tunesien. Fallschirmjägergeneral Massu räucherte 1957 die Kasbah von Algier grausam aus.

Massaker an Zivilisten waren ebenso gebräuchliche Mittel der Kriegsführung wie Folter, durch die, wie Generalinspekteur Wuillaume offen rühmte, »erstklassige Resultate« erzielt wurden. Dazu gehörten Totprügeln, Vergewaltigen im Beisein von Angehörigen, Elektroschocks an Genitalien, Hochdruckklistiere in Mund und After zugleich, Anketten in glühender Sonne ohne Wasser, systematischer Schlafentzug. Erst Staatschef Charles de Gaulle - eigentlich gerufen, um Algerien zu halten - machte dem Grauen Anfang der sechziger Jahre ein Ende, wofür ihn faschistoide Militärs mit Mordanschlägen verfolgten, denen der General nur knapp entkam.

Am längsten hielt jenes bitterarme kleine Land am Rande Europas an seinem großen Überseereich fest, das eine der allerersten Kolonialmächte gewesen war - Portugal. Bis in die siebziger Jahre kämpften 150 000 Soldaten des Neun-Millionen-Staates in Afrika, um seine Kolonien im Namen einer imaginären »Lusitanischen Gemeinschaft«, die 23mal so groß wie das Mutterland war, mit dem Gewehr bei der Stange zu halten.

»Wir verteidigen in Afrika nicht irgendeine Zivilisation, sondern die Zivilisation überhaupt«, tönte Premier Marcello Caetano, während seine Soldaten mit Minen, Lagern, verbrannter Erde und Folter gegen die Befreiungsbewegungen in Mosambik, Angola und Guinea-Bissau wüteten. »Wir sind seit 500 Jahren in Afrika, wir werden auch noch 50 Jahre bleiben«, beharrte Lissabon noch, kurz bevor die kriegsmüden Kolonialsoldaten 1974 mit ihrer »Nelkenrevolution« das autoritäre eigene Regime stürzten und Portugal dahin zurückführten, wohin es in der heutigen Welt gehört - nach Europa.

Es gibt keine Kolonialreiche mehr, aber noch viele ihrer hinterlassenen Probleme. Neokolonialismus geht von ökonomischen Interessen aus, bedient sich aber einheimischer Figuren, wie es die Franzosen mit dem Kannibalen-Kaiser Bokassa der Zentralafrikanischen Republik taten.

Reue über koloniale Untaten findet sich bei den einstigen Kolonialisten selten. Nur Amerikas Bill Clinton, sonst im Entschuldigen eher unbeholfen, hat sich bei seinem Afrika-Besuch im März 1998 für jenes unsägliche Elend entschuldigt, das jahrhundertelanger Sklavenhandel über Dutzende Millionen Schwarze brachte, während Städte wie Liverpool damit Profite wie im Drogenhandel scheffelten. Die Dänen hingegen weigern sich bis heute, über ihre lukrativen Sklavengeschäfte während des 17. Jahrhunderts in der Karibik auch nur zu reden, desgleichen die Holländer, die als grausamste aller Sklavenhalter galten und die Sklaverei als eine der letzten europäischen Nationen 1863 gesetzlich abschafften.

Die wenigsten Kolonialmächte haben ihre Überseebesitzungen aus moralischer Überzeugung aufgegeben. Sie ließen sie fallen, als die Verwaltung der ausgepowerten Völker zum schlechten Geschäft geworden war - oder sie die Befreiungsbewegungen nicht mehr bändigen konnten.

Was haben sie hinterlassen in jenem Teil der Welt, der abschätzig die »Dritte« heißt? Nur Chaos wie im Kongo, tückische Diktaturen wie im Irak oder Burma, fundamentalistische Fanatiker wie die afghanischen Taliban, diese Wechselbälger eines sowjetischen Spätimperialismus und der Briten-Schöpfung Pakistan?

Oder eben auch Demokratie, wie in dem Fast-Milliarden-Staat Indien, der sich - bei allen Unzulänglichkeiten - mit Recht »größte Demokratie der Welt« nennt? Es ist wohl wie bei der k. u. k. Monarchie, die nach Ansicht mancher Historiker durch den balkanischen Hexenkessel sozusagen noch postum bestätigt wird.

Die Imperien waren Relikte einer anderen Zeit. Zu halten waren sie über dieses Jahrhundert hinaus nicht mehr. Die Völker waren der Regime fremder Herren überdrüssig - auch wenn die eigenen Herren, die ihnen folgten, oft noch schlimmer waren.

Siegfried Kogelfranz, 64, schreibt seit 1962 für den SPIEGEL, unter anderem als Korrespondent in Moskau. Er ist Autor zeitgeschichtlicher Bücher ("Das Erbe von Jalta").

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Nationalitäten in Österreich-Ungarn um 1900

Die Habsburger Monarchie 1914

Das Osmanische Reich

Wichtige europäische Kolonialmächte zwischen 1870 und 1914

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Nationalitäten in Österreich-Ungarn um 1900

Die Habsburger Monarchie 1914

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Wichtige europäische Kolonialmächte zwischen 1870 und 1914

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* Der serbische Nationalist Gavrilo Princip ermordet am 28.Juni 1914 das österreichische Thronfolger-Paar: Illustration ausdem »Petit Journal« vom 12. Juli 1914.* Im Sepoy-Aufstand 1857/1858; Gemälde von WassilijWereschtschagin (1842 bis 1904).* Mit dem Maharadscha von Bikaner, 1948.* Der Mörder des deutschen Gesandten Klemens von Ketteler wirdenthauptet.

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