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POLIZEI »Verbrecher gibt es überall«

Nahe der deutsch-polnischen Grenze, in Anklam, hat die Zukunft der polizeilichen Zusammenarbeit begonnen: Eine Polin arbeitet als deutsche Polizistin.
aus DER SPIEGEL 8/1997

Wenn sie an ihren zukünftigen Job denkt, fürchtet Wachtmeisterin Izabella Skersies keine patriotischen Gefühle: »Natürlich werde ich auch Landsleute jagen«, sagt sie. »Das hat nichts mit Verrat, sondern mit Gesetzen zu tun.«

Die deutsche Beamtin Izabella Skersies ist Polin. Die Nationalität qualifiziert die Wachtmeisterin der Landespolizei in Mecklenburg-Vorpommern für ihren Dienst in Anklam, etwa 40 Kilometer von der deutsch-polnischen Grenze entfernt. Sie soll, das ist Teil der Arbeitsplatzbeschreibung, vor allem Ganoven aus ihrem Heimatland ertappen.

Skersies findet das nicht ungewöhnlich: »Verbrecher gibt es überall. Es ist egal, wer sie wann und wo schnappt.«

Die lockere Selbstverständlichkeit ist für die meisten Polizeibeamten noch nicht normal: Während das Verbrechen schon längst weltweit operiert, endet für die Ordnungshüter die Gaunerjagd oft genug wie in alten Westernfilmen: An der Staatsgrenze ist Schluß.

Trotz Inter- und Europol, trotz Auslieferungs- oder Rechtshilfeabkommen steckt die Verbrechensbekämpfung zwischen den Nationen im Vergleich zu den Aktivitäten ihrer kriminellen Gegenspieler noch immer in den Anfängen. Langwierige Verfahren, Kompetenzgerangel und Eitelkeiten behindern eine schnelle Verfolgung.

Das gilt in Europa vor allem für die Grenzen zwischen EU- und Nicht-EU-Ländern. Sie sind nach dem Ende des Staatskommunismus zu weit geöffneten Einfallstoren für Ganoven geworden. Wobei - entgegen einem landläufigen Vorurteil - die Gefahr nicht immer nur aus östlicher Richtung kommt.

»Leider wird hierzulande immer vergessen, daß auch Deutsche in Polen massenhaft Straftaten begehen«, sagt Skersies. »Die meisten Banden sind eh binational besetzt.« Gegen das schlechte Image ihrer Landsleute werde auch sie nicht viel ausrichten können. »Aber die Zeit, in der mich das sehr traurig gemacht hat, ist Gott sei Dank vorbei.« Nur manchmal noch findet sie den Gedanken »ganz komisch, als Polin in Deutschland auf der anderen Seite des Bösen zu stehen«.

Daß die Polin Skersies überhaupt deutsche Polizeibeamtin werden konnte, geht auf eine weitsichtige Entscheidung von Rudi Geil zurück. Der Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern schuf sich 1995 als bislang einziger deutscher Polizeidienstherr selbst die Möglichkeit, ausländische Staatsbürger als verbeamtete Polizisten einstellen zu können.

Geils Intention: Er wollte sprach- und mentalitätskundige Mitarbeiter für mögliche Aufgaben gegen Landsleute gewinnen. Mit der Aufnahme in den Beamtenstatus ging er allerdings einen deutlichen Schritt weiter als seine Kollegen in den übrigen Bundesländern. Hier werden Ausländer, vor allem Türken und Italiener in Großstädten, nur als polizeiliche Angestellte und Kontaktleute eingesetzt.

Am 1. September 1995 wurden auf dem Marktplatz in Stralsund nicht nur 116 junge deutsche Polizeianwärter, sondern auch vier Osteuropäer aus Polen, der Ukraine und Weißrußland öffentlich vereidigt - darunter auch Izabella Skersies. Erst wenige Wochen zuvor war sie mit ihrem Ehemann, einem Bundesgrenzschützer, den sie während seiner Dienstzeit im deutschen Konsulat in Breslau kennengelernt hatte, nach Vorpommern gezogen.

Die Ausbildung auf der Landespolizeischule in Rostock beendete Skersies trotz doppelter Belastung als zweitbeste Teilnehmerin ihres Jahrganges. »Tagsüber erst den normalen Unterricht, abends dann Deutsch büffeln, das war schon hart«, erinnert sie sich, »vor allem dieses Amtsdeutsch, das niemand sonst benutzt.«

Skersies' zukünftiger Arbeitsplatz ist ebenso wie ihre Einstellung bei der Polizei ein weiterer kleiner Schritt zur Verbesserung der internationalen Verbrechensbekämpfung: Die Koordinierungsstelle (KOST) der Polizeidirektion Anklam soll die Zusammenarbeit mit polnischen Dienststellen »erproben«, so lautet jedenfalls die offizielle Definition aus dem Schweriner Innenministerium. Doch das vor einem Jahr begonnene Pilotprojekt ist längst über den Erprobungsstatus hinaus.

Es hat sich schnell herumgesprochen, daß die drei KOST-Mitglieder - ein Schutzpolizist, ein Kriminalbeamter und ein Angehöriger der Wasserschutzpolizei - nicht nur über eine Standleitung zu den polnischen Kollegen verfügen. Auch ein paar direkte Drähte zu Ansprechpartnern jenseits der Grenze machen die Arbeit effizienter, als es der bisher übliche Weg über Bundes- und Landeskriminalämter und Interpol zuließ. »Wir bekommen mittlerweile Anfragen aus allen Bundesländern und dem Ausland«, sagt KOST-Leiter Heinrich Wanning.

Dabei wirkt die kleine KOST-Stube im Anklamer Polizeigebäude nicht wie der Geburtsort einer Eliteeinheit. Drei Schreibtische sind auf knapp 20 Quadratmeter Raum verteilt. An der Wand hängt eine arg ramponierte Landkarte Polens, die kaum dem neuesten Stand entspricht. Es ist »eine Karte aus alten kommunistischen Zeiten«, ein Geschenk der Kollegen aus Stettin.

Die schnelle Truppe aus Anklam bekommt allerdings Schwierigkeiten mit dem Tempo, das sie vorlegt: Die argwöhnischen Blicke aus den bislang für solche Kontakte zuständigen Ämtern sind da nur das kleinere Problem, »auch wenn wir manchmal im stillen fluchen, welche Steine uns so in den Weg gelegt werden«.

Viel komplizierter für die KOST-Leute ist die verzwickte Rechtslage: »Wir dürfen natürlich weder Personendaten noch klassische Rechtshilfeersuchen auf dem kurzen Dienstweg nach drüben übermitteln«, sagt Wanning. Das erste werde durch den deutschen Datenschutz verhindert, das zweite durch »die Bundeskollegen«. So bleibt - zumindest offiziell - nur das Sammeln, Weiterleiten und Abgleichen von Kfz-Nummern oder Kennzeichnungen an mutmaßlichem Diebesgut.

»Wir hoffen sehr«, so Wanning, »daß wir für möglicherweise weiter gehende Tätigkeiten endlich die rechtlichen Grundlagen bekommen.« Immerhin ist für dieses Jahr die Gründung einer »Arbeitsgemeinschaft für polizeiliche Zusammenarbeit in Mittel- und Osteuropa« vorgesehen.

Arbeit jedenfalls ist genug da. Im vergangenen Jahr kamen fast 50 Prozent der insgesamt 8000 ausländischen Tatverdächtigen in Mecklenburg-Vorpommern aus dem Einzugsbereich der Anklamer. Dabei gehören nur 62 der rund 1300 Kilometer deutscher Ostgrenze zu Polen und Tschechien in den Bereich der Polizeidirektion Anklam. »Und ,Grenze' ist ja ein falsches Wort«, findet Martin Scherbarth, der in Anklam die Abteilung »Grenzüberschreitende Kriminalität« leitet und eng mit der KOST zusammenarbeitet. »Eine Grenze im alten Sinne, mit Kontrollen, gibt es ja nur noch im Bereich der Übergänge. Alles andere ist so löchrig, dagegen ist ein Schweizer Käse eine Stahlwand.«

Gegen den organisierten Menschenhandel, den Drogen-, Zigaretten- und Autoschmuggel, die Waffenschiebereien und die illegalen Tiertransporte könnten Bundesgrenzschutz, Zoll und Polizei allein nicht ankommen, glaubt Scherbarth. »Es wird immer wichtiger, die Brüder präventiv zu schnappen.«

Auch hier leistet die KOST Vorarbeit. »Wir bekommen schon mal einen Tip aus Stettin«, so Scherbarth, »wenn sich dort eine Gang auf den Weg nach Westen macht.« Andersherum fügen sich einzelne Meldungen über Straftaten von Polen, die aus den verschiedenen deutschen Landeskriminalämtern nach Anklam kommen, für die polnische Polizei oft zu einem Puzzle zusammen, das einen Zugriff möglich macht.

Landsleute in Uniform jenseits der Grenze zu sehen ist für die Ertappten jedenfalls noch überraschend - so auch für den polnischen Schmuggler, der in eine deutsche Polizeikontrolle geriet. Die Beamten fanden nichts Verdächtiges. Da machte der polnische Kollege, der, wie Wanning sagt, »zufällig als Gast zugegen war«, auf Merkwürdigkeiten bei den Papieren aufmerksam. Daß der Gauner seine Festnahme einem Landsmann zu verdanken hatte, habe »den Mann doch etwas verwirrt«.

Izabella Skersies, die schon während ihrer Ausbildung ab und zu bei der KOST ausgeholfen hat, ist für die ersten dienstlichen Kontakte mit Polen jedenfalls zuversichtlich: »Ich glaube, ich kann bei Verhören schon mehr aus den Leuten herauskriegen als ein deutscher Kollege.«

Probleme hat die junge Polizistin nur mit ganz anderen Dingen: Weder ihr Führerschein noch ihr Abitur werden in Deutschland anerkannt: Das ist hinderlich sowohl für Verfolgungsjagden wie auch für eine Karriere im höheren Dienst. Einen Vorteil immerhin, sagt sie lächelnd, habe aber der Status als deutsche Beamtin: »Mein Mann bekommt ein bißchen Entschädigung, wenn ich im Einsatz erschossen werde.«

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