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CHINA Verbrechen des Glaubens

Katholische Bischöfe werden verfolgt, Tausende Gemeindemitglieder sitzen in Gefängnissen. Die offizielle »Patriotische Kirche« wird vom Vatikan nicht anerkannt. *
aus DER SPIEGEL 28/1984

Wenn der katholische Bischof Wang am Sonntag in der Stadt Schenjang im Nordosten Chinas die Messe zelebriert, dann ist die Gemeinde nur spärlich vertreten: Die Gläubigen wissen, daß der Bischof verheiratet ist und zwei Kinder hat.

Wenn in Schanghai ein bestimmter Priester den Beichtstuhl betritt, dann vertrauen sich ihm nur wenige Sünder an: Es heißt, daß der Geistliche Beichtgeheimnisse brach, um einige Christen an die Polizei zu verraten.

In Taiyuan, der Hauptstadt der Provinz Schansi, wurde die Kathedrale offiziell restauriert und wieder neu eröffnet. Die meiste Zeit steht sie aber leer: Die Leute dort ziehen es immer noch vor, in den heimlichen Andachten zu beten, die in den Bergen von einem alten Priester abgehalten werden, der unter den Bauern lebt.

In China gibt es eine zugelassene katholische Kirche, die renovierte Kathedralen und Kirchen im ganzen Land übernommen hat, die reich ist und deren Priester vom Staat bezahlt werden. Und dann gibt es eine andere Kirche, die im Untergrund, ohne Gebäude und ohne Geld arbeitet und deren Priester von einem Ort zum anderen wandern - von den Gläubigen versteckt und ernährt.

Die erste Kirche ist die offizielle: Sie bezeichnet sich selbst als »patriotisch«, hat alle Bindungen zu Rom abgebrochen, ernennt ihre eigenen Bischöfe und wird von den kommunistischen Behörden anerkannt, unterstützt, aber auch kontrolliert.

Die andere Kirche existiert inoffiziell, sie ist geheim, dem Heiligen Stuhl treu geblieben, der nur diejenigen Bischöfe anerkennt, die der Papst ernannt hat. Diese chinesische Kirche weigert sich hartnäckig, mit der patriotischen Konkurrenz gemeinsame Sache zu machen. Also wird sie verfolgt und unterdrückt.

Die Katholiken in China bilden eine winzige Minderheit (höchstens sechs Millionen bei einer Gesamtbevölkerung von über einer Milliarde). Doch die Untergrundkirche, die mindestens die Hälfte der Gläubigen, vor allem auf dem Lande, an sich zieht, stellt Vatikan und chinesische Behörden vor ein Dilemma. Wenn Peking die Untergrundkirche völlig vernichten wollte, dann müßte die Regierung ihre Zusage der Religionsfreiheit öffentlich widerrufen.

Wollte der Vatikan seine längst unterbrochenen Kontakte zu den chinesischen Katholiken wiederherstellen, dann könnte er das nur über die offiziell anerkannte Kirche tun. So aber würden sich diejenigen überzeugten Katholiken verraten fühlen, die für den Preis enormer Opfer ihrer Kirche treu geblieben sind.

Als die Kommunisten 1949 in China die Macht übernahmen, war die katholische Kirche in dem Land noch sehr einflußreich. Neben ihrer religiösen Arbeit leitete die Kirche mit einem Stab von 5500 Priestern (davon 3000 Ausländer) und 9000 Nonnen und Ordensbrüdern (ein Drittel von ihnen Ausländer) drei bedeutende Universitäten, 225 Ober- und 2009 Grundschulen, 131 Krankenhäuser, über 1000 Waisenhäuser und Polykliniken.

Die neuen Machthaber wollten jedoch eine Organisation, die Gelder, Inspiration und Aufträge aus dem Ausland erhielt, in ihrer Gesellschaft nicht länger dulden.

Priester wurden als Spione für ausländische Mächte, Nonnen wegen Kindestötung angeklagt, und in ganz China fanden Massenveranstaltungen statt, um die »Verbrechen« einheimischer Katholiken und die »subversiven Tätigkeiten« der Kirche anzuprangern. Im Jahre 1955 schließlich hörte die katholische Kirche in China auf, als Organisation zu existieren: Alle ausländischen Mitarbeiter der Kirche (mit Ausnahme der inhaftierten) waren des Landes verwiesen worden, alle Schulen und Krankenhäuser in den Besitz der neuen Machthaber geraten, und die meisten Kirchen im Lande mußten schließen. Fast alle chinesischen Bischöfe und eine große Anzahl prominenter Katholiken (zum Beispiel 2000 allein in Schanghai) saßen, zu langjährigen Strafen verurteilt, in den Gefängnissen.

Nach der Ausweisung des letzten Nuntius im Jahre 1951 waren die Verbindungen zu Rom zusammengebrochen. Die Katholiken blieben aber ihrem Glauben treu. Schließlich schufen die chinesischen Kommunisten eine Organisation, unter deren Kontrolle die Christen legal ihrem Glauben nachgehen konnten. Im Jahre 1957 entstand die »Patriotische Kirche« unter der persönlichen Schirmherrschaft von Tschou En-lai. Diese »National«-Kirche erklärte ihre völlige Unabhängigkeit von Rom und propagierte ihre »Politik der drei Selbstständigkeiten": Selbstverwaltung, Selbstunterhalt, Selbstverbreitung.

Doch von den 28 Bischöfen, die der Papst ernannt hatte, traten nur 5 der Patriotischen Kirche bei. Die anderen widersetzten sich. »Einmal jährlich wurde ich vorgeladen und gefragt, ob ich meine Ansicht geändert hätte. Und jedesmal sagte ich: 'Noch nicht, noch nicht',« erinnert sich Dominique Teng, der Erzbischof von Kanton, der deshalb 22 Jahre im Gefängnis verbrachte, die meiste Zeit in Einzelhaft. 1980 wurde er nach Hongkong entlassen, wo er sich einer Krebsoperation unterzog.

Monsignore Ignatius Kung, der Erzbischof von Schanghai, wurde 1955 verhaftet und sitzt seitdem immer noch im Gefängnis. Der Erzbischof von Natschag oder die Jesuiten der »Aurore«-Universität starben in der Haft, ohne »den Heiligen Stuhl zu verraten«.

Die Kulturrevolutionäre der 60er Jahre allerdings machten keinen Unterschied zwischen den zwei Kirchen; die

Patriotischen Christen waren für die Roten Garden ebenso ein verhaßter Gegner wie die glaubensfesteren anderen Katholiken.

Die offiziellen Kirchen wurden während Maos Kulturrevolution geschlossen, verbrannt oder zerstört. Auch Patriotische Priester landeten in Arbeitslagern. Um der Verfolgung zu entgehen, waren einige von ihnen bereit, das religiöse Leben aufzugeben und die Ehe einzugehen (häufig mit Nonnen).

Maos Tod, die Verhaftung der »Viererbande« und die Rückkehr Teng Hsiao-pings an die Macht im Jahre 1977 leiteten eine tolerantere Zeit für die Katholiken ein. In den Großstädten öffneten Kathedralen ihre Pforten. Vier Seminare nahmen ihren Lehrbetrieb auf, und die chinesische Propaganda feierte die »Religionsfreiheit«.

Indes: »Die Zahlen sprechen für sich«, sagt in Hongkong der Jesuit Pater Laszlo Ladany. »In Schanghai zum Beispiel gibt es mindestens 100 000 Christen. Aber nur ein- oder zweitausend besuchen die Messe in der Kathedrale. Wohin gehen die anderen?«

Sie gehen in Privatwohnungen, wo Priester, die nicht zu der Patriotischen Kirche gehören, die Sakramente austeilen. Dieses gilt zumal für das ländliche China, wo viele Christen, die 1979/80 aus den Gefängnissen und Arbeitslagern entlassen wurden, Wohnsitz und Arbeit gefunden haben. Für sie gibt es sogenannte »Reisepriester«, die nur einen oder zwei Tage in dem gleichen Dorf bleiben, um zu vermeiden, von der Polizei entdeckt zu werden.

Zu ihren unter freiem Himmel zelebrierten Messe finden manchmal Tausende von Gläubigen den Weg - unter ihnen viele Jugendliche.

Die Blüte der inoffiziellen Untergrundkirche bereitete den kommunistischen Behörden schon Ende der 70er Jahre Sorgen - und sie reagierten schnell.

Im November 1981 wurde eine Gruppe von vier Jesuiten, die vorher aus dem Gefängnis entlassen waren, wieder verhaftet und zu langen Strafen wegen »illegaler Tätigkeit« verurteilt. Ihr Verbrechen hatte darin bestanden, daß sie sich wiederum geweigert hatten, der Patriotischen Kirche beizutreten, daß sie ausländische Gäste empfangen und religiöse Schriften entgegengenommen hatten. Zu den Verhafteten gehörte der prominente Pater Vincent Zhu aus Schanghai - der war bereits 1955 verhaftet und erst 1978 freigelassen worden. Nun sitzt er wieder, zu 15 Jahren verurteilt, im Gefängnis. Er ist 68 Jahre alt.

Der Vatikan ist zumal wegen seiner bedrängten Glaubensbrüder an der Wiederaufnahme von Kontakten zu den Behörden in Peking interessiert. Die Regierung zeigte sich ebenfalls entgegenkommend und behandelte einige Abgesandte des Vatikans, die China besuchten, als hochrangige Gäste. Die Standpunkte der beiden Seiten sind jedoch noch weit voneinander entfernt.

Die größeren Konzessionen werden vom Vatikan verlangt: Um diplomatische Beziehungen zu Peking herzustellen, soll der Heilige Stuhl zuerst seine Verbindungen zu Taiwan abbrechen - das hieße, eine große christliche Gemeinde aufzugeben. Und säße erst einmal ein päpstlicher Nuntius in Peking, dann wären ihm offizielle Kontakte zur Rom-treuen Untergrundkirche gewiß nicht gestattet.

Die Anerkennung der Patriotischen Kirche durch den Vatikan würde freilich das Ende der Untergrundkirche bedeuten. »Peking versucht das Rezept anzuwenden, das bereits in den osteuropäischen Ländern erprobt wurde«, sagt Pater Ladany - »ein Kompromiß mit Rom, um die Kirche des Landes unter Kontrolle zu bringen. Aber ist dieses Rezept im Interesse Roms?«

Der »offizielle«, das heißt staatlich akzeptierte Bischof von Peking, Michael Fu, der die Chancen eines Kompromisses dahinschwinden sieht, erneuerte in der vergangenen Woche die alten Anklagen, als er in der »Pekinger Rundschau« schrieb, »der Vatikan, der in den vergangenen Jahren eine Haltung der Annäherung einnahm, hat ebenso jede mögliche Gelegenheit genutzt, um spaltend und subversiv gegen die chinesische Kirche tätig zu werden«.

Bischof Fu, 1969 zum Bischof der Patriotischen Kirche ernannt, obwohl er während der Kulturrevolution gezwungen worden war, eine Nonne zu heiraten, kommt zu der Schlußfolgerung: »Die Zeit ist noch nicht reif, um einen Dialog mit Rom zu erwägen.«

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