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CHINA Verbrechen der Vier

Hua Kuo-feng hat gesiegt, Frau Maos Ehrgeiz wurde ihr zum Verhängnis.
aus DER SPIEGEL 45/1976

Ein wahrer Kommunist«, verkündete Mao-Vize Wang Hung-wen auf dem Parteitag 1973, »muß den Mut haben, gegen die Strömung anzukämpfen, auch wenn das für ihn Amtsenthebung, Ausschluß aus der Partei, Kerkerhaft, Ehescheidung bedeuten oder ihn den Kopf kosten könnte.«

Die Strömung hat gesiegt, die vorhergesagten Folgen sind eingetreten. Wang ist mit Maos Witwe Tschiang Tsching und noch zwei Spitzengenossen ausgeschaltet. 50 Millionen Demonstranten forderten ihren Kopf.

Ex-Staatssicherheitsminister Hua Kuo-feng wurde zum Mao-Nachfolger nur von sich selbst »berufen, bis die von Militärs und Blockwarten auf die Straßen geführten Massen ihm akklamierten. Bis vorigen Freitag war das Partei-ZK, dessen Mitgliedschaft zu einem Drittel zu den Linksradikalen der Frau Mao zählt, nicht gefragt worden.

Für seine offenbar von langer Hand vorbereitete Machtübernahme konnte Hua bisher nur eine spärliche Legitimation vorweisen -- ein Handschreiben Mao Tse-tungs vom 30. April, also drei Wochen nach Huas Ernennung zum Premier (das sich auf die Kampagne gegen Hua-Vorgänger Teng bezog): »Wenn Sie die Verantwortung tragen. bin ich beruhigt.«

Huas Alliierter Wu Teh, Bürgermeister von Peking und seit Juli amtierender Staatspräsident. las aus dem Mao-Satz heraus, Mao selbst habe Hua »zu seinem Nachfolger auserwählt«.

Kaum überzeugender sind die Belege, die Hua und Wu bisher für Putschpläne der Tschiang-Tsching-Gruppe vorlegen konnten. Wu auf der Pekinger Huldigungs-Kundgebung für Hua am 24. Oktober über die Schanghai-Mafia: Unermüdlich schmiedeten sie Pläne und konspirierten, um eine große Zahl führender Genossen in Partei, Regierung und Armee auf zentraler und lokaler Ebene auszuschalten und die Partei- und Staatsführung an sich reißen ...

Sie trieben einen Kult mit ausländischen Sachen, scharwenzelten um Ausländer herum und unterhielten unerlaubte Auslandsbeziehungen.

Die Pekinger Zentralzeitungen -- unter neuer Redaktion -- ergänzten Wus Enthüllungen noch um folgende »Verbrechen der Viererbande":

Sie steckten ihre Nase überall und in alles hinein, um Unruhe zu stiften, um sich in die strategischen Pläne des Vorsitzenden Mao einzumischen ... Sie vermengten Richtiges und Falsches, streuten Gerüchte aus, arbeiten in großem Umfang für die Bildung einer konterrevolutionären Meinung, erfanden Beschuldigungen gegen andere, denunzierten jedermann.

Mao selbst soll vor zwei Jahren die Schanghaier Vier gewarnt haben, zweimal mit dem Ratschlag, keine Fraktion innerhalb der Partei zu bilden, einmal mit dem Zitat: »Tschiang Tsching besitzt wilden Ehrgeiz«, sie wolle Freund Wang zum Staatspräsidenten und sich selbst zum Parteichef machen.

Tatsächlich scheint Mao Tse-tung sich in den letzten Jahren mit seiner Frau Tschiang Tsching nicht mehr recht verstanden zu haben. Als sie 1957 zu einem Genesungsurlaub in Moskau weilte und er zu Verhandlungen in die Sowjethauptstadt kam, rief er sie nicht einmal per Telephon an.

Das erzählte sie selbst der Amerikanerin Roxane Whitke (SPIEGEL 18/1976). Die Whitke-Gespräche wurden ihr jetzt als Personenkult und Landesverrat angelastet -- Tschiang Tsching habe versäumt, die Genehmigung der Partei für solche Ausländerkontakte einzuholen.

Bekannt war, daß Mao bei Beginn der Kulturrevolution seiner Frau geschrieben hatte: »Ich meine, auch Du solltest Dir nicht den Sieg zu Kopf steigen lassen Der Brief sollte laut Mao erst später veröffentlicht werden -- »nach meinem Tod, wenn die Rechten die Macht ergriffen haben«.

Tschiang Tsching selbst klagte einmal vor Rotgardisten: »Der Vorsitzende ist immer streng zu mir gewesen.« An Maos Katafalk legte sie einen Kranz nieder mit der Widmung: »Deine Schülerin und Waffenkameradin.«

Untere Parteifunktionäre wurden jetzt mit den Argumenten bekanntgemacht, die Mao-Nachfolger Hua auf der Politbürositzung am 7. Oktober -- nach der Entmachtung der Linksradikalen -- gegen Tschiang Tsching vorgebracht haben soll. Vor allem: Zweimal habe sie sich in persönlichen Briefen an Armee-Einheiten direkt oder zersetzend in Militärsachen eingemischt. Davon brauchte Hua das Rumpf-Politbüro kaum noch zu überzeugen -- die Militärs, stets mißtrauisch gegen die Linken, haben in diesem Gremium nun die Mehrheit.

Außer dem Whitke-Interview wurde Frau Mao noch vorgehalten, Mao selbst habe ihr drei Gebote auferlegt: »Weniger öffentliche Auftritte, weniger Anmerkungen auf Dokumenten, kein persönliches Kabinett organisieren!« Das habe die Ehrgeizige mißachtet.

Bei einer Landwirtschaftskonferenz auf der Musterkommune Datschai hielt sie eine Rede, die nicht veröffentlicht wurde. Sie zog daraufhin den Chef der Nachrichtenagentur » Hsinhua« zur Rechenschaft, setzte ihn ab und ließ ihn in der Pekinger Universität die Flure fegen. Er ist heute wieder im Amt.

Eine Woche vor Maos Tod sei Tschiang Tsching nach Datschai gefahren, um dort (was man dort kaum kann) fröhliche Feste zu feiern. Nach ihrer Rückkehr habe ihr Geschwätz Mao gehindert, friedlich zu sterben.

All das reicht nicht, ihren Sturz zu rechtfertigen -- aber es erklärt ihn. Frau Mao hatte sich beim Establishment unbeliebt gemacht. Ankläger Wu Teh konnte sagen·. »Sie stand äußerst isoliert und schwach da, als sie die gesamte Sympathie des Volkes verloren hatte« -- das der Dauerrevolution und des Konsumverzichts müde ist, aber begierig auf Lohnerhöhungen und Prämien. So beweist der Jubel von 50 Millionen vielleicht nicht nur totalitäre Anpassung und Unmündigkeit. sondern auch echte Hoffnung.

Was immer es für Mao-Zitate über Frau und Nachfolge geben mag -- nun verwaltet Hua den literarischen Nachlaß des großen Vorsitzenden. Lenins Testament, von Stalin unterschlagen und von Trotzki nur bruchstückhaft ins Ausland verbracht, wurde erst nach 32 Jahren in Moskau veröffentlicht -- Lenin hatte vor einem Nachfolger Stalin gewarnt: Er sei »zu grob«.

Bruchstücke eines angeblichen Mao-Briefes an Tschiang Tsching« der im Sommer -- in Gedichtform unter ihren Anhängern in Peking kursierte, gelangten jetzt in den Westen:

Du hast Fehler gemacht. Heute trennen wir uns in zwei Welten. Mag jeder seinen Frieden halten. Diese paar Worte könnten meine letzte Botschaft an Dich sein. Das menschliche Leben ist begrenzt, aber die Revolution kennt keine Grenzen. Im Kampf der vergangenen zehn Jahre habe ich versucht, den Gipfel der Revolution zu erreichen, aber ich hatte keinen Erfolg. Du aber könntest den Gipfel erreichen.

Auch in seinem Vermächtnis erwies sich der große Seher Mao noch als großer Realist: »Wenn Du scheiterst, wirst Du in einen bodenlosen Abgrund stürzen. Dein Leib wird zerschmettert. Deine Knochen brechen.«

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