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BILDUNG Verbrannte Landschaft

Noch eine Reformruine? Das Bielefelder Oberstufenkolleg, als Bildungsstätte der Zukunft konzipiert, droht zu scheitern.
aus DER SPIEGEL 21/1978

Das Experiment war einzigartig, die Aufbruchstimmung euphorisch. Als Professor Hartmut von Hentig vor knapp vier Jahren sein Schulprojekt begann, da versprachen sieh Reformer wichtige Impulse für die pädagogische Forschung und Praxis. Nirgendwo sonst schienen die Voraussetzungen besser zu sein.

Eine »Laborschule«, wie es sie noch nicht gab, eine pädagogische Werkstatt für neue Unterrichtsformen gewissermaßen, und ein darauf aufbauendes »Oberstufenkolleg«, das den bruchlosen Übergang zur Universität versprach, ohne Zensuren und ohne Abitur, nahmen nach dreijähriger Planung den Betrieb auf; das Ganze eine Einrichtung der jungen Universität Bielefeld.

Hentig und seine Kollegen hatten sich einen Reformansatz einfallen lassen, der angemessen realistisch, aber auch ausreichend utopisch war, um ein noch immer verkrustetes Bildungssystem zu beleben -- aber die Utopie ist längst dahin.

Was bleibt, sind Ansätze von Ansätzen. Diese Woche machen die ersten Absolventen des Oberstufenkollegs ihren Abschluß, nun doch eine Art Abitur. Und daß sie vier Jahre lang nicht nur Pennäler waren, sondern quasi schon studiert haben, das wollen 19 von ihnen vom Fach »Gesundheitswissenschaftliches Propädeutikum« demnächst gerichtlich klären lassen.

Ihr Anwalt, der Stuttgarter Alfred Breinersdorfer, will wenigstens den »Torso in einer verbrannten Bildungslandschaft« erhalten helfen, und auch für die anderen Absolventen des Kollegs sind die Chancen eher dürftig. Die Bielefelder Lehrer rennen sich, wie es ein wissenschaftlicher Mitarbeiter ausdrückt, »die Hacken ab«, um die Studenten an den Hochschulen unterzubringen.

Dabei hatte in Bielefeld alles sinnvoller sein sollen: eine Schule der Zukunft ohne Streß und Schulangst und auch ohne Noten (ein Kursus wird »erfolgreich« bestanden, oder er kann wiederholt werden). Anstelle des Abiturs war ein hilfreicherer Schulabschluß vorgesehen.

Die vierjährige Ausbildung sollte, in etwa dem amerikanischen College-System entsprechend, die Klassen der Sekundarstufe 2, der elften bis dreizehnten Klasse des herkömmlichen Gymnasiums, verklammern mit den Anfangssemestern bestimmter Hochschuldisziplinen; die Abschlußprüfung der Kollegstufe sollte schon den Zwischenprüfungen in ein oder zwei Hochschulfächern entsprechen -- eine Qualifikation, die den Kollegiaten das reguläre Hochschulstudium als »Seiteneinsteiger« ermöglicht hätte, etwa im 3. Semester, vielleicht auch noch später.

So lernen die Kollegiaten vier Jahre lang unter Bedingungen, die schon äußerlich nichts mehr mit herkömmlicher Schule zu tun haben. Unter bislang 23 Disziplinen, von der Theologie bis zur Mathematik, entscheidet sich der Kollegiat während des ersten, des Orientierungssemesters, für zwei Wahlfächer. »Die Wahl, was einer studiert, soll nicht diktiert werden von den Eltern oder einem guten Onkel oder dem Arbeitsmarkt«, so der wissenschaftliche Leiter Hentig, »sondern aufgrund einer Erfahrung mit dem Gegenstand, den einer sein ganzes Leben lang ausfüllen wird.«

Überdies setzt sich die Klientel des Bielefelder Kollegs auch nicht so zusammen wie an deutschen Gymnasien oder gar Hochschulen. »Wir wollen«, so Hentig, »daß die Rekrutierung für die akademischen Berufe anders erfolgt, als dies bisher der Fall war, besonders für Mediziner.«

Deshalb stammt, nach einem Verteiler-Schlüssel die Hälfte der Kollegiaten aus der Unterschicht; Professorenkinder, auch wenn die Väter an der Uni Bielefeld lehren, haben da wenig Aussichten. »Wir wollen die Chancenungleichheit in der Gesellschaft möglichst verringern«, so Hentig, »jedenfalls nicht vermehren.«

Soviel Unkonventionelles, soviel Reformerisches -- das paßte weder zur geltenden Approbationsordnung für Ärzte (die das Abitur voraussetzt), noch war es der Wissenschaftsbürokratie genehm: »Grundstudium der Medizin« durfte das, was in Bielefeld betrieben wurde, nicht heißen (man nannte es später Propädeutikum).

Noch 1975 hatte der zuständige Düsseldorfer Wissenschaftsminister Johannes Rau (SPD) in einem Brief an die Kollegiaten eingeräumt, daß »von den in diesem Rahmen angebotenen Lehrveranstaltungen des Oberstufenkollegs« die absolvierten Praktika in Physik, Chemie und Biologie sowie die Kurse »Medizinische Terminologie« und »Medizinische Psychologie« dem späteren Studium gutgeschrieben würden: »Dies bedeutet eine Anrechenbarkeit von zwei Semestern auf das Medizinstudium.«

»Für mich ist das Oberstufenkolleg«, so bekräftigte der Minister, als das Experiment zwei Jahre lief, »der interessanteste Ansatz zur Überwindung des Abitur-Hochschulzugangsproblems.« Verbindlicher mochte sich Rau nicht äußern: Er ließ die Bielefelder gewähren, ohne das Experiment rechtlich absichern zu können.

»Ich habe das in allen Verhandlungen versucht, sowohl beim Hochschulrahmengesetz als auch in der Kultusministerkonferenz«, sagt Rau heute, »aber die Approbationsordnung kann ich nicht beeinflussen.« Allerdings räumt Rau ein, die Bielefelder hätten »zumindest subjektiv einen Anspruch auf Vertrauensschutz, die Frage ist, wie ich den zustande bringen kann«.

Als die Kollegiaten zum Ende ihrer Kollegzeit in Düsseldorf darauf drängten, das Ministerium möge zur Reform von 1974 stehen, ersuchte das Ministerium Rau den Rektor der Universität, »zu veranlassen, daß vorerst keine Bewerber für das Fach Gesundheitswissenschaftliches Propädeutikum aufgenommen werden«. Denn es sei nicht möglich, »eine Rechtsgrundlage zu schaffen, welche es erlauben würde, die Ausbildungszeit am Oberstufenkolleg als wissenschaftlichen (Teil-)Studiengang der Universität Bielefeld zu behandeln«.

Allenfalls, so wird den Kollegiaten nun in Aussicht gestellt, könnten sie als Studienanfänger an einer Uni einsteigen -- eine fast nur theoretische Möglichkeit. »Es ist höchst fraglich«, sagt der Kollegiat Jost Rieksmann, »daß 19 Leute auf einmal einen Notendurchschnitt von 1,5 schaffen.« Der ist nämlich nötig, um im Numerus-clausus-Fach Medizin einen Studienplatz von der ZVS' der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen, zugewiesen zu bekommen.

Das Wissenschaftsministerium sucht nun nach einer Billigkeitslösung für die Medizin-Kollegiaten, die nun klagen wollen. »Damit begeben sie sich auf einen Weg«, so Rau, »auf dem eine Verständigung nur sehr schwer möglich ist.« Doch selbst wenn eine außergerichtliche Lösung zustande käme, müßte Rau seinen Kabinettskollegen Friedheim Farthmann überzeugen, dessen Sozialministerium das für Mediziner zuständige Landesprüfungsamt untersteht. Die Amputation des Faches Medizin für das Bielefelder Kolleg ist derweil schon beschlossene Sache. »In der Jurisprudenz stellt sich das Problem ähnlich«, fürchtet Hentig zu Recht, denn auch die wird künftig gestrichen, »und dann kommt womöglich die Lehrerbildung.« Damit stünde das ganze Konzept in Frage.

Von den 170 Kollegiaten des ersten Jahrgangs haben die allermeisten (nämlich rund 150) nicht medizinische Fächer gewählt -- und daß sie als »Seiteneinsteiger« zur Hochschule stoßen, ist einstweilen nur für Soziologen sicher. Die können an der Universität Bielefeld gleich im fünften Semester einsteigen. In einem Dutzend weiterer Disziplinen macht die Universität wenigstens vage Hoffnungen.

So schrumpft die Reformschule allmählich auf eine Schule ohne Reform zurück. Ein Quasi-Abitur wurde der Bielefelder Bildungseinrichtung schon aufgezwungen. Demnächst wird sich keiner der Kollegiaten mehr während des Orientierungssemesters frei für ein Fach entscheiden können, weil die Auswahl -- im Hinblick auf die Studienmöglichkeit -- eingeschränkt wird.

»Bevor wir den Beweis antreten können, daß unser Experiment etwas Sinnvolles ist«, klagt der Mediziner Dr. Eberhard Göpel, »wird uns der Teppich unter den Füßen weggezogen.«

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